Bäume, die nach männlichem Samen riechen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 25/2009

Ailanthus-altissima.jpgLiebe Frau Andrea,

es ist wieder soweit: Wie immer um diese Jahreszeit hängt in den Straßen Wiens ein schwerer Duft. Ich vermute, der Odeur stammt von den Blüten eines heimischen Baumes. Das besondere dieses Buketts: Es erinnert mich fatal an den Geruch des Ejakulats von Homo sapiens. Dies ist je nach Stimmung und Hormonlage ekelig bis anregend. Ich bitte um Aufklärung, welcher Baum die frühsommerliche Irritierung meiner Nase verursacht!

Mit besten Grüßen,
Elfriede W., per Elektropost


Liebe Elfriede,

die von Ihnen beschriebene Olfaktion ist auch aus anderen Großstädten bekannt. Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig beschrieb den irritierenden Geruch 2002 in ihrer taz-Internet-Kolumne. Als Urheber des Geruchserlebnis machte sie irrigerweise Fraxinus ornus, die Manna-Esche aus. In einer anderen grossen Stadt war man schon Jahre davor vom öffentlich wahrgenommenen Geruch männlichen Ejakulats stark irritiert und begab sich auf die Suche nach den botanischen Stinkern. Die Enträtselung des urbanen Mythos von den “Sperm Trees of Los Angeles” wuchs mit der Schwierigkeit, die leichtflüchtigen und jahreszeitlich exklusiven Düfte bestimmten Baumarten zuzuordnen. Ernstgenommene Kandidaten waren bis zur eindeutigen botanischen Bestimmung des wahren Übeltäters Ceratonia siliqua, der Karob- oder Johannisbrotbaum, Ligustrum ovalifolium, der ovalblättrige Liguster und Castanea sativa, die Edelkastanie. Für die Wiener Geruchserlebnisse wurden bisher die Spermin produzierenden Blüten der Esskastanie und der Berberitze verantwortlich gemacht. Auch an frischgemähtes Gras und frühmorgendliche Balkon-Handerleichterung alleinstehender Männer als olfaktorische Urheber durfte gedacht werden. Der aussichtsreichste Spermageruchs-Kandidat in den geschilderten Grossstädten ist aber mit grosser Wahrscheinlichkeit Ailanthus altissima, der Götterbaum. Der Fiederblättrige Exot gilt als schnellstwüchsiger Baum in Europa und steht mittlerweile in fast jedem Wiener und Berliner Hinterhof. Seine ursprüngliche Heimat ist China und das nördliche Vietnam. Der Götterbaum kam 1740 mit dem Jesuiten und Amateur-Botaniker Pierre Nicolas d'Incarville nach Paris. Seine Wiener Karriere verdankt der Götterbaum, wegen seiner amaren Blätter auch Bitteresche genannt, dem Versuch, ihn als Nahrungspflanze der Ailanthus-Motte anzupflanzen. Seide aus dem Kokon des Ailanthus-Spinners gilt als haltbarer und preisgünstiger als übliche Seide. Die invasiv wildwachsenden Wiener Götterbäume dürfen als Nachfahren der 1856 eingeführten Bäume gelten. Der Baum blüht im Frühsommer. Für den, in Wien als “Tschuri-Fäula” bekannten Geruch sind ausschliesslich die männlichen Blüten verantwortlich. Bienen hingegen lieben den Götterbaum vorbehaltlos. Götterbaum-Honig ist trotz seines Geruchs äusserst wohlschmeckend.

www.comandantina.com dusl@falter.at

15. Juni 2009 © Andrea Maria Dusl

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