Oktober 2010
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Engelsgleich: Das franke Enkerl
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 44/2010
Liebe Frau Andrea,
bitte helfen sie mir! Seit Jahren geben mir Aussagen älterer Wein- und Waldviertler Rätsel auf. In Zusammenhang mit verbaler Aufregung wird von diesen Bewohnen gerne der Ausdruck: “des is ja frank a Wahnsinn!“ gebraucht. Bitte, wer oder was ist frank? Ist dies der Name einer geschichtlichen Person? Welches Geheimnis umrankt dieses Wort? Weiters ist mir ein Rätsel, was es mit dem Ausdruck “Enkerl“ im Zusammenhang mit meinem 6jährigen Sohn auf sich hat. Die Eltern meiner Lebensgefährtin und mir nennen nämlich unseren Sohn Enkerl. Wieso Enkerl? Kommt der Ausdruck vom katholischen Engel?
Herzlichen Dank für ihre Hilfe!
Toni Bojkowszky, Währing, per Elektrobotschaft
Lieber Toni,
nicht nur im Norden Pröllistans, auch im tiefsten Wien wird Ihnen der Ausdruck “frank” begegnen. Hier haben das Wienerische und mit ihm die Dialekte Niederösterreichs ein Adjektiv konserviert, das im Hochdeutschen längst verloren gegangen ist. Frank heisst soviel wie “frei”, “freilich”, und wird im heutigen Wienerisch “fraunk” ausgesprochen. Es kommt über das spätmittelhochdeutsche “franc” und das altfranzösische “franc”, wo es ebenfalls “frei” (im Gegensatz zu hörig, untergeben) bedeutete, aus einer germanischen Wurzel. Es lebt im Landesnamen Frankreich weiter, bezieht sich aber auf den Volksnamen der (eigentlich) germanischen Franken. Frank, frei ist mit “frech” verwandt und wird in der gängigen Etymologie mit der erwähnten Bedeutung “frei” assoziiert. Andere Forscher wollen die Grundlage des Volksnamens Franken in Wörtern wie dem altenglischen franca, altnordisch frakka sehen und die Franken als “die, mit dem Wurfspiess Bewaffneten” auffassen – im Gegensatz zu den Sachsen, “den mit dem *sahs, dem Sax, dem Steinschwert bewaffneten”. Ein typisch Wienerischer Ausdruck wäre der Ausruf: "Na fraunk!" (Na freilich!) Das Rätsel um ihren engelhaften Sohn wollen wir auch lösen. Möglicherweise ist Ihr Fortpflanz ein angelus, ein Bote, von altgriechischen ἄγγελος (ággelos, ausgesprochen ángelos. Mit “Enkerl” meinen ihre Eltern und Schwiegereltern trotz möglicher angelologischer Zusammenhänge aber wohl schlicht den “kleinen Enkel”. www.comandantina.com dusl@falter.at
29. Oktober 2010 (1) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 108 - Nachman
Folge 108 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 44/2010.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
28. Oktober 2010 (0) Comments
Keine Angst
Für meine Gastkolumne in den Salzburger Nachrichten vom 23.10.2010
Liebe Angsthabende, irgendwo da draussen an euren Stammtischen! Irgendwo da draussen im Pendlerbus, im vollen Abteil, am Moped, im Wagen, am Weg zur Arbeit, hinter der Supermarktkasse, in der Schlange am Arbeitsamt.
