September 2008
Abstract is the World
Blue Moon Shooting
Boys and Girls from my Block
Breakfast Outside America
Kiev Markthalle
Little Shops of Horror
Phones of the World
Andrea Maria Dusl Music Room
Andrea Z bis A
Comandantina Unterwegs
Dusl bestellen
Maschinenraum
Redezeit
Sager von Welt
Showtime!
Blue Moon
Channel 8
Channel 8 Diaries
Crazy Day
Dining Car
Heavy Burschi
In the Pipeline
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
This work is licensed under a Creative Commons License.
Orange, Melange, Cottage
Liebe Frau Andrea,
auf dem Display meines Mobiltelefons steht seit kurzem "Orange A", mein Mobilfunkbetreiber hat, so scheint es, ein paar Buchstaben zu seinem Namen dazubekommen. Soweit so klar. Jedoch weiß ich nicht, wie ich "Orange" richtig ausspreche: wie die Farbe, die Frucht, ist Englisch oder Deutsch angebracht? Und wo wir gerade dabei sind: Wie bestelle ich im Kaffeehaus eine "Melange" richtig, und wie muss man das Cottage-Viertel (in welchem ich zuhause bin) sprechen? Vielen Dank für die Aufklärung,
Melanie T. aus Döbling, per Elektropost
Liebe Melanie,
Ihr Funkanbieter hat nur scheinbar Buchstaben dazubekommen, tatsächlich ist er vom Mobilfunkflügel der France Télécom geschluckt worden. Mit der Herkunft des neuen Besitzers beantwortet sich die Frage nach der Aussprache nicht wirklich, denn das neue “one” wird nicht französisch ausgesprochen, wie die Frucht, sondern englisch, wie die kultigen britischen Gitarrenverstärker: Oränsch. Obwohl Orange einem französischen Konzern gehört, ist die Marke aus dem britischen Funktelefonisten Orange plc entstanden. Für die Aussprache hier in Österreich dürfte aber weniger die Gründungsgeschichte des Unternehmens sprechen, als der anglophone Grundtenor im Ösi-Händi-Bisnis. Den hellbraunen Milchkaffee, der in Österreichs Kaffeehäusern kredenzt wird, wollen Sie bitte nicht französisch aussprechen, wie mélange, die Mischung, sondern wienerisch: Mellaosch. “A Mellaosch, bidde!” Das Cottageviertel, kurz “die Cottage”, jenes exklusive Villenviertel beiderseits der Hasenauerstrasse, zu etwa gleichen Teilen in Döbling und Währing gelegen, besteht aus noblen Gründerzeithäusern im englischen Landhausstil und müsste nach allen Regeln der sprachlichen Vernunft englisch adressiert werden, cottage, Kottätdsch, Dorf, nach seinem baulichen Programm als englisches Dorf. Tatsächlich wird “die Cottage” aber von Bewohnern wie Besuchern pseudo-französisch ausgesprochen: Koteesch. Den Gipfel der schlechten Aussprache erklimmt aber die Wiener Version jenes Möbelstücks, das die Franzosen als chaiselongue, langer Stuhl kennen. Die Rokokoliege ist den Wienern als Schesslóh ans Herz gewachsen.
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 40/2008
www.comandantina.com dusl@falter.at
29. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Boboville ::: Lesung ::: Langenlois
Langenlois! Boboville kommt! Das Buch der Bücher über die Stadt in den Städten. Heute, Samstag, den 27ten September 2008, 21 Uhr lese ich aus meinem, soeben bei Residenz erschienenen Stadtroman Boboville. Freut Euch, Poughkeepsies, über unglaubliche Bobo-Geschichten bei der Septemberlese in der Kellerwelt des Loisium in der Loisiumallee 1, 3550 Langenlois, Niederösterreich.
Kommet und loiset!
27.9.2008, 21 Uhr
Loisium
Loisiumallee 1
Langenlois
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Loisium
Septemberlese Ursinhaus
27. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Das Unendliche Panorama ::: Folge 3 - Amort Ich
Folge 3 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 40/2008
27. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Das Unendliche Panorama ::: Folge 2 - Das Wort ich
Folge 2 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 39/2008
26. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Das Unendliche Panorama ::: Folge 1 - Es ist nicht Aller Abend
Folge 1 meines Unendlichen Panoramas. Ins Bild klicken für grosse Version.
