Dezember 2009
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Fünf Jahrgänge politische Zeichnungen im Magazin Format
Der böse Kormoran
Der böse Kormoran. Dusilation für die Anglergazette Fisch und Wasser. Ins Bild klicken für 100px-Version.
30. Dezember 2009 (1) Comments
Es ist warm
Über den ersten Satz
Andrea Maria Dusl für die 2009er-Weihnachtsausgabe der Salzburger Nachrichten.
Der erste Satz ist immer der schwierigste. So könnte ich anfangen. Aber so fängt man nicht an. Man fängt an wie Günter Grass. Man schreibt ein Buch über die Geschichte der Welt, führt einen sprechenden Fisch ein, nennt ihn Butt und dann beginnt man den Ziegel mit dem Satz der Sätze: Ilsebill salzte nach. So macht man sich bei den Romananfängeanalysten beliebt. Überhaupt sollte man dem animalischen sich verpflichten. Auch zweite Plätze im Romangutanfangen lassen sich mit Geschichten über sprechende Tiere gewinnen. Franz Kafka gelang dies mit dem Einstieg in seine Erzählung “Die Verwandlung”: “Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ So macht man das. So fängt man an. So wie Grass. So wie Kafka.
Was mache ich? Lerne ich bei den Meistern? Lasse ich mich von der Aussicht auf Spitzenplätze in Romananfängewettbewerben verführen? Nein. Mein Roman “Boboboville” beginnt mit dem kurzen Befund: “Es ist kalt.” Kein schöner Satz. Kein wärmender. Kein einladender. Aber ein erster. Der erste Satz des Romans. In einem zwiefachen Sinn. Es ist der erste, den ich tatsächlich für diesen Textkörper schrieb, der allererste, der Geschichten erster Gedanke, und es ist auch der erste, den man zu lesen bekommt. Darf man das? Darf man schreiben “Es ist kalt”? Sollte man nicht schreiben: “Ilsebill salzte nach”? So begönne man Romane und so begann Grass den Butt. Und wenn einem das nicht gelänge, weil es ein Titan schon davor getan hätte, dann müsste man nachdenken und sinnen und vielleicht eine Asymptote zu Papier bringen:
“Ilsebill salzte nach, so stand es in dem Buch vom Butt, dem Grassziegel, dem Satzanfangemeisterbuch, und ebendieses lag vor mir, leuchtete mich an und mahnte und liess mich den Ilsebillsatz schreiben, als meinen eigenen Romananfang ausgeben, raffiniert durch Sätze taumeln und atemlos nach eigenem ringen, nach kahlem, kurzem, nach einem Satz wie dem: Es ist kalt.”
So ginge das. So liesse sich die Klippe umschiffen. Ich gestehe, dass ich daran dachte, Ilsebill nachsalzen zu lassen. Aber dann war ich streng zu mir, einsame Waldviertler Scheunenwände, fröstelndschroffe Tirolerberge und das schüttere Grau der Wiener Zinshausschluchten flogen an mir vorbei und noch bevor mir Worte durch den Kopf gingen, stand der Satz da: Es ist kalt.
Dabei war es gar nicht kalt, es war Sommer, es war: kühl. Ein Tiefdruckgebiet peitschte durch die Stadt, kroch unter die wärmenden Luftpolster, die sich in den Wohnungen versteckt hatten. Fritzl, der Tresorkinderbesitzer war das Thema der Tage, und das Feuilleton stapfte durch Charlotte Roches Feuchtgebiete. Für die Kälte des Sommers hätte ich andere Worte finden können, “Der Sommer war kühl”, oder “Sommers Kälte griff nach mir.” Aber ich beschrieb die Kälte der Seele. Ich dachte an den Namensgeber des Platzes, an dem ich wohnte, Hugo Wiener, ich erinnerte mich an seine Emigration nach Caracas und dass er, heimgekehrt mit Cissy Craner, seine Wiener Wohnung jahrein jahraus, ungeachtet jeglicher Jahreszeit, auf tropische Wärme hochgeheizt hatte. Daran dachte ich, als ich beim Fenster hinaussah auf die Hugo-Wiener-Platz-Platanen und der Frost der Geschichte in mich hineinkroch. Deswegen war mir kalt. Und deswegen schrieb ich den Satz. Es ist kalt.
