November 2008
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Podcast von Dusls politischer Talkshow im Theater im Rabenhof
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Fünf Jahrgänge politische Zeichnungen im Magazin Format
Showtime ::: Rabenhof - Kolumnennacht 2008
Die lange Nacht der kurzen Kolumnen
Edelfedern unter sich, schreibt der Rabenhof. Wir seien nicht das Salz in der österreichischen Mediensuppe, sondern die Kirschen im heimischen Printmediencocktail. Oké.
Mit mir (Andrea Maria Dusl) lesen die Printkirschen Dieter Chmelar, Bettina Eibel-Steiner, Daniel Glattauer, Nikolaus Glattauer, Manfred Gram, Angelika Hager, Elfriede Hammerl, Michael Hufnagl, Peter Iwaniewicz, Doris Knecht, Wolfgang Kralicek, Gabriele Kuhn, Rainer Nikowitz, Rainer Nowak, Klaus Nüchtern, Hosea Ratschiller, Hans Rauscher, Harald Schume, Christian Seiler, Marga Swoboda, Guido Tartarotti, Günter Traxler, Thomas Weber.
Die lange Reise in die Nacht moderieren die bekannten Satire-Kräfte Florian Scheuba & Thomas Maurer.
RABENHOF THEATER
30. November 2008
20:00 Uhr
Kartenreservierungs-Hotline: Tel. 01/712 82 82
Infos + Onlinereservierung unter:
www.rabenhof.at
Preise: € 15,- / 12,-
1030 Wien,
Rabengasse 3
Tel +43 1 712 82 82
Fax +43 1 712 82 82 DW 65
29. November 2008 (0) Comments
Die Krise
Für meine Gast-Kolumne 'Lebensart' in den Salzburger Nachrichten vom 29. 11. 2008
Einer meiner Brüder arbeitet an der Börse. „Im Umkreis der Börse“, wie er es nennt. Er ist einer, der das Börsengras wachsen hört, er kennt sich aus mit dem Vielerlei an „Produkten“, wie die Geldbeweger das Ungreifbare bezeichnen, mit dem sie handeln und spekulieren, auf das sie wetten und mit dem sie zocken.
Vor einigen Wochen überraschte er uns mit der kryptischen Mitteilung, nichts würde je wieder so sein wie vorher, das ganze System müsse in Frage gestellt werden, es befinde sich in einer Krise, der es nur dadurch entkommen könne, indem es sich auflöse, das System. „Also keine Termingeschäfte mehr und keine Heuschrecken-Fonds und diesen ganzen Kram“, warf ich naiv in die geschwisterliche Abendrunde. „Das wären nur Peanuts“, sagte mein Bruder, es müsse viel mehr geändert werden. „Das System, wie ich schon sagte.“
„Die Börsenaufsicht? Der Derivatehandel? Das Rating-Agentur-Dings?“ Mein Bruder schüttelte den Kopf. Er sah aus wie ein Bischof, der gerade Nietzsche gelesen hatte und in den der Blitz des Atheismus eingeschlagen hatte. Das ganze System müsse geändert werden, das ganze System Geld. „Wie?“, fragte ich. „Das Geld muss abgeschafft werden?“ „So ist es“, nickte mein Bruder, „das ganze System Geld. Es funktioniert nicht, es führt unweigerlich in die Krise. Man kann die Krise durchtauchen, Maßnahmen ergreifen, gegensteuern, was auch immer. Es ist das System, das System Geld, wie wir es kennen. Es führt in die Krise.“ Sein Gesicht war von düsteren Wolken beschattet, die Aschfähle der Depression lag über seinen Zügen. „Das System“, sagte er traurig, „ist falsch. Ich sollte so etwas gar nicht sagen, ich bin Teil dieses Systems, ich werde meinen Job verlieren, wenn wir es ändern, aber ich bin nur ein kleines Rädchen und ich werde etwas anderes finden.“
„Kartoffeln anbauen“, sagte ich böse. „Kartoffeln anbauen“, sagte mein Bruder, und er meinte es ernst. Das war vor einigen Wochen, die Welt schien unterzugehen, die Kurse bohrten sich in die Kellerböden, Großbanken implodierten im Stundentakt, und rund um den Globus traten die Staatenlenker vor die lokalen Mikrofonwälder, um mit den Milliardenhunderten um sich zu schmeißen. Inzwischen ist viel passiert: Das Große Amerika hat den Großen Obama gewählt, das kleine Österreich den Herrn Faymann bekommen und die Banken, was sie offenbar nicht hatten: Geld und Vertrauen.
Die Welt ist nicht untergegangen, mein Bruder steht noch nicht auf dem Acker und aus den Bankomaten kommen Geldscheine, frisch gebügelt, als gäbe es keine Krise. Die Butter ist billiger geworden, beim Winterreifenhändler bekommt man Termine schon am selben Tag. Ich verstehe das alles nicht. Und ich bin offenbar nicht allein damit. Denn gäbe es im Umkreis der Börsen, wie sich mein Bruder ausdrückt, Menschen, die es verstehen, hätten sie dann nicht rechtzeitig gegensteuern müssen, um die Krise zu verhindern? Es sei denn . . .
Es sei denn, sie würden gewinnen an einer Krise. Das wiederum verstehe ich.
Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin und Autorin.
29. November 2008 (0) Comments
Dieser Schnitt geht tief
Über die Kluft zwischen digitaler und analoger Welt. Für Standard-Rondo vom 28.11.2008. Dort gekürtzte Version. Hier der Originaltext.
Wie die Zeit einst heissen wird, in der wir gerade leben? Schwer zu sagen. Die Etiketteure der Gegenwart nennen unser Äon das Informationszeitalter. Die Epoche der digitalen Revolution. Die Zeit, in der die Realität in die Matrix gespiegelt wurde.