Erschienen in Falter 38/2008
25. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Boboville ::: Präsentation ::: Schikaneder
Es ist soweit! Boboville kommt! Das Buch der Bücher über die Stadt in den Städten. Heute, Mittwoch, den 24ten September 2008, 19 Uhr präsentiere ich meinen soeben bei Residenz erschienenen Stadtroman Boboville. Ich lese aus und plaudere über unglaubliche Bobo-Geschichten im Schikanederkino in der Wiener Margaretenstrasse 24. Und nachher steigt in der Schikanederlounge die Boboville-Launch-Party.
Kommet und höret!
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Schon mal was lesen? Aber sicher!
--> Hier und hier.
23. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Lachen, Grinsen, Feixen, Cheese!
Liebe Andrea Maria Dusl,
mit meiner Freundin diskutierte ich schon vor längerem den "sprach-sinnlichen" Unterschied zwischen den Worten "Lächeln" und "Grinsen" - wir gelangten aber zu keiner gemeinsamen Lösung. Bei "Lächeln" denke ich an das berühmte Lächeln der Mona Lisa, bei "Grinsen" eher an Garfield. Ist das eine sanft, das andere aggressiv oder handelt es sich doch um Synonyme? Andererseits wurde vor einiger Zeit der Begriff "Kampflächeln" geprägt! Bitte um nähere Klärung,
Ihr Gerhard Glattauer, per Elektropost
Lieber Gerhard,
Verhaltensforscher, Benimmregulatoren, Politikercoaches und selbstverständlich auch wir Normalsterbliche können eine ganze Palette von Lächeln unterscheiden. Weil die nichtsprachliche Kommunikation weitgehend über Mimik, Körperhaltung und Gesten transportiert wird, hat sich im Laufe der Jahrmillionen ein reiches Vokabular an Lächelformen herausgebildet. Unser Grinsen ist sprachlich mit dem Greinen verwandt und bezeichnet ein breites, die Zähne zeigendes Lächeln. Seine frühere Bedeutung ‘knirschen’, ‘grunzen’, ‘murren’ ‘bellen’, ‘heulen’ transportiert die animalische Komponente dieser Lachform, deren Bedeutung zwischen Schadenfreude und innerem Schenkelklopfen oszilliert. Wir kennen das Grinsen auch von Machos, die in völligem Verkennen dieses Signals, ihre präsumptive Beute, mit einem breitem Feixen fixieren. Anders geht es uns mit dem Lächeln, der zahnlosen, verhaltenen Form des Lachens. Die lauthalse Heiterkeitsbezeugung ist sprachlich mit klangmalenden Wörtern wie glucksen, klacken, klagen und mit dem metallischen Lachen der Glocke verwandt. Aufgesetztes Kampflächeln ist von den meisten Menschen augenblicklich als unehrliches Signal lesbar. Verhaltensforscher haben Muskelgruppen im Gesicht identifiziert, die nur beim spontanen Lachen oder Lächeln bewegt werden, beim unehrlichen, aufgesetzten Grinsen, aber starr bleiben. Der Ausdruck “Kampflächeln” beschreibt die Aggresivität der mimischen Lüge sehr gut. Seinen Ursprung hat das falsche Lächeln in der Photographie, wo grantigen Portraitierten mit dem Nachplappern des englischen Ausdruck “Cheese” eine Art Lächeln abgerungen wird.
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Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 39/2008
22. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Der österreichische Wähler
Eine kleine Serie von Aufklärungsbildern, die ich während des Österreichischen Nationalratswahlkampfes für die Tageszeitung 'Der Standard' gezeichnet habe. (Ins Bild klicken für grosse Version).
Erschienen in der 'Wahl 2008'-Beilage von 'Der Standard' vom 20. September 2008.
©Andrea Maria Dusl
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Erschienen in der 'Wahl 2008'-Beilage von 'Der Standard' vom 20. September 2008.
©Andrea Maria Dusl
20. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (1) Comments (0) Pings
Boboville ::: Rund um die Burg ::: Radio
Heute, Samstag, den 20.9. um 13h lese ich aus meinem soeben erschienenen Roman "Boboville" bei der Veranstaltung Rund um die Burg im Lesezelt vor dem Wiener Burgtheater. Come and join!
