Oktober 2009
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Fünf Jahrgänge politische Zeichnungen im Magazin Format
Das Unendliche Panorama
Folge 57 - Pavor Victus
Folge 57 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 44/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
28. Oktober 2009 (2) Comments
Es Eingmochte einmagarieren
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 44/2009
Liebe Frau Andrea,
in einem beliebten Forum haben mehrere Leute am Rande von was ganz anderem über die Schreibung von "einmagerieren" vs "einmagarieren" diskurriert. Warum "einmagarieren", wie der Duden meint? Im Französischen scheint es fern mir zugänglicher Wörterbücher "magarer" bzw "se magarer" zu geben, vor allem im Zusammenhang mit ungünstigen Beziehungsentwicklungen. Oder soll ich mir die ganze Diskussion am besten gleich einmag'rieren? Bitte helfen Sie! Mit bestem Kratzfuß,
Mirko Burijan
1150 Wien, per Elektronachricht
Lieber Mirko,
vor der Erörterung allfälliger Herkünfte wollen wir dem unwienerischen Publikum und den Sprechern ferner Idiome näherbringen, worum es sich bei unserem “einmagriern” eigentlich handelt. Wenn die Wienerin oder der Wiener zum Ausdruck bringen möchte, eine Sache oder eine Person befinde sich ausserhalb des Fokus ihres oder seines ganz persönlichen Interesses, wird gerne das Verbum “eimagrían” zum Einsatz gebracht. Sätze können dann lauten: “Loss di eimagrían” (Lass dich einmagerieren) oder: “De gfeudn Wuaschdraadl kennan sa se eimagrían” (Die fauligen Wurstschnitten können sie sich einmagerieren). “Kannste knicken” würde der Deutsche sagen, vergessend, daß wir Wiener akut Einzumagerierendes oft gar nicht knicken können, kommt der Ausdruck doch vom Vorgang des Einmarinierens, Einlegens, des luftdicht in Gläser oder Tiegel Abfüllens. Seine Herkunft aus dem Französischen kann das Eimagrían (das "Einmagerieren") nicht ganz verleugnen. Es kommt von mariner (marinieren) und dieses wiederum von mariner (in Salzwasser einlegen). Das g hat sich das Wienerische zusammenhanglos aus der Margarine ausgeborgt. Das Wort für die streichfähige Kunstbutter ist seinerseits eine Erfindung. Der Name beruht auf einer Entdeckung des Pariser Chemieprofessors Michel Eugène Chevreul, der 1819 bei Forschungen über Rinderfett weissglänzende Kristalle in seinem Reagenzglas gefunden hatte und nach dem griechischen Wort „margaron“ (Perle) benannte.
www.comandantina.com dusl@falter.at
22. Oktober 2009 (1) Comments
Comandantinas iPhone-Ringtones ::: Hal's Warning
Aus der Serie
"Comandantina's
Original iPhone-Ringtones"
heute die erste Folge:
Wie wird's gemacht?
Ringtone
runterladen und
in iTunes
importieren.
22. Oktober 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 56 - Waldbooot
Folge 56 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 43/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
21. Oktober 2009 (1) Comments
Towntown: Taffe Typen, tolle Termini
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 43/2009
Liebe Frau Andrea,
zurückkommend aus New York City (NYC) ist mir in Wien folgendes Straßenschild aufgefallen: "TownTown" Da es in NYC immer entweder nach "downtown" oder nach "uptown geht", also entweder nach Süden oder nach Norden und es in dieser Stadt kein "town town" gibt frage ich Sie: Woher stammt daher in Wien die Bezeichnung: "towntown" ?