Ich komme aus einer Zeit, die anders war. Aus dem Elektrozeitalter. Der Zeit mit den Schaltern, der Zeit mit den dicken Kabeln. Der Paganini unserer Tage hiess Hendrix und er fiedelte das Glück nicht aus einer Klangschachtel namens Violine, nein, Jimi Hendrix stand vor einem Lautsprecherturm und schlug Funken aus Stahlsaiten, die magnetisch aufgenommen durch Kabel liefen, in Elektronenröhren verstärkt wurden und sich in brachialsüssem Klanggewittern in unseren Herzen entlud. Stratocaster hiess sein Heldenschwert und er schwang es mit links.
Hendrix musste man nicht mehr selbst begegnen, um von ihm glühend geschlagen zu werden, man konnte ihn auf Konserve hören. In unfassbarer Deutlichkeit. Im Radio, der Hexenkiste, auf kleinen Lautsprechern, oder in Repetition auf dem Plattenspieler. Ein seltsames Ding, es residierte an der Grenze zwischen mechanischer und elektrischer Welt. Es drehte einen Teller, dem man eine kreisrunde Platte auflegen konnte. Dieser legte man einen federleichten Arm auf, der mit einer Kristallspitze eine Spiralfurche in der Platte abfuhr. Die Auslenkungen dieses Pflugs konnte man hörbar machen. Mit klitzekleinen elektrischen Verkabelungen im Inneren des Geräts, die in Lautsprechermembranen endeten, dessen Schwingungen Jimi Hendrix in den Raum warfen. Oder Led Zeppelin. Oder Joni Mitchell. In einer Deutlichkeit, die den Atem raubte. So etwas war verboten und stand im Ruf, Irrsinn und Taubheit auszulösen.
Denjenigen, die es taten, ich gehöre dazu, war es klar. Das war nicht Jimi Hendrix, das war die Platte, der Zauber der Kopie. Mit der Magie war es vorbei, wenn sie einen Kratzer hatte. Sammler gingen also mit den schwarzen Klangscheiben um wie Priester mit der Hostie. Wenn wir die Texte von Bob Dylan und den Beatles in Umlauf bringen wollten, setzen wir uns an die Schreibmaschinen, schlugen Buchstaben auf Bündel von eingespannten Blättern, Abfolgen von Papier und Kohlefolien. So kopierten wir Texte in der analogen Zeit. Wir wussten, es gab ein Original, wir wussten, es gab eine Abschrift und wir wussten, es gab die Kopie. Die Welt war in Ordnung.
Auch der Siegeszug der Photokopie sollte das nicht verändern. Eine Kopie war stets eine Kopie. Eine Kopie sah aus wie eine Kopie, sie hatte Fehler und Artefakte. Der Hendrix auf der Bühne klang anders als der Hendrix von der Platte. Und der Hendrix, den wir in Umlauf brachten, klang überhaupt anders. Er kam von der Cassette. Abenteuerlich reproduziert, in dem wir den aufnehmenden Cassettenrekorder mit der Nase an den Lautsprecher des elterlichen Plattenspielers gestellt hatten. Zum Knacken und Rauschen der Vinylkopie hatte sich das eiernde Seufzen des schleppenden Bandzugs gesellt. Wir konnten die Fehler in jeder Deutlichkeit benennen. Diese Zeit ist vorbei.
Außer Vinylfreaks und Retrojunkies ergibt sich niemand mehr der Mühe analoger Reproduktion. Texte und Musik werden elektronisch erzeugt, Kopien sind Originale. Originale sind Kopien, flutschen als Megabytebündel durch Glasfaserkabel und Wireless-Netze. Das Digitalium, der Golem der Musikindustrie hat sich selbst verfielfältigt, steht als Zauberlehrling am Brunnen und schöpft neue Zauberlehrlinge. Nennen wir das Phänomen wohlwollend die Demokratisierung der Information. Freuen wir uns darüber, Carlos Kleibers Dirigat von Beethovens Fünfter aus dem Netz fischen zu können oder die siebente Folge der dritten Season von Curb Your Enthusiasm. Oder Petzners Weinen, den Treiber für den spinnerten Drucker und Susis Schnappschüsse von der Weihnachtsfeier. Wir bewegen uns in einer Welt der Originale. Eine glückliche Welt. Was immer wir versäumen, irgendwer stellt es früher oder später auf YouTube.
Die Welt des digitalen Archivierens ist ein Paradies mit vielen Erkenntnisbäumen. Google hat in seinen Serverfarmen die Universalbibliothek der alten Enzyklopäden mit der Wirklichkeit multipliziert, der Grosse Bruder arbeitet daran, die Gutenberggalaxis einzuscannen und digital aufzubereiten. Information ist jederzeit und von überall gleichermassen abrufbar. Sogar vom Handy surfen wir, gerademal von Funklöchern gestört. Das Briefeschreiben, noch zu Hendrix Zeiten nicht viel schneller als im Mittelalter, ist zum Emailen geworden und zeitlich nur mehr durch unsere Aufnahmefähigkeit und die Qualität unserer Spamfilter beschränkt. Und die Mucke kommt vom iPod, wo auch immer wir das wollen. Und wenn wir es können, kommt sie gratis.
Aber die Welt des digitalen Archivierens ist ein Paradies mit fauligen Früchten. Schon der Tsunami eines Festplattenabsturzes oder das Liegenlassen des Handys am Bartresen kann das Ende der Erinnerung bedeuten. Was nicht ausgedruckt ist, auf gutem altem Papier, ist möglicherweise für immer verschwunden. Weil wir das wissen, leben wir insgeheim in beiden Welten, in der digitalen und in der analogen. Wir kaufen heimlich Schallplatten beim Vinyldealer, fischen Mixtapes aus den Caritas-Schachteln, notieren Telefonnummern auf Geheimtabellen, Servietten und Handflächen. Kaufen teure Füllfedern und spitze Bleistifte und schwurbeln damit unsere Moleskines voll. Führen analoge Kalender und Notizbücher, parallel zu iPhone und Blackberry.
