Fragen Sie Frau Andrea
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 17/2010
Liebe Frau Andrea,
wer bestimmt die Artikel von Hauptwörtern nicht-österreichischen Ursprungs? Wie ist das zum Beispiel mit e-mail, event, browser, ash-cloud, pre-electoral-havoc und so weiter? Bitte um Hilfe,
Willie Schenz, per Gesichtsbuchnachricht
Lieber Willie,
an der Festlegung der Artikel zu neu eingeführten Begriffen sind weder Behörden noch Institute beteiligt. Sie werden durch Sprachgebrauch etabliert oder nach willkürlicher Bestimmung durch Autoren in Umlauf gebracht. Das Phänomen des “bestimmten Artikels” ist selbst Ergebnis einer sprachlichen Entwicklung. Der US-amerikanische Linguist Joseph Greenberg beschreibt diese Vorgänge als “Zyklus des bestimmten Artikels”. Nach seiner Theorie entwickeln sich Artikel aus Demonstrativpronomen (hinweisenden Fürwörtern), Wörtern also, mit der ein Sprecher auf einen Gesprächsgegenstand im Raum verweist, auf den man mit dem Finger zeigen kann. Im Deutschen (das wie viele indoeuropäische Sprachen ursprünglich keine Artikel kannte) waren das die Pronomen dër, diu und daz. Diese haben sich, ganz im Einklang mit Greenbergs Theorie zu generischen (geschlechtsbestimmenden) Artikeln weiterentwickelt, zunächst sowohl in bestimmten als auch in unbestimmten Zusammenhängen. Als frühes Zeugnis des Gebrauchs von Artikeln gilt Wulfilas gotische Bibelübersetzung - sie imitiert die bestimmten Artikel des griechischen Ausgangstextes. Unsere Begegnung mit Begriffen wie e-mail (Elektropost), Event (Herauskommen), browser (Abgraser), ash-cloud (Aschenwolke), pre-electoral havoc (Vorwahlverüstung) führen auch zu Artikelisierungen. Nicht immer sind diese eindeutig, wie der Streit um “die E-Mail” und “das E-Mail” zeigt. “Der” Browser verdankt seinen männlichen Artikel wohl der Gewohnheit Deutschsprechender, die Endung auf “-er” eher maskulin zu deuten. Unterschiedliche Sprachrealitäten haben dazu geführt, dass Deutsche “die” Cola trinken, Österreicher “das” Cola. Die einen haben den braunen Zuckersprudel nach dem Vorbild der französischstämmigen Limonade gegendert, die anderen nach dem des doch sehr österreichischen, aber zutiefst sächlichen Kracherls.
www.comandantina.com dusl@falter.at
23. April 2010 © Andrea Maria Dusl
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