Cheers,
Alfred Weintoegl, Fan von NYC, per MailMail
Lieber Alfred,
wie sie schon sehr richtig expliziert haben, kennen wir den angloamerikanischen Ausdruck Downtown tatsächlich aus New York City, genauer genommen von der Insel Manhattan, in der Sprache der Algonkin-Indianer “hügeliges Land” genannt. Im Einklang mit der Tatsache, dass die Längsachse des New Yorker Stadteilands fast genau nordsüdlich ausgerichtet ist und damit auf einer Karte unten liegt, wird das Gebiet südlich der 14ten Strasse Downtown genannt, die Viertel nördlich der 59ten Strasse Uptown. Für alles dazwischen hat sich die Bezeichnung Midtown etabliert. Downtown genannte Stadtzentren haben auch andere amerikanische Städte, selbst wenn sie nicht nadelspitze, nach Süden gerichtete Stadtinseln sind. Der Begriff bezeichnet nach dem Vorbild des Financial District das wirtschaftliche und meist auch geographische Zentrum einer Stadt. Für das Zentrum von Wien hat sich seit dem Mittelalter der schlichte Ausdruck “Stadt” etabliert. Obwohl die meisten Radialstrassen Wiens bergab in die Stadt führen, und Unterstadt für alles innerhalb des Rings nicht ganz falsch wäre, hat sich bisher niemand getraut, den Ersten Bezirk Downtown zu nennen. Die von Ihnen auf einem Straßenschild gefundene Gemination “Towntown” bezeichnet ein neu errichtetes Geschäftsviertel im Erdbergermais, einer einst von einer Donauschlinge umflossenen Waldinsel im dritten Wiener Gemeindebezirk. Sehr wahrscheinlich haben sich die Textdichter des so bezeichneten Immobilienprojekts neben dem postmodern anmutenden Schiftbild mit innenliegendem Großbuchstaben vom Klang verführen lassen, der ja doch sehr deutliche Ähnlichkeiten mit der Businesseichel Manhattans bietet. Anglizismen führen in Österreich stets zu unfreiwillig komischen Ergebnissen. Die vielen Wellness-Spas, Business-Towers und Shopping-Clusters Österreichs geben hiervon radebrechend Zeugnis. Von all den Junctions, Terminals und Hubs ganz zu schweigen.
www.comandantina.com dusl@falter.at
18. Oktober 2009 (0) Comments
Vom Studieren
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 17.10.2009
Stellen wir uns eine Welt vor, in der das Lesen nur reichen Herren erlaubt wäre. Und ausgewählten Religionsexperten. Und einer Handvoll Spezialisten in Ämtern und Behörden. Die einfachsten Dinge in dieser Welt wären nicht mehr möglich. Zeitungen gäbe es nicht mehr. Straßenschilder wären sinnlos und auf den Packungen der Lebensmittel wären einfache Symbole gedruckt, wenn überhaupt. Die Welt, wie wir sie kennen, würde zusammenbrechen und ins tiefste Mittelalter zurückkatapultiert werden.
Stellen wir uns weiter vor, die meisten von uns könnten zwar bis zehn zählen, wüssten aber nicht, wie viel 14 mal 158 wäre oder vier Prozent von 2478. Wir wären auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass uns die wenigen, die rechnen können, nicht übers Ohr hauten.
Das Mittelalter, das ich hier an die Wand werfe, wäre nicht nur dunkel, sondern auch gefährlich. Schlappe 235 Jahre ist es erst her, dass Österreich die allgemeine Schulpflicht eingeführt und in solch tiefem Mittelalter das Licht aufgedreht hat. Andere Länder waren da schneller. Nun gut, wir haben ein wenig aufgeholt, können unsere Verträge selber lesen, das Urlaubsbudget ausrechnen und im Internet recherchieren, wann die neue Playstation kommt. Ich meine, wir können viel mehr. Österreich ist ein kleines Land. Wir lernen als Kinder, es sei das Land der Berge, vom Strom, von Äckern und von Domen, es habe Hämmer und sei zukunftsreich. Das wars dann auch schon. Von Rohstoffen und Handelszentren hören wir nichts. Wir stampfen also Skipisten in unsere Berge. Die Lifte und Gondelbahnen dafür betreiben wir mit dem Strom aus dem Strom. Mit den Hämmern dengeln wir Skischuhschnallen und auf den Äckern bauen wir Frühstückssemmerln an, die Panier fürs Schnitzerl und die Bramburi für den Erdäpfelsalat. Vor den Domen spielen wir Jedermann.
