Mai 2009
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
SUBSCRIBE
Subscribe my RSS Feed

Befriend me at Facebook

Subscibe my YouTube Channel

Follow me at Twitter
hosted by
powered by Movable Type
Blue Moon
Channel 8
Channel 8 Diaries
Crazy Day
Dining Car
Heavy Burschi
In the Pipeline
Das Unendliche Panorama
Editorial Cartoons
Falter Covers
Neulich im Büro
Wienerinnen
Zeichenwelt
7 Sachen / Lauter Listen
Andrea Fragenlager
Boboville
Comandantina
Die österreichische Oberfläche
Essays
Features und Portraits
Fragen Sie Frau Andrea
Metaphysics
Om Dhom Khom
Quergelesen Ferngesehen
Salzgriesisch
Und dann traf ich...
Abstract is the World
Blue Moon Shooting
Boys and Girls from my Block
Breakfast Outside America
Kiev Markthalle
Little Shops of Horror
Phones of the World
Podcast von Dusls politischer Talkshow im Theater im Rabenhof
Das Photobureau von Comandantina Dusilova kümmert sich ums Schöne und Abseitige
Fünf Jahrgänge politische Zeichnungen im Magazin Format
Das Unendliche Panorama
Folge 36 - Cafe Sad Arab
Folge 36 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 23/2009
Eid ma Clack Shaw - Shake Your Memories
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 23/2009
Liebe Frau Andrea,
In seinem aktuellen Album "Sometimes I Wish We Were An Eagle" heult Bill Callahan einer Verflossen nach und kämpft damit, "to skake of memories", "fine memories", die ihn downfucken´. Vor Kummer in Schlaf versunken, träumt er den perfekten Song, der endlich alle Antworten darauf hat: "Eid ma Clack Shaw, simvoven derlba, mer depi venziner, go felly regda” (mein Transkript). Wie kann man solchen und ähnlichen Kummer abschütteln und welche Sprache muss man dazu offensichtlich beherrschen?
Mit besten Grüßen, Bernd Matouschek, per Gesichtsbuch
Lieber Bernd,
in seinem 13ten Album berichtet der US-Singer-Songwriter Bill Callahan, früher bekannt unter dem Namen Smog, mit dunkler Stimme aus den Landschaften seiner Seele. In einem Interview beschreibt der Underground-Poet die Grenzübertrittsformalitäten seiner Reisen zwischen Traum und Wirklichkeit: “Ich habe Melodien geträumt, die mein Herz zu Tränen rühren und von Songtexten, die die Welt aus den Angeln heben. Sobald ich aufwache, rennen sie zurück in den Wald.” In "Eid ma Clack Shaw” singt Callahan von jenem Phänomen, das Alfred Hitchcock François Truffaut in der Interview-Anekdote “Boy meets Girl” beschrieben hat. Der Unmöglichkeit, die absurde Grandezza von literarischen Trauminhalten in die Wachwelt hinüberzuretten. “Eid ma clack shaw”, skribbelt Callahan also im Halbschlaf auf einen Zettel, “Zupoven del ba, Mertepy ven seinur, Cofally ragdah”. Das Kauderwelsch klingt für deutsche Ohren nach Hillybilly-Gälisch, wird aber von Callahan-Text-Rezensenten für Gibberish gehalten. Beide Entschlüsselungszugänge müssen versagen. Für den einen fehlt dem Text jeder etymologische Bezug zum Inselkeltischen, für den anderen die Einfügung von Dada-Silben in existierende Worte. Gleichwohl kann die Beschäftigung mit ähnlichen, in vielen Ländern kursierenden Sprachspielen erfolgreich von akutem Liebenskummer ablenken. Schweden können Allspråket erlernen, Franzosen Verlan, Finnen Konttikieli und Vedkieli, Portugiesen die Língua dos Pês, Rumänen und Ungarn die “Vogelsprachen” Păsărească und Madárnyelv, Lateinamerikaner Jerigonza. Deutschsprachige mögen sich in der Löffelsprache, B-Sprache oder im Salzgriesischen verlieren.
www.comandantina.com dusl@falter.at
Eid Ma Clack Shaw --> Download mp3
Man wird ja noch träumen dürfen
Die EU-Kandidaten Othmar Karas (ÖVP), Ulrike Lunacek (Grüne), Hannes Swoboda (SPÖ) und Hans-Peter Martin (Hans-Peter-Martin) träumen von einer besseren EU. Dusilation zur EU-Wahl. Für Falter 23.2009




Kronenkraxeln

Die steirische ÖVP soll bei einem Verein inseriert haben, der auf seiner Homepage monarchistische Töne anschlägt. Dusilation für Falter 23/2009. Wegen Naglpflege nicht erschienen.
