Viere mit die Wadln!

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 11/2010

Liebe Frau Andrea,

um die Handlungsweise von Mitmenschen zu beeinflussen, steht uns eine große Bandbreite an Argumentationsmöglichkeiten offen. Eine geläufige Art, darauf hinzuweisen, dass ohne baldiges Einlenken auf das erwünschte Verhalten die sprachliche Überzeugungsebene verlassen und einer mehr handgreiflichen Methode weichen werde, besteht darin, anzukündigen, man werde einem "die Wadln viererichten". Gibt es einen besonderen Grund, eine derartig aufwändige Methode der Körperverletzung anzudrohen?

Mit herzlichen Grüßen,
Helmuth Jellinek, per Elektronachricht

Lieber Helmuth,

das Wienerische ist reich an insultfähigen Formeln, sein Arsenal ist vielfältig und gut gepflegt. Das Drohpotential der vorliegenden Wendung scheint eindeutig zu sein. Das Nachvornerichten der Waden, wie man das Wadlviererichten verhochsprachlichen könnte, malt ein klares Bild. Wir sehen Rekruten in einer Reihe stehen, Gefangene, Schikursteilnehmer. Vieregerichtet wird ein falsch stehendes Bein, richtige Haltung, uniformes Stehen wird hergestellt. Erst bei genauerer Betrachtung der anatomischen Möglichkeiten lässt sich die Sprachkraft des Ausdrucks erkennen. Nach vorne gerichtet werden kann im menschlichen Gehapparat nur das Knie. Eine Überstreckung desselben, oder gar das Vorbringen der Wade, also des Unterschenkels, ist bewegungstechnisch gar nicht möglich. Das Bild des vieregerichteten Wadls, sprichwörtlich mit der Disziplinierung des Adressierten verbunden, verweist auf eine längst verschwundene Kriminaltechnik: Das Erpressen von Geständnissen und Aussagen im Rahmen der peinlichen - der Pein erzeugenden - Befragung. Das Wadlviererichten war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Bestandteil der Constitutio Criminalis Carolina, eines von Karl V. 1532 eingeführten Strafrechtskodex’. Das Instrument, mit dem Wadln vieregerichtet wurden, kennt die Folterforschung als “Spanischer Stiefel, “Schraubstiefel” und “Beinschraube”. Technisch dürfen wir uns darunter einen Schraubstock vorstellen, mit dem Schien- und Wadenbein gebrochen wurden. Die Androhung selbst, bei der dem Angeklagten Technik und Instrumentarium erläutert wurden, galt offiziell als Vorstufe der peinlichen Befragung. Die Kriminalgeschichte kennt sie als Territion oder Schreckung.

www.comandantina.com dusl@falter.at

15. März 2010 © Andrea Maria Dusl

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