Sonntag, den 21.9. um 18:15 bringt Ö1 in der Sendung Ex Libris ein Interview mit mir über "Boboville".
Dienstag, den 23.9. um 7:50 bringt Ö1 in der Sendung Leporello ein weiteres Gespräch mit mir über "Boboville".
Listen!
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20. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Boboville ::: Vorabdruck in der "Presse"
„Die ,Negerlein‘ im heißen Afrika der Heiden und der wilden Tiere, so erzählten uns die Schwestern, befänden sich in den Fängen des Satans, der ihnen nicht nur den falschen Geburtskontinent, sondern auch die falsche Hautfarbe mit auf den Lebensweg gegeben habe.“ Aus meinem Roman Boboville. Vorabdruck in Die Presse - spectrum vom 19.09.2008
Präsentation und Lesung von Boboville: 24.9., 19h im Schikanederkino, Wien 4., Margaretenstrasse 24.
Weitere Lesung am 27.9., 21h im Loisium Langenlois.
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Weiter gegen den Wald, der hier einmal stand, jenseits von Boboville, im Dunkel der Provinz, da lag unsere Schule. Es war keine normale Schule. Ganz im Gegenteil, es war eine ganz und gar unnormale, absonderliche, eine ganz und gar abscheuliche Schule. Die Private Volksschule des Vereins der Schulschwestern vom 3. Orden des hl. Franziskus für Knaben und Mädchen mit Öffentlichkeitsrecht. Sie war das Gegenteil vom Bonbongeschäft. Aber für die Genese Bobovilles, für die Aufklarung der Andreamaria waren die Vorgänge in ihrem Inneren gewiss mindestens so wichtig. Denn wo Licht ist, so lernten wir es im Religionsunterricht beim Herrn, den wir den Herrn Katechet nannten, ist immer auch der Schatten. Und es war viel Schatten im Gebäude Leopoldsgasse 1a.
Auch dieses hatte seine Richtigkeit. Ein Gebäude wie das der Schulschwestern konnte nur die Hausnummer 1 tragen. Nichts anderes wäre denkbar gewesen als diese Zahl. Und um die Gelegenheit zu nutzen, diese Erstheit noch zu unterstreichen, fügte das Schulschwesternkommando auch noch den Buchstaben „a“ an. Jedes Gebäude, das diese Nummer hätte unterschreiten wollen, hätte tief in die Untere Augartenstraße hinein bauen müssen und sich Leopoldsgasse römisch eins groß A nennen müssen. Leopoldsgasse IA. Eventuell hätte ein solches Gebäude der Schulschwesternburg den Eminenzrang abgelaufen. Jenseits dieser Privatüberlegungen hatte die Hausnummer „1a“ etwas zutiefst Schulisches. Klar, dass ich eine Klasse besuchte, deren Kennzahl ebenfalls „1a“ war.
Als noch viel Schatten war im Dunkel der nonnengeführten Schulburg, wurde viel mit Licht hantiert. Es wurde Licht ins Dunkel gebracht. Mit Kerzen, schirmlosen Hundert-Watt-Birnen und mit dem Feuer der Spende. Erinnern wir uns doch, wie das ist in Schnitzelland. In heiligen Zeiten, meist ist das der Advent, die Zeit der Besinnung, gefällt sich Boboville darin, Gnade vor Unrecht walten zu lassen und den einen oder anderen Schein zu spenden. Im Kerzenlicht der Betroffenheitsgalas werden Spenden lukriert, dass sich die Konten biegen. Wie das geht, lernten wir 1968. In der Schule. Während anderswo die Pflastersteine aus dem Boulevard gerissen wurden. In Saint-Germain-des-Prés. Auf der Wiese des Widerstands. Wie man Spenden aus den Herzen schneidet, lernten wir in der Rue Léopold. In keiner Schule Bobovilles lernte man das Spenden besser als in der Volksschule des Vereins der Schulschwestern vom 3. Orden des hl. Franziskus für Knaben und Mädchen mit Öffentlichkeitsrecht.