30. Dezember 2009 (0) Comments
Die geheimen Keller der Albertina
Unter der Wiener Albertina befindet sich ein ausgedehntes unterirdisches Reich.
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25. Dezember 2009 (0) Comments
Bandion-Ortners Wien
Zeichnung für "Best of Böse" in Falter 52/2009.
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25. Dezember 2009 (0) Comments
Zehn Wünsche an die Jahresendperson
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 52/2009
Gefeierte Fragende!
Ich gratuliere. Wer hier landet, hat sich brav und behände durch ein böse dickes Heft geackert oder schlau und listig von der Maschekseite eingeschlichen. Beide Vorgangsweisen begrüsse ich. Bekanntermassen beschäftigt sich dieser Textturm mit der Beantwortung devianter Alltagsfragen, dem Lösen gordischer Sprachknoten und der Enthüllung verborgenen Wissens. Frau Andrea’s Kolumne steht im Dienste der Aufklärung. Es gibt nichts, wonach nicht gefragt werden dürfte und fast nichts, was nicht erhellt werden könnte.
Am Ende des Falter’schen Dienstjahres macht die Kolumne eine Ausnahme, sie wendet sich mit einem Paket an Eingaben an das Salzamt. In den Büroräumen dieser altösterreichischen Institution finden sich gegen Ende jeden Jahres ein paar lichtscheue Gestalten ein, die sich hauptberuflich mit dem Dezemberausklang beschäftigen: Eine junge Dame im Goldkittel, engelsblond gelockt, eine Märchenkrone im Haar, ein weissbärtiger Opa im rotweissen Wams und ein eleganter, nach Acqua di Parma duftender Herr im anthrazitfarbenen Mass-Anzug, genagelten Budapestern und Konfetti auf Schultern und Scheitel. Der Herr mit dem grossbürgerlichen Habitus befindet sich im Zustand der fortschreitenden Champagner-Derangierung. Der illuminierte Gentleman ist Insidern und Auskennern als Jahresendperson bekannt. Die letzte Kolumne des Jahres richtet sich traditionell mit einer kleine Liste von Wünschen an diese drei Herrschaften.
Liebes Christkind, lieber Weihnachtsmann, sehr geehrte Jahresendperson, ungeachtet aller bisherigen Enttäuschungen und in mildem Eingedenksein Eures Wunschlöse-Unvermögens übermittle ich Euch meine Wunschliste für das erste der Zehnerjahre. Ihr möget doch bitte Folgendes in Erfüllung gehen lassen:
1. Die Wiedereinführung der Solidarität. 2. Das Bedingungslose Grundeinkommen. 3. Die Trennung von Kirche und Staat. 4. Die Entscheuchung Kärntens. 5. Die Entkärntnerung Österreichs. 6. Die EntORFung des ORF. 7. Ein Musikgedudelverbot in Gaststätten und Geschäften. 8. Das Zigaretten-Rauchverbot. 9. Die Wiedereinführung von 13A-Doppelstockbussen. 10. Die Einführung von 24-Stunden Delis nach New Yorker Vorbild.
www.comandantina.com dusl@falter.at
21. Dezember 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 65 - Café
Folge 65 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 52/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
21. Dezember 2009 (0) Comments
In drei Minuten bist du tot
Mobilitätskolumne von Andrea Maria Dusl
Für Falter 51/2009
Der Regen prasselt in kleinen kalten Tropfen auf die Scheibe. Der schwarze Novemberhimmel hat über dem Wienerwald seine Schleusen geöffnet. Die Westautobahn ist nass und sie ist ein Luder. Zu eng, zu monoton, zu viel Verkehr.
