Treppe, Witz und Wurschtel

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 34/2009

Escalier.jpgLiebe Frau Andrea,

könnten Sie mir bitte einen Treppenwitz erzählen? Damit ich endlich weiß, was ein solcher ist.
 
Mit bestem Dank im Voraus,
Walter Stach, per Elektropost

Lieber Walter,

Obgleich Politiker traditionell wortreich in Erscheinung treten und auch Fähigkeiten zur Formulierung des einen oder anderen eigenen Gedanken zeigen, gilt der Usus, sich Reden von begabten Mitarbeitern und professionellen Redenschreibern verfassen zu lassen. Je höher die Position, desto grösser der Bedarf an brillianten Laudationes, launigen Vorworten und zitablen Presseaussendungen. Einer der Schreiber der Reden des sozialdemokratischen Langzeitbundeskanzlers Bruno Kreisky soll der legendäre Publizist, Moderator und Frühgrüne DDr. Günther Nenning gewesen sein, im Kollegenmund Günthergünther Nenning genannt.

Die gemeinsame rhethorische Kreuzfahrt des grantigen Sonnenkönigs mit dem faunisch-faustischen Schas-im-Reindl sollte in den Achtzigerjahren auf dem seichten Riff der Majestätsbeleidigung auflaufen und mit dem Kreiskyschen Diktum, Nenning sei ein “Wurschtel” untergehen. Die Fama will wissen, dass auch diese Rede von Nenning geschrieben wurde. Und auch jene, in der Nennings Hinauswurf aus der Gewerkschaft argumentiert wurde. Der obige Anekdotenbogen wäre ein Beispiel für einen Treppenwitz. Und zwar völlig unabhängig von der Erörterung der Frage, ob Nenning überhaupt eine Rede Kreiskys geschrieben hat. Der Ausdruck Treppenwitz wurde 1882 mit dem Bestseller “Treppenwitz der Weltgeschichte” des englischer Bankiers und Schriftstellers William Lewis Hertslet zum geflügelten Wort. In seiner Anekdotensammlung über diverse “Ironien des Schicksals” berichtet Hertslet kuriose und paradoxe Überlieferungen der Weltgeschichte.

Als Schöpfer des Begriffs aber gilt der französische Aufklärer und Enzyklopädist Denis Diderot. In seinem Dialog “Paradoxe sur le Comédien” (Paradox über den Schauspieler), prägt er 1773 den Begriff “L’esprit de l’escalier” und meint damit einen geistreichen Gedanken, der einem zu spät, nämlich erst am untersten Absatz der Treppe einfällt und deswegen in der aktuellen Runde oder Diskussion nicht mehr vorgebracht werden kann. Daraus drechselte Hertslet seine Interpretation des Treppenwitzes: “Der Geschichte fällt, gerade wie dem von der Audienz herunterkommenden Bittsteller, ein pikantes, gerade passendes Wort fast immer hinterher ein.“

www.comandantina.com dusl@falter.at

17. August 2009 © Andrea Maria Dusl

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