Ich gebe nichts. Außer Roma-Musikern, in denen ich aus familiären Gründen meinesgleichen sehe, gebe ich nichts, nie, niemandem, außer meinen Freunden, den Musikern. Die Spende ist das Böse. Zwischen mir und der Spende steht die Unmöglichkeit. Schon das Wort löst in mir Beklemmungen aus. Die Abneigung gegen das Spenden überfiel mich in der Volksschulklosterburg. Die Schwestern, in deren Obhut ich mich befand, weil mein Vater am Auftrag zu einem Kirchenbau bastelte, die Schwestern in der Leopoldsgasse 1a, hatten ein ausgeklügeltes Ritual entwickelt, um an Geld zu kommen. Zu allen heiligen Zeiten, die riefen sie aus, wie ihnen das katholenkalendarisch passte, wurde der „Negerlein“ gedacht. Die „Negerlein“ im heißen Afrika der Heiden und der wilden Tiere, so erzählten uns die Schwestern, befänden sich in den Fängen des Satans, der ihnen durch eine Gnadenlosigkeit ohnegleichen nicht nur den falschen Geburtskontinent, sondern auch die falsche Hautfarbe mit auf den Lebensweg gegeben habe. Diese tragische Konstellation gelte es zu lindern. Direkt in die Hölle kämen die armen „Negerlein“, wenn nicht geholfen würde. Gestorben würde schnell in Afrika. Und wenn wir tatenlos zusähen, dann wäre alles verloren.
Ein „Negerlein“ nach dem anderen würde in den Höllenschlund hinabsausen, und was und wie es sich da abspielte, sollten wir uns lieber nicht vorstellen. So war das, in der dunklen Abgeschiedenheit der Leopoldsgasse 1a. Wir müssen helfen, Schwester Benedicta, rief es in Andrea Maria in der ersten Reihe, Birgit in der zweiten war den Tränlein nahe, und Silvia mit zwei i ohne Ypsilon neben mir saß stumm vor Schreck beim Gedanken an die unaussprechliche Satansgewalt an afrikanischen Kindern. Wie können wir helfen, schrien wir im innerlichen Chor, hätten wir tatsächlich geschrien, wäre es in einer Lautstärke gewesen, mittels derer im Urania-Kasperltheater die Prinzessin vor dem Krokodil gewarnt wurde. Aber tatsächliches Schreien war im Schulschwesternbunker nicht erlaubt. Nur das innerliche Schreien, der stumme Schrei der Seele, der hatte Gottes Segen.
Ganz einfach könnt ihr helfen, antwortete Schwester Benedicta mit ihrer weihrauchbelegten Stimme, und ihr nacktes Gesicht glättete sich unter dem schwarzen Schleier: Ihr müsst ein Negerlein taufen lassen. Denn nur wenn es getauft sei, so verkaufte sie uns den Deal, nur wenn es gekauft sei, misslänge es dem Satan, seine schmutzigen Krallen nach dem unschuldigen Heidenkindlein auszufahren. Gekauft, sagte die haarlose Benedicta, so wahr dieses Buch hier Bobovilleheißt. Nur wenn einer von den katholischen Missionaren, den Helfern und Heiligmäßigen der päpstlichen Armee, die Erbsünde von ihnen abwüsche, wären sie rein und fein für den Erlöser, so dieser sich anschickte, eines der armen „Negerlein“ zu sich zu rufen. Und der Erlöser rief gerne und oft. Das war Teil seiner Agenda. „Negerlein“ zu sich rufen.
Ob man nicht Suppe schicken sollte oder Semmeln, wollten wir wissen, und Schulbücher, ja vielleicht Spielsachen? Mehlspeisen? Neinneinnein, grimmten die Haarlosen, all das wäre nichts, ja Hohn, wenn es Ungetauften dargebracht würde. Denn nichts, nichts und aber nichts wäre so heilbringend wie die Taufe. Ohne Taufe wäre das Heil hinüber. Und die Taufe, so versprach uns Schwester Benedicta in einem feierlichen Tonfall, die Taufe könnten wir ihnen bringen. Wir. Niemand anderer. Nicht der Papst, nicht der Herr Katechet, nicht die Schwester Direktor, die Schwester Treppe oder die Schwester Pforte, nicht Bürgermeister Marek, nicht die Frau vom Papiergeschäft. Wir.
