Scharf, schärfer, Schor

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 16/2010

Liebe Frau Andrea,

die Messerklingen von edelstem Tafelsilber zeigen bei vielen Fabrikaten auf der nicht schneidenden Seite eine Abschrägung im Bereich der vorderen zwei Drittel auf - wozu, das konnte mir noch niemand beantworten, nicht einmal die solche Messer produzierende Firma Berndorf. Gibt es irgendeine funktionelle oder historische Erklärung für diese Besonderheit, beliebte z.B. Ludwig XVI. damit seine Butter aufs morgendliche Croissant zu schmieren? Ergebenst Ihre Antwort erwartend verbleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung,

Georg Sinzinger aus RedBullCity, per Elektropost

Lieber Georg,

Louis Seize, der letzte König des Ancien Régime wurde zwar von einem scharfen Messer (dem Fallbeil der Guillotine) ins Jenseits befördert und hatte, nach allem was wir wissen, auch allerbestes Essbesteck. Dass er mit seinem Tafelmesser Croissants mit Butter bestrich, ist allerdings schon deswegen unwahrscheinlich, weil diese, allen Legenden zum trotz, nicht vor dem 19. Jahrhundert in Frankreich eingeführt wurden. Der Bürger Louis Capet scheidet als Originator unseres exklusiven Messerdetails aus. Tafelmesser, selbst solche aus Silber haben stets eine Klinge aus hochwertigem, aber meist nichtrostfreiem Stahl - lässt sich dieser doch zu wesentlich höherer Schärfe schleifen. Französische (oder L-) Klingen erkennt man an einer schlanken, ab der Rückenmitte leicht abfallenden Silhouette, (alt-) englische an einer kricketschlägerförmigen. Auch in Deutschland schmiedet man ähnliche Klingen: Die säbelbäuchigen ulraltdeutschen oder Buckelklingen (Buck ist plattdeutsch für Bauch). Die Phase (Anschrägung) an den Rücken von Tafelmessern nennen die Messerschleifer Schor. Sie gilt als besonderes Schleiferzeichen, soll den Klingen zusätzliche Eleganz verleihen und eine gerade Rückenlinie ergeben. Englische Messeraficionados kennen die Schor als “false edge”. Sie ist ein spätes Echo jener uralten Messer, die noch zwei Klingen hatten - eine Messerform, die sich bis zu prähistorischen Feuersteinklingen zurückverfolgen lässt. Mit feinem Tafelsilber liegt so gesehen immer auch ein bisschen Steinzeit am Tisch.

www.comandantina.com dusl@falter.at

17. April 2010 © Andrea Maria Dusl

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