Aus dem Radio meiner jadegrünen Limousine schwurbelt Radio Stephansdom. Klong macht es plötzlich, dann klingkling und noch einmal klong. Und dann, drei Takte Brahms später, zieht der Riese Schicksal den Wagen nach links. Wiebitte? Wieso? Ich steuere dagegen, die Fahrbahn unter mir beginnt zu rumpeln, zu rattern, wird zur Schotterpiste. Der Wagen schlingert wie ein Boot. Ein Engel in mir, eine coole Sau von Andrea steuert die rumpelnde Yacht nach rechts, auf den Pannenstreifen, mit zwei Rädern ins Gras, bringt zwei Tonnen plus zum Stehen.
Mein Herz pocht. Radio Stephansdom schmettert. Aus dem Rückspiegel stechen Fernlichter. Die Scheibenwischer schieben rote Lichter zusammen, die links von mir in die nasse Nacht rasen. Wäre jetzt jemand mit mir im Wagen würde das Wort fallen. Reifenplatzer. Und das Wort Schutzengel. Aber es ist niemand da. Niemand greift zum Handy und tippt. Wo ist meine Tasche? Die coole Sau in mir schaltet die Warnblinkanlage ein. Die Idiotin in mir stochert sich zitternd durch Visitenkarten, BIPA-Vorteilscards, Lufthansa-not-yery-important-people-Karten, Plastikgeld und Mitgliedsausweise. Wo ist die verdammte ÖAMTC-Karte, schreie ich. In drei Minuten bist Du tot, schreie ich zurück. Ein Volltrottel wird zu spät auf die Bremse steigen, deinen schönen grünen Jaguar am linken Kofferraumspitzl touchieren und das reverse Peitschenknallsyndrom wird dir den Kopf vom Hals schmeissen. 120 steht auf der gelben Karte. Wo ist mein Handy? Wieso ist es so verdammt laut? Bruckner mal Freitagabend. Wir kommen, sagt die Stimme am Headset, irgendwo in einem warmen, cosy beleuchteten Büro, keine Sorge, keine Angst. Wo ist die Warnweste? Warnweste an, rüber zur Beifahrertür. Beifahrertür auf, der Regen schneidet mir ins Genick. Wo ist das Pannendreieck? Kofferraum schreit die Panikerin. Cool, sagt die Stoikerin, geht nicht auf ohne Schlüssel. Was noch? Stablampe. Brennt? Brennt. Raus in den Regen. In zwei Minuten bist Du tot, schreie ich.
Liebe Pannendreieckhersteller! Bitte schenken Sie der Welt Pannendreiecke, die man ohne Montageanleitung zuammenbauen kann. Mit einer Hand. Auch im Dunklen. Gleich bist Du tot, schreie ich in die Nacht, der Idiot wird jetzt kommen, mit seinem Porsche, seinem tiefergelegten Golf und Dich, mitsamt deiner Warnweste, jetzt und endgültig in den Scheissjaguar schieben. Und die Unfall-Statistik auf der A1 wird sich um genau eins erhöhen.
Im nassen Gras schreite ich hundert Meter Richtung Wien. Stelle das Pannendreieck auf. Fahl leuchten die Warnblinker meines Wagens. Eine halbe Stunde wird die Batterie halten. Zurückgehen, Zündung einschalten? Und wenn der Idiot just dann vorbeikommt? Rumms wird es machen. Schrrtfffffffplonk macht es. Der Sattelschlepper hat mein Pannendreieck umgeblasen. Ich baue das Ding wieder zusammen.
Die Hölle, werde ich nach eineinhalb Stunden resümieren, ist kalt und nass. Kurz hinter Neulengbach liegt sie. Es wird viel geschrien in ihr, gezittert und geflucht, und hin und wieder muss gearbeitet werden. Es gilt, ein billiges Plastikdreieck zusammenzubauen und in Fahrtrichtung neben einem fahlen Streifen aufzustellen. Immer wieder. An einem fahlen Streifen, irgendwo in der Nacht. Der Grenze zwischen Leben und Tod.
Ach ja. Die Sache ist dann doch noch gut ausgegangen. Der Pannenengel war ein Held, hexte einen heilen Reifen an meinen Wagen, lud die tote Batterie und wärmte mein Herz mit gottgleicher Coolness. 120 ist seine Nummer.