Hundert Schilling koste die „Negertaufe“. Hundert wohlfeile Schilling, so viel wie hundert Bensdorp-Schokoladeriegel, so viel wie tausend Stollwerck-Zuckerl. Unermesslich wohlfeil für eine Gnade, die das Höllentor verschließen konnte. An jenem Tag, dem ersten dieser Art, den ich erinnere, gingen einunddreißig Schulkinder der 1a in der Schule der Schulschwestern in der Wiener Leopoldsgasse nach Hause und machten ihren Eltern klar, dass, wenn morgen nicht alle mit Hundertschillingscheinen in der Klasse erschienen, all die „armen Negerlein“ mit ihren „schwarzen Häuten“ und kurzärmligen Hemden vom Satan persönlich verspeist würden. Ungetauft und nach ewig langem Rösten im Fegefeuer der Versäumnisse.
So kam es, dass am nächsten Tag dreißig Wiener Schulmädchen, vom Gedanken an die Rettung von einunddreißig „Negerlein“ erfüllt, dreißig Kuverts mit Hundertschillingscheinen übergaben und mit der Kenntnis des Ausdrucks „Gutes Gewissen“ belohnt wurden. Klara Polacek, die Tochter vom Fleischhauer am Karmelitermarkt, hatte ein Kuvert mit 5 Hundertern mitgebracht – eine geradezu überirdische Christentat, wie Sr. Benedicta sich bemühte zu erklären. Einige Monate später, der Krampus war ins Land gezogen, das Christkind, Frau Holle und auch die Heiligen Drei Könige, brachte Sr. Benedicta Nachricht aus Afrika: Bilder unserer Taufkinder. Der Glaser in der Leopoldsgasse hatte sie zwischen zwei postkartengroße Glasscheiben gepresst und mit rosafarbenem, mit korngelbem, mit giftgrünem Textilband eingerahmt. Fünfunddreißig verglaste Selige. Das waren sie, die Spätgetauften, die „Negerlein“, die von uns Geretteten! Wir hatten Tränen in den Augen und Christus im Herzen. Und das Gute Gewissen des gefälligen Glaubens.
Bis mein Bruder Christian, wir nennen ihn Kai, im übernächsten Jahr mit dem Bild seines „Negertäuflings“ nach Hause kam. Und seltsam: Der Porträtierte sah genauso aus wie meiner, und hätten wir fotografische Zusammenhänge benennen können, hätten wir gesagt: Das ist ein Abzug vom selben Negativ. Weil auch unbenennbare Zusammenhänge neugierig machen, kletzelten wir die korngelben Textilrahmen entzwei und verglichen die beiden Bilder miteinander. Sie waren identisch. Emanuel Izuagha und Markus Adegboye glichen einander wie ein Ei sich selbst. Auf der Rückseite trugen beide Bilder den gleichen Stempel: Foto Hubalek, Favoriten.
Seither hege ich berechtigte Zweifel daran, dass auch nur irgendein Teil jener Summe, die wir jahrein, jahraus in das Taufen dunkelhäutiger Heidenkinder investierten, dazu diente, den nach dem Seelenheil Ungetaufter gierenden Höllenschlund zu verriegeln. Im Garten meiner Erinnerung riechen die Wörter Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Spende nicht nach Rosen, sondern nach dem taubenbeschissenen Efeu im Hinterhof der Schulschwestern vom franziskanischen Gnadenwohl.
19. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Das Mysterium des Maiskolbenabreblers
Liebe Frau Andrea,
Ich habe in einer ORF-Sendung von "Was gibt es Neues?" ein Ding der Woche gesehen, das ich für meinen Hobbypopcornmaisanbau benötigen würde. Meine email an Oliver Baier blieb unbeantwortet. Vielleicht können Sie eruieren, wo ich dieses Ding zum Maiskolbenabrebeln bekomme. Ich weiß nur, dass der Erfinder in der Nähe von Kirchschlag in Niederösterreich beheimatet ist.