Habt keine Angst. Fürchtet euch nicht. Fürchtet euch nicht vor den Araksyas und Arigonas, den Daniellas und Dorentinyas. Fürchtet euch nicht vor ihren Müttern und Vätern, habt keine Angst vor denen, die ein besseres Leben suchen. Ein bescheidenes Leben. Ein Leben ohne Angst. Ein Leben in Friede und Freiheit. Ein Leben ohne zerbombte Häuser, ohne Verfolgung und Diskriminierung, ein Leben in Sicherheit. Sie wünschen sich das selbe wie ihr. Liebe und Verständnis, Achtung und Respekt, Wärme und Sicherheit. Es steht ihnen so zu, wie euch. Es steht uns allen zu. Liebe und Verständnis, Achtung und Respekt, Wärme und Sicherheit sind nur scheinbar knappes Gut. Liebe und Verständnis, Achtung und Respekt, Wärme und Sicherheit wachsen nach, wenn man sie verteilt. Es sind Rechte die uns zustehen, liebe Angsthabende da draussen an euren Stammtischen, im vollen Abteil, in der Schlange am Arbeitsamt! Es sind Rechte die uns zustehen, aber sie werden uns vorenthalten. Uns allen. Um unsere Angst zu schüren. Dahinter steckt ein Plan. Angst macht Panik. Angst macht unfrei.
Glauben wir denen nicht, die uns Angst machen vor den Schwachen. Glauben wir den Wienerblutpanschern nicht. Glauben wir den Heimatschwurblern nicht, glauben wir den Inländerfetischisten nicht. Sie manipulieren uns. Sie lügen uns an. Sie brauchen unsere Angst, um ihre bösen Geschäfte zu machen. Sie brauchen unsere Angst, um abzulenken. Von den Verbrechen, die sie begehen. Sie sackeln das Land aus, sie sackeln den Staat aus. Sie sackeln uns alle aus. Es sind die Leute, für die die Unschuldsvermutung gilt. Die mit dem Finger auf andere zeigen, die Faust recken und den Handschlag hochhalten.
Sie interessieren sich nicht für das Wiener Blut, nicht für das Steirererde, nicht für die Kärntner Heimatseele, nicht für den Salzburger Jedermann. Sie interessieren sich für die Macht. Um die Macht zu bekommen, brauchen sie unsere Stimme. Um unsere Stimme zu bekommen, hetzen sie uns auf. Machen uns Angst. Die Provisonsempfänger, die Homepagebetreiber, die Bankenpaketler. Die Handerlaufhalter und Dreikrügelbesteller, die Gratisurlauber und Taferlverrücker. Die Sonnen an den Himmeln. Die Hetzer in den Bierzelten. Die Rechthaber, die Rechtshüter, die Rechtssprecher, die Recht-muss-Recht-bleiben-Schreier. Sie schüren unsere Angst. Um von ihren Geschäften abzulenken. Hören wir nicht auf sie, hören wir nicht auf ihre Lügen, jagen wir sie zum Teufel.
Und haben wir keine Angst vor denen, die Hilfe brauchen. Sie werden uns nicht ausrauben. Sie werden uns nichts wegnehmen. Denn das machen die anderen, die Braungebrannten, die Unschuldsvermutler. Die Handerlaufhalter. Die Angstmacher. Die Unfreimacher.
Verändern wir gemeinsam diese Republik!
Jetzt.
Haben wir keine Angst!
25. Oktober 2010 (0) Comments
Ein Boot namens Fiasko
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 43/2010
Liebe Frau Andrea,
ich war heuer im Sommer auf der kroatischen Insel Ilovik. Keine Autos, keine Straßen, ein kleines Dorf, ein Yachthafen. Boote unter aller Herren Länder Flaggen, mit Namen wie "Seastar", "Invincible", "Oceanqueen", "Triumph" etc. Ein einziges dieser Boote trug rot-weiß-rot. Auf dem Heck prangte in stolzen Lettern der Schriftzug: "Fiasko". Was könnte der tiefere Grund für eine solche Namensgebung sein?