17. Dezember 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 64 - Drei Kleine Lichter
Folge 64 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 51/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
16. Dezember 2009 (0) Comments
Liebe, Kälte, Bäume, Zelte
Es war eine ganz und gar seltsame Zeit. Österreich war ins Trudeln gekommen, Werte hatten ihr Legitimation verloren und die Handelnden waren aus ihren Rollen getaumelt. Andrea Maria Dusl war in der Au. Im Dezember 1984.
Vor 25 Jahren.
Für Falter 51/2009
Im Mai 1984 hatte ein durchgeknallter Haufen Prominenter unter grossem Medienaufruhr zu einer “Pressekonferenz der Tiere” gerufen. Der grantelnde Wiener ÖVP-Stadtrat Jörg Mauthe, stets von einer Schwade Zigarettenrauchs umnebelt, kam als Schwarzstorch verkleidet, der Chef der freiheitlichen Jugend und spätere Grüßaugust Hubert Gorbach, parteifarblich korrekt als Blaukehlchen. Peter Turrini, polternder Wirtsstubenintellektueller betrat das Podium als Rotbauchunke und der junge ÖVP-Abgeordnete Othmar Karas als Kormoran. Primus inter pares war der Publizist Günther Nenning, der seine politischen Verantwortung als sozialdemokratischer Kasperl in der Rolle des “roten Auhirschen” wahrnahm. Die schrille Veranstaltung hatte einen Zweck: Mit den Mitteln poetischer Gschaftlhuberei und politischer Aufmüpfigkeit den Volkszorn gegen ein geplantes Wasserkraftwerk zu erigieren.
Die Gegner waren die Koalition aus Kraftwerksbossen, Gewerkschaft und Innenministerium. Hinter allem thronte schwerfällig und schwach ein beleibter Historiker, den Sonnenkönig Kreisky zu seinem Nachfolger bestimmt hatte. Fred Sinowatz, der recht behalten sollte mit seinem legendären Satz: “Es ist alles sehr kompliziert.”
Ich selbst war damals, um mit Hermes Phettberg zu sprechen, ein kleines Studenty an der Akademie der Bildenden Künste. Neugierig, tatendurstig und alert. Und weil mich das Künstlerleben am Schillerplatz nicht ausfüllte, hatte ich mich erfolgreich an Günther Nenning herangemacht. Der FORVM-Herausgeber und Doppeldoktor war ein beliebtes Ziel für deviante Publizistikgroupies und praktischerweise mit der WG-Kommilitonin meines Freundes zusammen, gehörte also zur Familie. Und eines Tages schepperte das Telefon, Handies gab es ja noch nicht und Günther Nennings franzeskojosefinische Zeitlupenstimme schnarrte aus dem Hörer. Ob ich Lust hätte, mitzukommen, es sei noch ein Platz frei im Taxi. Es ginge nach Hainburg, solidarisch zu sein mit den Besetzern der Bäume. Zu Verhindern, dass die Au geräumt werde. Aber sicher, sagte ich, schnürte den Rucksack, sagte den Eltern Lebewohl und setzte die Haube auf. Hainburg hatte ich bisher nur vom Postamt gekannt, von der knallvioletten Vierschillingmarke. Dass dort eine Au war, hatte ich nicht gewusst, Wasserkraftwerke hatte ich als herzensgut wahrgenommen und Revolutionen hatte ich bis dahin immer in sozialem Kontext gesehen. Das geplante Bäumeretten hatte immerhin avantgardistisches Potenzial. Und meinen Kumpan, den Dutschkefreund Nenning hielt ich für vertrauenswürdig in revolutionären Dingen.
Mit dem Taxi in die Au. Das hatte etwas großbürgerliches, anarachistisches, man konnte die ganze Aktion auch als großes künstlerisches Happening sehen. Und eines war mir klar: Es wurde Geschichte geschrieben. Es war Krieg. Und ich war dabei!
Meine erste Impression von der Naturschützerfront: Hainburg lag gar nicht in Hainburg. Hainburg war nur das Schlagwort, die Ikone. Das umkämpfte Gebiet selbst lag jenseits der Donau, über eine riesige Hängebrücke erreichbar, in einem Ort namens Stopfenreuth. Hainburg war nicht Hainburg, Hainburg war Stopfenreuth. Im Dorfwirtshaus brodelte es, Prominente gaben Interviews am laufenden Band. Ab in den Wald. Bäume retten.