Liebe Grüße, Stefan Pöttler aus der Oststeiermark
Lieber Stefan,
Fernsehmoderator Baier, ein höflicher und freundlicher Mensch, wird Ihnen gewiss antworten, sobald er die Stapel mit Fanpost und Heiratswünschen aus früheren Korrespondenzen abgearbeitet hat. In der Zwischenzeit habe ich Weiterführendes in Erfahrung gebracht. Vorgestellt wurde der gesuchte Kukuruzrebler als 132. Ding der Woche. So heissen die obskuren Geräte, deren Funktion von prominenten Spassmachern erraten werden müssen. Im Gegensatz zu anderen Dingern der Woche, Acryl-Eismaschinen, Basstrommel-Dämpfungsspannern, Lasagne-Trocknern, Spinnensaugern und Gardinen-Schnellaufreihern gibt es kein einziges Bild des praktischen Dings der Woche 132. Wir sind also bei unseren Recherchen ganz auf Ihre Erinnerung angewiesen. Eingeschickt hat das Gerät ein Wolfgang Hezina aus Kirchschlag. Nach Auskunft seines Sohnes, der ein Tätowierstudio betreibt, ist Herr Hezina seit kurzem in Pension und telefonisch unerreichbar. Anfragemails befinden sich in ähnlichen Warteschleifen wie bei Moderator Baier. Unser Masikolbenabrebler scheint ein Einzelstück zu sein, das Herr Hezina auf seinen Streifzügen durch die Flohmärkte der Gegend gefunden hat. Weil nun in Kirchschlag in der Buckligen Welt sowohl ein Zauberer, als auch ein Weihnachtsmann namens Wolfgang Hezina tätig sind, wollen wir zu folgender Ideenkombination greifen: Zauberer Hezina könnte ihnen einen Kukuruzrebler herbeizaubern, diesen an Weihnachtsmann Hezina übergeben und der könnte ihn am 24. Dezember zu Ihnen in die Oststeiermark bringen. Geographisch sollte das kein Problem sein, von der Buckligen Welt ist es nur ein Siebenmeilensprung ins Hartberger Land.
dusl@falter.at www.comandantina.com
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' im ersten relaunchten Falter, der mit Spannung erwarteten Nummer 38/2008
15. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Bismarck, du verdammtes Genie!
Ein Berliner Kunststudent hat ein Gerät erfunden, mit dem er fremde Bilder verändern kann - Während sie geschossen werden - Andrea Maria Dusl bringt uns den Fulgurator näher.
Für 'Der Standard - RONDO' vom 12.9.2008
Peking. Nacht. August. Der Tian'anmen-Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens gilt als größter Platz der Welt und der am besten bewachte Ort Chinas. Polizisten sorgen für andächtige Ruhe. Im Scheinwerferlicht leuchtet das Tor des Himmels, rote Fahnen bekränzen es. Über dem Rundbogen, dem Eingang zur Verbotenen Stadt, prangt groß das Porträt von Mao.
Blitzlichter flammen auf, Touristen lichten das legendäre Motiv ab. Wer dann sein Bild im Sucherdisplay betrachtet, staunt nicht schlecht: Über dem Kopf von Mao schwebt eine weiße Taube. Wie das? Der Friedensvogel ist in der Realität nicht zu sehen. Woher kommt der Spuk?
Berlin. Abend. 24. Juli. Barack Obama, demokratischer Präsidentschaftskandidat, hält an der Siegessäule eine Rede an die Welt. 200.000 Zuhörer lauschen, Kameras surren, Blitzlichter gewittern, Bilder gehen um die Welt. Und die internationalen Beobachter wundern sich, als sie auf den Displays ihrer Digitalkameras die Veranstaltung durchzappen. Hell leuchtet ein Kreuz auf Obamas Rednerpult. Ein Kreuz, das real gar nicht dort hing. Wieder schießen die Fotografen, zoomen Obama heran, das rehbraune Rednerpult. Kein Kreuz. Klick, klick. Der Blitz lädt. Nochmal klick. Da, auf dem Display sehen sie es erneut: Eindeutig ein Kreuz. Wie das? Werden hier Kameras gehackt?
