April 2009
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Jack and Joe and Jill und der Rest der coolen Gang
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 18/2009
Liebe Frau Andrea,
neulich sassen wir bei Luft, Liebe und Lusik zusammen, der Frühlingsabend schlitterte in die Nacht und dann zappte jemand in Falcos “Kommissar”. Und dann, als der Titel auf Heavy Rotation lief, bissen wir uns an einer Textzeile und an drei Namen fest. Wer, liebe Frau Andrea, sind Jack und Joe und Jill?
Herzliche Grüße,
Reinhold Slavik, per Elektropost
Lieber Reinhold,
Während der Dreharbeiten zu “Kottan ermittelt” soll der noch unbekannte Hans Hölzel die Idee zu einem Song mit dem Titel “Der Kommissar” gehabt haben. Hölzel hatte in “Die Entführung”, der 11. Kottan-Folge den Keyboardplayer von Kottans Kapelle gespielt. Nach der Geburtstagsfeier von Lukas Resetarits, dem Darsteller des Major Kottan, sei der Text festgestanden, heisst es in einem Kurier-Artikel aus dem Jahre 1981. Die Text-Exegese von Falcos Welthit liefert ein vielschichtiges Bild. Neben dem Kommissar erwähnt Hölzel explizit und wiederholt die Namen Jack und Joe und Jill. Die drei sind die funky friends einer jungen Dame aus dem Miljeu, “das Herz so rein und weiss”, wie Falco singt, denn “jede Nacht hat ihren Preis.” Oben erwähnter Joe hat einen Bruder namens Hip, alle gehören zu einer coolen Gang. “Sie rappen hin, sie rappen her, dazwischen kratzen's ab die Wänd”. So zweideutig wie diese Textpassage - sie oszilliert zwischen dem Wiener Ausdruck für Sterben und dem Abkratzen von Wänden, um weisses Pulver zum Strecken von Kokain zu bekommen - sind auch die Konnotationen, die Falco in den Namen Jack, Joe und Jill versteckt hat. Hinter Jack verbirgt sich die Whiskeymarke Jack Daniels, hinter Joe der Joint (und mit ihm Haschisch und Marihuana). Etwas arkaner verhält es sich mit Jill. Damit ist “der Chill” und nach Auskunft von Zeitgenossen das Schlafmittel ®Mozambin gemeint. In einer anderen Lesart ist die Trias Jack, Joe und Jill die Entspannunsabfolge Masturbation (to jack off), das Rauchen eines Joes (Joints) und schliesslich das Chillen. In einer ähnlichen Interpretation stehen Jack und Jill jeweils für die Masturbation von Männern bzw. Frauen. Hinter Hip, dem Bruder von Joe erkennen wie ein Amalgam aus Hipsein, Heroinismus und (Black) Brotherhood. Jack und Jill wiederum kommen in einem englischen Kinderreim vor, der sich in einer der zahlreichen Deutungen auf die Guillotinierung von Ludwig XVI. (Jack) und Marie Antoinette (Jill) bezieht, in einer anderen auf eine Getränkesteueridee des englischen König Charles, der in den 1640ern die Hohlmasse Jack (1/2 pint) und Gill (1/4 pint) verkleinerte. Für Falcos Poesiekollegen Shakespeare schliesslich sind Jack und Jill Synonym für Mann und Frau.
www.comandantina.com dusl@falter.at
26. April 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 31 - Thank God for Lips
Folge 31 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 18/2009
24. April 2009 (0) Comments
Gspasslaberln, Tutteln und das Tor zum Himmel
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 17/2009
Liebe Frau Andrea,
bei gestriger Sichtung von Franz Novotnys “Exit... nur keine Panik” im wunderschönen Metro-Kino fiel mir Hanno Pöschls Bezeichnung der weiblichen sekundären Geschlechtsmerkmale als “G’spaßlaberln” auf. Darf man farbenfrohe Wortkompositionen wie diese in gegenderten Zeiten noch verwenden?