Der Jubelperser ist böse
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 22/2009
Verehrte Frau Andrea,
ich habe vor kurzem als Erklärung für das Wort "Jubelperser" gehört, dass die persische Botschaft regimefreundliche Studenten abgeordnet hat, um dem Schah bei seinem Berlin-Besuch 1967 zuzujubeln - als Kontrast zu den angekündigten Protesten. Gibt es ältere Erscheinungsformen der "Jubelperser"?
Mit besten Grüßen, Sebastian Toifl, 1150 Wien, per Elektropost
Lieber Sebastian,
“Jubelperser” ist ein Terminus der späten Sechzigerjahre. Der in Europa geläufige Ausdruck Perser für die Einwohner des Iran geht auf das Parsa der Achämeniden zurück, die im 6. Jahrhundert v. Chr. das erste persische Großreich schufen. Die Griechen bezeichneten mit Persis die Gegend um die heutige Provinz Fars um Schiraz, von ihr leitet sich auch die Bezeichnung Farsi für Persisch ab. Der Vater des von ihnen erwähnten Schah Reza Pahlewi hatte allerdings schon 1935 für das Land den früheren Namen Iran (von Aryānām Xšaθra, Arierland) eingeführt.
Das Jubeln kommt über das altfranzösische vom lateinischen iubilum, dem Freudenruf der Hirten und Jäger. Damit vermischt sich eine zweite Quelle, die den Jubel selbst bezeichnet. Nach dem mosaischen Gesetz war jedes 50. Jahr ein Jubeljahr, das mit dem Widderhorn (hebräisch jo̅vēl) eingeblasen wurde. Jubela, Jubelo, Jubelum wiederum hiessen die drei Steinmetzgesellen, die nach freimaurerischer Legende Hiram Abif, den Erbauer des Salomonischen Tempels ermordeten, weil er ihnen das geheime Meisterwort nicht geben wollte.
Ein Artikel über “Die Jubelperser” in “DIE ZEIT”, datiert vom 30. Juni 1967, beleuchtet die Vorgänge, die zu den radikalen Studentenprotesten in West-Berlin und der BRD führen sollten. Am 2. Juni besuchte der Schah West-Berlin für einen Tag. Bei seiner Ankunft demonstrierten rund 400 Schahgegner, riefen „Mörder, Mörder“ und forderten Amnestie für politische Gefangene. Sie trafen auf etwa einhundert Schahanhänger, darunter Agenten des iranisches Geheimdienstes SAVAK. Nach dem Eintritt des Schahs in das Schöneberger Rathaus griffen diese “Jubelperser” die Gegendemonstranten plötzlich mit Holzlatten, Schlagstöcken und Stahlrohren an. Die anwesende Polizei griff bei der blutigen Prügelei nicht ein. Am Abend, anlässlich einer Galaaufführung der „Zauberflöte“ in der Deutschen Oper zu Ehren des das Schah-Ehepaars sollte sich die Gewalt schliesslich weiter zuspitzen. Gegen 20:30 Uhr fiel ein Schuss, der den 26-jährigen Romanistik- und Germanistik-Studenten Benno Ohnesorg aus etwa eineinhalb Metern Entfernung in den Hinterkopf traf. Die Tat von Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras führte zu einer Ausbreitung und Radikalisierung der damaligen Westdeutschen und West-Berliner Studentenbewegung. Dass der Todesschütze in Diensten der Stasi stand, war damals nicht bekannt.