Die digitale Wasserscheide, einst als Bild entworfen für die mutuelle Jenseitigkeit von analoger und digitaler Welt ist zu einem Graben geworden, der mitten durch uns läuft.
(Andrea Maria Dusl / DER STANDARD Rondo, 28. November 2008)
28. November 2008 (0) Comments
Leopolds Insel, Mazzes und Werd
Liebe Frau Andrea,
seit kurzem wohne ich im Zweiten Bezirk. In einer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in Zentralboboville, direkt im Karmeliterviertel. Bei einem Gemüsestandler habe ich den Ausdruck “Im Werd” aufgeschnappt. Eine Freundin meint, so hiesse die Leopoldstadt in Wirklichkeit. Stimmt das?
Leopoldstädter Grüsse sendet Ihnen Veronika Zobek.
Liebe Veronika,
das Gebiet des heutigen Zweiten Bezirk hat viele Namen. Im satirischen Kosmos Bobovilles heisst die Gegend um den Karmelitermarkt “Bobograd”. Der Ausdruck spielt mit der Erinnerung an die sowjetische Besatzungszone nach dem Zweiten Weltkrieg und seine heutige Nutzung als Schlaf-, Arbeits- und Fortgehstadt der Bobos. Der Karmelitermarkt hat seinen Namen vom benachbarten Karmeliterkloster. Mazzesinsel wiederum hiess die brettlebene, ehemalige Au in Anlehnung an die reiche jüdische Bevökerungsgeschichte der Donauinsel. 1625 hatte Habsburgerkaiser Ferdinand II. hier den Wiener Juden Raum für ein Getto zugewiesen, das Kollege Leopold I. bald räumen liess. 1670 liess er an Stelle der Synagoge die Leopoldskirche errichten liess. Seither heisst die Inselgruppe gegenüber der Stadt Leopoldstadt. Jüdisches Leben sollte dennoch wieder einziehen auf der Insel. Ihr ursprünglicher Name war Unterer Werd, sie war im Süden begrenzt vom Donaukanal, im Norden, gleich hinter dem Augarten, von einem Teil des Donauhauptstromes namens Fahnenstangenwasser und im Südosten von einem kleinen Wasserlauf namens Fugbach. Einen Oberen Werd gab es auch, er lag aber jenseits des Donaukanals, zwischen der heutigen Liechtensteinstrasse und der Rossauer Lände. Der Ausdruck Werd oder Wörth kommt direkt aus dem Althochdeutschen, von werid, erhöhtes Land im Wasser. Heute sind alle Donauarme im zweiten Bezirk versandet und zugeschüttet, mit einer Ausnahme: Das Heustadlwasser im Prater. Der Nachenweiher und seine Gestade geben einen guten Eindruck davon, wie es in der heutigen Bobohochburg einst ausgesehen hat. Im übrigen bin ich der Meinung, dass mein Kolumnenporträt weder meinem Aussehen noch meiner Persönlichkeit entspricht und ich mir daher wie die Mehrzahl meiner Kolumnistenkollegen zum Jahresendfest ein neues wünsche.
“Boboville”, der neue Dusl-Roman, bei Residenz erschienen. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 48/2008
24. November 2008 (0) Comments
Interview ::: Wo ist die Wahrheit im Roman? ::: Andrea Maria Dusl und Gustav Ernst
Zwischen Fakten und Fiktion. Wo ist die Wahrheit im Roman?
Was ist wahr bei einem Roman und was ist Erfindung? Ist ein Roman immer nur Fiktion oder gibt es so etwas wie Wahrheit im Roman und wenn ja, wie sieht sie aus? Darüber geben Andrea Maria Dusl und Gustav Ernst Auskunft und auch über ihre neuen Romane. Von Tobias Hierl, Chefredakteur Buchkultur
Buchkultur: Als ich „Boboville“ gelesen habe, war ich mir nicht sicher, ob das ein Roman ist. Es kommt eine Andrea Maria vor, später dann eine Dusl. Ich war mir nicht sicher, schreibt sie jetzt über sich. Sind das Sachen, die ihr passiert sind, oder ist das fiktiv?
Andrea Maria Dusl: Ich schreibe, seitdem ich weiß, in welche Richtung die Buchstaben gehen und das Erste was ich schreiben musste, was eine zusammenhängende Geschichte war, war ‚Meine Schultasche erzählt’ und die Schultasche hat genau die gleichen Dinge erlebt wie ich. Insofern habe ich nie die Kulturtechnik erlernt Fiktion von Realität zu unterscheiden und ich bin auch nie in ein germanistisches Seminar gegangen, um diesen Unterschied zu lernen. Ich bin völlig autistisch, was die Technik des Romans betrifft. Ich kann die Welt nur aus mir heraus sehen und beschreiben. Was ich nicht erlebt habe, existiert nicht. Es klingt hart, aber...
...ich habe versucht, mir Dinge auszudenken. Das macht jeder Mensch und man nennt das Lüge. Selbst die Lüge ist Teil eines Erlebniskatalogs, das heißt eigentlich ist das Gespräch schon zu Ende, denn ich behaupte, es gibt keine Fiktion. Es gibt nur das Ich und die Begegnung des Ichs mit anderen Entitäten. Sogar das Hineinschlüpfen in andere Charaktere ist nur ein Rollenspiel. Ich schreibe Drehbücher, Essays, ich schrieb nun einen Roman und mir ist es nicht gelungen, aus mir heraus zu treten. Es ist mühsam, eine vom Ich losgelöste Person zu erfinden.