Vor dem Wald, auf dem Hubertusdamm, standen die Gendarmen. Das Gebiet sei gesperrt, der Zutritt werde verweigert, sagten die Grauröcke. Wir gingen weiter, zwischen den Gendarmen hindurch, einige liefen. Und dann packte jemand meinen Ärmel. So fühlt sich das also an, jetzt bist du verhaftet, in Staatsgewahrsam, dachte ich, als die Gendarmen vier von uns zu fassen bekamen und in ihren VW-Bus bugsierten. Während die Gendarmen versuchten, andere aufzuhalten, öffnete ich seelenruhig die Bustür und begab mich wieder in Freiheit. Jetzt bist du Flüchtende, sagte ich mir. Die Positionen wechselten rasch in diesen Tagen.
Auf Forststrassen ging es in den Wald. Die Menschen gingen in Grüppchen, ganz so wie sie überhaupt in die Au gekommen waren, mit dem Shuttledienst der ÖH, mit Privatautos oder wie wir, mit Nennings Taxi. Alle paar hundert Meter waren Baumstämme und Zweige zu mannshohen “Barrikaden” aufgetürmt. Die Barrikaden der 48er waren das nicht. Diese Barrikaden hier waren symbolisch, man konnte um sie herumspazieren. Ich erinnere mich an Transparente, die über die Äste gespannt waren, Leintücher, mit dünnen roten Buchstaben bemalt. “Donau-Au statt Kraftwerksbau” stand auf ihnen, oder “Wer Bäume fällt, tötet auch Menschen”. Je tiefer wir auf den Fortswegen in die kahle Au vordrangen, desto mehr Menschen trafen wir. Lager hatten sich gebildet, kleine Dörfer, es brummte in ihnen. Manche der Bewohner harrten hier schon aus, seit der Bescheid zur Rodung der Au ruchbar geworden war. Es gab Küchenzelte, Infostände, Campingzelte, Tipis aus Plastikplanen, Lagerfeuer, Transparentwerkstätten, Kindergruppen, Pow-Wow-Wiesen. Und zwischen Studenten und Landadeligen, Altachtundsechzigern, Naturfreunden und Obskuranten taumelten Prominente durch den Wald. André Heller, die Denkerstirn aufgesetzt, Erika Pluhar das Haar walkürenhaft geöffnet, Friedensreich Hundertwasser mit Hofstaat und Zwölfmannzelt. Und dazwischen wieselte Freda Meissner-Blau herum, jederzeit an ihrer leuchtendgrauen Brillofrisur erkennbar.
Nach den ersten Ausflügen mit dem Taxi hatten auch wir uns Zelte besorgt, das heisst, Nenning hatte ein Zelt gekauft, im Hochalpinistengeschäft und darin sollten wir alle lagern. Ich gestehe, das war mir zu intim, Nenning war kein Kind von Traurigkeit, er nahm Herztabletten und hatte den Zenit seiner Schaffenskraft überschritten, aber er war brünftig wie ein junger Eber. Meine erste Nacht verbrachte ich nicht an seiner Seite, sondern in Lager Zwei, im Dezembernebel, an einem der Lagerfeuer im Stroh liegend. Der Unbekannte neben mir sprach auffallend wenig, er hörte gerne zu, er war aufmerksam, neu hier, wie er sagte, wollte wissen, wie das alles hier funktionierte, wer wer sei, und was passiere. Ob er mir seinen Unterschenkel als Polster rüberstrecken könne, fragte ich den Mann - er trug blaue Moonboots. Gewiss. Meine erste Winternacht habe ich auf den luftgepolsterten Winterstiefeln eines Staatspolizisten verbracht. Es sollte nicht das einzige intime Erlebnis mit der Staatsmacht bleiben.