Bleibt die Zukunft. Was aber ist die Zukunft? Zukunft ist all das, was möglich ist. Möglich ist all das, was wir uns vorstellen können, minus dem, was wir nicht zusammenbringen. Eine gute Strategie für Österreich, das Land ohne Rohstoffe und Häfen, wäre es, in die Zukunft zu investieren. In Kenntnisse und Fertigkeiten. In alles, was möglich ist, in alles, was vorstellbar ist. Und in die Minimierung aller Vorbehalte, die da lauten: „Geht net“, „Kemma net“. Wer nicht lesen kann oder rechnen, wird sich zwar ein Apferl vorstellen können und einen Bohnenstingel, vielleicht sogar einen Skiliftbügel und den Schatz im Silbersee, aber keine integrierten Schaltkreise, keine Gensequenzen und auch der Unterschied zwischen Zauberberg und Bambiland wird ihm relativ powidel sein.
Österreich ist gut beraten, seinen einzig verfügbaren Rohstoff zu gewinnen, den Rohstoff Geist. Dieser wird auf Hochschulen und Universitäten geschürft. Und er wächst nach. Je mehr er gefördert wird, desto mehr von ihm sprudelt nach. Dass Studierende den Universitäten gerade die Türen einrennen, ist ein gutes Zeichen. Ein sehr gutes Zeichen. Diese Türen mit Zugangsbeschränkungen und Gebühren wieder zu verbarrikadieren wäre schiere Unvernunft.
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.
17. Oktober 2009 (0) Comments
Das Gespenst der Freiheit
Für ALBUM in der Standard-Printausgabe vom 17./18.10.2009
Andrea Maria Dusl über den wilden Osten und die Dame mit dem Hermelin
Da war der Eiserne Vorhang und dahinter der Kommunismus und die Raketen, und alles war gefährlich. Osten nannten wir es. Osten, das Reich des Bösen. Und eines Tages war das nicht mehr so. Eines Tages war der Eiserne Vorhang gefallen, hatte sich die Welt verändert. Nicht auf grünen Tischen und in präsidialen Besprechungsbunkern war das Undenkbare geschehen, sondern auf den Straßen, direkt vor unseren Augen. Eines Tages waren die Busse gekommen, zu Hunderten, stinkende, schmutzige Reisereptile, und in ihnen war die Reinheit gesessen. Die Ausgesperrten, die Entmündigten. Mit leuchtenden Augen waren sie zu uns gekommen in den goldenen Westen, hatten fassungslos in die Auslagen geschaut, nur ein wenig geschaut und geweint, weil das Glück der Freiheit in ihren Herzen Feuer entfacht hatte. Nie vorher und nie nachher habe ich das Glück in solch reiner Form gesehen, wie damals an einem kalten, verhangenen Herbsttag, als die Slowaken nach Wien gekommen waren, in ihren düsteren und schlecht riechenden Bussen.
An diesem Tag hatte sich auch meine Welt verändert. Was waren das für Menschen, die solch tiefer Gefühle fähig waren, die weinen konnten wie Kinder? Ich wollte dorthin, wo sie herkamen, den Strom der Emotionen aufwärtsrudern. Wollte in den Osten, in das Reich des Bösen. Auf dem Weg vom Heldenplatz, wo ihre Busse parkten an diesem einen Tag des kollektiven Reiseglücks, kam ich in der Herrengasse vorbei und stolperte in eine Kunstbuchhandlung. Und in dieser Kunstbuchhandlung fiel ich in eine Postkartenkiste. Und in der Postkartenkiste taumelten meine Finger durch Picassos und Mirós und Botticellis und Ucellos, und mein Gehirn rauchte. Ich wollte ein Bild finden für das Gesehene. Und dann blieb die Welt, die sich eben für immer verändert hatte, endgültig stehen. In der kleinen braunen Postkartenkiste, zwischen Mona Lisas und Anna selbdritts, sah ich das schönste Bild der Welt. Nie zuvor hatte ich es gesehen. Und auf magische Weise verband sich meine Ergriffenheit über die Freiheitstränen der Ostler in ihren rußigen Bussen mit dem Bild hier, mit der billigen Postkarte eines fernen Porträts.
