September 2009
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Macht mich musizieren marode?
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 40/2009
Liebe Frau Andrea,
neulich erörterten wir die Schrecken der Berufskrankheiten. Mangels Erfahrungen an Hochöfen und in Quecksilberbergwerken fielen uns nur Freizeitmalaisen wie Sofasurfbauch und Postflexmigräne ein. Bis jemand in unserer Runde erwähnte, beim Headbanging seien schon einige Kids an Genickbruch gestorben. Ist Musik gefährlich?
Joe Grill, Ebensee/Margareten, per Elektropost
Lieber Joe,
über die Auswirkungen von Livemusik auf die körperliche und seelische Integrität von Jugendlichen zirkulieren die abenteuerlichsten Geschichten. Wir wollen die physische Komponente diverser Publikums-Turnübungen wie Pogo und Moshing, Stomping und Wrecking, Violent Dancing und Slamdance, Crowd Surfing und Headwalking nicht unterbewerten, aber: Die Hubschrauber steigen eindeutig öfter wegen verunglückter Skifahrer, Mountainbiker und Komatrinker auf. Über die Nebeneffekte des Headbanging kann uns Terry Balsamo, Gitarrist der US-amerikanischen Band Evanescence berichten. 2005 erlitt er infolge exzessiven Schädelschüttelns einen Schlaganfall. Mehr Glück hatte Craig Jones von der Maskenmetall-Band Slipknot - er fasste nur ein Schleudertrauma aus. Über tote Kids ist wenig bekannt, der Kwikwi scheint es auf Profis abgesehen zu haben.
Auch jenseits von Schwermetall und Todespunk leben Musiker gefährlich. Blechbläser berichten von Zahnfehlstellungen, ausgeleierten Kiefern und Metall-Allergien, Klarinettisten von Daumenzerrungen, Gitarristen und Pianisten vom Karpaltunnel-Syndrom und fokaler Dystonie vulgo Musikerkrampf. Andere gefürchtete Krankheiten im Orchestergraben sind Taubheit, Tuba-Lippen, Fagottbläser-Zeigefinger, Hornisten-Lähmung, Geiger-Nacken, Gitarristen-Nippel und Harfenistinnen-Krampf, das entzündliche Celloknie und die von Alkoholabusus begleitete Orchesterdepression.
Legendär und gefürchtet ist bei Jazz-Trompetern der Riss des orbicularis oris. Die Ruptur des mundumlaufenden Muskels heisst nach seinem prominentesten Opfer Louis “Satchelmouth” Armstrong “Satchmo-Syndrom”. Vor einer Krankheit, die jahrzehntelang durch die medizinische Fachliteratur geisterte, müssen wir uns nicht mehr fürchten. Der schmerzhaft-entzündliche Cello-Hoden wurde 1974 von der Alzheimer-Expertin Dr. Elaine Murphy und ihrem Ehemann Baron John, Chef einer Brauerei, schlicht und einfach erfunden.
www.comandantina.com dusl@falter.at
28. September 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 52 - Zebras
Folge 52 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 39/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
23. September 2009 (0) Comments
Zinnober, zornrot-zwielichtiges Zufallsprodukt
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 39/2009
Liebe Frau Andrea,
neulich wurde ich mit den Worten „Die soll nicht immer so einen Zinnober aufführen“ abschätzig ausgerichtet, seither frage ich mich: Wo, wann und wie hat sich denn bitte so eine Farbe in den kollektiven sprachlichen Metaphernhaushalt einschmuggeln können? Meine reizende Handtasche Yulla und ich bitten Sie, geschätzte Comandantina, um sachkundige Aufklärung! Herzlichst die Ihre,
Eyulita (mit Yulla) per Zwitscherer und Elektropost
Liebe Eyulita, liebe Yulla,
wir alle kennen die leuchtendrote Farbe aus den Malkästen unserer Kindheit. Das Pigment Zinnober, chemisch Cinnabarit - eine der drei Modifikationen von HgS, Quecksilbersulfit, leitet seinen Namen vom lateinischen cinnabaris ab, dieses wiederum soll vom persischen zinjifrah, zu deutsch “Drachenblut” kommen. Bei den Römern war das rote Mineral sehr beliebt, aber auch sehr teuer und wurde gerne mit dem roten Farbstoff verwechselt, der aus vermes (dem Insekt Kermes vermilio) gewonnen wurde. Von diesem kommt die französische und englische Bezeichnung vermilon. China kennt Zinnober als Zhusha (rotes Mineral) schon seit fast 4000 Jahren, es spielt in Kunstgeschichte und Medizin des Reichs der Mitte eine grosse Rolle und gilt allgemein als Farbe des Glücks. Die Etymologen und Sprichwortforscher sind sich über Gründe für den pejorativen Gebrauch des Zinnobers nicht ganz im klaren. Am wahrscheinlichsten ist jene These, nach der Redewendungen wie “Zinnober reden” oder “einen unglaublichen Zinnober aufführen” aus den Küchen der Alchemisten stammen. Von den mittelalterlichen Goldkochern wurde Quecksilber als Essenz sämtlicher Metalle angesehen. Der Schwefel mit seiner gelben Farbe sollte ihrer Ansicht nach Quecksilber gelb färben und so künstliches Gold liefern. Quecksilber (Hg) und Schwefel (S) verbinden sich aber, ganz gegen die Wunschvorstellungen der Alchemisten, nicht zu Gold, sondern zu HgS, Zinnober. William Shakespeare hätte gesagt: “Much adoe about Nothing”.
www.comandantina.com dusl@falter.at
23. September 2009 (2) Comments
Andrea Maria Dusl ::: Lesung buchen
Andrea Maria Dusl kommt und liest!
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Renate Anderle, Residenzverlag
Telefon 0043 2742 802 1411
r.anderle@residenzverlag.at
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22. September 2009 (0) Comments
Die Krise ist vorbei
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 12. September 2009
Es ist noch kein Jahr vergangen, da wurde die größte Krise seit Menschengedenken ausgerufen. Die Börsen rasselten ungebremst in den Abgrund, den Banken gingen erst das Geld und dann die Ausreden aus, Politiker taumelten kreidebleich und apathisch vor die Kameras und rangen nach Worten. Die Sterndeuter des Marktgeschehens sprachen vom Weltuntergang. Kein Stein, sagten sie, werde auf dem anderen bleiben, nichts werde nach dieser Krise so sein wir zuvor, die Menschheit müsse sich ein neues System ausdenken. Das Prinzip Geld, sagten sie, habe ausgedient. Aufstände, Hungersnöte, Seuchen und Pandemien, der dritte Weltkrieg stünden bevor. Glück werde haben, wer nur Hyperdeflation, Enteignung und Zahnausfall erlebte.
Die Ersten, die der Krise trotzten und in die Handys spuckten, waren die Schuldigen selbst. Wallstreetjongleure, Hedgefondskapitäne und Steueroasenwarte zuckten kurz mit der Wimper, legten sich eine Line und dann warfen sie den stotternden Weltmotor wieder an. Sie baten die Politik mit verschnupftem Timbre um das wenige Geld, das noch im Umlauf war, pumpten es in das marode Bankensystem und ließen sich als Trostpflaster gleich einmal ein paar Milliärdchen an Boni auszahlen. Eine Jacht auf den Bahamas ist eine ernst zu nehmende Verpflichtung, die leicht zu exogener Depression führen kann, wenn der Rumpf Muscheln ansetzt und die Bullaugen nicht geputzt werden. Auch ein Bugatti braucht Pflege. Katatonische Sechzehnzylinder hemmen die Innovationsfreude, Garagenluft macht traurig. Und die Vermeersammlung braucht schon aus Prinzip ein bisserl Zuwachs. Tut’s mit dem Geld nicht allzu öffentlich herumschmeißen, mahnte das protestantische Wirtschaftsgewissen. Machen wir, sagten die Manager.
