Fragen Sie Frau Andrea
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Und dann traf ich...
Bartels Most
Liebe Frau Andrea,
letztes Wochenende habe ich mit meinem Freund einen Ausflug ins niederöstereichische Kirnberg an der Mank unternommen. Während des sonntäglichen Kirtags-Knödelessen im Dorfwirtshaus konnten wir zwei Kirnberger belauschen, die am Stammtisch die österreichische Innenpolitik besprachen und in der Exegese des Wochengeschehens zu folgendem Résumé kamen: “Wiad da Pröh in Feimau zang, wo da Bartel in Most hoit!” Bitte was? Wieso Most? Und wer ist der Bartel?
Viele Grüße,
Anna Sagnit, per Elektropost
Liebe Anna,
ganz offensichtlich haben ihre Tischnachbarn die beiden Chefverhandler von ÖVP und SPÖ, Josef Pröll (Pröh) und Werner Faymann (Feimau) gemeint, die sich momentan in der Warteschleife des ausgesetzten Koalitionsgespräches befinden. Obwohl ihre kleine Kirtags-Knödel-Geschichte im Mostviertel spielt, hat sie wenig mit dem gegorenen Apfeltrunk zu tun. Die landläufige Meinung, ein gewisser Bartholomäus, Bartel genannt, sei allein deswegen handlungstechnisch im Vorteil, weil er wisse, wo der Most eingekellert ist, ist weit verbreitet, aber grundfalsch. Die Redewendung kommt aus dem Rotwelsch, der Sprache der Gauner und Bettler und verwendet zwei Hebraismen, die aus dem jiddischen entlehnt wurden und weder mit Apfelwein noch mit einem Herrn Bartl zu tun haben. Most ist nicht vergorener Obstsaft, sondern Moos, das Geld, von der Mehrzahl des jiddischen moo (Pfennig, Geld). Bartel ist eine Verschleifung des jiddischen Wortes Barsel (Eisen). Wenn der rotwelsche Barsel wusste, wo er das Moos holt, dann deswegen, weil das Brecheisen wusste, wo das Geld lag. Welches Brecheisen Josef Pröll nun wiederum vorschwebt, um Kollegen Werner Faymann zu zeigen, wo die Verhandlungssumme liegt, lässt sich mangels weiterer Textfragmente aus ihrem belauschten Gespräch nicht sagen. Im übrigen bin ich der Meinung, dass mein Kolumnenporträt weder meinem Aussehen noch meiner Persönlichkeit entspricht und ich mir daher wie die Mehrzahl meiner Kolumnistenkollegen zum Jahresendfest ein neues wünsche. “Boboville”, der neue Dusl-Roman, bei Residenz erschienen. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 47/2008
17. November 2008 © Andrea Maria Dusl
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