Herzliche Grüße,
Herr Nikolaus, per Elektropost
Lieber Nikolaus,
Recherchen meines Bureaus für Information-Wiederbeschaffung bei Exit-Drehbuch-Co-Autor Gustav Ernst haben ergeben, dass für die Verwendung des Altwiener Ausdrucks sowohl die Improvisationskunst Hanno Pöschls als auch ein Ernst’scher Original-Dialog in Frage kommen. Peter Wehle, Barpianist, Kabarettist und Nebenerwerbsgermanist kennt den Begriff Gspaßlaberln in seinem legendären Wörterbuch “Sprechen sie Wienerisch?” im Gegensatz zu “Tuttleln” als “kleine Brüste”. Sein Kollege Wolfgang Teuschl übersetzt die Bezeichnung in seinem “Wiener Dialekt Lexikon” hingegen nur als “Brüste”. Sprachlich reichere Beute hat der Soziologe und Kulturanthropologe Roland Girtler in seiner Rotwelsch-Anthologie über “Die alte Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden” an Land gezogen. Neben den Gspasslaberln und Tutteln notiert er für die weiblichen Brüste so blumige Ausdrücke wie: Malerei, das Geschäft, Balkon, Palatschinken, Glöckerl, Schwechal und Quastln. “Pummerin” dürfte die Bezeichnung für die einzelne, mächtige Brust sein. In der Strafvollzugsanstalt oder im einschlägigen Milieu werden sie sich mit diesen Begriffen gut durchschlagen können, in Gegenwart von Damen und Sprachpolizisten wird Obachtnahme auf das lokale Kolorit zu nehmen sein. Generell darf ich dazu raten, politisch korrektes Sprechen nicht als Einbahnstrasse zu betrachten. Vom Gebrauch medizinisch korrekter oder dudenkonformer Bezeichnungen möchte ich in Liebesdingen und Heiratssachen dennoch abraten. Für intime Momente kann spontane Poesie ebenso richtig sein, wie das gefühlvolle Zitieren erotischer Literaturpassagen. Erlaubt ist, was die Zielperson erfreut. Es soll Paare geben, die zu ganz individuellen Lösungen gefunden haben, “Bisi und Busi” etwa, oder “die zwei Freunde”. Auch aphoristische Lösungen, wie “die Nordkette”, “das Tor zum Himmel” und “die Muttis” sind gewiss nicht verboten.
www.comandantina.com dusl@falter.at
20. April 2009 (0) Comments
Filmen in Wien

Kleine Landkarte der kommerziellen Filmlocations in Wien.
Für Falter 17/2009.
19. April 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 30 - Sedmikrasko
Folge 30 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 17/2009
18. April 2009 (0) Comments
Kunstrasen oder Teppichplüsch?
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 16/2009
Liebe Frau Andrea,
in der Wiener Innenstadt finden Umbauarbeiten statt. Jedenfalls hat man am Graben den Straßenbelag temporär durch grünen Kunstrasen ersetzt - was soll das denn? Wäre im roten Wien nicht ein roter Teppich naheliegender gewesen - wobei Frau Stenzel, die Besitzerin der Innenstadt, ja ÖVP ist? Woher kommt überhaupt der rote Teppich und was hat er zu bedeuten?
Vielen Dank, Richard aus der Leopoldstadt, per Elektropost
Lieber Richard,
die Urahnin der Wiener Fußgängerzone, Vorläuferin aller deutschen Fuzos wurde schon in den 1920er Jahren in der Kettwiger Straße in Essen angelegt. Das Konzept einer verkehrsbefreiten Einkaufsmeile sollte nach dem 2. Weltkrieg in den devastierten deutschen Innenstädten zu einem wahren Reigen an Pedonalisierungen führen. 1953 wurde mit der Treppenstrasse in Kassel die erste moderne Fuzo eröffnet, Kiel und Stuttgart folgten kurze Zeit später. Mittlerweile hat sich auch das kleinste europäische Nest dem Phantasma der Flanierzonen und Spazierstrassen ergeben. Die Zentren der europäischen Städte sind ausnahmslos per pedes zugänglich. In Wien brachte der U-Bahn-Bau den finalen Impuls zur Pedestrifizierung. Ein erstes Provisorium, der "Weihnachtskorso" von 1971 auf der Kärntner Straße war so erfolgreich gewesen, dass es unbefristet verlängert wurde. Seit den späten Siebzigern ist die Wiener Fußgängerzone urbane Realität. Dreissig Jahre später sollen die Spuren, die Milliarden müde Toruristenschritte und Millionen morgendliche Lastwagenfuhren in den Pflasterungen von Kärntner Strasse, Kohlmarkt und Graben hinterlassen haben, saniert werden. Gerade eben wird in mehreren Etappen eine neue Fussgängerzonenoberfläche installiert. Statt durchgeknallter Trinkbrunnen wird es Magnolienbäume geben, der Schanigartenwildwuchs wird neu frisiert. Der von ihnen beobachte, sicherlich provisorische Kunstrasen mag ein schlecht kommuniziertes Kunstprokjekt sein, wobei als Urheber nicht unbedingt an Künstler gedacht werden muss. Auch eine Autrorenschaft von Magistratsbeamten ist denkbar. Das Verlegen eines roten Teppichs sollte bei allem Verständnis für die Regentschaftsrituale von Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel nicht befürchtet werden. Die moderne Sitte, bei VIP-Alarm rote Läufer zu verlegen, darf trotz aller Verdachtsmomente in Richtung Mittelalter in den USA verortet werden. 1902 verlegte die New York Central Railroad den ersten roten Plüschteppich. Als Leitsystem, um Passagiere des 20th Century Limited zu navigieren, des Eilzugs New York- Chicago, zu seiner Zeit die wichtigste Zugverbindung der Welt. www.comandantina.com dusl@falter.at
10. April 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 29 - Svoboda
Folge 29 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 16/2009
10. April 2009 (0) Comments
Der Paternoster
Andrea Maria Dusl ist im Palast der Industriellenvereinigung mit einem der letzten, sicher aber mit dem ältesten Personenumlaufaufzug des Landes gefahren. Für Falter 15/2009
“Guten Tag” sage ich, “ich komme von der Universität, ich bin Aufzugforscherin.” Die beiden Portiere, die in der Empfangsmuschel im Foyer des Hauses der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz sitzen, sind freundlich und nehmen meine kleine Lüge mit Gelassenheit. “Ich möchte mit dem Paternoster fahren”, sage ich. “Ausnahmsweise”, sagt der Portier. “Umso besser” sage ich. “Er ist da hinten”, sagt die Portierin.
Über ein paar Stufen geht es ins Hochparterre hinauf. Das Haus der Industrie ist der monumentale Palast der Industriellenvereinigung, 1906 bis 1909 vom Ringstrassenarchitekt Karl König errichtet. Im Stil der klassischen römischen Paläste des 17. Jahrhunderts. In Wien firmiert das unter Späthistorismus. Japaner stehen davor und staunen und vermuten einen pittoresken Fürsten hinter den Quadermauern. Aber hier gehen nur die Fabrikanten ein und aus, die Homepagefinanzierer, die Unternehmer. Feines Tuch, genagelte Schuhe, strenger Blick.
Das Konzept eines Aufzuges passt nicht so recht zur italienischen Feudalarchitektur. Als er eingebaut wurde, 1911, vom k.u.k. Hoflieferanten Anton Freissler war das elevatorische Zeitalter längst angebrochen. Aber anders als in den Hochhäusern in Chicago und New York spielt der Lift hier nicht die Rolle der zentralen Sehenswürdigkeit, der Lift ist hier nur verspieltes Gadget.
Es rumpelt und rasselt und knirscht. Das ist ganz normal bei Paternostern. Denn Paternoster sind ständig in Betrieb. Sie sind fleissige Arbeiter, benannt nach dem lateinischen Vaterunser, dem Repetetivgebet. Getäfelte Kabinen rumpeln an mir vorbei. Es riecht nach alten Möbeln, nach bohnergewachsten Böden, nach Schmierfett. Rechts geht es hinauf, links hinunter. Unablässig. In Gedanken steige ich ein. Einmal, zweimal. Fünfminutenlang plane ich den Einstieg. Hier hält man sich fest, sage ich mir, an diesem Griff, dann springt man hinein. Oder vielleicht soll man nicht springen, vielleicht soll man tänzeln? Mit einem Schritt, mit zwei? Ich erinnere mich an meine erste Paternosterfahrt, am Weltspartag 1973 war das, in der Creditanstalt. Oder an meine letzte, irgendwann in den 90ern, am Weg in die Penthouse-Mensa des NIG im Neuen Universtitäts-Gebäude der Uni Wien. Das gleiche Warten wie jetzt. Das Einsteigen in Gedanken. Die Phantasie des Zerquetschtwerdens zwischen den Stockwerken. Die Angst vor dem Kopfübergedrehtwerden bei der Fahrt ins Dach. Das Zögern. Das Warten auf die nächste Kabine. Und dann, jetzt ist es wieder soweit, eine Kabine kommt, ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser für die Pasternosterfahrt. Ein Tritt ins Leere, von unten schiebt der Boden, mein Knie wird weich, schnell das andere Bein nachgezogen, ich kralle mich an den Messinggriff. Ich bin drinnen.
Ich fahre Paternoster. Proletenbagger, wie es hiesse, wenn das hier ein deutsches Amtsgebäude wäre.