Die Dame mit dem Hermelin hieß das Bild. Und es war von Leonardo. Nie zuvor hatte ich es gesehen. Es war zu schön, um vom Daniel Düsentrieb aus da Vinci zu sein, es war tausende Male eleganter als die dicke Mona Lisa, stärker als jede seiner Kriegsmaschinen, magischer als seine abgründigen Bibeldarstellungen. Es war und es ist das schönste Bild der Welt. Museum Czartoryski, Krakau, sagte die Postkarte auf der Rückseite.
Und dann, ein paar Stunden, nachdem die Grenze aufgegangen war, hatten wir uns in den alten Mercedes meines Vaters gesetzt, Rainer Egger und ich, und waren in den Osten gefahren, ins Reich des Bösen. Es war November, regnerisch und neblig, und trotz ihrer ganzen Hässlichkeit war diese fremde Welt eine sehr romantische. Voller Menschen, die ungeahnte Sehnsüchte und seltsame Paradiese in ihren Herzen bargen. Und dann begannen wir, kleine Filme zu machen über die Begegnung der Welten, über das zaghafte Verschmelzen der Wirklichkeiten, besuchten Bratislawa und die kleinen Karpaten und die Ausläufer der Tatra.
Schreibe über ein Bild, sagte der Standard zwanzig Jahre später. Es gibt nur ein Bild, über das ich schreiben kann, sagte ich. Es ist das schönste Bild der Welt. Leonardos La dama con l'ermellino, die Dame mit dem Hermelin. Rainer anrufen, dachte ich dann, Rainer fragen, he Rainer, hier Andrea, du, Folgendes, lach jetzt nicht, mir ist der Nebel eingefallen, Krakau, unsere Reise, unsere Reise durch die Tatra, nach Krakau. Wann war das? Es kann nicht mehr 1989 gewesen sein, in Zakopane lag kein Schnee. Es muss später gewesen sein. Mir fällt der Regen ein, auf der breiten löchrigen Straße nach Nowa Huta. Und die Sonnenstrahlen, die den Regen verjagt hatten. Und dass es milder Regen gewesen war. "1990 Polen" googelte ich, und da stand es auch schon: "Am 9. Dezember 1990 gewann Lech Walesa die Präsidentschaftswahlen und wurde für fünf Jahre Präsident Polens."
Und jetzt fällt wieder der nächtliche Krakauer Nebel ein und das große Wahlplakat von Tadeusz Mazowiecki, dem Mann mit dem traurigsten Gesicht der Welt, dem Liberalinski, der damals gegen Lech Walesa um den Titel "König von Polen" ritterte. Am Rynek Glówny hatten sie das Plakat aufgespannt, am Hauptplatz, auf ein Fachwerk aus Gerüstrohren, gleich ums Eck von dem Hotel, in das ich mit Rainer eingecheckt hatte. Obwohl wir damals noch nicht "eingecheckt" gesagt hätten. Hotel Saski hieß das Hotel, und wir haben dort nicht eingecheckt, wir sind abgestiegen. Ausgestiegen. Aus dem dunkelblauen Mietwagen. Ja genau. So war das. Saski hieß der Kasten.
