Der Sieg der Leute von der Kant

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 27/2010

Liebe Frau Andrea,

letzten Sonntag hat Deutschland Argentinien betoniert. Auch wenn das jetzt vielleicht ziemlicher Fussballoverkill sein sollte, brennt mir eine Frage unter den Nägeln. Dieses Match wurde nämlich von den Kommentatoren, wie auch (glaube ich) schon das Match Portugal gegen Nordkorea, als Kantersieg bezeichnet. Okay, okay, Kantersieg. Aber bitte was ist das, ein Kantersieg?

Michou Bacher, Neubau, per Elektro-Post 

Liebe Michou,

daß eine Fussballmannschaft gegen eine andere mit einem fabulösen Torreigen gewinnt, kommt gelegentlich vor. Wenn dies aber mit grosser Leichtigkeit passiert, wie etwa der legendäre 9:0-Sieg Spaniens gegen Österreich (das letzte Länderspiel übrigens unter Trainerfels Herbert Prohaska), spricht man von einem Kantersieg. Der Ausdruck hat trotz der Grösse des Erfolgs mehr mit der Mühelosigkeit zu tun, mit dem dieser erzielt wurde. Der Kantersieg kommt aus dem Pferdesport und bedeutete einen besonders leicht gefallenen, im lockeren Galopp erzielten Sieg. Kanter selbst kommt vom englischen Canter gallop, kurz Canter. Dieses wiederum leitet sich ab von der südenglischen Stadt Canterbury und nimmt Bezug auf das gemächliche Reisetempo der Pilger, die auf dem Pferd unterwegs waren zum Sarg des Heiligen Thomas Becket, des 1170 ermordeten Erzbischofs von Canterbury. Canterbury (deutsch Kanterburg) hat seinen Namen vom altenglischen Cantwaraburig und bedeutete soviel wie die Burg der Leute von Kent. Ähnlich wie die Bezeichnung der nordspanischen Atlantik-Provinz Cantabria kommt der Name der südenglischen, an Kanal und Nordsee gelegenen Grafschaft Kent aus dem Proto-Indoeuropäischen. Über Vermittlung durch das Lateinische und/oder Keltische soll es von einem Wort *kanthos stammen, das vermutlich Kante, im  Sinne von Kantenland oder Wasserkante bedeutete. Im Norddeutschen ist diese Etymologie noch in Waterkant erhalten geblieben, dem Ufer oder Land am Wasser, umgangssprachlich dem Gebiet an der Küste. www.comandantina.com dusl@falter.at

5. Juli 2010 © Andrea Maria Dusl

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