Und siehe da, es wird Licht am Ende des Krisentunnels. Die Bugattimechaniker können demnächst auch an Werktagen wieder ins Casino gehen, die Jachtrumpfputzer sich neue Manschettenknöpfe drechseln lassen und den einen oder anderen Wildkrokomaßschuh bestellen und die Gemäldevermehrer mal wieder ausgiebig Hummer spachteln gehen. Langsam kommt der Konjunkturmotor wieder in Fahrt. Gewiss, die Banken haben einen Gang tiefer geschaltet und sind jetzt langsamer mit ihren Aktionen. Kredite werden nur jedem fünften Dahergelaufenen nachgeworfen und das Refundieren der Milliardenstütze wird konservativ betrieben. Schon in Hinblick auf die guten Werte gilt es, Kapital zu massieren. Neue, innovative Finanzprodukte wollen entwickelt werden, alte Ideen neu verpackt und der Staub zu den Akten gelegt. Von der Krise haben alle profitiert. Diejenigen, die verloren haben, haben gelernt. Diejenigen, die schon was wussten, dazugelernt, und die mit den Jachten und Bugattis haben ein bisserl gesunden Thrill erlebt. Solange nicht Schlimmeres passiert, sagen sie.
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.
21. September 2009 (0) Comments
Über den Urlaub
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 01. August 2009
Wer von uns erinnert sich nicht daran? An den ersten Sommer am Strand, an „Azzurro“ von Adriano Celentano und „Ti amo“ von Umberto Tozzi, an bunte Liegestühle, die abblätternde Farbe an den Badehäuschen, an ausgeblichene Schirme, Melonenverkäufer und brennheißen Sand. Wer erinnert sich nicht ans Luftmatratzenaufpumpen, Sandburgbauen und den ungleichen Kampf zwischen Sonnenöl und roter Haut. Wer kennt nicht den Geruch von staubtrockenen Krimiseiten, in der prallen Mittagssonne als Schattenwedel aufs Gesicht gelegt? Wer hat nie Muscheln aus den Schaumzungen der Wellenzipfel gefischt, dampfende Pasta Asciutta gewickelt und am Corso radebrechend Stracciatella con Nocciola bestellt?
Der Urlaub an der Adria gehört zum kollektiven Gedächtnis der Österreicher, das Italien der Strände zu ihren prägenden Erfahrungen im Ausland.
Warum tun sich das die Österreicher an? Weil sie es nicht anders gelernt haben. Der wichtigste Urlaub im Leben der Österreicher hat seinen Ursprung in den Sommerferien. Traditionell haben Österreichs Kinder in den Monaten Juli und August schulfrei. Das war immer schon so. Und es hat nicht damit zu tun, dass es während dieser Zeit in den Schulen zu heiß ist. Und auch nicht damit, dass Lehrer zwei Monate Ruhe zur Vorbereitung brauchen. Der Österreichische Sommerurlaub hat wirtschaftshistorische Gründe.
Weil das Gebiet des heutigen Österreich ein mäßig industrialisiertes Bauernland war, konnten Kinder sommers gar nicht in die Schule gehen. Sie wurden auf dem Feld gebraucht. Zur Einbringung der Ernte. Harte Zeiten für kleine Kinderkörper. Hart und heiß. Sonnenöl gab es nicht. Und kein Stracciatella-Eis.
Amtsstuben wurden dichtgemacht. Parlamente parlierten nicht und Landtage tagten nicht. Ministerien und Ämter reduzierten ihre Aktivitäten auf das Luftzufächeln mürrischer Portiere. Auch Großgrundbesitzer und Aristokraten mussten im Sommer auf den Acker. Die Herren sahen auf den fernen Gütern, deren Fruchtgenuss ihnen Reichtum und Stand sicherte, nach dem Rechten. Die Familien reisten gleich mit auf die Güter. Die Sommerfrische war erfunden.
