Spaghettitechnik

Spaghetti.jpgLiebe Frau Andrea,

beim Aufessen der für meinen Kleinen fein geschnitten Spaghetti Bolognese schien mir, dass sie eigentlich geschnitten besser schmecken als gewickelt (zumindest mit Sugo Fleisch pikant von Felix und Spaghettni No. 3 von Barilla). Seither schneide ich diese Nudeln und habe damit scheinbar ein schweres Tabu berührt. Ungläubige Augen der Erwachsenenen. Sogar die Kinder wundern sich. Warum es sozial so wichtig ist, Nudeln zu wickeln statt sie zu schneiden, bleibt mir ein Rätsel.

Johannes Gärtner, per Elektropost


Lieber Johannes,

betrachten Sie mich als leidenschaftliche Befürworterin des experimentellen Individualismus. Gastronomische Tabus sind kein Naturgesetz, sondern dazu da, um niveauvoll gebrochen zu werden, Gebote sollen stets hinterfragt werden und im Zweifelsfalle übertreten. Alle Gebote bis auf eines: Es soll Dir schmecken. Wenn es Ihnen behagt, legen Sie Ihre Spaghetti auf Knäckebrot, wickeln sie Ihre Linguini um Nüsse und füllen Sie Rhabarber-Eis in ihre Penne. Schütten sie Felixsosse über die Barillanudeln und häckseln sie diese mit Steakmessern. Alles ist erlaubt, nur schmecken muss es. Das Tabu, Nudeln nicht zu schneiden hat simple und sehr italienische Gründe. Ich spreche hier als Viertelitalienerin. Erstens wird in der Manufaktur appeninischer Teigwaren viel Aufwand betrieben, besonders lange Spaghetti zu erzeugen. Lange Nudeln gelten den Italienern als elegant, sie werden minutenlang mit Gabeln an den Tellerschultern gedreht. Nur Deutschen reicht man den Spaghettilöffel. Zweitens spart der solitäre Gebrauch von Gabeln Abwaschkraft. Abwaschzeit ist Lebenszeit und Lebenszeit soll der Italianità dienen und nicht dem alemannischen Putzfimmel. dusl@falter.at www.comandantina.com

Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 13/2007

21. März 2008 © Andrea Maria Dusl

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Kommentare

Liebe Frau Andrea,
gehe da mit Ihnen völlig konform, wenn Sie verlauten, daß gastronomische Regeln keine festgeschriebenen Naturgesetzte sind und durchaus NIVEAUVOLL zu brechen sind. Das Dilemma beginnt nur wenn Stilsicherheit und Geschmackskompetenz ins kulinarische Spiel gebracht werden, denn an diesem Punkt scheitert mensch dann erbärmlich. Wiewohl sowieso die Barberei in Ess- und TrinkKULTUR die Herrschaft übernommen hat.

maitre | 23.03.08 11:39

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