Und dann erinnerte ich mich an den ersten Abend in Krakau. Wie wir vom Hotelzimmer hinuntergesehen hatten, aus dem ersten Stock des Saski, und das sehr wichtige Wort Kino gelesen hatten. Wie wir uns fertig gemacht hatten, was 1990 bedeutet hatte, sich unter eine Ladung Eau de Cologne zu stellen und mit dem nassen Finger über die Zähne zu fahren. In die hohle Hand zu hauchen und sich eine Kippe anzustecken, um den Mund zu desinfizieren.
Taxi Blues hieß der Film, Taksi-Blyuz, mit Ka-Es, er spielte in Moskau, im Taksifahrermilieu, an einem nebeligen Abend sahen wir ihn, gleich unter unserem Hotelzimmer, am Tag vor der Hermelin. Taksi-Blyuz hatte bei uns eingeschlagen wie ein Blitz. Ich erinnere mich nicht mehr an die Handlung, gewiss, ein Taxi kam vor, eine Wolga-Schüssel, und diese Frau, diese herbe, starke Frau, diese Russin, die uns sprachlos gemacht hatte mit ihrer Kraft. Rainer und ich waren in dem Kino gesessen, mitten im nebeligen Krakau, auf abgegriffenem Plüsch, und hatten kein Wort verstanden. Aber wir hatten verstanden, dass es keine Zufälle gibt. Hinter uns, an der Rückwand des Kinos, war die ganze Zeit der Vorstellung Licht gewesen. Ein kleines Tischchen war dort gestanden, fahl beleuchtet von dem Licht, eine dicke Frau hatte dort gesessen und aus einem Manuskript vorgelesen. Was hatte sie vorgelesen? Die polnische Übersetzung des Films.
Schon das wäre den Besuch der Vorstellung wert gewesen, hatten wir uns damals gedacht, dieses melancholische Gefühl, das sich eingestellt hatte, als die dicke Polin sämtliche russischen Charaktere in ihr Mikro gehaucht hatte, hinten, auf einem kleinen Tischchen sitzend, ein Kauderwelsch über das andere setzend. Und dann hatte sich die Russin, die Freundin des Taksifahrers, die Rainer und mich sprachlos gemacht hatte mit ihrer Kraft, plötzlich materialisiert, war auf die Bühne gestiegen, begleitet von der dicken Polin, vom Übersetzerzerberus. Das Kino hatte geklatscht, gescheite Fragen gestellt, auf Polnisch, der Übersetzerzerberus hatte übersetzt, und Natalia Kolyakanova, die Taxi-Blues-Schöne hatte gestrahlt.
Morgen würde das Unaussprechliche passieren. Wir würden die Dame mit dem Hermelin besuchen. Deswegen waren wir überhaupt nach Krakau gekommen. Wegen der zartfingrigen Schönheit mit dem elfenbeinernen Gesicht. Nur Leonardo konnte so etwas gemalt haben. Und es war nicht das Gesicht allein, das mich so fasziniert hatte, nicht die Zartheit ihres Körpers, das Kleid, der Schleier, die zarten Hände, die so stark waren und das unheimliche Raubtier bändigten, das kaltäugige Hermelin. Es war noch mehr in diesem Bild. Leonardos Dame hielt das Prinzip der Freiheit in Händen.
Ich erinnerte mich wieder, wie ich ihr verfallen war, der Mätresse, Lodovico Sforzas Puella. Auf einer Postkarte hatte ich sie zum ersten Mal gesehen. In einer Kunstbuchhandlung in Wien. Schräg gegenüber vom Filmmuseum und seinen Schätzen. Und die Welt hatte aufgehört, sich zu drehen. Die bewegten Bilder drüben, in der dunklen Kammer, hatten aufgehört, heilig zu sein. Weil dieses Bild hier ein ganzer Film war.
