Fragen Sie Frau Andrea
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Wo man die Hachse reisst
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 05/2010
Liebe Frau Andrea,
man kann in seiner Jugend – ungestüm, wie man ist – der Welt einen Haxen ausreißen. Später zeigt man Engagement und reißt sich für jemanden oder eine Sache einen Haxen aus. Jetzt aber: „sich einen Haxen abfreuen“ – das übersteigt meine Fähigkeit, Sprache in Bilder zu übertragen. Sie würden eine große Bürde von meinen Schultern nehmen, wenn sie mir erklären könnten, wo dieser Ausspruch herrührt. In der Erwartung, mir ob Ihrer Antwort einen Haxen abzufreuen,
Ihr Norbert Mottas,
per Elektrobotschaft
Lieber Norbert,
die Haxe oder der Haxen wird von den Etymologen Hachse geschrieben. Die Hachse, Hechse, auch Hesse (wie der steppenwölfische Glasperlenspieler) bezeichnet den unteren Teil des schweinernen, kälbernen oder rindernen Beines. Auch die entsprechende menschliche Extremität kann Hachse, Haxe genannt werden. In Skifahrerkreisen ist der eingegipste Haxen ein gängiger Begriff. Das althochdeutsche hahs(e)na bezeichnete aber nicht die Knochen, die ja als Wadenbein und Schienbein bekannt sind, sondern die Sehne - um genau zu sein, die Achillessehne. An dieser konnte das geschlachtete Tier aufgehängt werden. Die Hahs(e)na, Hach-Sehna ist also die Sehne der Hache, Hacke, der Ferse. Das Bild des Tatendurstigen, der sich anschickt, der Welt die Achillessehne auszureissen hat damit durchaus mythologische Qualität. Ausgerissene Hachsen hatten die Schmiede. Hinkend konnten Hephaistos, Vulcanus und Wieland weder Esse noch Dorf verlassen. Das Bild des ausgerissenen Haxen dürfte allerdings eher mit dem Spanferkel und dem gebratenen Ochsen zu tun haben. Der Feitertagsköstlichkeit die knusprige und damit begehrte Haxe auszureissen entspricht wohl eher dem sprichwörtlichen Sinn unseres Beispiels. Wann und wo die Variation mit dem Abfreuen der Fersensehne aufgekommen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Sinngemäss darf von einem Glücksausbruch von solch bemerkenswerter Amplitude ausgegangen werden, dass sich sogar bleibende orthopädische Schäden in Kauf nehmen lassen. Ich hoffe, ich konnte mit meinem kleinen Erklärstück Last von ihren Schultern nehmen.
www.comandantina.com dusl@falter.at
27. Januar 2010 © Andrea Maria Dusl
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