Nichts von alledem und noch mehr. Hier werden nicht Bilder manipuliert, hier wird die Wirklichkeit gehackt. Gezielt und genial. Unter den hunderttausenden Obamaniacs steht ein schlaksiger junger Mann, Kunststudent, schwarzer Bart, wirres Haar, gerade 24 Jahre alt. Er hat eine klobige Spiegelreflexkamera in der Hand, ein analoges Teil aus der Zeit vor der digitalen Revolution. Die Kamera ist mit einem Teleobjektiv ausgerüstet, an der Rückseite sitzt ein Blitzgerät, oben ein kleines Kästchen. Die seltsame Kamera ist: der Fulgurator. Das Gerät, mit dem der junge Mann die Wirklichkeit hackt. Der Bursch heißt Julius von Bismarck, ist Urgroßneffe von Reichskanzler Otto.
Den Image Fulgurator, einen Apparat zur minimal-invasiven Manipulation von Fotos, hat Bismarck selbst erfunden, er sei, beschreibt er die Jahrhunderterfindung auf www.juliusvonbismarck.com, ein Gerät zur physikalischen Manipulation von Fotografien. Es interveniere, wenn ein Bild gemacht werde, ohne dass der Fotograf es merke. Die Manipulation, so Bismarck, sei nur auf dem Bild sichtbar. Während Künstlerkollegen mit Photoshop an digitalen Bildern feilen, das Abbild verändern, ist von Bismarck einen Schritt weiter: Er verändert die Wirklichkeit.
Aber wie funktioniert der subversive Spukgenerator? Genial einfach. Die große Idee hatte die Doppelbegabung aus Künstler und Techniker im November 2006. Da schrieb er die Pläne in sein Notizbuch nieder. Der Fulgurator ist eine Spiegelreflexkamera, gekoppelt mit einem Blitzsensor, der erkennt, wenn in der Nähe ein anderes Blitzgerät ausgelöst wird.
Der Sensor ist mit dem Auslöser von Bismarcks Kamera verbunden und löst seinerseits einen Blitz aus. Der Fulguratorblitz leuchtet aber nicht nach draußen, sondern in die Kamera hinein, er ist an der Filmklappe montiert und knallt sein Licht durch das optische System der Kamera. Und zwar den umgekehrten Weg: von der Bildebene durchs optische System, das Teleobjektiv, und von dort zu einem anvisierten Objekt. Nachrichten, Bilder und Symbole sind auf speziellen Schablonen angebracht, die ein wenig aussehen wie Dias und ungefähr dort sitzen, wo bei Analogkameras der Filmstreifen liegt.
Einfach gesagt ist der Fulgurator eine Kamera, die zum Diaprojektor umgebaut wurde, der seine Dias in jenen Millisekunden projiziert, in denen anderswo gerade ein Bild geschossen wird. Und dass dies gerade passiert, erkennt der Fulgurator mit seinem Blitzsensor. Einen Pistolengriff hat der Fulgurator nur aus künstlerischen Gründen und um aus größeren Entfernungen besser zielen zu können.
Von Bismarck spielt mit der anarchistisch-martialischen Anmutung seiner Erfindung und hat dem Wirklichkeitsveränderer augenzwinkernd ein Logo verpasst, das an jenes der RAF erinnert. Weit davon entfernt, ein Scherzgerät zu sein, ist die Idee zum Fulgurator mittlerweile patentiert, Werbeagenturen reißen sich um die Rechte, Spamproduzenten wittern Möglichkeiten, Infomüll zu verbreiten. Sogar Anfragen von der Pornoindustrie gibt es. Nada, Bismarck will den Fulgurator selbst einsetzen, künstlerisch-politisch. Er spricht von sich selbst als eine Art Hacker. Die Ars Electronica 2008 hat ihn soeben mit einer Goldenen Nika ausgezeichnet, in der Kategorie Interactive Art.
Von Bismarcks E-Mail-Account quillt derweil über von Hassmails, die ihn einen Terroristen schimpfen. Aber noch mehr Post bekommt er von begeisterten Hackern, von Geeks, Künstlern und Politniks aus aller Welt. Ihr Tenor: Bismarck, du bist ein verdammtes Genie!
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Andrea Maria Dusl/Der Standard/rondo/12/09/2008)
12. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Böse Symmetrien ::: H. C. Strache

Aus dem Symmetrielabor: H. C. Strache und C. H. Strache, FPÖ-Parteiobleute.
11. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Der Mittelstand brennt
Der Mittelstand, eine bedrohte Minderheit.
Dusilation für Falter 37/2008
8. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Medaillenbeissen
Liebe allwissende Frau Andrea!
