Januar 2011
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Die klitzekleine Klickeklatsche
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 05/2011
Liebe Frau Andrea,
meine Freundin kaufte sich unlängst ein bodenlanges Abendkleid (es gab einen "Anlass"). Tagelang war sie auf der Suche nach einer passenden Handtasche, verwendete allerdings nicht dieses Wort, sondern sprach von einer "Clutch". Angesichts der Kosten fragte ich mich und sie, ob sie "einen an der Klatsche" habe. Abgesehen davon: Woher kommt dieser Ausdruck?
Mit freundlichen Grüßen,
Joachim Berg, aus Erdberg, per Elektronachricht
Lieber Joachim,
im Ballkleid oder einer anderen bodenlangen Robe mit einer Henkeltasche, Kelly-Bag oder gar der Lastwagenplanen-Umhängetasche anzurauschen, darf als parvenuehafte Modeverfehlung angesehen werden. Mit der Suche nach einer passenden Clutch hat Ihre Freundin einen respektablen Weg eingeschlagen und wird sich beim “Anlass” weder blamieren noch genieren. Die Clutch ist ein längliches henkelloses Leder- oder Stoffkuvert vom Format einer Kellnerbrieftasche. In eine Clutch sollte nicht mehr passen als ein Kajalstift, Lippgloss, eine Kreditkarte, das Handy und der Wohnungsschlüssel. Möglicherweise eine Münze für die Klodame. Darüber streiten die Experten. Auf den ersten Blick hat die Clutch ihren Namen von der Art, sie bei sich zu halten – im Englischen heisst to clutch mal “klammern”, mal “kuppeln”. Es soll nach etymologischem Augenschein von einem protoindoeuropäischen *klukja kommen, das im altenglischen dann “clyccan” (klicken, krallen) hiess, verwandt mit dem heutigen englischen Verb “to cling”. Das ist aber nur der offizielle Teil der Clutch-Etymologie. Ihr Hinweis auf die Klatsche geht schon in die richtige Richtung. Einen an der Klatsche zu haben, heisst soviel wie einen Hau zu haben, einen am Kopf, an der Wange, am Maul, an der Klappe, an der Klatsche eben. Das Wienerische, das sehr viele Ausdrücke aus dem Althochdeutschen bewahrt, kennt den “Klescher”, den jemand hat. Aber auch, und jetzt kommts - die Kleschen. Die Kleschen, verwandt mit dem Klaffen, ist ein wienerisches Hüllwort für die Vulva, das weibliche Geschlechtsorgan. Wollte Ihre Freundin am Techniker-Circle oder am Opernball statt einer Clutch eine Kleschen dabeihaben, wäre das weder modetechnisch noch sprachlich ganz unrichtig. www.comandantina.com dusl@falter.at
31. Januar 2011 (0) Comments
Spooky Circle

Fundstück.
28. Januar 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 118 - Battersee
Folge 118 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 04/2011.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
26. Januar 2011 (0) Comments
Gesichter, Gebisse, Stern und Turbane
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 04/2011
Liebe Frau Andrea,
vor kurzem suchte ich das Institut für Tropenmedizin auf, um mein Immunsystem für eine Afrikareise aufzupeppen. Auf dem Nachhauseweg sah ich mir die Fassade der Lenaugasse 3 genauer an. Dort erblickt man über dem Tor einen beturbanten Kopf mit zotteligem Bart, einen vielbezackten Stern, und über den fünf Fenstern des Mezzanins Gesichter, Gebisse und maskenartige Ornamente. Wissen Sie, was es mit diesen steinernen beißenden Blicken auf Passanten und Geimpfte auf sich hat?
Mit freundlichen Grüßen,
Jan Mossakowski von der Mazzesinsel, per Elektronachricht
Lieber Jan,
das hochbarocke Haus “Zum Weissen Stern” lag vor der Schleifung der Stadtmauern direkt am Glacis und hatte freie Sicht auf die Stadt. Die fabelhafte Aussicht war offenbar der Grund, warum es um ein Stockwerk und ein Dachgeschoss erhöht wurde. Als sein Erbauer gilt Donato Felice d'Allio, Mitglied einer ursprünglich aus Como stammenden, ebenso berühmten wie weitverzweigten italienischen Architektenfamilie. D'Allio dürfte 1711 ein hier schon im Mittelalter stehendes Haus um- und ausgebaut haben. Darauf lassen die tiefen mittelalterlichen Keller unter dem Gebäude schliessen. Von einem dieser Keller soll früher ein Gang in die Innenstadt, gerüchteweise zur Hofburg geführt haben. D'Allio war Polier beim Bau der Piaristenkiche, errichtete Kirche und Kloster der Salesianerinnen am Rennweg und war am barocken Ausbau von Klosterneuburg beteiligt. Auf seine Rolle als kaiserlicher Fortifikationsbaumeister dürfte der Keilstein der Wageneinfahrt seines Hauses anspielen: Ein Türke mit Turban und langem dreadgelocktem Bart sieht mit müden Augen direkt auf die Basteien vor der Hofburg und spielt damit auf die Türkenbelagerung von 1683 an. Über das Programm der fünf Fenstergiebelgrotesken ist ausser gelegentlichen Irritationen Frischgeimpfter nichts näheres bekannt, Kunsthistoriker halten sie für Dekorationselemente. D'Allios eingerauchte Osmane bewacht seit 1984 den Eingang zu den Couleurtreffen der Hausbesitzer – der Katholischen Österreichischen Studentenverbindung Rudolfina. Als deren bekannteste Mitglieder gelten die Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und Josef Klaus, sowie der Erzbischof von Wien, Franz Kardinal König. www.comandantina.com dusl@falter.at
24. Januar 2011 (0) Comments
Die Wohnung im dritten Stock
Essay, erschienen in meinem Buch Die österreichische Oberfläche.
Meine erste Wohnung. Klamm stand ich vor ihrer billigen Eingangstüre. Nie hatte sie Reichtümer beschützt. Kein Gold und kein Geld. Keinen Schmuck und kein wertvolles Mobiliar. Keinen Perser und keinen Klimt. Dennoch muss eine schwere Kieferntür, die hier mal angeschlagen war, irgendwann zwischen 1933 und 1955 eingetreten worden sein. Und ausgetauscht gegen diese schlichte und dünne, aus gehobelten Fichtenbrettern gezimmerte, mit zahnfarbenem Lack bemalte.
Die Türe meiner ersten Wohnung erinnerte mich an die schlichten Portale der Wiener Gemeindebauwohnungen. Auf Augenhöhe war eine blecherne Drehklingel eingeschnitten. Daneben ein visitkartengroßes Sichtfensterchen aus Aluminium. Irgendwann zwischen Dollfuß und Staatsvertrag muss diese Türe hier eingebaut worden sein. In der nationalen Zeit, wie sie meine Tante, die Rodelweltmeisterin, genannt hatte. Die nationale Zeit, wie sie Dollfuß und Bürgerkrieg, Hitler, die Nazis und ihren Krieg genannt hatte. Die nationale Zeit. Mit einer Mischung aus Betäubung und Abscheu hatte sie das gesagt. Wenn ich sie fragte, wie denn das damals gewesen sei, deutete sie auf ihr Ohr. „Ich höre dich nicht“, hatte sie dann gesagt. „Ich höre dich nicht, Kindchen, ich bin in Sankt Moritz auf das Eis gefallen.“
Der Schlüssel, mit dem ich meine erste eigene Wohnung aufschloss, zitterte in meiner Hand, ich war aufgeregt. Man musste die Türschnalle leicht anheben, um den Riegel zu bewegen. Ich sollte all die Jahre die Einzige sein, die diese Türe je aufsperren konnte. Es war ein einfacher Schlüssel. Ein Bartschlüssel, wie sie Schranktüren haben. Und Abstellräume.
„Die Wohnung hat einen Haken“, hatte es geheißen...
... „Welchen Haken?“ Die Wohnung hat keine Heizung und sie ist möbliert.
In der Wohnung roch es streng. Der Eiskasten hatte schon zu leben begonnen. Die Luft stand in den drei Räumen. In der Küche, es war der erste Raum, starrte Geschirr in der Spüle. Rechaudhäferl und abgestoßene Gläser. Die Küchenkästen hatten einen Teint aus aufgenageltem Resopal und brüchiger Folie, die sich an den Ecken zu klebrigen Eselsohren aufkringelte. Über alles hatte sich die dicke fahle Patina gelegt, die entsteht, wenn über viele Jahre Fettschwaden und Nikotin kondensieren und mit Aschestaub und Ruß bestäubt werden. Zwischen dem Grind gab es glänzende Stellen. Wie kleine blanke Lichtungen. Dort, wo müde alte Hände Kästchenecken abgegriffen und mit dem Küchenhangerl den Milchkaffee aufgewischt hatten.
Der Ort hatte etwas ungemein Trauriges. Und diese Traurigkeit mischte sich mit der Euphorie, mit der ich in meine erste eigene Wohnung gedrungen war. Es war ein Dringen. Noch war das hier nicht meine Wohnung. Noch war das die Wohnung der beiden alten Leute, die hier bis vor einem halben Jahr gelebt hatten. Sie waren beide gestorben, am selben Tag, hatte man mir erzählt. An zwei verschiedenen Krankheiten, in zwei verschiedenen Krankenhäusern.
„Ich bin froh“, hatte mir die neue Nachbarin gesagt. Durch die halb geöffnete Nachbarstüre. Wann immer ich den Schlüssel hier ins Schloss stecken würde, in den nächsten fünfzehn Jahren, würde sie durch ihren Türspion nach dem Rechten sehen. Dann so tun, als würde sie zufällig am Gang zu schaffen haben. Mir einen vorbereiteten Becher Joghurt oder ein vorbereitetes Achtel Butter überreichen und behaupten, sie hätte zu viel eingekauft.
„Ich bin sehr froh, dass Sie da sind“, hatte Frau Siegl gesagt, „man ist hier einsam im dritten Stock, hier hört einen niemand. Es ist gut“, frohlockte sie, „dass Sie da sind.“ Hier hört einen niemand? Wie hatte sie mich gehört? Wie hatten die Leute im zweiten Stock, die Leute im ersten Stock und die Leute im Erdgeschoss mich hören können? Hinter jeder dieser Türen hatte ich es rascheln gehört. War es ein anderes Nichthören, von dem sie sprach?
Noch war ich nicht ins Wohnzimmer vorgedrungen, den zweiten Raum. Ich hatte Angst, etwas zu sehen, dessen Anblick mir nicht gehörte. Wie schafften das Einbrecher? Wie schafften sie es, den Damm an Schamfurcht zu durchbrechen, der fremde Wohnungen wie diese so unbetretbar macht? Ich taumelte durch ein unsichtbares Moor aus Depression. Dann drückte ich die Türe ins Wohnzimmer auf. Eine dicke braune Türe. Oft getüncht, schwer und alt.
Das Wohnzimmer war durchwühlt worden, Kleider lagen auf dem Boden. Die benutzte Doppelbetthälfte sah aus, als wäre jemand gerade erst aufgestanden. Die dicke Tuchent lag zurückgeschlagen, das Bett schien mir wie eine weiße Wunde, die sich nie wieder geschlossen hatte. Schranktüren standen offen. Unterwäsche war durchsucht worden. In der Ecke klaffte ein schwarzes Loch. Hier hatte jemand den Ofen mitgenommen. Waren das die Erben gewesen? Welche Erben nehmen einen jämmerlichen Ofen mit? Ich bewegte mich auf unsichtbaren Korridoren durch den Raum. So ist es doch in einem Raum, unsichtbare Wege verbinden Orte verschiedener Wichtigkeit. Vom Bett zum Öfchen, vom Öfchen zum Klo am Gang. Vom Klo am Gang zum Waschbecken, vom Waschbecken zum Handtuch an der Tür. Vom Handtuch an der Tür zum Bett. Es gab zwei Fenster in diesem Raum. Aber nur eines, das man öffnen konnte. Das andere war jahrzehntelang verschlossen geblieben. Das Blumenfenster. Braunes Gebüsch stak in trockenen Töpfen.
Es roch hier nach vielen Dingen. Es stank nach toter Luft. Nach dem süsslichen Gift der Mottenkugeln. Und aus dem Kamin rann der beißende Geruch von Hausbrand. So hatte ich die kalte Winterstadt als Kind kennen gelernt. Ich nannte es die schnürende Luft.
Die tote Wohnung im dritten Stock war hell. Und trotzdem kam ich mir vor wie in unter Tag. In diesem Bergwerksstollen der Erinnerungen ging mir schon die Luft aus. Noch fünf Minuten gab ich mir. Zwei Minuten für den dritten Raum, zwei für den Rückweg, eine fürs Versperren der Wohnung.
Bis jetzt hatte ich nichts angegriffen, die Türen nur mit dem Fuß aufgestoßen. Und doch kam ich mir schmutzig vor. Die dunkle graue Hand fremder Erinnerung hatte mir übers Gesicht gestriffen. Das dritte Zimmer. Es war bis zur Decke angeräumt. Tausende Flaschen. Hunderte Bretter. Keine einzige Zeitung. An die Innentüre hatte jemand mit Bleistift Striche gekritzelt. Diese Striche, wie man sie aus Gefängnisfilmen kennt und, wenn man im Gefängnis war, aus der eigenen Anschauung. Vier in einer Reihe und ein Fünfter quer durch. Der vermüllte Raum war irgendwann das Kinderzimmer gewesen. Jetzt hatte ich auch die ahornsamenförmige Flügelschraube entdeckt, mit der man diese Tür von außen versperren konnte.
Am Gang knarrte es, als ich die Wohnung verschloss. Frau Siegl lugte aus ihrer aufgeräumten Suite. Ich bin so froh das jemand hier wohnt. Jemand. Nicht „ich“, nicht „Sie“. Jemand. Frau Siegl mit ihrer schnarrenden deutschen Stimme rumorte hinter der halboffenen Türe. „Einen Moment“, gluckste sie mit singender, sägender Stimme. „Hier habe ich ein Joghurt. Ich möchte es nicht wegwerfen. Wenn Sie es doch bitte nehmen möchten!“ Jog Hurt. Jog Hurt sang sie, als wäre es aus dem Libretto des Land des Lächelns.
Ein Tag war vergangen. Ich hob die Schnalle meiner Eingangstüre, als hätte ich es schon tausende Male gemacht, drehte den Bart im Schloss, öffnete das dünne Türchen und betrat die fremde Wohnung. Diesmal hatte ich Handschuhe an und Müllsäcke dabei. Mein Vorhaben hatte etwas Österreichisches. Ordnung zu machen, wo eine Ordnung schon war. Das Andere durch das Eigene zu ersetzen.
Die Arbeit ging leicht von der Hand. Und von der Hand in den Sack. Bald hatte ich viel vom Wald der fremden Erinnerung gerodet. Herr und Frau Resch hatten hier dreißig Jahre gelebt. Nicht viel länger, als ich selbst in diesem Haus im zweiten Bezirk gelebt hatte. Die Wohnung meiner Eltern lag einen Stock tiefer. Herrn und Frau Resch habe ich in all dieser Zeit vielleicht hundert Mal gesehen.
Gehört hatte ich sie jeden Tag. „Frau, geh her da!“, hatte Herr Resch befohlen. Mit seiner knarrenden tiefen Stimme. Was ich auch wahrgenommen hatte, war der Reschen Angst vor dem Veitschi. Als der hundertjährige Fassadenwein schon den ganzen Innenhof mit seinen satten grünen Blättern bedeckt hatte, war einzig die Wohnung der Reschen noch frei geblieben.
Hundertwasser hatte da gerade sein Fensterrecht proklamiert, in der monströs populären Sendung „Wünsch dir was!“ Ich wünschte mir, der Veitschi möge überall hinwachsen und die letzte graue Ecke unseres Hofs mit seinen dreizackigen Blättern bedecken. Auch dort, wo das hundertwasserische Fensterrecht der Reschen galt. „Da ziagtsas Ungeziefer auffa“, hatte der „Geh-her-da-Resch“ immer gesagt. Und so wuchs der nicht zu ihnen rauf. Hatte ich gedacht. Und jetzt hatte ich das Instrument entdeckt. Den Veitschi-Apparat. Einen langen Besenstiel, auf den die Reschen eine Malerspachtel montiert hatten. Damit hatten sie sich den Veitschi vom Leib gehalten. Aus Angst vor dem Ungeziefer. Aus Xenophobie vor der asiatischen Pflanze. Aus Weinviertlerwut auf die nichttragende Rebe.
Ich nahm den Veitschi-Abhalter zur Hand und strich damit über das Damastmuster der Tapete. Ratsch machte der Veitschi- Spachtel und riss eine Narbe in das Wandpapier. So weit war ich ja noch gar nicht mit der Conquista dieses Apartments. Die Tapeten wollte ich in Ruhe herunterholen, in der singulären Einsamkeit der ausgeräumten Leere. Und jetzt riss ich an den Tapeten wie ein barbarisches Reh am Bast. Über den Wald an Erinnerung hingen jetzt die Streifen der Wandverschönerung.
Ich ahnte, die Wände hatten sich oft kleiden müssen, hier oben. Die Reschen hatten alles zukleistern müssen mit der braunroten Damasttapete. Die Erinnerungen vor den ihren.
Bald hatte ich zweihundert Säcke voll geräumt mit der Reschen Habe. Wäsche brachte ich zur Caritas. Flaschen warf ich in die Glascontainer, Holz stellte ich in den Keller zum modern, für alles hatte ich einen Entsorgungsort gefunden. Es waren die Achtzigerjahre, die Mülltrennungszeit war angebrochen.
Ich war erstaunt über die Rohheit, mit der ich hier ans Werk gegangen war. Respektlos hatte ich weggeworfen, was mir nicht gehörte. Nur einmal hatte ich innegehalten, so etwas wie Rührung hatte sich in mich geschlichen. Das war, als ich den Wäscheschrank der Frau Resch ausräumte. Frau Siegl, die Nachbarin, wusste, was es damit auf sich hatte, während sie mir ein Jog Hurt überreichte. Wenn der Resch seinen Zornanfall hatte, „weil ihm die Frau nicht zur Hand gegangen war“, hatte er ihren gesamten Wäscheschrank ausgeräumt. Jedes Regal. Jede Lade. Alles mit dem ausgestreckten Arm herausgeholt und auf den rotbraunen Linolboden geschleudert.
Frau Reschens Kastenhabe habe ich nicht in einen schwarzen Sack gestopft. Ich habe sie in weißes Papier geschlagen, wie man es in Putzereien tut, mit der frischen Wäsche. Und ich habe diesen Packen die Eleganz einer separaten Caritaseingabe angedeihen lassen.
Neben Frau Reschens Schrank stand der ihres Gatten. Der Gatte, so sagen es die Österreicher. Der Gatte und die Gattin. Nicht Josef und Anna, Franz und Maria, Heinz und Elfriede. Der Gatte und die Gattin. Gatte Resch hatte minutiös Mitgliedsmarken geklebt. In die kleinen roten Büchlein der Sozialistischen Partei. Ich fand seine Parteibücher neben seinen Sonntagskrawatten.
Josef Resch war stolzer Eisenbahner gewesen. Er hatte keinen einzigen Zug entgleisen lassen. Dafür aber seine Seele. Statt seinen Vorgesetzten die Schreibtische abzuräumen, war er dem Wäschekasten seiner Frau zu Leibe gerückt. Herr Resch war ein kleiner Mann gewesen. Die Uniform, die ich in seinem Schrank gefunden hatte, war die eines festen Mannes. Genau genommen war Resch nicht klein, Resch war kurz gewesen. Man hatte ihn frühpensioniert. Aber einmal Eisenbahn, immer Eisenbahn. In seiner Pension, so fand ich es in seinen Papieren, war Josef Resch Mitarbeiter bei einer Nebenstrecke geworden. Streckenwärter.
Bei der Liliputbahn im Prater.
Bald war die Wohnung besenrein, wie der Österreicher sagt. Besenrein, das so heißt, weil es die Reinlichkeit des Besens zum Ursprung hat. So hat es der Österreicher gerne. Besenrein. Nicht aufgewaschen, nicht sauber. Besenrein. Aufgekehrt. Mit dem Schäufelchen gebückt. Und so war ich nun zu meiner eigenen Österreicherin geworden. In dem ich es mir mit dem Reinebesen besenrein gemacht hatte.
Aber ich bin keine Österreicherin. Weder familiär noch gedanklich. Besenrein war mir zu wenig. Ich wollte hinter die Kulissen sehen. Ich hatte begonnen, Bühnenbild zu studieren, an der Akademie am Schillerplatz. Ohne es zu wissen, saß ich vier Jahre in ebenjenem Saal, in dem der Oldenburger Historienmaler Christian Griepenkerl 1907 einen jungen oberösterreichischen Postkartenaquarellisten wegen „ungenügender Probezeichnungen“ hatte durchfallen lassen. Eine Fama will wissen, dass sich der durchgeknallte Maler während der Wartezeit am Terrazzoboden des Theophil-Hansen-Baus in die dort mäandernden Hakenkreuze verschaut hatte.
In der Akademieklasse, die Adolf Hitler nicht gewollt hatte, lernte ich, wie man Wirklichkeiten konstruiert, Oberflächen erlügt, wie man den schönen Schein erfindet, den hässlichen Schatten erzeugt. Aber hier, wo ich wohnen wollte, hier wollte ich an den Grund gehen. In aller Naivität, die in mir steckte. Ich wollte diese drei Zimmer dort hinbringen, wo sie hundertvierzig Jahre vorher vom sedierten Vormärz in die unruhig bunte Hölle der Gründerzeit gestartet waren.
Besenrein waren diese drei Zimmer. Nichts erinnerte mehr an die Resche. Nur ihre Veitschispachtel war geblieben. Und mit der begann ich nun, die Schichten abzutragen, die Vormieter und Vorvormieter hier an die Wände getüncht hatten.
Unter den reschischen Brokattapeten und dem dünnen Leim, mit dem sie an die Wand gepappt waren, lag eine seifige Schicht, weiß wie getrocknete Sauermilch. Und darunter eine graue kalkige und unter jener eine dottergelbe und darunter wieder eine eisblaue. Alle zehn Jahre, so dachte ich es mir, hatten sich diese Räume eine neue Identität geben müssen. Und so kratzte ich mich durch die Zeiten. Mit der Veitschispachtel. Auf einer dünnen Leiter stelzend. Manchmal gingen die Schichten in Paketen ab, fielen wie Schiefer aus dem Fels, manchmal lösten sie sich einzeln, wie die Blätter eines vertrockneten Folianten.
Am leichtesten hatte es mir das Kabinett gemacht. Ein schmaler Raum, ganz hinten. Gerade mal so groß, um darin ein Bett aufzustellen. Dafür war er ja auch vorgesehen. Das Bett aufzustellen. Für den Bettgeher, den Untermieter, den Onkel, die Großmutter, die Kinder. Wer auch immer der Separation bedurfte. Das Kabinett ist nicht oft getüncht worden. Hier war ich am schnellsten zum vormärzlichen Grund vorgestoßen. Ein glatter Putz, von guten Handwerkern aufgetragen. Auf den hatte der Maler Ornamente gewalzt, Girlanden, Blattwerk, einen zarten Strich. Feine, stille Pracht für ein keimendes Proletariat.
Der große Raum machte mir schon mehr Mühe. In diesem Raum gab es elektrisches Licht. Die Drähte, die die Deckenlampe mit den neumodischen Zauberfunken betrieben, liefen in geteertem Geflecht, in Papp-Blechröhren. Weil die österreichische Oberfläche auch um die Jahrhundertwende keine Verunstaltung leiden mochte, wurden sie unter Putz gelegt. Wo doch in Österreich die Versorgungsstränge des Hauses stets intramural laufen. Eingemauert. Ein Wasserrohrbruch, ein Kurzschluss, ein Gasleck ruft immer gleich nach dem Stemmeisen.
Das geteerte Geflecht in seinen Papp-Blechröhren hielt Gips in seinen Furchen. Gips, die kleine Schwester vom Putz, das österreichische Allheilmittel. Das Pflaster für die Wandnarbe. Über die Wände meines vormärzlichen Wohnzimmers zog sich der Gips wie ein dünner weißer Nil durch die putzene Wüste. Noch gefiel mir diese Wanderzählung, dieses Nebeneinander der Epochen.
Meine Zuneigung geriet ins Wanken, als ich begann, jenen Raum zu entblättern, den man vom Gang aus zuerst betrat, die Küche. Sie hatte einen gemauerten Boden, keinen aus linolverkrusteten Lärchendielen. Der gemauerte Boden konnte einen festen Herd tragen. Indes, hier stand ein trauriger Suppenherd. Seine Gasflammen hingen an einem dicken Eisenrohr, das tief im gipsernen Fluss versteckt lief und sich rund um die Wand schlängelte. Ein zweites Rohr mündete in einen emaillierten Erker über dem Waschbecken. Ein furchtbares Gerät, das grässliche Explosionsgeräusche von sich gab, wann immer ich den Warmwasserhahn aufdrehte. Die Abgase solcher Thermen hätten viele Menschen in den Tod gerissen, las ich damals irgendwo. Mir graute vor dem Ding.
Auch hier kratzte ich mit der reschenen Veitschispachtel. Hob Scholle um Scholle von der Wand. Als stäche ich in die Blätterteigschichten einer umgefallenen Cremeschnitte. Auf der Suche nach dem Inhalt.
In der Ecke über der dünnen Eingangstüre, etwa dort, wo man steht, wenn man von innen öffnet, stieß ich auf eine Kruste, die mir den Atem stocken ließ. Sie war über und über mit Blutspritzern bedeckt. Das Blut an der Wand war nicht abgewaschen worden. Man hatte darüber gemalt. Wieder und wieder, bis kein Fleck mehr zu sehen war. Wessen Blut war das? Und warum klebte es an der Wand? Und warum hatte es niemand abgewaschen?
Als mir die Nachbarin Jog Hurt aushändigte, mit ihrem sägend-schnarrenden Teutonensopran, stellte ich die Frage.
„Vor den Reschen. Wer hat hier gewohnt?“
„Ein jüdischer Flickschneider.“
Die Sieglin wandte sich ab und ächzte in ihre Wohnung.
„Was ist aus ihm geworden?“
„Sehr unsaubere Leute. Überall Ungeziefer“, klirrte sie aus der halb geöffneten Sicherheitstüre.
„Was wurde aus Ihrem Nachbar?“
„Fortgezogen.“
„Wohin?“
„Keine Ahnung, Möbel haben sie dagelassen. Sehr unstete Leute. Flickschneider. Juden.“
„Ich habe Blut an den Wänden gefunden. Aus dieser Zeit. Was kann da passiert sein?“
„Da müssen Sie mich nicht fragen. Ich war da auf Urlaub.“
Und dann schloss sich ihre Tür. Lange würde es kein Jog Hurt geben für mich.
23. Januar 2011 (0) Comments
Gymnasial Ideal Egal
für meine Gastkolumne in den Salzburger Nachrichten vom 15.1.2011
Das Leben ist jenes Gefängnis, das wir uns bauen, wenn wir in die Schule gehen. Man schrieb das Jahr 1970, meine Eltern sassen vor einem Eissalon am Wiener Schottenring und löffelten Eiscafé. Am Nebentisch, so erzählten sie mir Jahre später, sassen Schülerinnen und Schüler, nett und adrett, erfreulich anzusehen, gescheit und beredt, wohl erzogen und höflich, sie parlierten in einer schönen Sprache über interessante Dinge. Wo sie denn in die Schule gingen, wollten meine Eltern wissen. Ins Gymnasium! Dort lehre man sie Griechisch und Sanskrit, der Musen Zauber, der Dichter Werke, es werde differenziert und integriert und kalkuliert, mit Rechenschiebern aus Elfenbein! Wären meine Eltern religiös gewesen, hätten sie von Heiligenscheinen berichtet, die diese Wunderkinder hinter ihren Scheiteln trugen. Mein Schicksal war besiegelt, meine Zukunft bestimmt, ich sollte eines dieser Kinder werden, nett und adrett, erfreulich anzusehen, gescheit und beredt, wohl erzogen und höflich.
Ich erinnere mich gut an diese Zeit, sie roch nach Zukunft und zugleich miachtelte es düster aus den unversperrten Kellern die Vergangenheit. Warum Bruno Kreisky so langsam sprach, war ein konservativer Witz dieser Tage. Weil er erst alles aus dem Hebräischen übersetzen muss. Har har. Und bald mache er diesem Österreich den Garaus. Er wolle die Proleten in die Schule lassen, ins Gymnasium, in den Heiligen Hain. Wie will er das machen, Kreisky, dieser Schuft, empörten sich die Professoren und Studienräte und der Dünkel wallte ihr Haar. Er will die Aufnahmeprüfung abschaffen! Bald würden Hippies hier auftauchen, und Hascher und anderes Langhaargesindel! Sie würden nicht nett sein und nicht adrett, unerfreulich anzusehen, böse wie Bader und beredt wie Dutschke, unerzogen und höflich, und in derber Sprache über hehre Dinge lästern. Über Goethe und Schiller herziehen, Grillparzer mit einer Stromgitarre schänden, Obladi singen und Oblada!