www.comandantina.com dusl@falter.at
Das Unendliche Panorama
Folge 35 - Cafe Sadamerica
Folge 35 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 22/2009
Der weisse Rabe ist nicht mehr
Andrea Maria Dusl über Paul Flora
Nachruf
Hungerburg, das gelbe Haus. Jeder Innsbrucker wusste, wer dort wohnte. In einer kleinen, zartgelb gefärbten Villa auf der Schulter der Stadt. Hinter Bäumen versteckt, gleich neben dem Gasthaus Linde. Einen Zwetschkenkernwurf von der Seilbahn aufs Hafelekar entfernt. Ein eleganter Herr mit schlohweißem Haar, einem pfiffigen Blitzen in den Augen und jenem vom Lachen aufgefalteten Gesichtsgebirge, das nur Südtirolern in die Wiege gelegt wird. Hungerburg, eine ewige Adresse. Der Mann mit der ewigen Adresse ist nicht mehr. Paul Flora ist in der Nacht auf Freitag den 15. Juni in einer Innsbrucker Klinik im Kreis seiner Familie gestorben. Vierzehn Tage vor seinem 87. Geburtstag.
Als 15jähriger hatte der Vinschgauer Flora jenes Schlüsselerlebnis gehabt, das ihm den Weg zum Künstler eröffnete: Er sah erstmals Zeichnungen von Alfred Kubin und wußte, er wollte Zeichner werden. Er zeichne, räsonierte Paul Flora in einem Katalogtext, um sich selbst zu unterhalten. Er sei also ein gewöhnlicher Egoist, dem es nicht um die Rettung des Abendlandes ginge. Lehren würden von Propagandisten verkündet und wer Botschaften habe, solle ein Telegramm schicken, zitierte er Billy Wilder. Matisse habe sich dazu bekannt, Bilder zu malen, die wie bequeme Sessel wirken, Schwitters wiederum angemerkt, er sei Künstler, und wenn er ausspucke, so sei dies Kunst. "Ich bin für Matisse", deklariert sich Paul Flora.
Mit der Rigorosität, die jede existentielle Lust begleitet, sass Paul Flora täglich vor Mittag an seinem Tisch in der Floraburg und zeichnete. Setzte behutsam und doch kraftvoll Federstrich um Federstrich aufs Papier. Schuf aus feinen Schraffuren, düster und melancholisch, zarte Wolken, in denen Harlekine turnten und Maskierte, kratze nervöse Strichgewitter aus dem Blatt, die sich zu Bergen, Palästen, und weiten Plätzen schoben, die von dicken Damen bevölkert waren, von hageren Bischöfen und knorrigen Tirolern. Und immer wieder zeichnete Flora Raben. Raben, Raben, Raben.
Privat unbestechlicher und unbeugsamer Homo politicus, hatte der Künstler Flora ein befreiendes Vergnügen daran, über sich und andere zu lächeln, ohne jemandem weh zu tun. Mit milder Melancholie traf er, der sich stets als Unzeitgemäßen betrachtet hatte, den Nagel der Zeit geradezu zärtlich auf den Kopf. Flora sei nicht ohne Traurigkeit, wusste Friedrich Dürrenmatt über den Zeichner von Weltruf: "In seinem Werk sind Welten untergegangen, und wir ahnen, dass auch wir untergehen."
Für Falter 21/2009. Meine Zeichnung von Paul Flora ist Produkt eines Kommunikationsunfalls mit Klaus Nüchtern und nicht erschienen.
Mehr über Paul Flora und meine Besuche bei ihm:
Sysiphos
Am Werdegang der geplanten EU-Richtlinie zu den Hedgefonds wird das Dilemma des Europäischen Parlamentes sichtbar. Zu einem Artikel von Matthias G. Bernold in Falter 21/2009.
Ins Bild klicken für 1000px-Version.
Faszinierend! Mr. Spocks vulkanischer Gruß
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 21/2009
Liebe Frau Andrea,
der neue Star-Trek-Film rollt auf uns zu, dabei gibt es noch eine alte Frage zu klären. Woher nämlich der seltsame Gruß kommt, den Mr. Spock mit der rechten Hand macht. Eine New Yorker Tante von mir behauptet, dies sei der Birkat Kohanim, er dürfe nur in einer Synagoge gemacht werden.