Es war schon eine seltsame Zeit gewesen, als der Eiserne Vorhang aufgegangen war, als der Nebel aus den Ritzen der Vergangenheit gequollen und sich wie milchiges Vergessen über den Osten gelegt hatte. In einer Nacht, so war es ins Rollen gekommen, das Hermelinsuchen, das Krakaufahren, hatte ich von einem Bazar geträumt, einfach so, ohne Anlass, ohne Auslöser, ohne Grund, von einer hohen Halle, düster gewölbt wie eine mittelalterliche Kirche, von Tüchern und Tuchballen, die darin feilgeboten wurden, in kleinen Seitengewölben, Läden gleich, von Kesseln und Karaffen, Schnitzwerk und Geschmeide. Und in diesem fernen und doch so nahen Traumraum war ich weitergestolpert, das Hermelin zu suchen, die Hermelinfrau, Ludovico Sforzas Geliebte. Bilder hingen in meinem Traum an der Wand, Landschaften und Porträts, Stillleben und Jagdstücke. Ein Korridor, eine Galerie, ein Heiligtum, eine Schechina. Und dann hatte sich der Raum verjüngt und mich ins Dvir gesogen, ins Allerheiligste, ins Sanctum Sanctorum, ins Kodesh Hakodashim. Und da war sie, Leonardos Geliebte, die Gallerani, die Dame mit dem Hermelin. Allein in diesem Raum, der mit blutrotem Samt ausgeschlagen war, wie der Stoff, der aus ihrem aufgeschlitzten Kleiderärmel quoll.
Und dann waren wir meinem Traum nachgereist, nach Krakau, und sind mit der Straßenbahn ins Czartoryski gefahren, den düsteren Kasten suchen, der nach Bohnerwachs roch und billigen Nikotinschwaden polnischer Zigaretten. Lächerliche Filzpantoffel hatten wir überstreifen müssen. Und es war alles wie in meinem Traum gewesen. Der Korridor, die Landschaften, die Porträts, die Stillleben, die Jagdstücke. Das Knarzen des Parketts, wenn wir mit unseren Filzkähnen durch die Salonfluchten rutschten. Und dann, von der Angst überschattet, es könnte alles anders sein, ganz anders, hatte sich, hinter den Landschaften, den Porträts, den Stillleben und Jagdstücken, tatsächlich ein Raum geöffnet, ganz wie ich ihn geträumt hatte. Dunkel, leise, leer. Ein wahrhaftiges Kodesh Hakodashim.
Und wie im Dvir in Salomons Tempel hatte ich es nicht gewagt, den Blick zu heben. Ich hatte mich still auf die Bank gesetzt, die in der Mitte des quadratischen Raums aufgestellt war. Die Augen geschlossen und gehofft aufzuwachen. Aber es war kein Traum gewesen, diesmal war ich tatsächlich bei Cecilia Gallerani.
Das Erste, was ich sah, nachdem ich es wagte, die Augen zu öffnen, war der dunkelrote Samt. Dann das damaszierte Gold des wuchtigen Rahmens. Und dann sah ich sie selbst, jenseits von Zeit und Raum, das Hermelin haltend, das sich böse und listig ihrem festen Griff zu entwinden suchte. Sie war noch schöner, noch unerreichbarer als in meinem Traum. Ich war allein mit diesem Bild, und mich schauderte. Ich fuhr mit Blicken das dünne schwarze Band entlang, das ihre Stirn in zwei Hälften schnitt.
Ich lächelte, als ich ihres Mundwinkels gewahr wurde, den sie leicht, unendlich leicht nach oben gezogen hatte, als würde sie wissen, das jetzt, im nebeligen Krakau des Jahres 1990, auf den Tag genau fünfhundert Jahre, nachdem sie Leonardo gemalt hatte, eine durchgeknallte Wienerin vor ihr sitzen und den Traum nicht von der Wirklichkeit würde unterscheiden können. Ich zählte die schwarzen Perlen, die ihren Hals umspannten, glitt am Flechtwerk ihres Zopfes entlang, verlor mich in ihrem flachgedrückten Busen und in dieser unfassbaren Hand, die das weiße Tier bändigte, das Gespenst der Freiheit. Und dann schossen Tränen in mein Gesicht.