Gustav Ernst: Ich möchte das Gegenteil behaupten und merkwürdigerweise stimmt das auch. Es gibt nur Fiktion. Die Fiktion wird durch die Wurstmaschine des eigenen Ichs, durch das Erleben durchgedreht, solange, bis das Material das ist, was ich sagen will, zeigen will.
Dusl: Das widerspricht mir gar nicht!
Ernst: Meine ich ja. Das einzig reale ist der Autor, die Autorin. Das, was im Buch steht, ist alles Fiktion. Selbst wenn ein Name dabei steht und ich sage, das ist der und der, ist es eine Fiktion. Das ist vielleicht eine schärfere Behauptung, eigentlich ein ohnmächtiges Beteuern. Aber die Sicht des Autors zeigt sich darin, wie etwas beschrieben wird. Er erzählt die Wirklichkeit als Geschichte. Ich finde die Wirklichkeit ist das Material für das, was ich zu erleben glaube, zu sehen und zu denken glaube und insofern das Material für die Fiktion. Mit der schnöden Absicht des Autors wird es durch die Mangel gedreht, um etwas ganz Bestimmtes zu sagen, wie ich die Welt sehe. Ich denke an den berühmten Spruch von Syd Field „Fuck Reality“. Das gilt nicht nur für das Drehbuchschreiben: Dir gehört die Wirklichkeit.
Buchkultur: Bleiben wir bei einem konkreten Fall. Sind die beiden Autoren Gerry oder Luc, in Ihrem Roman „Helden der Kunst, Helden der Liebe“ zwei Facetten ihrer Person? Wie ist es mit den Personen der beschriebenen literarischen Gesellschaften in den Kaffeehäusern, haben Sie da alles aufgenommen, was in einem literarischen Leben alles passieren kann?
Ernst: Ein Autor ist prinzipiell viele fiktive Personen. Auch wenn er über andere schreibt, ist das oft noch ein Teil von ihm selbst. Es ist die Frage wie man damit umgeht, aber in diesem Buch, in dem es um Autoren geht, sind es fiktive Personen. Man neigt dabei sehr dazu es als bare Münze zu nehmen, wogegen ich etwas hätte, deshalb kommen auch keine realen Namen vor. Das Reale unter Anführungszeichen ist die Struktur, die bestimmte Haltung von Autoren. Die kenne ich natürlich auch. Ich wollte bestimmte Situationen bauen, wo die tatsächlichen Träger in der Wirklichkeit egal sind. Es geht um Strukturen, um Situationen, wo sie stecken als Autoren, die mir auch nicht unbekannt sind, die ich schon erlebt und die ich auch bei anderen wahrgenommen habe. Alles, was mich betreffen kann und manchmal auch schon betroffen hat, wollte ich hier aufteilen in einer Fülle von Autoren.
Buchkultur: Könnte also ein Autor, eine Autorin nach der Lektüre jetzt sagen, der Gustav Ernst hat jetzt über mich geschrieben?
Ernst: Das wäre wunderbar, dann habe ich die Situation gut getroffen. Aber er oder sie wird wahrscheinlich nicht sagen, das bin ich, sondern in der Situation war ich auch schon mal. Die Struktur kenne ich.
Buchkultur: Bei „Boboville“ gibt es schon Figuren, die nicht jeder sein könnte, mit anderen Worten, die sich an konkreten Personen festmachen lassen?
Dusl: Ich habe in einer Art von Schleusenöffnung mein Geschichtenstaubecken abgelassen. Da sind sehr viele Geschichten herausgeflossen, zwischendurch ist das Leben weitergegangen und hat neue Geschichten angestrandet. Währenddem hat das Telefon geläutet oder das E-Mail gescheppert und hat wieder dritte und vierte Wirklichkeiten herangespült und in dieser Geschichte von verschiedenen Auseinandersetzungen mit der eigenen Wahrnehmung hat sich dieses Buch mehr oder weniger durch einen körperlichen Kraftakt produziert. Es ist chronologisch geschrieben. Ich habe mit dem ersten Satz begonnen und mit dem letzten aufgehört und keine absichtlichen Strukturen eingefügt. Das mache ich in den anderen Arbeiten, wie den Drehbüchern, ununterbrochen und die Struktur dominiert manchmal über den Inhalt und ich wollte reinen Inhalt, die reine Kraft dessen wie man zum Reden beginnt und nicht mehr aufhört und sich selbst kontrolliert, ob es noch immer spannend ist.
Ernst: Haben Sie eine Auswahl der Geschichten getroffen?
Dusl: Ich erzähle eine 17-stündige Geschichte.
Ernst: Das war Ihre Absicht?
Dusl: Da musste ich keinen Plan machen. Wichtig war, was fließt heraus, welche Stöpseln sind offen.
Ernst: Meine Textteile sind auch Geschichten, die ich mir im Lauf der Jahre notiert habe. Doch was mich interessierte war meine Absicht, nämlich eine sehr charakteristische Situation und Stimmung für bestimmte Autoren zu finden. Da konnte ich nicht alle Geschichten verwenden. Es war wichtig, ganz charakteristische Haltungen für bestimmte Autoren und Gruppen und literarische Einstellungen sowie Antworten auf Fragen zu finden.
Dusl: Bei mir war es genauso. Ich beschreibe diese Stadt Boboville und da stellt sich die Frage, wer ist da drin und wer passt da rein. Und nicht alle Geschichten passen. Nicht alle mit denen ich gut bin, mit denen ich viel erlebt habe, sind mir eingefallen und dann sind mir wieder Leute eingefallen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe und dann wiederum entwickeln Leute, die ich gar nicht einmal gerne habe eine dominante Rolle. Die Phänomen sind ziemlich verwandt.