Über liturgische Aufklärung freut sich
Maria Cahon, Margareten
Liebe Maria,
Mister S’chn T’gai Spock, Erster und wissenschaftlicher Offizier an Bord des Raumschiffs Enterprise ist Halbvulkanier. In den Adern des Sohns eines vulkanischen Botschafters und einer terrestrischen Mutter fliesst grünes Blut. Als Spitzohr ist er der Logik verpflichtet und mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten im Umgang mit Computern gesegnet. Ein eleganter Nerd, würden wir sagen. “Dif-tor heh smusma!” sagt Mr. Spock in Vulkansprache, "live long and prosper!" Dabei hebt er die rechte Hand und spreizt sie zwischen Mittel- und Ringfinger. Die Geste ist orthodoxen Juden bestens bekannt. Sie ist - mit beiden Händen und gestreckten Armen ausgeführt - der Aaronitische Segen (hebräisch birkat kohanim), der älteste überlieferte Segenspruch der Bibel, benannt nach Moses Bruder Aaron. Von diesem stammen nach jüdischer Tradition die Priester und Hohepriester des Tempels ab, die Kohanim. Träger der Namen Cohen, Cohan, Cahon, Coen, Kohn, Kahn, Kahane gelten in mittlerweile 106ter Generation als direkte Nachkommen Aarons und dürfen unter Beachtung strenger Regeln, nach Aufforderung durch den Kantor den priesterlichen Segen sprechen. Kohanim müssen nüchtern sein, ihre Schuhe ausgezogen haben, die Hände gewaschen haben, am besten durch Leviten und wenn solche nicht anwesend sind, durch Erstgeborene, wobei diese vorher ihrerseits ihre Hände gewaschen haben müssen. Das Zeichen selbst repräsentiert den hebräischen Buchstaben Shin (שׂ) und steht für Shaddai, den Allmächtigen. Die Gemeinde darf bei der Segnung nicht auf die Kohanim schauen, bedeutet doch das Zeichen ursprünglich Gottes Fähigkeit, durch die Ritzen der Wände zu sehen. Just daran hielt sich der junge Leonard Nimoy nicht, als er mit seinem orthodoxen Großvater die Synagoge besuchte. Er lugte während des Kohanim-Segens unter dem Gebetsmantel des Großvaters hervor und war tief beeindruckt von der Magie und Theatralik der Zeremonie. In Erinnerung an diesen magischen Moment erhob der Star-Trek-Mime, während der Dreharbeiten zur Episode "Amok Time”, auf der Suche nach einer vulkanischen Geste seine Hand zum ersten Mal zum Vulkaniergruss.
www.comandantina.com dusl@falter.at
.........................................
Ask Rabbi Eliezer Wenger, author of over a dozen works on Jewish law from Beth Rivkah High School and Congregation Oneg Shabbos in Montreal, Canada
Ask Rabbi Ari Enkin
from Ramat Beit Shemesh, Israel
Das Unendliche Panorama
Folge 34 - Fuck Capitalism
Folge 34 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 21/2009
Predigtdienst in den Gardinen
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 20/2009
Liebe Frau Andrea,
eine dringende Frage bedrängt mich, und gerne würde ich diese an der richtigen Stelle, nämlich bei Ihnen, sachte absetzen. Doch wie gehe ich korrekt vor? Beantrage ich Freundschaft hier im Buch mit den vielen Gesichtern, schicke ich Elektropost an den Falter oder laufe ich einmal um den Blog? Die Frage ist nämlich: Warum heißt die Gardinenpredigt Gardinenpredigt?
