Zinnober, zornrot-zwielichtiges Zufallsprodukt

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 39/2009

Zinnober.jpgLiebe Frau Andrea,

neulich wurde ich mit den Worten „Die soll nicht immer so einen Zinnober aufführen“ abschätzig ausgerichtet, seither frage ich mich: Wo, wann und wie hat sich denn bitte so eine Farbe in den kollektiven sprachlichen Metaphernhaushalt einschmuggeln können? Meine reizende Handtasche Yulla und ich bitten Sie, geschätzte Comandantina, um sachkundige Aufklärung! Herzlichst die Ihre,

Eyulita (mit Yulla) per Zwitscherer und Elektropost

Liebe Eyulita, liebe Yulla,

wir alle kennen die leuchtendrote Farbe aus den Malkästen unserer Kindheit. Das Pigment Zinnober, chemisch Cinnabarit - eine der drei Modifikationen von HgS, Quecksilbersulfit, leitet seinen Namen vom lateinischen cinnabaris ab, dieses wiederum soll vom persischen zinjifrah, zu deutsch “Drachenblut” kommen. Bei den Römern war das rote Mineral sehr beliebt, aber auch sehr teuer und wurde gerne mit dem roten Farbstoff verwechselt, der aus vermes (dem Insekt Kermes vermilio) gewonnen wurde. Von diesem kommt die französische und englische Bezeichnung vermilon. China kennt Zinnober als Zhusha (rotes Mineral) schon seit fast 4000 Jahren, es spielt in Kunstgeschichte und Medizin des Reichs der Mitte eine grosse Rolle und gilt allgemein als Farbe des Glücks. Die Etymologen und Sprichwortforscher sind sich über Gründe für den pejorativen Gebrauch des Zinnobers nicht ganz im klaren. Am wahrscheinlichsten ist jene These, nach der Redewendungen wie “Zinnober reden” oder “einen unglaublichen Zinnober aufführen” aus den Küchen der Alchemisten stammen. Von den mittelalterlichen Goldkochern wurde Quecksilber als Essenz sämtlicher Metalle angesehen. Der Schwefel mit seiner gelben Farbe sollte ihrer Ansicht nach Quecksilber gelb färben und so künstliches Gold liefern. Quecksilber (Hg) und Schwefel (S) verbinden sich aber, ganz gegen die Wunschvorstellungen der Alchemisten, nicht zu Gold, sondern zu HgS, Zinnober. William Shakespeare hätte gesagt: “Much adoe about Nothing”.

www.comandantina.com dusl@falter.at

23. September 2009 © Andrea Maria Dusl

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Kommentare

Liebe Andrea Maria Dusl,
Comandantina der Herzen!

Meine Handtasche Yulla und ich bedanken uns für Ihre rasche, kompetente und so überaus wohlklingende Antwort auf die in uns so zinnoberrot brennende Frage! Und da ich ja ein Herz für Zufallsprodukte hab, gedenke ich mich mit der Farbe auszusöhnen! Jener Zugehmensch aber, der die Redewendung mir gegenüber so frech gebrauchte, wird in ein Chemielabor versetzt!
Soll er doch von nun an Farben mischen!

Herzlichst die Ihre,
Eyulita (mit Yulla)

EYULITA mit Yulla | 21.09.09 17:14

VIELEN Dank für deine berührende Geschichte über das Bild Die Dame mit dem Hermelin!

Letztens las ich auch "Ich spreche keine Sprache nicht" über den Maler Chaim Soutine von Josef Winkler im Presse-Spectrum: http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/515721/index.do

Und zu diesen zweien assoziierte ich die wirklich wunderbaren Kuhportraits von Barbara Anna Husar: http://www.husar.tk/pai006.php

Texte über Bilder und die Bilder selbst, die mich positiv aufwühlen.

Das Betrachten von Bildern ermöglicht mir - anders als bei flüchtigen Kunstformen, wie Film, Musik, etc - die Zeit anzuhalten und Zeiträume einzufangen (Du sprichst von der Ostöffnung vor 20 Jahren und der Entstehung des Bildes vor 500 Jahren).

Diese Momente des Zeitanhaltens verschmelzen ineinander. Die neuen überlagern die älteren. Da sie ohne Zeit sind, vermischen sich heutige und damalige Erinnerungen, Gedanken, Empfindungen. Die Bilder helfen mir den Tag Tag sein zu lassen, ein paar Schritte raus zu gehen und die Welt wiedermal von aussen zu betrachten.

Nur so...

lb | 27.10.09 15:20

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