Strandurlaube hatten medizinischen Charakter und waren vom Medikus verordnet. Die allerersten österreichischen Meerurlauber waren schwindsüchtige Töchterln und frauenleidende Gattinnen, tuberkulose Söhnchen und frischlufthungrige Mätressen. Die österreichischen Meerkurorte eiferten den großen Vorbildern an der Côte d’Azur und deren Publikum nach und orientierten sich an der Strandpromenadenlust der zaristischen Aristokratie und des englischen Adels. Hier liegt der Ursprung jeden Jesolo-Urlaubs. Die österreichische Sehnsucht nach dem oberadriatischen Meer verband sich mit den Italienüberfällen der deutschen Wirtschaftswunderkinder zu einem deutsch-österreichischen Adriafimmel.
Auch wenn die Durchschnittsfamilie mittlerweile auf Sardinien und Mallorca, an Schwarzmeerküste, Indischem Ozean und in der Karibik planscht, das Maß aller Dinge wird stets der Urlaub am oberadriatischen Badestrand sein, der von den heißen Pinienwäldern ins flache und friedliche Kleinmeer läuft. Azzurro. Con gelato.
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.
21. September 2009 (0) Comments
Der Iran ist weit weg
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 18. Juli 2009
Am 2. Juni besuchte der iranische Präsident die Hauptstadt. Bei seiner Ankunft demonstrierten rund 400 Dissidenten, riefen „Mörder, Mörder“ und forderten Amnestie für politische Gefangene. Sie trafen auf etwa 100 Präsidentenanhänger, darunter Agenten des iranisches Geheimdienstes.
Nach dem Eintritt des Präsidenten in das Rathaus der Hauptstadt griffen diese „Jubelperser“ die Gegendemonstranten plötzlich mit Holzlatten, Schlagstöcken und Stahlrohren an. Die anwesende Polizei griff bei der blutigen Prügelei nicht ein. Am Abend, anlässlich einer musikalischen Darbietung zu Ehren des Präsidenten, sollte sich die Gewalt schließlich weiter zuspitzen. Gegen 20.30 Uhr fiel ein Schuss, der den 26-jährigen Romanistik- und Germanistik-Studenten B. O. aus etwa eineinhalb Metern Entfernung in den Hinterkopf traf. Die Tat eines einzelnen Polizisten führte zu einer Ausbreitung und Radikalisierung der oppositionellen Studentenbewegung.
Klingt vertraut? Innenpolitische Nachrichten aus dem Iran lesen wir seit der „Wiederwahl“ des iranischen Machthabers Mahmud Achmadinedschad wieder häufiger. Aber obiger Text stammt gar nicht aus dem Iran. Ersetzen wir Präsident durch Schah Mohammad Reza Pahlewi, Hauptstadt durch West-Berlin und B. O. durch Benno Ohnesorg, folgt er faktengetreu einem Artikel in „DIE ZEIT“, datiert vom 30. Juni 1967. Der verblüffend aktuelle Text beleuchtete die Vorgänge, die zu den radikalen Studentenprotesten in West-Berlin und der BRD führen sollten.
Der Iran war nie weit weg.
Er liegt hinter der hintersten Türkei, weiter weg als der Irak und wird regiert von Männern mit langen Bärten, bösen Augen und schwarzen Turbanen. Jüngst hat die Mullohkratie, am 1. April 1979 von einem Exil-Ayatollah namens Ruhollah Khomeini eingeführt, wieder von sich reden gemacht. Der jackentragende Achmadinedschad, ein bäuerlicher Hardliner, der an mittelalterliche Religionsgesetze ebenso fanatisch glaubt wie an die normative Kraft der Atombombe, hat bei den jüngsten Wahlen einen „Erdrutschsieg“ eingefahren. Die unterlegenen Präsidentschaftskandidaten haben ihre Anhänger auf die Straße geschickt und sprechen von Wahlbetrug. Die Zivilgesellschaft bot sich blutige Straßenschlachten mit Polizei und Religionsmilizen. Die Proteste verloren rasch an Kraft. Die Regierung hat für Ruhe gesorgt. In den Schlagzeilen der Weltpresse kommt der Iran nicht mehr vor.