War es in der selben oder der darauffolgenden Nacht, geheimnisvolles Funkgeräterhabarber lockte mich an. Es war stockdunkel, meine Augen waren verklebt vom Rauch der Lagerfeuer. Jederzeit sei mit dem Eintreffen von Gottfried Küssel zu rechnen, so ging das Gerücht aus dem Walkie-Talkie, der Neonazi habe die Stiefel angezogen, um mit seinen Recken die Linken im Wald ordentlich zu vermöbeln.
Sehr klug, sagte ich zum Mann mit dem Funkgerät, den Funk der Bullen abzuhören, blendende Idee. Ich bekam keine Antwort. Wortlos standen wir neben einem Barackenwagen, den die Kraftwerkserrichter auf einer Lichtung geparkt hatten. War es seine Idee oder meine? Jedenfalls brachen wir gemeinsam den Bauwagen auf, der Funkgerätemann und ich, machten es uns im fahrbaren Büro gemütlich und entfachten Feuer im kleinen Kanonenofen.
Eine seltsame Nacht. Nenning zeugte in seinem Hochleistungsbiwak gerade ein Kind, Friedensreich Hundertwasser feierte Party mit Green-Groupies, Schamanen trommelten sich in Extase und im Plastiktipi tanzten nackte Punks zu den sedierenden Schwaden eines “Megageräts”. Und ich, ich sass auf einem Stuhl in einem Bauwagon und starrte mit einem Staatspolizisten ins Zweigefeuer. “Glaubst, war des Illegal, den Wagon aufbrechen”, fragte ich den Unbekannten an meiner Seite. “Bevur dass i dafrier, bin i lieber Illegal”, sagte der Mann.
16. Dezember 2009 (0) Comments
Wie der Hund in die Pfanne kommt
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 51/2009
Liebe Frau Andrea,
im Kontext meiner studentischen Besetzungsaktivitäten reagierte ein Freund aus dem Inneren Salzkammergut per SMS mit dem Satz "Bei an jedn Hunddaschlogn dabei". Sinngemäß scheint damit gemeint zu sein, "jede Gelegenheit zum Mitmachen zu nützen". Zur Frage nach der Entstehung blieb eine Antwort aber bis dato aus. Bitte helfen Sie mir!
Richard Schachinger, Vöcklabruck, per Elektrobrief
Lieber Richard,
mit grosser Wahrscheinlichkeit hat der von Ihnen eingesammelte canohostile Ausdruck handfeste Wurzeln in lokaler alpiner Tradition. Eine hundemordende Salzkammergutbevölkerung müssen wir dennoch nicht hinter dem Sprichwort vermuten. Das Hunddaschlogn gilt heute als Synonym für jegliche Form von öffentlicher Veranstaltung. Das Zutodebringen von streunenden, tollwütigen oder kranken Hunden darf, dessen dürfen wir gewiss sein, als Gegenteil einer spassigen Veranstaltung angesehen werden. Jemandem also nachzurufen, er oder sie sei bei jedem Hunddaschlogn dabei, meint in Wahrheit gar nicht die Teilnahme an allfälligem Hundeerschlagen selbst. Vielmehr soll insinuiert werden, die so Bezeichneten würden keine einzige Gelegenheit ausfallen lassen, sich gesellschaftlich zu betätigen, und sei es, bei so etwas niedrigem wie dem Erschlagen von Hunden mitzumachen. Gut, das klingt jetzt alles ein bisserl gespreizt, Richard, aber ich denke, Sie verstehen mich.
“Mit an Oasch auf zwa Kiatog” zu sein, mit einem Arsch auf zwei Kirchtagen, oder ein “Schas im Reindl”, ein Darmwind in der Pfanne, wären schon mal derbe Ausdrücke, die jegliche Misokynie vermieden. Zwei andere Wendungen beschreiben, wie die Sache nach dem “Daschlogn” weiterginge. “Auf den Hund gekommen”, soviel wie: Verarmt, im Elend zu sein, bezeichnet den Prospekt auf den vierbeinigen Freund als Nahrungsmittel. Um die Überschreitung des Ernährungstabus nicht auszusprechen, verweisen Sprichwortdeuter hier auf mittelalterliche Geldkassetten, auf deren Boden ein Hund gemalt worden sei, der nur bei höchster Finanzebbe sichtbar geworden wäre. Das Bild ist dennoch eindeutig. Wollen wir schliesslich einen Ort bezeichnen, der an depressiver Unwichtigkeit und tragödischer Wertlosigkeit nicht zu überbieten sei, greifen wir zum Diktum, “hier ist der tote Hund begraben.” Wau wau!