mit vorzüglicher Hochachtung,
Helmut Emersberger, per Elektrobootschaft
Lieber Helmut,
seit der Antike gilt die Wasserstraße Ilovacka vrata zwischen den kroatischen Inseln Ilovik und Sveti Petar wegen ihres natürlichen Schutzes gegen die meisten Winde - mit Ausnahme des Südwinds “Jugo" - als sicherer Hafen und beliebter Ankerplatz zwischen nördlicher und südlicher Adria. Trotz dieser nautischen Vorzüge ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass sich ein kanadisches Segelboot in die Kvarner Bucht südlich der Insel Lošinj verirrt hat. Hört doch der ultraleichte Segler der Type Olson 30 eines gewissen Ian Waller aus Victoria, British Columbia, auf den Namen "Fiasco". Auch die Möglichkeit, dass ein Bootseigner seine Schaluppe nach dem US-amerikanischen Rapper Lupe Fiasco benannt hat, wollen wir ausschliessen. Für wahrscheinlicher hielte ich es, dass es sich bei Ihrer Bootssichtung um den Eigenbau des Grazer Architekten Hagen Zurl handelt, der 1975 von einem Aufenthalt auf Elba mit der Überzeugung zurückgekehrt war, ein eigenes Boot müsse her - und behände eine Polyesteryacht von neun Metern Länge auf den Kiel stellte. Der Name des selbergeschnitzten Fahrtenseglers: Fiasko. Das nächste Boot Zurls, ein Rekordregattasegler, hiess schon “Gran-Fiasko”. Der Name dürfte die Bedeutung des Wortes Fiasko spielerisch konterkarieren, handelt es sich doch um ein antonymisch gebrauchtes Tabuwort, das dem Aberglauben folgt, die Schicksalsmächte verkehrten gute Wünsche stets in ihr Gegenteil. Es bezeichnet, vom italienischen “far fiasco” (eine Flasche machen) kommend, einen Misserfolg, Bauchfleck, Zusammenbruch. Mast- und Schotbruch, Käptn, Ahoi! www.comandantina.com dusl@falter.at
22. Oktober 2010 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 107 - Kugelman
Folge 107 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 43/2010.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
21. Oktober 2010 (0) Comments
Wien muss Rot-Grün werden!

Weil ich möchte, dass Wien endlich groovt."
Seit gestern mache ich mich mit Robert Misik in einer Initiative progressiver Wienerinnen und Wiener für Rot-Grün stark. Mit dabei sind inzwischen Rudolf Scholten, Barbara Blaha, Wolfgang Petritsch, Heide Schmidt, Andreas Stadler, Isolde Charim, Robert Menasse, Elisabeth Orth, Gertraud Auer, Doron Rabinovici, Peter Hörmanseder, Elfriede Hammerl, David Schalko und viele andere.
Hier geht's zur Website von Rot-Grün
--> www.rotgruen.at
Hier geht's zur Facebookseite von Rot-Grün
--> Rot-Grun für Wien-Alles andere ist Schwachsinn
18. Oktober 2010 (0) Comments
Grausbirnen, Krusebeeren und das saure Ogrosl
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 42/2010
Liebe Frau Andrea,
eine Kindheit im Waldviertel kann den Wortschatz ungemein bereichern und regt die Phantasie an. Dennoch haben meine Schwester und ich nie wirklich verstanden, was meine Mutter meinte, wenn sie uns sagte, dass ihr gleich die Grausbirnen aufsteigen. Meine Schwester stellte sich dann immer eine leuchtende Glühbirne über dem Kopf meiner Mutter vor, ich hingegen ungereiftes, schwebendes, grünes Obst. Aber um welche Sorte Birne handelt es sich nun wirklich bei der Grausbirne?
