Hilfe, ich hasse meinen Chef!

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 03/2010

Liebe Frau Andrea,

seit rund 40 Jahren verdiene ich meinen Macherlohn unter diversen Chefredakteuren. Ganz ehrlich, keinen von ihnen habe ich je gemocht. Ich glaube, dass dem weniger eine Phobie zugrunde liegt, als eine tiefgründige Abneigung gegen die Exemplare von Chefredakteuren, die ich im Lauf der Zeit kennen gelernt habe. Seit mehr als zwei Monaten habe ich es wieder mit einem besonders inkompatiblen und inkompetenten zu tun. Können Sie mir und meinen Kollegen raten, wie man so jemanden los wird, ohne dass er sein Gesicht verliert?
 
Sehr verbunden,
Helene Behlich, Wieden, per Elektropost

Liebe Helene,

Die Angstforschung hat für so ziemlich alle Befürchtungen und Abneigungen Bezeichnungen in die Welt gesetzt, von der Ablutophobie, der Angst sich zu Waschen bis zur Zoophobie, der Angst vor Tieren. Die Angst vor Chefs und Vorgesetzten ist bemerkenswerterweise nicht dabei. Das darf uns insoferne nicht beunruhigen, als das Individuum auf dem Gebiet der Bewältigung sozialer Phobien äusserst kreativ ist und diesen mit einem vielfältigen Instrumentarium an Strategien begegnet. Eine beliebte Lösung in den Büros dieser Welt ist das Entwickeln verhüllender Ängste, hier wollen wir die Kathisophobie erwähnen, die Angst sich niederzusetzen, die Ideophobie, das Zurückschrecken vor Ideen, oder die Graphophobie, die Furcht vor dem Schreiben. In ihrem speziellen Fall fände die Bezeichnung Misarchie ihre Berechtigung, die Abneigung Autoritäten gegenüber. Ich halte diese im Rahmen von hierarchischen Systemen für unheilbar und rate zur Selbstständigkeit. Ein Schritt der wohl überlegt sein will, gewiss, aber er würde sie schlagartig von ihrem Grundsymptom befreien, der Theatrophobie, der Angst, jemand lächerlich zu machen. Wie man einen unliebsamen, ja inkompetenten Chef ohne Verlust seines Gesichts loswird, kann ich als bekennende Archophobikerin nicht wirklich beantworten. Das Problem könnte in dieser Form durchaus unlösbar sein. Mein Rat: Putschen Sie ihre Ängste und Abneigungen, befreien Sie sich von den Fesseln der Bevormundung durch Hilflose und werden Sie selbst Chefin!
www.comandantina.com dusl@falter.at

18. Januar 2010 © Andrea Maria Dusl

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