Über eine Antwort sehr freuen würde sich
Gabriela Harmtodt, per Facebook
Liebe Gabriela,
sei es die Gesichtsbuchdepesche oder Elektropost an den Falter, ich könnte mir korrekteres Vorgehen in sachten Absatzfragen gar nicht vorstellen. Des Laufens um den Blog oder des Freundschaftsantrag bedarf es nun nicht, wiewohl zweiteres sicher mit emotionalem Gewinn verbunden wäre. In der Sache selbst wollen wir auch fündig werden. Unter Gardinen stellen wir uns heute meist falbe und verstaubte Kunststoffvorhänge in muffeligen Fünfzigerjahrewohnungen vor. Das Wort ist aber wesentlich älter als die Fensterverhüllungsstrategien unserer Großeltern. Unsere Gardine kommt vornamentechnisch von den nordfriesischen Inseln Amrum, Föhr und Sylt, wo sie die weibliche Form des Vornamens Gard (Gerd) bezeichnet. In seiner Bedeutung als Vorhang kommt die Gardine vom niederdeutsch-niederländischen "gordijne". Das Wort verbreitete sich im 15. und 16. Jahrhundert und bezeichnete ursprünglich den Vorhang in den Kastenbetten der damaligen Zeit. In diesem Möbel und seiner Funktion dürfen wir auch den Ursprung der Gardinenpredigt suchen. Schon der Straßburger Humanist Sebastian Brant nennt 1494 in seiner spätmittelalterlichen Moralsatire “Narrenschiff” die nächtliche Strafrede der Gattin “Predigt”. Die Vorstellung des Bettvorhangs als Kulisse für den ehelichen Sermon tritt im 16. Jahrhundert hinzu. Der Ausdruck “Gardinenpredigt” ist im Deutschen nicht vor 1743 nachgewiesen. Die englische Entsprechung der Gardinenpredigt kennen wir schon seit 1637 vom englischen Bühnenautor Thomas Heywood und seinem Text “A Curtaine Lecture”. Das Frontispiz des Werkes zeigt ein zipfelbemützes Ehepaar in ihrem Himmelbett während einer intensiven Gardinenpredigt. Der Nachttopf ist in Griffweite.
www.comandantina.com dusl@falter.at
Das Unendliche Panorama
Folge 33 - Votivpark
Folge 33 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 20/2009
Warum Moses und der Prophet das Schweinefleisch nicht mögen
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 19/2009
Liebe Frau Andrea,
täglich jagt eine Schreckensmeldung die andere, die Schweinegrippe greift um sich, eine Pandemie droht. Das Schwein ist böse! Wussten das schon die Schreiber des Alten Testaments?
Herzliche Grüße,
Elisabeth Cahon, Leopoldstadt, per Elektropost
Liebe Elisabeth,
mit Schweinegrippe wird eine Infektionserkrankung mit dem Humaninfluenzavirus A/H1N1 bezeichnet. Dieser Grippe-Subtyp wurde von Richard E. Shope 1931 im Journal of Experimental Medicine erstmals beschrieben. Weil der Nachweis aus Schweinen erfolgt war, firmiert diese Grippe unter dem Namen Schweineinfluenz. Mit Kaschrut und Halal, den religiösen Vorschriften von orthodoxen Juden und strenggläubigen Moslems den Konsum von Schweinefleisch bezüglich hat diese virologische Erkenntnis indes nichts zu tun. Auch die Tatsache, dass Schweinefleisch mit winzigen Fadenwürmern, den Trichinen befallen sein kann, hat auf die Speisegesetze keinen Einfluss, denn die winzigen Parasiten waren den Autoren von Tora und Koran nicht bekannt. Für Juden ist laut Moses’ 3. und 5. Buch Wajikra (Leviticus) 11,7-8 und Debarim (Deuteronomium) 14,8 der Konsum von Schweinefleisch deswegen verboten, weil das Schwein, obzwar es ganz gespaltene Hufe hat, nicht wiederkäut. Im Koran beschäftigen sich die Verse 2:173 und 16:115 mit dem Verbot von Schweinefleisch. Frühe Exegeten haben die orientalischen Schweinefleisch-Tabus damit erklärt, dass Schweine sich mit Vorliebe im Dreck wälzten, Kot und Aas frässen und deshalb im hygienischen Sinn als “unrein” gälten. Archäologische Funde belegen, dass im Nahen Osten zur Zeit des Neolithikums Schweine gehalten und gegessen wurden. Mit dem Verschwinden schattenspendender Eichen- und Buchenwälder, sei es, so der US-amerikanische Anthropologe Marvin Harris, ökologisch unklug gewesen, Schweine zu halten. Im Gegensatz zu Wiederkäuern können sie keine Pflanzen mit hohem Zellulosegehalt verdauen. Als Haustiere müssen sie, statt mit Gras mit Getreide oder anderen Feldfrüchten gefüttert werden. Dadurch wurden sie zu direkten Nahrungskonkurrenten des Menschen. Unter dieser religiös-ökonomisch argumentierten Schicht verbirgt sich indes ein noch viel grösseres Tabu. Weil Schweine auch Fleisch und Aas konsumieren, machen sie als bodengrabende Tiere auch davor nicht halt, flache Gräber zu öffnen und von menschlichen Leichen zu fressen. Ein ähnliches Tabu entstand für indonesische und thailändische Fischer nach der Tsunamikatastrophe vom 26. Dezember 2004. Sie weigerten sich, ihren Beruf weiter nachzugehen, weil Fische, so ihr Verdacht, von den, durch den Tsunami ins Meer gespülten Toten ässen.