Herzlichst, Amira Ben Saoud aus Mariahilf
Liebe Amira,
Österreicher, denen die sprichwörtlichen Grausbirnen aufsteigen, befinden sich im Zustand akuten Ärgerns. In roher Wut können sich Grausbirnen auch aufstellen. Das Bild von den grausigen Birnen ist volksetymologisch verzerrt, denn bei den Grausbirnen handelt es sich nicht um Birnen sondern um Beeren und beim Grausen nicht um Abscheu, sondern um Krausheit, Stacheligkeit. Sind die Grausbirnen doch eigentlich Krausbeeren, Krauselbeeren. Heute kennen wir den Kaktus unter den Gartenbeeren als Stachelbeere, lateinisch Ribes uva-crispa oder Ribes grossularia. Im botanischen Namen schwingt die Verwandtschaft mit den Ribisln mit. In einigen Gegenden hiess die haarige Frucht wegen der grünen Beeren auch Grünzel, in Bayern Eiterbotzen, Aiterputzen – von dem alten Ausdruck aiten, stechen, brennen und von Botze, Batzen, Putzen, einer große Beere. Das Bild der “aufsteigenden” ist mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Verballhornung der “sich aufstellenden” Birne (Beere), genauer gesagt der stacheligen Häärchen der Stachelbeere und es beschreibt das Gefühl einer Gänsehaut. In Österreich ist die krause Frucht auch als Ogrosl oder Ågråsl bekannt. Das “Grazer Kochbuch” von 1688 kennt sie als Agriß, Agreß und Agreßbeerl. Der Ausdruck kommt nicht vom abgrasen, abgraseln, sondern über das mittelhochdeutsche agraz (saure Brühe) und das romanische agresta von lateinisch acer, sauer. Hier schliesst sich unser Kreis wieder, denn die “aufsteigenden Grausbirnen” liessen sich durchaus auch als jenen psychodynamischen Effekt deuten, den wir empfinden, wenn uns “etwas sauer aufstösst”. www.comandantina.com dusl@falter.at
18. Oktober 2010 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 106 - Airshippovic
Folge 106 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 42/2010.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
17. Oktober 2010 (0) Comments
Futkarlis Abenteuer in Taschen und Körben
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 41/2010
Liebe Frau Andrea,
ich hätte da eine Frage, die mir auf der Seele brennt: Was genau bedeutet eigentlich die Bezeichnung/Schmähung "Futkarli", beziehungsweise, ist sie überhaupt offiziell bestätigt oder handelt es sich dabei um die Erfindung eines mir näher bekannten Fotografen? Und wenn offiziell und beglaubigt: Welche Eigenschaften wirft man einem Futkarli vor oder sagt sie ihm nach?
Liebe Grüsse, Dein Florian Holzer,
Neubau, per Gesichtsbuchnachricht
Lieber Florian,
schön sprechen, möchte ich Dir zurufen, sonst scheisst Dir das Christkind was. Gerne lösche ich den Brand auf Deiner Seele. Der ebenso schöne wie unmissverständliche Ausdruck Futkarli ist bestes und uraltes Wienerisch und bezeichnet den “chercheur de femme”. Georg Danzer hat ihm in seinem Lied Vorstadtcasanova ein spätes Denkmal gesetzt: “(...) I bin a Vuaschdodtcasanova”, singt er da, “und des bleib i a – da fesche Gustl mid da immahoatn Reahrn – und wauns es sogts i bin a Futkarli, daunn hobts jo recht – i bin mid Leib und Söh a echta Pudarant – i reiß a jede auf, de wos bei uns ins Beisl kummt – und noch zwa Schdund hob is im Haustua zuaweglahnt – i hob scho haufnweis de Hasn üwas Glanda bogn (...)” Die Expertise Georg Danzers entlastet die Autorenschaft des Dir (und mir) näher bekannten Fotografen. Karli dürfen wir als Diminutiv des Vornamens Karl begreifen, dessen Herkunft vom Begriff “Kerl” schwingt dabei stets mit. Kommen wir zum Wortbestandteil Fut. Es ist verwandt mit dem deutschen Wort Fotze und bezeichnet das weibliche Geschlechtsteil. Schon im Altnordischen finden wir es als fuð (Scheide) – auch in der Wortzusammensetzung fuðflogi (Brautflüchtling) und dem schon Proto-Wienerischen Schimpfwort fuðhundr (Futhund). Bei näherer Analyse von Fut (Mehrzahl: die Futen) fällt die Verwandtschaft mit Futteral und Futter (der Innenseite von Kleidungsstücken und Taschen) auf. Sie können auf das indogermanische *pah- (schützen, scheiden) zurückgeführt wird. Im Altindischen bezeichnet etwa pātra den Behälter, das Gefäß, im Hethitischen pattar, pattur den Korb. Wolltest Du den durchaus liebevoll gebrauchten Ausdruck Futkarli etwas entschärfen, riete ich zur gänzlich unverfänglichen Version “Kanisterkerl”. www.comandantina.com dusl@falter.at
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als hätten wir keine anderen sorgen...