www.comandantina.com dusl@falter.at
13. Dezember 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 63 - Symmetria
Folge 63 meines Unendlichen Panoramas. Die erste Folge der neuen Serie beginnt mit dem Ende der alten Serie. Alles endet am faustischen Bücherberg. Weil aber jedes Ende ein neuer Beginn ist, beginnt auch die neugezeichnete Serie des Unendlichen Panormas mit dem Bücherberg. Hinter dem Spiegel. Im Land hinter der Symmetrie.
Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 50/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
7. Dezember 2009 (0) Comments
Time Machine ::: Mark Twain

Mark Twain. Stereogramm eines Original-Silber-Gelatine-Abzugs aus der Okinawa-Soba-Sammlung. Vermutlich 11.Jänner 1908.
6. Dezember 2009 (0) Comments
Showtime ::: Mödling, Bühne Mayer ::: Lesung
Boboville goes Poughkeepsie. Im Rahmen der Boboville-Europa-Tournee mache ich Lesestation bei re.flex, der Plattform für Musik & Kultur in Mödling. Die Lesung wird von Songwriter und Dub-Indietronic-Balladist Bernhard Fleischmann in die tanzende Nacht katapultiert.
Samstag, 5. Dezember 2009
um 19:30 Uhr
Bühne Mayer
Elisabethstr. 22
Mödling
Niederösterreich
Infos & Karten: 02236/24481
...............................
--> Dusl buchen:
comandantina.dusilova@gmail.com
oder Renate Anderle, Residenzverlag
Telefon 0043 2742 802 1411
r.anderle@residenzverlag.at
Residenz Verlag
4. Dezember 2009 (0) Comments
Audimaxismus & Utopie
Für meine Kolumne TELESKOP in Ausgabe 60 von planet, der Zeitung der Grünen Bildungswerkstatt.
In der künstlichen Behaglichkeit des Club-2-Garnitur saßen sie einander gegenüber: Rektor und Hochschülerschaftsvorsitzende, Erzählfürst und Jusstudent, Alt-68er und Wirtschaftskämmerer, Studiermaus und Rebellin. Die Sofarunde des Staatsfunks reagierte spät – schlappe drei Wochen nach der Besetzung von Audimax und anderen Hörsälen – aber immerhin reagierte sie und ließ erörtern, „was die Studenten wirklich wollen”.
Dabei war die Frage völlig falsch gestellt, denn sämtliche Antworten beschäftigten sich damit, was die rebellierenden StudentInnen wirklich NICHT wollen. Überfüllte Hörsäle nämlich, Lotteriesysteme bei der Vergabe von Seminarplätzen und Praktika, Betreuungsverhältnisse im hohen dreistelligen Bereich, die Verschulung der Universität, die Ökonomisierung der Lehre, das Perpetuieren von Klassenunterschieden, die soziale Vererbbarkeit von Bildung.
Geht nicht, haben wir nicht, können wir nicht. Ist utopisch, ist naiv, ist weltfremd, gibt’s nicht einmal in Skandinavien. Rektor, Kämmerer und den konservativen Jusstudenten gingen bald die Argumente gegen die Legitimität der Forderungen aus. Ahnten sie, dass es bei der Besetzung von Audimax und der mittlerweile in die Hundert gehenden Hörsäle in ganz Europa um mehr geht, als um die Frage, wer bei der Vorlesung am Boden sitzen muss und wer die harte Bank drücken darf? Gar um die Frage, wohin unsere Gesellschaft gehen soll? In die nächste Runde eines unmenschlichen Gewinnkarussels oder in die Nachdenkpause eines aufgeklärten Diskussionsprozesses.