Buchkultur: Wenn jetzt also eine Geschichte entwickelt wurde, dann haben sie bestimmte Sachen ausgewählt und manche nicht. Es war ein Konzept da. Die Wirklichkeit wurde einer eigenen Wahrheit untergeordnet. Oder konkret: Es kommt eine Figur Thomas Glavinic vor, eine Figur Klaus Nüchtern oder eine Figur Thomas Maurer, aber keine Figur Gustav Ernst.
Dusl: Tatsächlich existierende Menschen werden zu Romanfiguren und es können auch fünf Leute in eine Romanfigur hinein hüpfen. Diese Vorgänge passieren einfach. Dazu ein Beispiel: Ich habe für das Drehbuch zu Channel 8 eine ungezielte Recherche in St. Petersburg gemacht. Dafür geht man überall hin, wo man möchte, hat keinen Plan und saugt einfach auf, was in zehn Tagen aufzusaugen ist. Ich habe jeden Tag ungefähr 800 Fotos gemacht und elektronisch gespeichert, so als Archiv der Erlebnisse für das Schreiben, um eine Bildnotiz zu haben. Wenn mir etwas eingefallen ist, habe ich dann nach dem jeweiligen Bild gesucht und musste feststellen, es gibt keine Fantasie. Die Bilder, von denen ich meine, dass ich sie mir ausgedacht habe, waren exakt in einem Bild versammelt. Die ganze Situation war in einem Bild gespeichert. Das war auf eine magische Art erhellend und bestürzend. Was ich mir ausdenke, ist nur das Abrufen von genauest abgespeicherter Realität und was in der Verarbeitung dazu kommt, ist das Mischen von anderen Erlebnissen und Realitäten. Diese Arbeit moduliert das Material. Ohne Realität gibt es kein Material.
Buchkultur: Von der Realität rücken Sie nicht ab.
Dusl: Dann gibt es ein anderes Phänomen, wenn man versucht die Wirklichkeit abzubilden, misslingt das stets, und wenn man jemanden anderen zurate zieht und der oder die das liest, erhält man die Resonanz, das wurde nicht gesagt und jenes anders. Du hast das völlig falsch gesehen. Die Wirklichkeit besteht ja auch aus einem Fächer von Wirklichkeiten. Jeder sieht eine Situation völlig anders.
Ernst: Eine gute Übung für junge Autoren ist, ihnen zusagen, beschreibe diese Tür. Jeder wird eine andere Tür beschreiben.
Buchkultur: Wenn es also verschiedene Realitäten und Wirklichkeiten gibt und alles im Fluss ist, warum wird dann gegen verschiedene Bücher gerichtlich vorgegangen, da sich Menschen durch sie brüskiert und falsch dargestellt fühlten. Was ist dann damit?
Ernst: Da geht es darum, dass jemand etwas über mich gesagt hat und das passt mir nicht. Wenn man jemand in einem Artikel beleidigt, dann wird er geklagt. Da gilt die Tatsache, dass jemand über einen anderen etwas Beleidigendes sagt. Da geht es nicht um Literatur. Völlig unabhängig ob es stimmt oder nicht. Diese Menschen wollen sich nicht so dargestellt wissen, denn manche Leser könnten glauben, ich wäre wirklich so. Manche sagen, das ist seine Meinung, das stimmt, das steht da drin.
Buchkultur: Trotzdem ist es doch ein Unterschied zu einem Artikel. Bei einem Roman sollte doch klar sein, dass es eine Fiktion ist?
Dusl: Jemand der klagt, weil er sich in meinem Buch ungünstig wiedergegeben sieht, klagt nicht deswegen, weil er sich in einem Konflikt zwischen der eigenen Vision des Selbst und der dargestellten Vision des Selbst befindet, sondern weil er diesen Konflikt dem unbekannten Leser in die Schuhe schieben will. Und denkt, der unbekannte Leser wäre zu dieser Kulturleistung nicht fähig den Roman als Roman zu sehen und sondern denkt der Roman wäre Realität. Diese Projektion jemand anderer könne einen Roman nicht lesen, ist vielleicht ein Phänomen von Gesellschaften, die keine Aufklärung hinter sich gebracht haben.
Ernst: Der Kläger kann auch nicht unterscheiden zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Ich käme nicht auf die Idee zu klagen. Es kommt darauf an wie es geschrieben wurde, aber literarische Verarbeitungsmöglichkeiten gibt es viele.
Dusl: Ein verwandtes Phänomen sind Autoren, die dem Kritiker antworten. Das ist eine Art von Beweisantretungswahnsinn. Thomas Bernhard hat ja auch ununterbrochen sein eigenes Leben abgebildet.
Ernst: Ein Teilproblem ist ja das biografische Element. Die berühmte Frage nach dem Autobiografischen in einem Text lautet ja, sind das Sie, der da vorkommt. Da fragt man sich eben, wie kann ich als Autor von mir schreiben oder nicht von mir schreiben, ohne dass dauernd auf die Person des Autors assoziiert wird. Die Leute sind es überhaupt nicht gewöhnt zu unterscheiden zwischen Roman und Wirklichkeit. Wenn sie glauben wollen, dass es wirklich so ist, ist es so. Das Ich hat aber einen Vorteil, man kann spielen damit.
Buchkultur: Denken Sie, es gibt Leute, die lesen Ihr Buch auch unter dem Aspekt, kommen sie vor, kommen sie nicht vor?
Dusl: Schon, aber ich habe es nicht in der Absicht geschrieben. Ich habe mich von dem losgelöst, dann wäre es Journalismus geworden oder eine Art spekulativer Literatur. Ich habe aber jenen Leuten, die nicht anonymisiert sind im Roman, die Passagen zu lesen gegeben. Eigentümlicherweise haben die dargestellten Autoren keinen Einspruch gemacht. Je nach Grad der Eitelkeit war es ihnen sogar recht, dass es übertrieben war, wobei die Übertreibung ja auch ein Teil der Wahrnehmung ist. Nur eine Person hat sich nicht wohlgefühlt und die habe ich dann herausgeschrieben.
Ernst: Manche Figuren bestehen sogar darauf, dass sie es sind, selbst wenn kein Name dabei steht, dass sie diese Figur sind. In meinem ersten Roman, die „Einsame Klasse“, kommt eine Person vor die heißt Arschloch, ein SPÖ-Funktionär. Und es gibt wirklich einen Funktionär, der war sehr geehrt. Er hat 20 Bücher gekauft. Er hat nicht geklagt. Das gibt es auch.
Buchkultur: Alfred Döblin hat geschrieben -, dass „[…] es keine literarische Realität gibt. ‚Literarisch’ und ‚Realität’ sind Widersprüche in sich. Die Literatur tut etwas zur Realität, die unser tägliches Wortmaterial gibt, hinzu, die Daten der Realität werden benutzt, um zu zeigen, dass man zusetzt und wo man zusetzt und was man zusetzt […] Jedenfalls beginnt jede Produktion dichterischer Art mit dem Willen zur Entfernung von der Realität.“
Dusl: Dem widerspreche ich insofern, als mein Feldversuch in Petersburg zumindest bei der Person namens ich zu ganz anderen Ergebnissen geführt hat. Es gibt das Verdichten von erlebtem Material und im Gegenzug das Aufblasen, das Vergrößern, dadurch wird Wahrnehmung transformiert, aber es gibt nur die wiedergegebene Wahrnehmung.
Ernst: Mit den Formen der Literatur schaffe ich mir eine neue Realität. Ich verlassen die eine Realität und baue mir etwas Eigenes zusammen. Man verlässt sie vollständig. Selbst diese Lust mit ihr zu spielen, ist eine andere Realität. Es ist aber eine andere Frage, ob eine Sache beleidigend ist oder nicht. Ob es denunzierend wird oder nicht. Das macht letztlich die literarische Form aus.
.................................
Interview:
Dr. Tobias Hierl
Chefredaktion Buchkultur
www.buchkultur.net
22. November 2008 (0) Comments
Der Postler
Für Falter 47/2008
Ins Bild klicken für grosse Version.
21. November 2008 (0) Comments
Yes we can
Editorial Cartoon for Falter 46/2008 © Andrea Maria Dusl
Click image for large version.
21. November 2008 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 11 - Jason King
Folge 11 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 48/2008
21. November 2008 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 10 - Karel Gott
Folge 10 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 47/2008
20. November 2008 (0) Comments
Boboville ::: 3 Lesungen ::: Muqua, Tiempo, Lustenau
Boboville in allen Ecken der Republik! Gleich dreimal lese ich diese Woche aus dem Buch der Bücher über die Stadt in den Städten.
Heute, Montag, den 17. November 19h wollen wir erscheinen zur Eröffnung der Eröffnung der Lesefestwoche der Buch Wien im Muqua in der Halle E.
Weil warum? Thomas Maurer, Kabarettist, spitzfindiger Satiriker, gelernter Buchhändler, moderiert die Lesungen von Humangenetiker und Sachbuchautor Markus Hengstschläger, von Lyriker Robert Schindel und der Schriftstellerin Olga Flor, vom ukrainischen Geschichtenerzähler Juri Andruchowytsch und dem utopischen Politparabelisten Andrej Kurkow aus Kiew, von Askold Melnyczuk aus dem fernen hohen Norden und seinem Übersetzer Martin Amanshauser.
Ich selber, ich die Maschinenmaria Dusl lese aus meiner gerade bei Residenz erschienenen Metroplitan-Satire Boboville.
Versprochen wird uns ein Eröffnungsabend mit Ansprachen, Literatur, Musik und guter Unterhaltung. Minister und Potentaten werden anwesend sein. Und Glavinic und Maurer und Dusl.
Buch Wien Eröffnung der Lesefestwoche
Halle E im Museumsquartier in Wien
Samstag
17.11.2008
19:00 Uhr
Boboville-Lesung nummero due findet statt in der
Buchhandlung Tiempo Nuevo.
Mittwoch, 19.11.2008
19h
Taborstraße 17a, 1020 Wien
Tel: 01 9081326
nuevo @ tiempo.at
www.tiempo.at
Boboville-Lesung nummero tre
versammelt uns zur Präsentation
der Monographie der Architekten
marte-marte, für die ich einen Text
über die Pathologie Feldkirch geschrieben habe.
Diesen lese ich. Und Passagen aus Boboville .
Boboville bei Marte-Marte
Donnerstag, 20.11.2008
19h
Headquarter der SIE system industrie electronic
Millenniumspark
Lustenau, Vorarlberg
Rückmeldung an
Moser Nadine
t +43 5523 52587
f +43 5523 52587 9
m+43 664 8557960
mon @ marte-marte.com
www.marte-marte.com
...............................
--> Dusl buchen:
Renate Anderle, Residenzverlag
Telefon 0043 2742 802 1411
r.anderle@residenzverlag.at
Residenz Verlag
17. November 2008 (0) Comments
Bartels Most
Liebe Frau Andrea,
letztes Wochenende habe ich mit meinem Freund einen Ausflug ins niederöstereichische Kirnberg an der Mank unternommen. Während des sonntäglichen Kirtags-Knödelessen im Dorfwirtshaus konnten wir zwei Kirnberger belauschen, die am Stammtisch die österreichische Innenpolitik besprachen und in der Exegese des Wochengeschehens zu folgendem Résumé kamen: “Wiad da Pröh in Feimau zang, wo da Bartel in Most hoit!” Bitte was? Wieso Most? Und wer ist der Bartel?