sehr geehrte frau dusl,
leider muss ich wieder einmal intervenieren, wenn es um die herkunft eines wienerischen begriffes geht: der "futkarli" ist tatsächlich eine - höchstwahrscheinlich von georg danzer (hab mit ihm darüber gesprochen) selbst erdachte - verballhornung des viel häufiger gebrauchten wortes "futkaschperl". dieses original bezeichnet allerdings nicht einen "chercheur de femme", wie Sie etwas unfundiert vermuten, sondern eher konträr jemanden, der sich bedingungslos der regentschaft (einer bestimmten vertreterin) des weiblichen geschlechts unterwirft, "simandl" sagt man auch dazu, dort, wo man wirklich sattelfest ist in seinem dialekt.
sorry, aber so richtig erklären kann man halt doch nur dinge, die man genau weiß.
mit vorzüglicher hochachtung,
helmut emersberger
am 14.10.2010 um 09:53
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Sehr geehrter Herr Emersberger,
Vielen Dank für Ihre Intervention. Ich möchte Ihrer Georg-Danzer-Verehrung keinesfalls nähertreten.
Ich halte es für durchaus möglich, dass der große Wiener Künstler das Wort "Futkarli" für das 1993 erschienene Lied Vorstadtcasanova "selbst erdachte", wie Sie in einem Zwiegespräch erfahren haben wollen.
Ungeachtet dessen zirkuliert der Ausdruck "Futkarli" aber auch schon in den 1970erjahren, zum einen 1970 als Titel einer Radikal-Synchronisation des Films “Rhythmus der Nacht”/”Boite de nuit” (Frankreich, 1951), erarbeitet von Studenten und Studentinnen der Akademie der bildenden Künste in Wien, zum anderen zwischen 1973 und 1975 unter dem Titel "Futkarlis Abenteuer" als früher Comic von Manfred Deix, erschienen in Günther Nennings "Neue Freie Presse".
Zeitzeugen in meinem Freundeskreis sind bereit zu schwören, den Begriff "Futkarli" schon 1963 gehört zu haben, wenn nicht vorher.
Futkarli ist keine Verballhornung von Futkaschperl und wird auch von Danzer keineswegs synonym verwendet, jedenfalls nicht in dem Sinne, in dem Sie das Wort "Futkaschperl" interpretieren, nämlich als jemand, "der sich bedingungslos der Regentschaft (einer bestimmten Vertreterin) des weiblichen Geschlechts unterwirft".
"Simandl", hier erodieren Sie Ihre These, sage man auch dazu, dort, wo man wirklich sattelfest sei in seinem Dialekt.
Wo man tatsächlich sattelfest ist in seinem Dialekt, sagt man Simandl zu einem verheirateten Mann, der sich von seiner Frau schlagen und demütigen lässt. Der Ausdruck kommt von einem 1528 in Krems an der Donau lebende Simon Handl, der von seiner Gattin derart viel geschlagen wurde, dass die Verballhornung seines Namens sprichwörtlich wurde.
Danzers Futkarli ist jedenfalls weder ein Futkaschperl noch ein Simandl. Auch verkehrt er (im Song Vorstadtcasanova) mit mehreren, ja vielen Frauen. "Die bedingungslose Unterwerfung unter die Regentschaft (einer bestimmten Vertreterin) des weiblichen Geschlechts", wie sie insinuieren, liegt also nicht vor.
Als genauer Kenner des Wienerischen hat Danzer einen geläufigen und typischen Ausdruck aufgegriffen: Den Futkarli – den chercheur de femme.
So richtig erklären kann man halt doch nur Dinge, die man genau weiß, schreiben Sie in Ihrem mail. Völlig richtig.
Beste Grüsse,
Andrea Maria Dusl
Sat, 16 Oct 2010 23:38:26
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liebe frau dusl,
hui, da kommt ja gleich ein ganzes bergwerk daher. kompliment, brillante replik, ganz wie man es von Ihnen zu lesen liebt. mit schluss und so. sehr musikalisch. Sie erklären das alles wirklich leiwand, man sieht, Sie kennen sich da echt aus, mit anscheinend uralten gewährsleuten sonder zahl.
das mit dem simon handl ist ja furchtbar. hab ich gar nicht gewusst bis dato. fühle mich im dialekt jetzt überhaupt nicht mehr sattelfest. danke jedenfalls für die aufschlussreiche aufklärung über dieses, wie mir scheint, typisch österreichische schicksal.
aber wird dadurch meine these wirklich erodiert, wenn es um "futkaschperl/simandl" geht? glaub ich nicht. wir reden halt anscheinend wirklich von zwei verschiedenen begriffen.
wie soll ich sagen, einer, der so extrem die frauen sucht wie der futkarli, ist naturgemäß auf schnellen erfolg aus und bedient sich mitunter einer strategie der "maskierten unterwerfung", "menschenversteherei" könnte man es im weitesteten sinne nennen, so etwas wird Ihrem scharfen blicke wohl schon untergekommen sein. ja, eh bei mehreren frauen, rasch getaktet, aber immer mit dem selben schmäh. das könnte eventuell ein grund für meine assoziation und in-den-topf-werfung der beiden Ihrer meinung nach völlig voneinander verschiedenen begriffe gewesen sein. so hab ich es jedenfalls im song aufgefasst. und für mich gibts da auch die schnittmenge. nämlich genau da.
verwandte komposita sind ein hund. um es kurz zu machen, kniefall, pardon für meine harsche kritik. nicht bös sein, wird immer wieder vorkommen.
mit vorzüglicher hochachtung,
helmut emersberger
ps.: dass Sie meiner danzer-verehrung nicht nähertreten wollen, find ich ganz nett, auf der produktion "nahaufnahme" jedenfalls werden Sie vor dem vorstdtcasanova einen titel namens "wiener trilogie" gehört haben, wurde seinerzeit eingeladen, mitzuwirken, im zuge der aufnahmen für dieses album will ich mit ihm gesprochen haben.
pps.: jetzt gibt es von meiner seite auch noch eine frage an frau dusl: war heuer im sommer auf der kroatischen insel ilovik. keine autos, keine straßen, ein kleines dorf, ein yachthafen. boote unter aller herren länder flaggen, mit namen wie "seastar", "invincible", "oceanqueen", "triumph" etc. ein einziges dieser boote trug rot-weiß-rot. auf dem heck prangte in stolzen lettern der schriftzug: "fiasko". was könnte der tiefere grund für eine solche namensgebung sein?
17. Oktober 2010 02:26:27 MESZ
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Liebe Andrea Dusl,
Futkarli ist ein Ausdruck aus den späteren 40erjahren, wo Karl (Koaarl) für Charlie - Amerikaner stand. Koarl heißt auch: überdrehten, übertriebenen Spaß haben, in Anlehnung an die GIs. Der Ausdruck dürfte Anfang bis Mitte der 50er, laut Zeitzeugen (Bull Kirchmaier, Ferdinand Trauttmansdorff, Jazz Freddie Jelinek, Padhi Friedberg usw.) ganz sicher über den legendären Arbeiterdichter und Kohlenhändler Otto Kobalek (kobo), auch als Ghostwriter Helmuth Qualtingers bekannt (geb. 1930 in Wien, verstorben 1995) in seinem Stammlokal Feinkost Gutruf gelandet sein und von dort zu Thomas Stimm und Leopold Redl und ihrem 1970 herausgebrachten Film "Futkarli", sowie etwas später zu den Stammgästen Prokopetz, Tauchen und Danzer. Es bezeichnete Männer, die nur über Frauen reden, bei denen sich alles darum dreht (bis zur vollen Abhängigkeit) und galt im Gefängnis der Nachkriegszeit unter längere Zeit absitzenden Häftlingen als negativ konnotiert .
mvg. Oki Trauttmansdorff
25. Oktober 2010 23:22:00 MESZ
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11. Oktober 2010 (4) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 105 - Zirbensäger Dränger
Folge 105 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 41/2010.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
10. Oktober 2010 (0) Comments
Mützen wie der angemalte Türke
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 40/2010
Liebe Frau Andrea,
neulich war ich im zweiten Bezirk unterwegs, um Freunde zu treffen. In der U-Bahn-Station Nestroyplatz vermeinte ich, zwei Eingeborene bei einer Aussage von political incorrectness zu ertappen. “Ausn Strache is die Luft ausse”, sagte der eine, “der sitzt do wiara ongmoita Tirk”. Den ersten Teil, politisch noch durchaus korrekt, verstehe ich, aber was, bitte, ist ein “angemalter Türke?” Sicher wissen Sie weiter.
Es grüsst Sie Bernhard Lukasinski,
Boboville West, per Gesichtsbuchnachricht
Lieber Bernhard,
wir dürfen die Pezeh-Keule im Halfter stecken lassen, das Sprachbild vom “angemalten Türken” hat nur schwache fremdenfeindliche Untertöne. Die Formel ist ein Wiener Ausdruck aus Zeiten der Monarchie und bezeichnet einen lethargischen, in gemächlicher, schlafmütziger Ruhe dasitzenden Menschen. Der “angemalte Türke” auch "Tschibuk-Türke", von dem sich unser Sprichwort herleitet, war das Signet der Trafiken jener Zeit – meist ein liegender, die lange türkische Tonpfeife Tschibuk rauchender Orientale. Er war in Öl auf die Läden gemalt, als Schild über dem Eingang gehängt oder in Form einer geschnitzten und bunt bemalten Holzfigur auf den Gehsteig gestellt. Synonym mit dem Bild des angemalten Türken ist der Ölgötze. Der ist nun nicht die idolatrische Version des rauchenden Orientalen, sondern ein Spottbild aus der Zeit Luthers. Es bezieht sich auf die in Matthäus 26, 40 und 43 beschriebenen Jünger Jesu, die im Ölberg liegend eingeschlafen waren. Die ursprüngliche Bezeichnung war Ölberggötze. Grimms Wörterbuch kennt allerdings auch eine andere Version des Ölgötzen, “ein mit Öl gesalbtes oder mit Ölfarben angestrichenes Götzenbild“. Der Begriff hatte beim Zürcher Reformator Ulrich Zwingli Konjunktur – als Spottbezeichnung für die Heiligenbilder in den katholischen Kirchen. Davon abgeleitet wurde der Begriff auch zum Pejorativ für die Anbeter dieser Bilder, die Gläubigen, insbesondere für die mit heiligem Öl gesalbten katholischen Priester, den Papst eingeschlossen. Pläne der FPÖ, in Öl gemalte, Strachefiguren vor ihren Parteilokalen aufzustellen, sind nicht bekannt.
www.comandantina.com dusl@falter.at
4. Oktober 2010 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 104 - Carmel
Folge 104 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 40/2010.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
3. Oktober 2010 (0) Comments