Der Iran ist weit weg. Gäbe es nicht Bistoon, MikVerbrugge, Sp4rrowh4wk, NiteOwl, Persiankiwi, Bijan und Oxfordgirl. Junge Iranerinnen und Iraner, die über den einzigen verbliebenen Kanal, den Internetdienst Twitter, Nachrichten aus dem Iran in die Welt kassibern. Wie Millionen andere der ebenso jungen wie gut ausgebildeten urbanen Mittelschicht sehnen sie sich nach Liberté, Égalité, Fraternité. Und nach einem laizistischen Staat. Sie wollen Ehebrecher nicht gesteinigt wissen und Schwule nicht an Baukränen hängen sehen. Sie möchte, so formulierte es eine junge Iranerin, „den Wind in ihren Haaren spüren“. Ohne dafür Stockschläge zu bekommen. Der Iran ist weit weg? Der Iran ist ganz nah.
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.
21. September 2009 (0) Comments
Räuber und Gendarm
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 13.06.2009
Als ich ein Kind war, lebten wir auf dem Land, eingezwickt zwischen Bergen, Einheimischen und deutschen Urlaubern. Es war die Zeit der großen Abenteuer. Jimi Hendrix zündete seine Gitarren an und Männer in weißen Tauchanzügen flogen zum Mond und drückten dort ihre Stiefel in den Staub. Und wir, wir rannten über die Wiesen und turnten durch die Wälder. Und spielten. Spielten Tarzan und Jane, Prinzessin und Astronaut, Einheimischer und Gast.
Was wir am liebsten spielten aber war Räuber und Gendarm. Räuber und Gendarm zu spielen, war ein ambivalentes Unternehmen, denn der Räuber war ein Guter, der etwas Böses, und der Gendarm ein Böser, der etwas Gutes tat. Das hatte mit der Wirklichkeit weit mehr zu tun als Cowboys und Indianer.
Auch der Nachbarsbub, ein verhätscheltes Wesen mit abstehenden Ohren und der Fähigkeit, in Orkanlautstärke zu heulen, spielte mit uns voll Inbrunst Räuber und Gendarm. Im Einklang mit dem biografischen Gefälle zwischen uns fasste der Nachbarsbub beim Auszählen stets die Rolle des Räubers aus. Und wurde dann von uns Gendarmen gejagt, gefangen und eingesperrt. Eingesperrt hieß in Kinderland so viel wie mit der Wäscheleine an den Apfelbaum gebunden zu werden. Unser Nachbarsbub hasste das Spiel und weinte viel, aber hinter unsere Auszähltricks kam er dennoch nie.
In seinem späteren Leben ist unser Nachbarsbub naturgemäß nicht Räuber, er ist, erraten, Gendarm geworden. Wann immer ich heute einen Exekutivbeamten sehe, erinnere ich mich unserer Kinderspiele. Hinter den Uniformen und Kapperln, Radarpistolen und Strafmandatsblöcken sehe ich unseren Nachbarsbub, an den Apfelbaum gebunden, um Gnade flennen. Das Auge des Gesetzes, so geht meine Theorie, weiß, wie sich der Räuber fühlt. Eine späte Bestätigung für diesen emotionellen Mechanismus erfuhr ich durch den Bericht eines Freundes, der auf der Wiener Mariahilferstraße von einem Uniformierten angehalten worden war, weil er, ohne stehen zu bleiben, einen Zebrastreifen überfahren hatte, neben dem der Uniformierte gelauert hatte.
