Fragen Sie Frau Andrea
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Leopolds Insel, Mazzes und Werd
Liebe Frau Andrea,
seit kurzem wohne ich im Zweiten Bezirk. In einer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in Zentralboboville, direkt im Karmeliterviertel. Bei einem Gemüsestandler habe ich den Ausdruck “Im Werd” aufgeschnappt. Eine Freundin meint, so hiesse die Leopoldstadt in Wirklichkeit. Stimmt das?
Leopoldstädter Grüsse sendet Ihnen Veronika Zobek.
Liebe Veronika,
das Gebiet des heutigen Zweiten Bezirk hat viele Namen. Im satirischen Kosmos Bobovilles heisst die Gegend um den Karmelitermarkt “Bobograd”. Der Ausdruck spielt mit der Erinnerung an die sowjetische Besatzungszone nach dem Zweiten Weltkrieg und seine heutige Nutzung als Schlaf-, Arbeits- und Fortgehstadt der Bobos. Der Karmelitermarkt hat seinen Namen vom benachbarten Karmeliterkloster. Mazzesinsel wiederum hiess die brettlebene, ehemalige Au in Anlehnung an die reiche jüdische Bevökerungsgeschichte der Donauinsel. 1625 hatte Habsburgerkaiser Ferdinand II. hier den Wiener Juden Raum für ein Getto zugewiesen, das Kollege Leopold I. bald räumen liess. 1670 liess er an Stelle der Synagoge die Leopoldskirche errichten liess. Seither heisst die Inselgruppe gegenüber der Stadt Leopoldstadt. Jüdisches Leben sollte dennoch wieder einziehen auf der Insel. Ihr ursprünglicher Name war Unterer Werd, sie war im Süden begrenzt vom Donaukanal, im Norden, gleich hinter dem Augarten, von einem Teil des Donauhauptstromes namens Fahnenstangenwasser und im Südosten von einem kleinen Wasserlauf namens Fugbach. Einen Oberen Werd gab es auch, er lag aber jenseits des Donaukanals, zwischen der heutigen Liechtensteinstrasse und der Rossauer Lände. Der Ausdruck Werd oder Wörth kommt direkt aus dem Althochdeutschen, von werid, erhöhtes Land im Wasser. Heute sind alle Donauarme im zweiten Bezirk versandet und zugeschüttet, mit einer Ausnahme: Das Heustadlwasser im Prater. Der Nachenweiher und seine Gestade geben einen guten Eindruck davon, wie es in der heutigen Bobohochburg einst ausgesehen hat. Im übrigen bin ich der Meinung, dass mein Kolumnenporträt weder meinem Aussehen noch meiner Persönlichkeit entspricht und ich mir daher wie die Mehrzahl meiner Kolumnistenkollegen zum Jahresendfest ein neues wünsche.
“Boboville”, der neue Dusl-Roman, bei Residenz erschienen. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 48/2008
24. November 2008 © Andrea Maria Dusl
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