Es rumpelt, es rasselt, es quietscht, vor mir sinken die Stockwerke in die Tiefe. Wieviele Stockwerke hat die Creditanstalt, fragte ich mich bei meiner ersten Paternosterfahrt. Würde ich im letzten Stockwerk aussteigen können? Was, wenn im letzten Stockwerk jemand zusteigen wollte? Was, wenn es einen Stau gäbe im letzten Stockwerk? Wohin fährt mich der Paternoster, fragte ich mich. Wo dreht er um? Und dann verschmelzen gestern und heute. Es rumpelt noch stärker, es wird düster, der nussige Geruch von Möbelpolitur weicht dem tranigen Miachtler von tiefschwarzem Maschinenfett. Die Aufwärtsfahrt wird zu einem knirschenden Zurseiteschleifen, eine titanenhaft grosse Fahrradkette wird sichtbar, sie läuft über ein riesiges Zahnrad, zwischen den Speichen sehe ich eine altvatrische Motorenanlage, fahl beleuchtet vom düsteren Licht des Dachbodens. Meine Kabine scheint kurz still zu stehen, schiebt über den Scheitel der Kette und jetzt geht’s hinunter. Langsam fahren die Stockwerke vor mir in den Himmel. Paternosterglück. So war das auch damals als Kind, am Weltspartag. Die Dachbodenfahrt ist die Initiation, nach der Dachbodenfahrt kann nichts schlimmes mehr kommen. Das heile Überstehen der Dachbodenfahrt ist das Purgatorium. Einsteigen, Aussteigen geht nach der Dachbodenfahrt mit der Leichtigkeit von alltäglichem Gehen. Ich bin wieder im Geschäft. Im Paternostergeschäft. Sieben mal fahre ich die gesamte Strecke. Paternosterglück.
...........................
Paternoster (Personenumlaufaufzug ) im Haus der Industrie (Industriellenvereinigung), 1031 Wien, Schwarzenbergplatz 4, im Hochparterre rechts. Hersteller: A. Freissler, Ingenieur, Maschinen- und Aufzüge-Fabrik Wien X. Antrieb: Elektroantrieb über zwei parallel laufende Endlosketten, zwischen denen die Kabinen aufgehängt sind. Maximale Anzahl von Fahrgästen: 26. Anzahl der Kabinen: 13, Baujahr: 1911 (ältester der ca. 20-25 existierenden Paternoster Österreichs), Geschwindigkeit: 0.25m/s (ca. 0,9kmh). Kindern und Gebrechlichen ist die Benützung verboten. Gepäckbeförderung verboten. Weiterfahrt durch Boden und Keller ungefährlich und nicht verboten. Bei Gefahr Haltknopf betätigen. Ein- und Aussteigen während der Fahrt möglich. Aufschrift auf der Notleuchte der Kellerpassage: Fuck Capitalism.
Andere prominente Paternoster in Wien: Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, 1010, Stubenring 12. Rathaus, Hauptgebäude, Stiege 6, 1010, Friedrich-Schmidt-Platz 1. Prominentester abgebauter Paternoster: Neues Institutsgebäudes (NIG), 1010, Universitätsstraße 7.
7. April 2009 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 28 - Veselé Velikonoce
Folge 28 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 15/2009
7. April 2009 (0) Comments
Lenz, Larry, Lars und die langen Tage in Tel Aviv
Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 15/2009
Liebe Frau Andrea,
hat sie mir jemand getwittert, auf Facebook gepostet oder hab ich sie sonst wo aufgeschnappt, keine Ahnung, aber jetzt grüble ich und werd nicht schlau. Woher, liebe Frau Andrea, kommt die Wendung “der Lenz ist da!”
Herzliche Grüße, Aviv Cohen, per Elektropost
Lieber Aviv,
Ihre Anfrage kommt zur rechten Zeit, denn der Lenz ist tatsächlich da. Endlich da, möchte ich anmerken, nach monatelanger Inkubationszeit. Der Lenz ist niemand geringerer als der Frühling, 1920 verewigt in Walter Jurmanns berühmtem Schlager “Veronika, der Lenz ist da”. Der Frühlingssong des geborenen Wieners wurde zahllose male gecovered, die bekannteste Version stammt wohl vom deutschen Sextett Comedian Harmonists. Landläufigen Interpretationen zufolge kommt der Lenz vom männlichen Vornamen Laurentius, dieser wiederum soll eine Verballhornung des faunischen Strauchs Lorbeer (lateinisch laurus) sein. Was dieser mit dem Frühling zu tun hat, bleibt die Volksetymologie schuldig. Tatsächlich kommt der Heiligenname, und seine vielfältigen Derivate wie Lorenzo, Lars, Laura, Larry, Lorenz, Renzo, und Vavřínec von Laurentum, einer antiken Küstenstadt in Latium, südöstlich von Ostia gelegenen. Der Sage nach soll hier der römische Oberheld Aeneas gelandet sein und Lavinia, die Tochter des Sagenkönigs Latinus geheiratet haben. Tatsächlich hat der Lenz ausschliesslich germanische Wurzeln. Das westgermanische langa-tin(a) in der Bedeutung “lange Tage” soll, so die etymologische Forschung, zum althochdeutschen langez, lenzo verschliffen und schliesslich zu unserm Lenz geworden sein. “Der Lenz” müsste korrekterweise “die Lenz” heissen, “die langen Tage”. Aviv, lieber Aviv, das dürfte Ihnen bekannt sein, bezeichnet ebenfalls den Frühling, die Tage der Erneuerung. Bekannteste Trägerin ihres Vornamens dürfte die zweitgrösste Stadt Israels sein, Tel Aviv, der Hügel des Frühlings.
www.comandantina.com dusl@falter.at
5. April 2009 (0) Comments
Die Zukunft
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 4. April 2009
Dieser Tage erinnere ich mich oft an meine Kindheit. Die späten Sechzigerjahre. Die Welt flirrte vor Ideen. In Paris rissen sie Pflastersteine aus dem Boulevard und forderten eine bessere Welt, das Yellow Submarine befuhr den Ozean der Fantasie und auf dem Trabanten hüpften amerikanische Space-Konquistadoren durch den Sternenstaub. Sogar die Sowjetunion war noch voller Energie. Es war keine gute Welt, die Welt meiner Kindheit, aber sie war voll Zauber und voll Zuversicht. Sie war voll Zukunft.
Die Zukunft ist uns gründlich misslungen. In Paris brennen noch immer die Mistkübeln, statt mit dem Fantasie-U-Boot durch die Beatles-Welt fahren wir mit grottenhässlichen SUVs über löchrige Stadtautobahnen, der Mond ist zum faden Wrack verkommen und den Namen Sowjetunion kennen nur mehr die Historiker. Den Frühlingshauch meiner Kinderzukunft hat der neoliberale Turbo-Kapitalismus mit Monopolen und Kurscasinos asphaltiert, mit Mega-Unternehmen und Manager-Oligarchien. Und zwar gründlich. Im Vergleich mit den Konzernadmiralen von heute waren Dschingis Khan und Ivan der Schreckliche verzärtelte Sensibelchen.
Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Das war das Credo. Es klang gut und das sollte es auch, aber es war eine Lüge. Denn je besser es der Wirtschaft ging, desto besser ging es der Wirtschaft.
Und uns allen? Uns allen wurde das Weiße aus den Augen geholt. Jetzt geht’s der Wirtschaft schlecht und uns allen noch schlechter. Die Hedgefonds sagen, wir waren’s nicht, wir haben nur an unsere Anleger gedacht, die Anleger sagen, wir waren’s nicht, die Regierung hätte die Märkte besser kontrollieren müssen, die Märkte sagen, wir waren’s auch nicht, man hätte nicht dieses, man hätte nicht jenes. Und wenn niemandem ein Schuldiger einfällt, bleibt immer noch Bush. Bush ist an allem schuld. Bush und die Leute hinter Bush. Die Hinterbushisten. Die Neo-Cons. Die Ultra-Globalisierer. Und Bush würde, ganz ohne die Einflüsterungen der Hinterbushisten, wären noch Kameras auf ihn gerichtet, die zwei Gehirnwindungen über seiner Nasenwurzel runzeln, die Cowboy-Augen kneifen und das Zauberwort sagen: Osama bin Laden. Aber Osama gibt es nicht mehr. Und Bush gibt es nicht mehr.
Jetzt haben wir Obama und die größte Krise seit Menschengedenken. Sagen die Krisenforscher. Es wird noch furchtbar werden, sagen die Furchtbarkeitsforscher. Obama wird scheitern, sagen die Hinterbushisten. Wo ist das Yellow Submarine?, frage ich. Man müsste es besteigen und neu auf die Reise gehen. Wo sind die Denker, die uns jetzt die Zukunft ausdenken? Wir sollten sie mitnehmen im Yellow Submarine. Auf Forschungsreise gehen. Wo sind die Pflastersteinausreißer, die uns die neuen Wege ebnen? Wo die Utopisten? Wo die Aufklärer und Humanisten? Wo die Vordenker, Nachdenker, Querdenker? Wo ist der neue Mond, auf dem die Menschheit Fußabdrücke hinterlassen will?
Wo ist die Zuversicht, wo der Zauber? Wo ist unsere Zukunft?
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.
4. April 2009 (1) Comments
Zorn

Zu einem Artikel von Robert Misik in Falter 15/2009.
4. April 2009 (0) Comments