Viele Grüße,
Anna Sagnit, per Elektropost
Liebe Anna,
ganz offensichtlich haben ihre Tischnachbarn die beiden Chefverhandler von ÖVP und SPÖ, Josef Pröll (Pröh) und Werner Faymann (Feimau) gemeint, die sich momentan in der Warteschleife des ausgesetzten Koalitionsgespräches befinden. Obwohl ihre kleine Kirtags-Knödel-Geschichte im Mostviertel spielt, hat sie wenig mit dem gegorenen Apfeltrunk zu tun. Die landläufige Meinung, ein gewisser Bartholomäus, Bartel genannt, sei allein deswegen handlungstechnisch im Vorteil, weil er wisse, wo der Most eingekellert ist, ist weit verbreitet, aber grundfalsch. Die Redewendung kommt aus dem Rotwelsch, der Sprache der Gauner und Bettler und verwendet zwei Hebraismen, die aus dem jiddischen entlehnt wurden und weder mit Apfelwein noch mit einem Herrn Bartl zu tun haben. Most ist nicht vergorener Obstsaft, sondern Moos, das Geld, von der Mehrzahl des jiddischen moo (Pfennig, Geld). Bartel ist eine Verschleifung des jiddischen Wortes Barsel (Eisen). Wenn der rotwelsche Barsel wusste, wo er das Moos holt, dann deswegen, weil das Brecheisen wusste, wo das Geld lag. Welches Brecheisen Josef Pröll nun wiederum vorschwebt, um Kollegen Werner Faymann zu zeigen, wo die Verhandlungssumme liegt, lässt sich mangels weiterer Textfragmente aus ihrem belauschten Gespräch nicht sagen. Im übrigen bin ich der Meinung, dass mein Kolumnenporträt weder meinem Aussehen noch meiner Persönlichkeit entspricht und ich mir daher wie die Mehrzahl meiner Kolumnistenkollegen zum Jahresendfest ein neues wünsche. “Boboville”, der neue Dusl-Roman, bei Residenz erschienen. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 47/2008
17. November 2008 (0) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 9 - La Trappola
Folge 9 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 46/2008
11. November 2008 (1) Comments
Andrea live ::: Salzkammergutradio
"Radio Tacheles", das Vöcklabrucker Magazin für Kultur, Gesellschaft und Musik, gehostet vom Freien Radio Salzkammergut geht kommenden Freitag, 14.11.2008 um 19:00 erstmals on air. Johanna Ramacher und Richard Schachinger vom Kulturverein Sozialforum Freiwerk beschäftigen sich zukünftig jeden 2. Freitag im Monat mit allerlei Zeux unter der gesellschaftspolitischen Oberfläche.
Die erste Folge widmet sich Andrea Maria Dusl, mit ihr wurde ein Interview über Bobos, die Freiheit der Kunst, Parlamentarismus und Feminismus geführt.
Musik gibt es ausschließlich von Frauen:
Nancy Sinatra, Lassie Singers, Clara Luzia,
Gustav und Wir sind Helden!
Zu hören in:
Vöcklabruck: 107,3 MHz
ASAK-Kabel in Vöcklabruck: 98,7 MHz
Livestream auf: www.freiesradio.at
11. November 2008 (0) Comments
Kulturlulu und der Duft der Welt
Liebe Frau Andrea,
ich fahre wochentags, immer morgens und abends, mit dem Fahrrad an der Wiener Staatsoper vorbei. Und jedes Mal riecht es - auf dem Ringradweg, wenn man in Richtung Burggarten fährt, kurz bevor man an der Oper vorbei ist - ganz penetrant nach Parfum. Aber nur ein ganz kurzes Stück des Weges. Und zwar riecht es nicht nach einem bestimmten Parfum, sondern nach einem bestialischen Gemisch, ungefähr so, wie wenn man beim Douglas 100 Kundinnen wild durcheinanderprobieren läßt. Parfümerie ist dort keine in der Nähe. Ich hab schon überlegt, ob es möglicherweise die Lüftung von der Oper ist und das, was man auf dem kurzen Stück Radweg riecht, die Ausdünstungen der Opernbesucher sind. Jedenfalls läßt mir das keine Ruhe, jedes Mal, wenn ich vorbei fahre, werde ich neugieriger. Viele Grüße,
Michaela Dimmel, per Elektropost
Liebe Michaela,
gerieten Sie nur des Abends in dieses Bouquet an Vielgerüchen, liesse sich denken, es käme von der singspielsüchtigem Klientel selbst, die aus den Tiefen der U-Bahnschächte und Tiefgaragen kommend, dem Musentempel zueilt. Da sie aber, wie ich ihren Zeilen entnehme, die Hundertkundinnenwitterung auch am Morgen aufnehmen, müssen wir Opernbesuchende aus unserer Verdächtigenliste streichen. Die Annahme, hocharomatisierte Rigolettofans und Toscasüchtige würden sich schon morgens vor der Oper aufhalten, muss ausgeschieden werden. Die Stehplatzclaque lungert zwar schon zur Gabelfrühstückszeit in den Arkaden der Oper, ist aber meist unterparfumiert und kommt als Geruchstäter nicht in Frage. Trotzdem scheint es sich bei dem von Ihnen beschriebenen olfaktorischen Phänomen um Operngerüche zu handeln. Die Herkunft der Duftpestilenzschwaden orte ich in der “Vienna Opera Toilet”, einem öffentlichen Themenklo in der Opernpassage. Zu den Klängen von Donauwalzer und Wischerlpolka können Touristen hier Kulturlulu machen. Die Damen in schicken Logen, die Herren direkt an der Bar. Hochparfumiert, versteht sich. Im übrigen bin ich der Meinung, dass mein Kolumnenporträt weder meinem Aussehen noch meiner Persönlichkeit entspricht und ich mir daher wie die Mehrzahl meiner Kolumnistenkollegen zum Christkind ein neues wünsche. www.comandantina.com dusl@falter.at
10. November 2008 (0) Comments
Boboville ::: Lesung ::: Gmunden Kulturcafe
Boboville kommt nach Poughkeepsie Gmunden! Das Buch der Bücher über die Stadt in den Städten. Morgen, Samstag, den 8ten November 2008, 17:00 Uhr lese ich aus meinem, gerade bei Residenz erschienenen Stadtroman Boboville im Kulturcafé der AKTION-K in Gmunden, Oberösterreich
Kommet, ihr werdet bobovilliert werden!
