Very touching: das Vertuschen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 13/2010

Dort Andrea! Hier Kurt!

Im Zuge der Berichterstattung zum sexuellen Missbrauch ist mir das Wort Vertuschung aufgefallen. Als bautechnischer Tuschefuxer ehedem schulisch und beruflich unterwegs, der auf Transparentpapier und mit der Rasierklinge zum Entfernen von falschen Strichen beim Planzeichnen eigentlich Enttuschung gemacht hat, ist mir die Herkunft des Vertuschens echt zur Frage geworden.

Servus, Kurt Vallaster, per Elektropost

Nachsatz: Ich liebe Ihren Endlosstrip, welcher mich auch ans Tuschezeichnen erinnert.

Lieber Kurt,

die meisten unserer Redewendungen und Sprachbilder lassen sich recht einfach erklären, meist haben sie ihren Ursprung in handfesten Betätigungen und einleuchtenden Vergleichen. Beim Vertuschen, dem Verschleiern von Tatsachen und Unterdrücken von Beweisen denken wir an das Bild eines Dokuments, das ein geheimnisvoller Zensor mit einem dicken Tuschepinsel “behandelt” hat. Wörter wurden eingeschwärzt, ganze Sätze, ja ganze Absätze unlesbar gemacht. Das Vertuschen, so will es dieses Sprachbild, macht Information unlesbar, ersetzt sie durch die Nachricht von ihrer willkürlichen Auslöschung. Das Bild der schwarzen Zensurbalken ist uns wohlbekannt. Aber das Vertuschen kommt garnicht vom Tuschen. Es hat mit tiefschwarzer Tinte nichts zu tun. Das Ver-Tuschen stammt von einer Verbalform, die im Mittelhochdeutschen noch -tüschen, -tuzzen, -tussen, -dussen lautete. Darunter verstand man soviel wie: “betäubt werden”, “vor Schreck verstummen”, “außer Fassung kommen”. Das mittelhochdeutsche “tuschen”, mittelniederdeutsch “tusken”, bedeutete “zur Ruhe bringen”, “unterdrücken”, “zum Schweigen bringen”, löschen”. Ein Verb, in dem sich diese ursprüngliche Bedeutung erhalten hat, ist das Tuscheln. Ironie der Sprache - das Vertuschen geht meist nicht mit leisem Tuscheln einher, sondern mit einem grossen Tusch. Der fanfarenverstärkte Paukenschlag ist das französische “touche”. Im englischen hat das Wort eine wirkmächtige, aber durchaus positive Geschichte. Dort kennen wir” the touch” als Berührung. Ganz und gar unvertuscht.

www.comandantina.com dusl@falter.at

29. März 2010 © Andrea Maria Dusl

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