Fragen Sie Frau Andrea
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Und dann traf ich...
Geile Feige
Liebe Frau Andrea,
seit einigen Jahren hege ich ein Feigenpflänzchen durch die alpinen Stürme. Heuer verwöhnte es mich mit einem Früchtchen, das sich zu einer veritablen singulären Feige auswuchs. In Erwartung eines lukulischen Hochgenusses prüfte ich jeden Tag de Reifegrad der Frucht. Bis ich vor einigen Tagen mit Erstaunen feststellte, daß sich mein erwarteter kulinarischer Genuss eine höchst erotische Verwandlung unterzogen hatte, indem sich die Frucht öffnete. Umgangssprachlich werden die weiblichen Geschlechtsorgane gerne als Feige bezeichnet, lässt sich das durch das beschriebene Phänomen erklären? Und können wir aus dem italienischen ficho (Feige) unser umgangssprachliches ficken ableiten? Erwartungsvoll,
der Maître, per Elektropost
Lieber Maître,
die Feige ist eine hocherotische Pflanze. Der mediterrane Baum mit den hodenförmigen Früchten dürfte jener Baum der Erkenntnis sein, den Bibel-Übersetzungen fälschlicherweise zu einem Apfelbaum umgedeutet haben. Michelangelo hat die Vertreibung Evas und Adams aus dem Paradies auf seinem Fresko in der Sixtinischen Kapelle trotzdem richtigerweise mit einem Feigenbaum illustriert. Die Befruchtung der Feigen ist unglaublich komplex. Sie hat weniger mit Hege und Pflege und der An- oder Abwesenheit von Gebirgswinden zu tun als mit der Bestäubung durch die Gallwespe. Drei aufeinanderfolgende Generationen von Feigenfrüchten sind pro Baum an dieser ausgeklügelten Zusammenarbeit zwischen Cynipiden und Moraceaen beteiligt. Möglich, das die haptischen Qualitäten der Feige ihren Ruf als Vulva-Synonym begründen, jedenfalls gilt der aromatische Fruchtstand bei allen mediterranen Hochkulturen als höchst erotisch. Der spätantike Kosmograph Isidor von Sevilla leitet ficus, die Feige vom lateinischen fecundus, fruchtbar ab. Eindeutig obszön ist die Handgeste der “Feige”, einem unzweideutigem Symbol für Beischlafbereitschaft. Hier wird der Daumen zwischen Zeigefinger und Mittelfinger der geballten Faust geschoben. Grimms Wörterbuch kennt das Adjektiv feig in der Bedeutung lüstern. Ein etymologischer Zusammenhang zwischen Feige und Fick ist also nicht undenkbar. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 41/2008
5. Oktober 2008 © Andrea Maria Dusl
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