Und ich wurde gewahr, dass ich nicht allein war auf der Bank. Rainer saß neben mir. Und die Russin. Die starke Russin aus dem Taksifilm. Auch sie hatten Tränen in den Augen.
................
Für ALBUM in der Standard-Printausgabe vom 17./18.10.2009
16. Oktober 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 54 - Desert Plane
Folge 55 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 42/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
15. Oktober 2009 (0) Comments
Onkelpreis Oscar, Objekt oder Opiat?
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 42/2009
Liebe Frau Andrea,
wieso nennt man den großen, großen Filmpreis, Oscar? Welche Persönlichkeit steckt hinter diesem Titel? (Wikipedia-nen völlig zwecklos!) Würde mich sehr interessieren, mit freundlichen Grüßen,
Eva E., per Elektropost
Liebe Eva,
ich danke Ihnen für die Schöpfung des Zeitworts wikipedianen. Bislang musste sich der deutsche Sprachraum mit den Neologismen wikipedieren, wikipedianieren und wikifizieren bescheiden. Die goldene Statuette, die alljährlich mit großem Pomp in einem Filmtheater in Los Angeles verliehen wird, heisst offiziell Academy Award of Merit, Akademiepreis für Verdienste. Mit Akademie ist die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) gemeint, eine professionelle Ehrenorganisation mit ungefähr 5.800 Mitgliedern im kreuzfahrtfähigem Alter.
Der Preis wird in mittlerweile über 30 verschiedenen Kategorien für die besten Filme des Vorjahres verliehen, wegen der Zulassungsprozedur ist er bis auf wenige Ausnahmen auf die US-Film-Produktion beschränkt. Trotz seines zweifelhaften Rufs als inflationäres Kaminmetall wurden bis dato erst 2.744 Oscars für 1.798 Preise ausgehändigt. 113 mal waren Österreicher nominiert, zuletzt waren das Maximilian Schell, Wolfgang Glück, Virgil Widrich, Hubert Sauper, Stefan Ruzowitzky und Götz Spielmann. Den letzten der bislang 33 Ösi-Oscars konnte 2008 Stefan Ruzowitzky ins heimische Klosterneuburg mitnehmen.
Um den Namen der gut 34 cm großen und knapp vier Kilo schwere Figur aus vergoldetem Britanniametall (einer Legierung aus Zinn, Antimon und Kupfer) streiten sich zwei Taufpatinnen aus den Dreissigerjahren. Bette Davis, so heisst es, habe den nackten Glatzkopf nach ihrem ersten Ehemann, Bandleader Harmon Oscar Nelson benannt, die Akademie-Sekräterin Margaret Herrick soll er an ihren Onkel Oscar Pierce erinnert haben. Wie auch immer, designed wurde die Statuette vom Bildhauer George Stanley. Als Nacktmodell mit Schwert wird der mexikanische Statist Fernández Romo (der spätere Schauspieler und Regisseur Emilio "El Indio" Fernández) namhaft gemacht. Um den Namen Oskar streiten sich auch das Altgermanische und das Keltische. Nach germanischer Etymologie kommt Oskar von Asgeir, “Speer Gottes”, nach irischer Legende vom gälischen Helden Oscara, soviel wie “Der die Hirsche liebt”.
www.comandantina.com dusl@falter.at
12. Oktober 2009 (0) Comments
Sätze von Welt ::: Tatyana
Er sucht uber eine Dating-Site und ich mochte wirklich Ihr Profil ab. Ich habe eine Nachricht auf der Website, aber leider haben Sie mir nicht geantwortet. Ich wollte Ihnen zu begegnen. Ich bat um Hilfe fur die Verwaltung der Dating-Plattform. Sie gern hat mir geholfen. Sie gaben mir Ihre E-Mail und jetzt habe ich diesen Brief schreibe. Ich bin sehr glucklich, da? ich jetzt personlich schreiben konnen Sie eine Nachricht. Ich hoffe, Sie nicht verlassen, ohne mein Schreiben aufmerksam und achten Sie darauf, mir zu antworten.
Hier ist meine e-mail: fwomentanya @ yahoo.com
Ich freue mich fur Ihr Schreiben zu warten.
Ihre neue Freundin Tatyana!
10. Oktober 2009 (0) Comments
Showtime ::: Andrea in St. Pölten - Café Schubert
Boboville kommt nach Poughkeepsie! Das Buch der Bücher über die Stadt in den Städten kommt nach St. Pölten! Andrea Maria Dusl liest beim "Beislfest" (ehemalige "Pubtour") in St. Pölten aus dem Roman »Boboville« und spielt im Anschluß an die Lesung funky tracks aus ihrem kleinen iPod.
Freitag, 9.Oktober 2009
um 19:00 Uhr
Café Schubert
St. Pölten
Der Eintritt ist frei!
Kommet und staunet.
...............................
--> Dusl buchen:
comandantina.dusilova@gmail.com
oder Renate Anderle, Residenzverlag
Telefon 0043 2742 802 1411
r.anderle@residenzverlag.at
Residenz Verlag
8. Oktober 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 54 - Booot
Folge 54 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 41/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
7. Oktober 2009 (0) Comments
Magie macht manches möglich
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 41/2009
Liebe Frau Andrea,
im Titel Ihrer letzten Kolumne zappelte ein Begriff, der mir seither nicht mehr aus dem Sinn gehen will. Das böse Wörtchen “Macht”. Liebe Frau Andrea, woher kommt die Macht?
Sara Beneder, Graz, per Elektropost
Liebe Sara,
Macht riecht nach Lederfauteuils hinter dicken Polstertüren, nach Managerschweiss unter Armanituch, nach der süssen Würzigkeit echter Cohibas und dem polierten Nussfurnier teurer Limousinen. Macht kann vererbt sein, erkämpft, verteilt oder konzentriert. Viele fürchten sie, die meisten hätten sie gerne, und allen ist klar: Macht kommt vom Machen. Falsch. Macht kommt sprachgeschichtlich von mögen, möchten. Ist doch Macht dem Können und dem Wollen näher als dem Machen, dem Tun. Jenseits der Kreidefelsen von Dover heisst Macht power, eine Entlehnung aus dem altfranzösischen poeir, po(v)oir. Es ist neben puissance noch heute ein französisches Wort für Macht und entstammt dem lateinischen potere, “können”, “fähig sein”, “potent sein”.
Phänomenologisch ähnelt die Macht von Boni-Zauberern und Umfrage-Beschwörern jener der Magier, der Zaubermanager und rituellen Beschwörer. Der Magier kommt über das lateinische magus und das griechische mágos vom altpersischen magus, magusch und bezeichnet ein Mitglied der iranisch-medische Priesterkaste aus dem Stamm der Mager, oder Magier, die Herodot und Strabon als zoroastrische Sternkundige, Ärzte, Priester und Gelehrte beschrieben.
Die deutsche Sprache kennt den Magier vor allem als Zauberer, dessen Tun bei den Germanen noch taubra, taufra geklungen hat und das Schreiben einer magischen - einer mächtigen - Formel bezeichnete. Das Wort kommt vom teafor, dem Rötelstein, der gerieben jenes Rot ergab, mit der die Zauberer die in Stein geritzten Runen ihrer Zauber-Sprüche einfärbten. Die Mächtigen von heute dürfen wir weniger in den Politikern als in der Kaste der Wirtschaftsmagier, der Manager, CEOs, Aufsichtsräte und Firmenbosse sehen. Sie zaubern an Kursen und Quartalsberichten herum, hexen Firmenmerger herbei und murmeln in stock exchange parlance, der den ökonomisch Unkundigen wie schwarzmagisches Abrakadabra vorkommen muss.
www.comandantina.com dusl@falter.at
5. Oktober 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 53 - Tiger
Folge 53 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 40/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
1. Oktober 2009 (0) Comments