www.comandantina.com dusl@falter.at
Das Unendliche Panorama
Folge 32 - Join The Eggheads
Folge 32 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 19/2009
Vier Tage
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 2.Mai.2009
Utah ist ein Staat im Südwesten der Vereinigten Staaten. Das ferne Mormonen-Ländchen in der Wüstensteppe nennt sich selbst gern „The Beehive State“, der Bienenstockstaat. Die Hauptstadt Salt Lake City wurde vom US-Magazin „Fortune“ im Jahre 1990 wegen der Qualität und Motivation seiner Arbeitskräfte gar zur „Nr. 1 U. S. City in which to do Business“ ernannt. Die Menschen in Utah dürfen also gemeinhin als fleißig erachtet werden. Bienenfleißig. Trotzdem hat Jon Huntsman Jr., Gouverneur des amerikanischen Bundesstaats, letztes Jahr eine bemerkenswerte Maßnahme für die 18.000 Staatsbediensteten seines Landes eingeführt. Die Vier-Tage-Woche.
Die Idee war eine ökonomische. Huntsman erhoffte sich durch die Aufteilung der 40-Stunden-Woche auf vier Tage eine Energieersparnis von einem Fünftel. Kein Pappenstiel in einer Zeit explodierender Ölpreise. Ein knappes Jahr ist seither vergangen, erste Ergebnisse von Huntsmans Maßnahme liegen vor. Die Energieersparnis blieb unter den Erwartungen, was aber überraschte, war die Tatsache, dass weit mehr als ein Drittel der Betroffenen mit großer Begeisterung hinter dem Konzept von vier Tagen Arbeit und drei Tagen Wochenende steht. Noch verblüffender aber ist die Erkenntnis, dass Produktivität und Arbeitsmoral gestiegen, die Krankenstände aber gleichzeitig gesunken sind. Weniger ist also mehr. Bedeutend mehr. Und ich wage die Behauptung, auch die zwei Stunden Mehrarbeit pro Tag ließen sich locker einsparen und verlustfrei in Glück und Gloria umwandeln.
Weniger könnte, wie es scheint, tatsächlich zum neuen „Mehr“ werden. Auch andere Bundesstaaten erwägen angesichts von Weltwirtschaf tskrise und politischem Paradigmenwechsel die Einführung der Huntsman’ schen Ideen.
Dürfen’ s denn des? Sie dürfen. Und auch uns in Schnitzelland, der Insel der Seligen, wie wir einmal päpstlicherseits genannt wurden, täte neuer Wind aus dem Mutterland der Ökonomie nicht schlecht. Wir könnten Weniger ganz gut brauchen. Weniger Ruacheln zum Beispiel, um es mal blumig auszudrücken. Weniger Geschwindigkeitsrausch, weniger Produktivitätsfieber und weniger Ausbeutungswahn. Weniger Lügen im Zusammenhang mit Arbeit und Effektivität wären ganz fein, weniger Zwangslagen auf den unteren Stufen der Verdienstpyramide, weniger Gefühle des Ausgeliefertseins auf den mittleren, und weniger Burn-out in den windigen Etagen ganz oben. Weniger Zeitsklaventum möchte ich uns wünschen, weniger Lebenszeitvernichtung, weniger Ungerechtigkeit, weniger Armut, weniger Unglück. Utopische Forderungen? Mitnichten. Menschenrecht.
Was dürfen wir uns erwarten von diesem provokanten Mehr an Weniger? Mehr Zeit mit unseren Kindern, mehr Zeit für uns selbst, mehr Zeit für Freunde. Mehr Schlaf. Mehr Ruhe, mehr Stille, mehr Freiheit. Mehr Freiheit, das zu tun, was uns mit Glück erfüllt. Mehr Seelenheil. Und für die, die noch immer im Spinnennetz des Neoliberalismus kleben, wird dieses Mehr an Weniger auch zu einem Wertzuwachs führen. Zu einem Mehr an Erkenntnis. Keine schlechte Währung übrigens.
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.