Warum haben fast alle Medaillengewinner in Peking beim Siegerfoto in ihre Medaillen gebissen? Ist chinesisches Edelmetall besonders geschmacksintensiv? Und wonach schemckt es? Außerdem bedrückt mich die Frage, warum Google eine Suchmaschine ist und kein Suchprogramm. Arbeiten bei der Internetsuche im Hintergrund etwa Pleuel, Hebel und Ventile statt Bits und Bytes?
Beeindruckt, Josef Dollinger, Neubau
Lieber ratsuchender Herr Josef,
der Indexgigant Google, gerade eben Teenager geworden, ist semantisch gesehen weder eine Suchmaschine noch ein Suchprogramm, sondern ein Konzernimperium von unüberschaubarer Vielfalt. Megagooglereich ist die Firma der beiden Stanfordstudenten Sergey Brin und Larry Page bekannterweise für das Auffinden von Information im world wide web geworden. Generell spricht man bei den komplexen Vernetzungen von Serverfarmen und den Programmen zu Auffinden indizierter Websiten von Suchmaschinen. Genaugenommen arbeiten auch Bits und Bytes nicht am Finden von Information, sondern softwaregesteuerte Hardware. Die Sprache greift bei der Darstellung komplexer Mechanismen meist zu Bildern früherer Technologien, hier eben zum Imago der Maschine. Einen ähnlichen Griff ins Vergangene beobachten wir auch bei den olympischen Medailenbeissern. Sie imitieren mit dem Ablutschen von Goldmedaillen den Bisstest mittelalterlicher Kaufleute, die den Reinheitsgehalt von Goldmünzen grob am Abdruck ihrer Zähne massen. Je reiner die Münze, desto weicher, je weicher, desto Gold. Bei modernen Medaillen ist dieser Test schon deswegen sinnlos, weil in den vergoldeten Silberplätschen nicht mehr als 6 Gramm Gold stecken. Wert: 30 Euro. dusl@falter.at www.comandantina.com
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 37/2008
7. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (1) Comments (0) Pings
Pöser. pöser Stiefel
Die Appeninenhalbinsel ist pöse,
ganz ganz pöse.
Dusilation für Falter 36/2008
1. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
St. Ferragosto
Liebe Frau Andrea,
vor zwei Wochen war ich in Drosendorf eingeladen, zu einer Veranstaltung von Jan Tabors Symposionistischer Internationaler. Bei meinem Rundruf durch alle Pensionen und Hotels der Stadt bekam ich immer wieder die selbe Antwort: kein Zimmer frei, Ferragosto. Was ist denn da los im stillen Waldviertel?
Fragt Sissi Cahon, Leopoldstadt
Liebe Sissi,
Ihr Drosendorfer Nächtigungswunsch kollidierte mit einer kalendarischen Besonderheit. Heuer fiel der 15. August, Mariä Himmelfahrt auf einen Freitag, was automatisch zu einem superlangen Wochenende führte. Mit dem italienischen Ferragosto hat dieser Effekt nur die Augustmitte gemein. Das Fest der Feste, die Woche, in der sich ganz Italien auf die faule Haut legt, mit Kind und Kegel ins kühle Gebirge oder ans Meer fährt, wird zwar auch von der Assumption Mariens ausgelöst, hat aber alte und unchristliche Wurzeln. Nachdem Kaiser Augustus dem sechsten Monat des römischen Jahres seinen Namen gegeben hatte, liess er die Feste anlässlich des landwirtschftlichen Sommerendes, traditionell im September gefeiert, in die Mitte des August, an den heissesten Tag des Jahres legen. So kam der Höhepunkt des Sommers zu seinem Namen: Feriae Augusti, die Feste des Augustus, italianisiert Ferragosto. Essen, Trinken, sexuelle Exzesse, das Fest hatte es in sich. Das ganze Reich hatte frei. Vom dicken Senator bis zum ausgemergelten Sklaven. Ferragosto war so tief verwurzelt im Appeninenvolk, dass die Kirche es eher vorzog, dem Fest einen neuen Drall zu geben, nämlich die Himmelfahrt der Gottesmutter, als es wegen heidnischer Exzessimmanenz abzuschaffen. dusl@falter.at www.comandantina.com
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1. September 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings



