Nachtschaffen ::: Salzburger Nachrichten

Von der Unfähigkeit der Österreicher, zivilisiert mit dem Tagesanbruch umzugehen.

Für meine Gastkolumne in "Lebensart" der Salzburger Nachrichten vom 7.2.2008.

Ich muss gestehen, ich liebe den Schlaf, er ist so traumhaft wie regelmässig, gehört ganz mir und kostet mich nichts. Der Schlaf ist mein Freund, er kommt spät, aber er ist treu und stellt keine Fragen. Er ist da, wenn ich ihn brauche, aber er flieht, wenn man ihn stört. Neuerdings hat mein Schlaf grosse Schwierigkeiten mit dem Haus neben uns. Denn im Haus neben uns wird gebaut. Ab fünf Uhr früh. Obwohl es noch zappenduster ist. Denn Bauen ist gut. Und früh ist gut. Ganz unabhängig davon, was gebaut wird, was gegraben: Laut muss es sein. Und früh. Ist es laut, ist es gut. Ist es früh, ist es perfekt.

Das Bersten der Ziegel, das Knallen der Gerüstrohre, das Kreischen der Sägeblätter erfüllt die Wienerin und den Wiener mit einem wohligen Schauer. Es geht weiter. Es wird besser. Die Stadt richtet sich auf. Im Frühstücksgedächtnis der Hauptstädter ist das morgendliche Hämmern und Klopfen, das Knattern von Dieselaggregaten und das singende Geräusch hebender Kräne ein musikalisches Leitmotiv für Stadtgesundheit. Mein Schlaf sieht das anders.

Der österreichische Morgen ist ein Phänomen von ungeheurer Absurdität. Der österreichische Morgen beginnt nämlich gleich nach vier Uhr Nachts. Lange bevor die Morgen anderer Länder beginnen, und lange bevor der tatsächliche Morgen graut. Der Sonnenaufgangsmorgen, der wirkliche Tagesbeginn. Denn Österreich zählt zu den frühaufstehenden Nationen. Ich behaupte: Österreich ist die einzige frühaufstehende Nation. Österreich steht auf, wenn sich andere gerade niederlegen. Warum ist das so? Warum müssen Österreicher zu Zeiten aufstehen, wo sich Andalusier und Neapolitaner gerade schlafen legen?

Das frühe Aufstehen hat Gründe. Einen meine ich im alpinen Stall auszumachen, wo die österreichische Kuh auf das frühe Gemolkenwerden wartet. Ein guter Bauer, der die Milcheuter seiner Doris, seiner Bella, Fiona und Rosa nicht zu lange warten lässt. Da können draussen noch die Sterne funkeln. Nächtlicher Arbeitsbeginn ist eine Tugend von grösster Österreichischkeit.

Als Primus aller Frühaufsteher können wir Kaiser Franz Josef identifizieren. Der Habsburger war seit seinem 13. Geburtstag, wo er zum Oberst eines Dragonerregiments ernannt wurde, Vollzeitmilitär. Und wie viele Soldaten in hohen Chargen war der erste Diener seines Staates krankhafter Morgenmaniker. Bis zu seinem Tod liess sich der daueruniformierte Kaiser um 3 Uhr 30 wecken. Klar, dass sich unter seinen Untertanen vor allem jene in Führungspositionen wiederfanden, die ebenso leicht wie er das Bett verlassen konnten. Der Selektions-Mechanismus des österreichischen Frühaufstehens hat über eineinhalb Jahrhunderte das Vormorgengrauen als Tugend etabliert und den Unfug des nachschlafenen Herumirrens mit bleierner Schwere über das Land gelegt. Denn Schlafen kann man auch in der Schnellbahn, im Stau und ganz gut auch im Büro. Nur in meinem Bett geht das nicht mehr so leicht. Weil neben mir gehämmert wird.

Andrea Maria Dusl

25. Mai 2008 © Andrea Maria Dusl

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Kommentare

Lustigerweise nimmt der Baulärm mit zunehmender Stunde ab. Ich vermute, dass die Bauarbeiter sich selbst in den frühen Morgenstunden mit besonders lärmenden Tätigkeiten wachhalten.

judith | 13.07.08 18:58

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