Das Bureau des Herrn Hofrat roch nach Weihrauch und Schuhpasta, es war der grösste Raum im ganzen Schulgebäude, der grösste Raum im Universum. Darin stand ich im Sommer 1970 und legte die Aufnahmsprüfung ab, zwei Wochen bevor sie Dr. Kreisky abschaffen sollte. Meine Eltern waren schon dagewesen, hatten ihre Vermögensverhältnisse dargestellt und die Qualität ihrer Bürgerlichkeit nachgewiesen, über Konzertsäle geplaudert und sizilianische Ruinen. Und jetzt stand ich da und der Herr Hofrat tätschelte meinen Kopf, liess mich 143 mit sieben muliplizieren, die D-Dur-Tonleiter singen und dann wollte er wissen, ob ich immun sei gegen die Verfehlungen dieser Welt. Die Beatles, was hältst Du von den Beatles, wollte er wissen, der Herr Hofrat, ein mächtiger Mann, mein Lebensweg stand auf Messers Schneide. Die Beatles, log ich, seien Banditen, das sei keine Musik, sondern Krach. So war das, 1970, als es zuletzt Aufnahmeprüfungen gab in österreichischen Gymnasien. Bevor die Gefängnistore aus den Angeln gehoben wurden. Mögen nie wieder welche eingehängt werden. Und nie wieder ein Hofrat Weihrauch in einen Kinderkopf tätscheln.
22. Januar 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 117 - Elgar
Folge 117 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 03/2011.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
19. Januar 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 116 - Dawn
Folge 116 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 01-02/2011.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
19. Januar 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 115 - Mean Martin
Folge 115 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 51/2010.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
19. Januar 2011 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 114 - The Reporter
Folge 114 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 50/2010.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
19. Januar 2011 (0) Comments
Yeah! Yeah! Schnee im Tee
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 03/2011
Liebe Frau Andrea,
ich trinke im Winter viel (ungesüßten) Grünen Tee mit Hibiskus und nehm’ den auch immer mit. Bei einer meiner Wanderungen im Wienerwald (in der Nähe der Höhenstraße) war ich im relativ frisch gefallenen Tiefschnee unterwegs und da der Tee noch mörderisch heiß war, hab ich einfach ein bisschen Schnee zum Kühlen in die Tasse zugefügt. Großes Erstaunen: Der Tee schmeckte süß! Dasselbe Resultat bei einem Test in einem Wiener Park: Mit zugefügtem Schnee schmeckte der Tee richtig süß! Leide ich unter Wahnvorstelllungen oder war mein Gaumenmilieu durch die anstrengenden Wanderungen verändert? Oder hab ich (schädliche) Luftschadstoffe, die sich am Schnee abgelagert hatten, durch den Schnee ins Getränk gekriegt? Voll Rätsel und Zweifel hoffe ich auf Ihre Aufklärung!
Mit lieben Grüßen,
Inge Mayer, per Elektronachricht
Liebe Inge,
ich darf Ihnen die Angst vor Wahnvorstellungen nehmen – zumindest in Bezug auf ihren Teekonsum. Aus Ihrer Erzählung schliesse ich, dass Sie in Wien leben und Ihre Tees daher mit Wiener Leitungswasser zubereiten. Dieses gilt wegen seines hohen Gehalts an Magnesium- und Calciumionen als hart. Nun hat aber die Wasserhärte einen entscheidenden Einfluss auf den Geschmack von Tees. Nach gängiger Chaiisten-Meinung sollte man für Grüntee stets weiches Wasser nehmen. In der klassischen chinesischen Literatur gibt es mindestens so viele Aufsätze über das Teewasser wie über den Tee selbst. Unter Teeliebhabern kursierte sogar eine Liste von Quellen, deren Wasser sich durch ihre besonders hohe Eignung zum Teekochen auszeichnete. Regenwasser und frisch gefallener Schnee eignen sich hervorragend zum Teekochen, weil sie reines Wasser darstellen. In der chinesischen Literatur gehört das Teezubereiten mit geschmolzenem Schnee zu den romantischsten Szenen. Beim Aufbrühen von Grünem Tee sollte Wasser mit einer Temperatur von höchstens 72 °C verwendet werden, denn wenn das Wasser zu heiß ist, zersetzen sich viele der im Grünen Tee enthalten Stoffe, der Tee wird bitter bis ungenießbar, viele der gesundheitlich wertvollen Wirkungen gehen verloren. Der zugefügte Schnee hat den Tee in ihrer Thermoskanne nicht nur verdünnt und abgekühlt, sondern auch die Wasserhärte verändert und so ein Süsserwerden hervorgerufen. Womit wir wieder beim Gaumen wären. www.comandantina.com dusl@falter.at
17. Januar 2011 (0) Comments
Hände Falten, Goschn halten
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 01.02/2011
Liebe Frau Andrea,
woher kommt die in der ÖVP offenbar so beliebte Maxime „Hände falten. Goschn halten“? Hat das was mit dem katholischen „Roma locuta. Causa finita“ zu tun? Frau Andrea, übernehmen Sie!
