Predigtdienst in den Gardinen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 20/2009

Liebe Frau Andrea,

eine dringende Frage bedrängt mich, und gerne würde ich diese an der richtigen Stelle, nämlich bei Ihnen, sachte absetzen. Doch wie gehe ich korrekt vor? Beantrage ich Freundschaft hier im Buch mit den vielen Gesichtern, schicke ich Elektropost an den Falter oder laufe ich einmal um den Blog? Die Frage ist nämlich: Warum heißt die Gardinenpredigt Gardinenpredigt?

Über eine Antwort sehr freuen würde sich
Gabriela Harmtodt, per Facebook

Liebe Gabriela,

sei es die Gesichtsbuchdepesche oder Elektropost an den Falter, ich könnte mir korrekteres Vorgehen in sachten Absatzfragen gar nicht vorstellen. Des Laufens um den Blog oder des Freundschaftsantrag bedarf es nun nicht, wiewohl zweiteres sicher mit emotionalem Gewinn verbunden wäre. In der Sache selbst wollen wir auch fündig werden. Unter Gardinen stellen wir uns heute meist falbe und verstaubte Kunststoffvorhänge in muffeligen Fünfzigerjahrewohnungen vor. Das Wort ist aber wesentlich älter als die Fensterverhüllungsstrategien unserer Großeltern. Unsere Gardine kommt vornamentechnisch von den nordfriesischen Inseln Amrum, Föhr und Sylt, wo sie die weibliche Form des Vornamens Gard (Gerd) bezeichnet. In seiner Bedeutung als Vorhang kommt die Gardine vom niederdeutsch-niederländischen "gordijne". Das Wort verbreitete sich im 15. und 16. Jahrhundert und bezeichnete ursprünglich den Vorhang in den Kastenbetten der damaligen Zeit. In diesem Möbel und seiner Funktion dürfen wir auch den Ursprung der Gardinenpredigt suchen. Schon der Straßburger Humanist Sebastian Brant nennt 1494 in seiner spätmittelalterlichen Moralsatire “Narrenschiff” die nächtliche Strafrede der Gattin “Predigt”. Die Vorstellung des Bettvorhangs als Kulisse für den ehelichen Sermon tritt im 16. Jahrhundert hinzu. Der Ausdruck “Gardinenpredigt” ist im Deutschen nicht vor 1743 nachgewiesen. Die englische Entsprechung der Gardinenpredigt kennen wir schon seit 1637 vom englischen Bühnenautor Thomas Heywood und seinem Text “A Curtaine Lecture”. Das Frontispiz des Werkes zeigt ein zipfelbemützes Ehepaar in ihrem Himmelbett während einer intensiven Gardinenpredigt. Der Nachttopf ist in Griffweite.

www.comandantina.com dusl@falter.at

7. Mai 2009 © Andrea Maria Dusl

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