Während der Amtshandlung, in dessen Verlauf sich die Positionen der beiden erhärten und ein Bargeld-Transfer von 36 Euro stattfindet, ereignet sich im Supermarkt hinter dem Polizisten ein unschöner Verstoß gegen die Spielregeln des guten Benehmens. Eine verzweifelte Frau rennt aus dem Pennymarkt, sieht den Polizisten und klagt, man hätte ihr gerade die Geldbörse geklaut. Ungerührt bleibt der Uniformierte bei seiner Zebrastreifen-Amtshandlung. Die Bestohlene und mein fahrradfahrender Freund sehen den Polizisten fassungslos an und insinuieren, er möge doch verbrechensaufklärerisch tätig werden. Ist der Dieb noch da?“, fragt der Polizist. Sie wisse es nicht, stammelt die Bestohlene. „Der ist längst über alle Berge“, murmelt der Polizist und kritzelt weiter an seiner Strafverfügung wegen Nichtbeachtens eines Zebrastreifens. Das Auge des Gesetzes, so geht meine Theorie, weiß, wie sich der Räuber fühlt. In Einklang mit dieser Erkenntnis sollte dringend das Kinderspiel „Fahrradfahrer und Gendarm“ eingeführt werden.
21. September 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 51 - The White Suit
Folge 51 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 38/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
19. September 2009 (0) Comments
Leonardos Gesicht
Sehr schöner kleiner Vortrag über das wahre Gesicht Leonardo da Vincis:
17. September 2009 (0) Comments
Transzendent: Taurus’ tolle Töne
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 37/2009
Liebe Frau Andrea,
beim Befahren des Semmerings mit einer Taurus-Lok fiel mir auf, dass diese beim Anfahren eine Tonfolge von sich gab. Wurde das beabsichtigt? Um welche Intervalle handelt es sich und wie kommen diese zustande? Rätsel über Rätsel! Ich vertraue auf Sie. Mit besten Grüßen,
Petra Herbek-Nechvatal, per Elektropost
Liebe Petra,
die von Ihnen auf hochromantischer Bergstrecke belauschte Lokomotive ist nicht nur hochmusikalisch, sie gilt auch als schnellste der Welt. Am 2. September 2006 stellte eine Siemens-Elektromotive vom Typ EuroSprinter 64 U4 (bei den ÖBB als Taurus III oder Typ 1216 bekannt) einen Geschwindigkeits-Weltrekord für handelsübliche E-Loks auf. Im mittelfränkischen Hilpoltstein, 30 km südlich von Nürnberg gelegen, beschleunigte eine 8.583 PS starke Taurus auf sagenhafte 357,0 km/h. Damit egalisierte sie den Rekord einer französischen Lokomotive, die 54 Jahre zuvor mit 331 km/h dahingetschindert war. Die Sounds, die Tauren beim Anfahren von sich geben, sind tatsächlich eine Tonfolge. Und sie sind das Ergebnis komplizierter elektrotechnischer Vorgänge, in deren genauer Beschreibung die Begriffe Frequenzsteuerung, Vierquadrantensteller, Wechselstrom, Gleichstrom, Pulsbreitenmodulation, Drehstrom, Pulswechselrichter, Fahrmotor, Fahrleitungsspannung, Kondensator, Spannungszwischenkreis, Einspeisung, Zwischenkreisspannung, Sinuswert, Pulsweitenmodulation, Asynchronmaschine, Fahrmotorwicklung, Taktfrequenz, Umrichter und Geräusch vorkommen. Um es kurz zu sagen: Techniker können die Taurus so einstellen, dass sie beim Anfahren Melodien von sich gibt. Spasseshalber waren in frühen Exemplaren schon die Lieder "Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld", "Es fährt ein Zug nach nirgendwo" und ähnliche Programmmusik zu hören gewesen. Das p.t. Bahnpublikum soll nur auf die Österreichische Bundeshymne positiv reagiert haben, und auch das nur in Maßen. Was blieb, ist die Tonfolge GAHCDEFGAHCD. Musiker kennen diese Variante der C-Dur-Tonleiter als G-mixolydische Tonleiter. Nichtpianisten können die Taurusmelodie jederzeit auf den weisse Tasten auf dem Klaviers anspielen. Für wahrhaftige Taurus-Coverversionen sollen Bahnfreunde allerdings ein Cello verwenden.