Samstag
8.11.2008
17:00 Uhr
Kulturcafe Villa Lehmann
Esplanade 27
Gmunden
Oberösterreich
Reservierungen und Kartenvorverkauf:
Barbara Grill --> 0664-42 33 645 barbara@aktion-k.at
Eintrittspreis: Vorverkauf € 5,-
Abenkarte € 6.-
...............................
--> Dusl buchen:
Renate Anderle, Residenzverlag
Telefon 0043 2742 802 1411
r.anderle@residenzverlag.at
Residenz Verlag
7. November 2008 (0) Comments
Change
Liebe Amerikanerinnen und Amerikaner!
Ich ersuche Sie inständig, die Wahl heute dazu zu benützen, Herrn Barack Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten zu küren. Der Mann kann was! Er spricht geordnet, denkt vernünftig und zieht sich gut an. Wenn ich das über jemanden sage, dann heisst das was! Er kann tanzen und lachen und hat das Herz am rechten Fleck. Er wird ein guter Präsident sein. Ein wirklich guter Präsident. Glauben sie mir das.
Sollten sie weiss sein (was immer das ist, weiss), im Bible Belt leben und an den grossen Zwetschkenröster glauben, springen Sie über ihren Schatten und wählen Sie diesmal demokratisch! Ihr Zwetschkenröster wird es Ihnen danken. Jesse, Sie wissen wen ich meine, der Hippie aus Galiläa, würde Herrn Obama wählen und nicht den hölzernen alten Herrn mit der Friseurstimme.
Puppi Palin, gewiss ein steiler Zahn, dürfen Sie sich in den Spind hängen, wenn Sie Redneck sind und an die Freiheit der Patronen glauben, da hat niemand was dagegen, nicht mal die Feministinnen. An die Codes der Atomraketen wollen wir sie bitte nicht lassen.
Liebe Amerikanerinnen, liebe Amerikaner, wo immer Sie sind, was immer Sie treiben, woran Sie auch glauben:
Wählen sie Herrn Obama!
Die Welt wird es Ihnen danken.
Und ich selbstverständlich auch.
Beste Grüsse,
Andrea Maria Dusl,
Vienna, Austria
4. November 2008 (1) Comments
Das Unendliche Panorama
Folge 8 - Café Suck
Folge 8 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 45/2008
4. November 2008 (0) Comments
Links gegen Rechts

In Österreich, Tschechien und Ungarn wahlkämpfen gerade Linke gegen Rechte. Oder so. Dusilation für Falter 45/2008.
3. November 2008 (0) Comments
Mulligatawny, Poughkeepsie und der Suppenhuchen der Bobos
Liebe Frau Andrea,
nachdem ich nicht nur ihre gepfefferten Kolumnen und Bücher mit Genuss "verschlinge", habe ich auch ihr Rezept im profil als formidabel empfunden. Da ich aber weitab sogar von Poughkeepsie lebe, fehlt es mir an Mitmenschen, welche "Mulligatawny" richtig auszusprechen wissen, eine lautschriftliche Wiedergabe und ev. Klärung, ob es sich hierbei immer um Hühnersuppe/Hühnereintopf handelt, wären hilfreich. Mit lieben Grüßen
Karin Eichberger, per Elektropost
Liebe Karin,
weitab von Poughkeepsie zu wohnen, ist nahezu unmöglich, denn mit dem Namen des kleinen Städtchens nördlich von New York bezeichne ich in meinem Stadtroman Boboville grundsätzlich das Phänomen “Provinz”. Ein Entkommen ist unmöglich. Ob sie in einer Hochwaldhube hausen oder im Vierkanter verweilen, eine Familienpension führen oder das Eigenheim errichten, in meiner Version der Weltbeschreibung kommen sie entweder oder. Aus Poghkeepsie (pahkippsi) oder Boboville (bobowill). Ausnahmen von dieser Regel wären ein Aufenthalt im Orbit oder eine Dauerfahrt im Ford Mustang. Mulligatawny, die indische Pfeffersuppe der englischen Kolonialisten, stammt von den tamilischen Wörtern "Millagu" und "Thanni", das bedeutet wörtlich "Pfefferwasser". Ich selbst sage zur Suppe eher Mulligatoni. So ausgesprochen habe ich den scharfen Schlamm auch kennengelernt, erst auf der Speisekarte des Kunsthallencafés und später auf jener der Bobogaststätte “Lapinski”. In beiden Fällen war der selbe Koch für die Suppe aller Suppen verantwortlich. Trotz allem schmeckt meine Mulligatawny anders als die legendäre Kuha-Lapin-Mulligatawny und sie schmeckt jedesmal anders. Ich würde sie eher als scharfe gebundene Hühnersuppe bezeichnen, denn als Eintopf und selbstverständlich können sie auch mit anderen Fleischarten experimentieren. Ich selbst habe schon daran gedacht, Zwergwels oder Stör zu verwenden. Auch Huchen erschiene mir geeignet. Im übrigen bin ich der Meinung, dass mein Kolumnenporträt weder meinem Aussehen noch meiner Persönlichkeit entspricht und ich mir daher wie die Mehrzahl meiner Kolumnistenkollegen zum Christkind ein neues Wünsche. Portraitpäckchen mit Schleife werden gerne entgegengenommen!
www.comandantina.com dusl@falter.at Mein Roman "Boboville", ist gerade bei Residenz erscheinen.
3. November 2008 (1) Comments


