Vom Quacksalben

Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 3. 1. 2009

Die Welt befindet sich in der Abwärtsspirale, in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren. In der schlimmsten seit Menschengedenken. So sagen es die Experten. Es sind dieselben Experten, die das Kommen ebendieser Krise weder vorausgesehen, noch irgendetwas unternommen haben, um dem heranrasenden Unglück rechtzeitig auszuweichen.

Sie haben versagt. Nicht in böser Absicht. Sondern in schierer Unbeflecktheit. In höchster Ahnungslosigkeit. Vom kleinen Kurszocker bis zum hoch gelobten Bankpräses. Vom Kleinstadt-Gemeinderat bis zum Weltmacht-Häuptling.

Der unregulierte Markt, sagen die Finanzpsychologen, habe das Vertrauen der Bevölkerung verloren. Es sind dieselben Finanzpsychologen, die noch vor wenigen Monaten paradiesische Prognosen aus ihren Kristallkugeln gezogen haben. Warum, frag ich mal keck, soll ich den Experten also noch irgendetwas glauben? Warum soll ich den Kassandra-Chören vom Weltuntergang so viel Gehör schenken, wie eben noch den protzigen Prognosen ungebremsten Wachstums?

Soll ich eh nicht, antworte ich mir dann. Denn es gibt keine Experten. Keine, denen man mehr glauben dürfte, als dass sie jetzt auch gerade ratlos seien. Gäbe es tatsächlich Experten, würden sie sich hüten, Prognosen abzugeben. Sie würden klammheimlich ihre Schäfchen hüten.

Die eigenen.

Im Trockenen.

Sie würden nicht schlecht bezahlt im Kundenberatungskämmerchen der Bankfiliale sitzen und Tipps auf Unberechenbares abgeben. Oder gut bezahlt im Fernsehen, in der Vorstandsetage und beim Weltwirtschaftsgipfel. Die Experten mit ihren föhngescheitelten Frisuren, den handgenähten Schuhen und Designersuits, den Netbooks und Blackberrys, sie erinnern mich fatal an die Zunft der barocken Ärzte. Auch sie galten zu ihrer Zeit als Experten. Zugespachtelt mit Bleischminke und Schönheitspflästerchen schleppten sie große Taschen an die Krankenlager ihrer Patienten, gefüllt mit obskuren Salben, modischen Wundbinden, weit gereisten Balsamen, ätherischen Ölen, bittere Tinkturen, marmorharten Pillen und wundersamen Pulvern.

Darmverschluss und Leukämie, Bluthochdruck und eitriger Angina rückten sie mit Aderlass, Quecksilbersalbe und der ellenlangen Klistierspritze zu Leibe. Und wenn alles nichts half, zückten sie die Knochensäge und schickten das Stoßgebet gegen Himmel. Von den Erkenntnissen und Methoden der modernen Medizin waren die Quacksalber noch Jahrhunderte entfernt. Was sie für Heilbehandlung hielten, war oft genug das Gegenteil davon. Nur in einem waren die Quacksalber richtig gut. Im Hochmut, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Wie es auch kam, nie trugen sie Schuld, wie denn auch, sie seien die Experten, sagten sie, sie irrten nie. Aber sicher.
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.

3. Januar 2009 © Andrea Maria Dusl

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