www.comandantina.com dusl@falter.at
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13. September 2009 (1) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 50 - Zladjan
Folge 50 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 37/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
12. September 2009 (0) Comments
Hollunder-Hollunder, Holunder und Frau Holle
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 37/2009
Liebe Frau Andrea,
warum heißt Herr Hollunder-Hollunder so? Hieß seine Frau mit Mädchennamen so, er auch und haben die beiden beschlossen, sich heiratenderweise zu verdoppeln? Oder ist es gar ein alter Adelsnamen? Mit besten Grüßen,
Petra Herbek-Nechvatal, per Elektropost
Liebe Petra,
sie kennen Martin Hollunder-Hollunder vermutlich von seinen öffentlichen Auftritten im Rahmen der Ermittlungen zum Schusswaffengebrauch in einem Kremser Merkur-Supermarkt. Tout Autriche wunderte sich über den seltsamen Namen des Bundeseinsatztrainers der österreichischen Polizei. Genealogen und Etymologen waren so ratlos wie Journalisten. Das Rätsel löste Hollunder-Hollunder schliesslich selbst, in einem Leserbrief an die Tageszeitung “Die Presse”. Chefinspektor Martin Hollunder-Hollunder hat ursprünglich weder Hollunder noch Hollunder noch Hollunder-Hollunder geheißen. Die hollundrische Gemination hat auch nichts mit der Abstammung aus einer ehemals adeligen Familie zu tun, sie ist auch nicht das Ergebnis eine Cousinenehe. Martin Hollunder-Hollunder, von Geburt mit einem der Öffentlichkeit nicht näher bekannten Nachnamen ausgestattet, hatte bei seiner Eheschliessung den Namen seiner Frau, Hollunder, angenommen. Und hieß seither selbst Hollunder. Seine Frau und er liessen sich scheiden, fanden aber später wieder zueinander und heirateten ein zweites mal. Als Zeichen seiner Zuneigung nahm der damals noch Martin Hollunder heissende Polizist noch einmal den Namen seiner Frau an – und stellte ihn seinem voran. Somit hieß er nun Hollunder-Hollunder. Ob sich diese standesamtlichen Vorgänge durch eine weitere Scheidung und Wiederverheiratung zum Namensgespenst Hollunder-Hollunder-Hollunder-Hollunder aufblähen liessen, ist zweifelhaft, immerhin kennt die Genealogie den Fall der deutschen Grafenfamilie Salm-Salm-Salm-Obersalm, die aus einer Vereinigung der Familienzweige Salm-Salm und Salm-Obersalm entstanden ist. Der Name Hollunder dürfte vom Holunder stammen, jenem strauchartigen Baum, der uns den köstlichen Holundersaft schenkt. Der Baum ist etymologisch und hagiographisch mit Frau Holle, der germanischen Haus-Göttin Holla, Holda verwandt. Goldmarie und Pechmarie im Grimmschen Märchen sind die personifizierten Echos der Effekte von Blüten und Beeren der kultischen Heilpflanze. Letztere führen wegen des enthaltenen Blaussäure-Glykosids Sambunigrin zu schweren, pechschwarzen Durchfällen.
www.comandantina.com dusl@falter.at
6. September 2009 (1) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 49 - Das gelbe Flugboot
Folge 49 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 36/2009.
Hier geht's zu sämtlichen Folgen als Endlosanimation ---> Das Unendliche Panorama - Directors Cut
2. September 2009 (1) Comments