Die Forderungen der BesetzerInnen änderten sich ständig, monierte die Protestgegnerin. Das müssen sie auch, konterte die Audimaxistin, das sei das Wesen eines Diskursprozesses. An der Bruchlinie zwischen den beiden Studentinnen wurde das Wesen des Konfliktes unmittelbar sichtbar. Hie eine auf biografische Planungssicherheit Konditionerte, da eine postökonomistische Aufgeklärte, der es um nicht weniger geht, als um das Projekt Weltverbesserung.
Was getan werden kann, muss vorher einmal gedacht worden sein. Kein Wunder also, dass es die jungen Denkenden sind, die Studierenden, die auf den Hebeln der Utopie herumturnen. Die ökonomischen Eliten haben versagt, die großen Denkschulen irren im Dunkeln. Wie soll es weitergehen mit dem Planeten und seinen BewohnerInnen? Es sind die „naiven“ UtopistInnen in den Hörsälen der Alten Welt, die gerade an den neuen Antworten arbeiten. Seltsam nur, dass die „Fuzzy Revolution“ des Jahres 2009 ihren Ausgang in Schnitzelland nahm. Aber wie sprayen es Unbekannte gerade so richtig an deutsche Studentenstadt-Wände? „Wien ist überall!“
4. Dezember 2009 (0) Comments
Knallcharge Krampus: kinderschreckendes Kettengerassel
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 50/2009
Liebe Frau Andrea,
nächstes Jahr kommt meine kleine Tochter Zoé in den Kindergarten. Muss ich mit bleibenden Schäden rechnen, wenn sie in ihrer Vorschulkarriere Nikolaus und Krampus nicht kennenlernt?
Desirée Hinterleitner, Neubau, per Elektrobrief
Liebe Desirée,
mit einiger Sicherheit dürfte Ihrer kleinen Prinzessin die Begegnung mit dem Gut-Böse-Team des österreichischen Pantheons erspart bleiben. Es sei denn, sie griffen auf die Dienste privater Nikolaus-und-Krampus-Darsteller zurück. Davor möchte ich eindrücklich warnen. In die Rolle von Teufel und Bischof schlüpfen allzugern alleinstehende Männer, die sich tiefer in ihre Rollen versenken, als es Erziehungsberechtigten lieb sein sollte. Führende Kinderpsychologen haben sich inzwischen mit der Verbannung des Krampus aus Spielstuben und Krabbelwiesen abgefunden, das Fehlen von nikolaudischen Kindergartenbesuchen beklagen sie dennoch. Den Nachweis, dass Bartrauschen, Mitragewackel und das geheimnisvolle Wühlen in tiefen Säcken mit aufgeklärtem Heranwachsen in Einklang gebracht werden kann, bleiben sie schuldig. Sollten sie für ihre Tochter Zoé den Berufsweg einer Psychotante vorsehen, wären frühkindliche Erschütterungen durch erwachsene Verkleidete kein grosser Nachteil. Wie mache ich Prinzesschen, werden Sie mich jetzt fragen, mit dem Prinzip Gut-Böse vertraut? Nichts leichter als das, antworte ich Ihnen, das österreichische Fernsehen hält eine Palette von Sendungen bereit, die jede Schattierung zwischen Himmel und Hölle illustriert. Als Einstiegsvorlesung wollen wir an Andi und Alex aus der Küchensendung “Frisch gekocht” erinnern. Prof. Andreas Wojta und Prof. Alexander Fankhauser spielen behände auf der Klaviatur österreichischer Abgründe. Aber auch die hohen Momente heimischer Kleingötterdarstellung wollen ihnen gelingen. Erdiger geht es im Parlament zu. Zögern Sie nicht, Ihr Töchterchen schon früh mit dem Vokabular des parteipolitischen Insults vertraut zu machen. Eine Karriere im Hohen Haus werden sie gewiss zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der Glaskugel ihres Kindes Zukunft sehen, für die Sandkiste eignen sich die Mechanismen parlamentarischer Kommunikation allemal. Sollte sie darin noch immer zu wenig lebensschulenden Krampuseratz erblicken, bliebe immer noch das Hochleistungsmalefizium “Vera”.
www.comandantina.com dusl@falter.at
4. Dezember 2009 (0) Comments