Alfred Zellinger, Café Hawelka, per Gesichtsbuchdirektnachricht
Lieber Alfred,
Roma locuta, causa finita - Rom hat gesprochen, die Sache ist beendet - kennen wir als geflügeltes Wort, das auf den Schluss einer Sonntagspredigt des Bischofs, späteren Heiligen und Kirchenlehrers Augustinus von Tagaste (354–430) aus dem Jahr 417 zurückgeht. In Sermo 131, 10 ruft dieser seine Gemeinde zur weiteren energischen Verfolgung der häretischen Pelagianer auf, die die Lehre vom Sündenfall leugneten. Augustinus zitiert dabei Papst Innozenz I., der Augustinus im Jahr brieflich mitgeteilt hatte, dass er Pelagius und seine Anhänger aus der kirchlichen Gemeinschaft ausschließe, solange sie ihre Irrlehren nicht widerriefen. Obschon es hier Anklänge an die Kommunikationsstrategien innerhalb der Österreichischen Volkspartei gibt, kommt der von Ihnen zitierte Merkspruch “Hände falten, Goschn halten” aus anderer Quelle. Wohl übte Ferdinand „Ferry“ Maier, Nationalratsabgeordneter und Generalsekretär des Österreichischen Raiffeisenverbandes im Herbst 2006 in einem Brief an Klubchef Wilhelm Molterer mit diesen blumigen Worten heftige Kritik an der “mittelmäßigen Performance und grauenvollen Kommunikationsarbeit” der ÖVP-Spitze - erfunden hat der Bezirksparteiobmann der Floridsdorfer Vaupen den Sinnspruch aber nicht. Zwar taucht er in einer 2004 erschienenen Monographie über Bischof Krenn auf, seinen Ursprung hat er aber nicht in kirchlichem Umfeld. Und nicht in Österreich. Der Satz war noch zu Anfang des letzten Jahrhunderts ein ständiger poetischer Begleiter deutscher Volksschüler und fand sich in Schulheften und auf Wandtafeln. Er sollte Disziplin und Ordnung vermitteln und lautete: Hände falten, Schnabel halten! Gerade sitzen, Ohren spitzen! Kopf nicht dreh’n, nach vorne seh’n! Andrea locuta, causa finita. www.comandantina.com dusl@falter.at
10. Januar 2011 (0) Comments
Boboville und Jimi Hendrix
Am 08.01.2011 um 16:43 schrieb G. L.:
Habe Dein Buch gelesen. Produzierte eine Menge Erinnerungen. 10-Groschen-Stücke und Stollwerk! Der Nachhauseweg von der Volksschule wurde mir wieder präsent. Irgendwann kam mir damals die Idee, die 10 Groschen auf die Schienen des 331 oder 132 zu plazieren. Beide Straßenbahnzüge fuhren durch den 20. Bezirk, der sich ja ebenfalls auf der Insel befindet. Fuhr dann die Bim über das Aluminiumgeldstück erweiterte es sich nach allen Richtungen hin und passte solcherart dann aber genau in den Kaugummiautomaten. Wonach es dann statt der Stollwerke viel lieber Kaugummi gegeben hatte. Ein wunderbarer Spass.
Jeder Bobo hat seine kreativ-wilde Phase. Hatte sie zumindest. Später, irgendwann lernt er aber doch pragmatischer zu werden, ansonsten es ihm nicht möglich würde sich zu etablieren. Letzteres wurde zwar nie angestrebt, allerdings steht die Individualität an sehr hoher Stelle und um die forthin ausleben zu können, bedarf es gewisser Kompromisse. So kommt es zu jenem Balanceakt der so manch spagattechnische Verrenkung erfordert. Hendrix, Undisputed Truth, Bob Dylan, John Lee Hooker, Hancock - wo finden sich die späterhin im Alltag des Bobo wieder? Laufen sie nicht irgendwann seiner "kreativen" Tagewerk-Konzentration zuwider? Dem Streben nach ... (dem geilen Dachgeschossloft etwa?, nichts dagegen einzuwenden - eben!). 10 Groschen zu einem Schilling zu erweitern - beim Lesen deiner Lektüre wurde mir klar, dass sich mir (insgeheim) eigentlich schon früh meine spezielle Art von Kreativität offenbart hatte: eine Mischung zwischen kleinem Einmaleins und Funktionell-praktischem eben. Denn gerade Bobos wollen schick und vor allem in einer lässigen Gegend wohnen, was sich ganz gut ummünzen lässt...
Jimi Hendrix hatte in Monterey noch seine explodierende, erruptive Ausstrahlung. Er schäumt bei dieser Darbietung richtiggehend über vor Energie. Dies veranlasst ihn einige Male blitzschnell von Vorne aufs Griffbrett zu fahren, so derart kocht seine Power. Musik, die ungefilteter nicht kommen könnte. Studiomäßig finde ich "Hey Baby (new rising sun)" sein bestes Werk, mystisch, beschwörend, direkt unter die Haut gehend. Ein Gitarrenpart den man niemals vergessen könnte.
Irgendwie kam mir alles so unheimlich bekannt vor in Deinem Buch. Wie niemals sonst. War mir eine echte Freude!
G.L.
8. Januar 2011 (0) Comments


