Mein Papst?

POLEMIK Wenn ich glaube, dann mir. Eine Lästerung.
Erschienen anlässlich des Österreichbesuchs von Papst Benedikt XVI. im Politikteil von Falter 35/2007.

Wem gehört dieser Papst eigentlich? Wenn es nach Karl Ratzinger und seiner Organisation geht, gehört der Papst uns allen. Sofern wir rechten Glaubens sind. Wenn es es nach den Deutschen geht - die sind nämlich jetzt Papst - gehört er mit Haut und weissem Haar unseren Kollegen im Tschüssiland. Die Italiener wiederum haben den Pontifex wie stets zu ihrem ganz persönlichen Väterchen ausgerufen. Allen gehört er. Nur mir nicht. Ich hab nämlich nichts am Hut mit dem Mann mit der Friseurstimme.

Despektierlich, nicht wahr, wie ich über den Heiligen Vater spreche! Aber ich kann nicht anders, die Nonnen, die mich als Kind gequält haben, haben mich für die katholischen Glaubensinhalte und ihr Personal verdorben. So böse haben sie es mit mir getrieben, dass ich das Konzept Glauben überhaupt eingestellt habe. Wenn ich an etwas glaube, dann an mich. Vatikan brauche ich dafür keinen. Despektierlich, wie ich eine Lichtfigur vom Format Benedettos hier in laizistische Schmonzes schachtle. Aber so würde auch die Rapidseele kochen, wenn ich Sankt Hanappi der Unwichtigkeit ziehe.

Auch wenn sich in meinem Seelengebirge Mariazell spirituell nicht mit dem Stadionbad messen kann, die katholische Kirche lässt mich nicht kalt. Ihre Rituale sind ja nicht ohne: Vereinsversammlungen unter Alkoholkonsum, symbolischer Kanibalismus, alleinstehende Männer in Spitzenkleidchen, die sich von jungen Buben in ebensolchem Fummel Weihrauch zuschwenken lassen. Tuckiges Kulttum, das tief aus dem vorantiken Babylon auf uns gekommen ist. Dazu ein Religionsheld, der zu Abertausenden an unsere Wegesränder genagelt ist. Langhaarig, ausgemergelt und nackt.

Benedikt-XVI.jpgGäbe es das Konkordat nicht, den Vertrag zwischen Vatikan und Staat, der seltsame Verein müsste wegen Obskurantismus unter Beobachtung gestellt werden. Wenn das Reich Gottes kommt, wird dann die Republik abgeschafft? Und wieso wird der Obmann auf Lebenszeit gewählt? Und nicht jährlich ermittelt, wie in jedem kleinen Sparverein? Nun gut, über Volkes Opium soll nicht gelästert werden, siehe Rapid. Wem diese Zeilen seelisch zusetzen sollten, möge sich bei den Schulschwestern beschweren. Die haben Schlimmeres mit mir angestellt.

Vom ideologischen Standpunkt gefällt mir weder der Katholizismus noch irgendeine Gottesprojektion, da bin ich nicht wählerisch, nicht mal die Buddhisten haben meinen Segen. Vom modischen Podest aus betrachtet hat der beliebte Haufen allerdings meinen grossen Respekt. Aber Hallo! Die Grandezza, mit der sich Päpste in goldenen Riesensänften durch die Fans transportieren lassen, ist unerreicht. Das bringt nicht mal der Aga Khan. Nach dem doch eher spartanisch gewandeten polnischen Pontifex steht in Benedikt XVI endlich wieder ein Kirchenoberhaupt vor uns, dessen Kleiderschränke prall gefüllt sind mit bischöflichem Fummel. Allein über Benedikts Wiedererweckung des Camauro, jenes blutroten, hermlingesäumten Tantenhütchens, das er für öffentliche Winteraudienzen aus der päpstlichen Kleiderkiste gezogen hat, verdient er uneingeschränkten Modisten-Applaus. Pradaschühchen und Guccibrillen, der alte Herr hat es daheim im stillen Kämmerchen sicher faustdick auf den Kleiderbügeln.

Was mir weniger gefällt, ist die offizielle Homophobie des doch ganz und gar am rosa Ufer tänzelnden Vereins. Von Jesus, dem Vorpapst und Spross einer Patchworkfamilie sind mir jedenfalls keine schwulenfeindlichen oder heterophilen Dogmata in Erinnerung. Gut, der hatte auch mit einem schlichten Leinenhemd sein modisches Auslangen gefunden und ging zu seinen Anhängern noch zu Fuß.

30. August 2007 (1) Comments

Ulfassbar heiß

ULF.jpgLiebe Frau Andrea,

angesichts der tropischen Hitze stellte sich meiner Freundin Elfriede und mir die bislang unbeantwortete Frage: Warum ist es in den so genannten ULFs, den Niederflurstraßenbahnen, um so vieles heißer als in den "normalen" Straßenbahnen? Mögliche Erklärungen scheinen uns nicht stichhaltig: die Fenster waren ja auch bei den alten Straßenbahnen nicht alle zu öffnen, zumal das ja im Falle großer Hitze wieder nur heiße Luft hereinbrächte. Fällt das Fänomen nur uns auf? Wissbegierig verbleibe ich

herzlich grüßend, Ilse Kilic

Liebe Ilse,

die Hitze in den Ultra-Low-Floor-Tramway-Zügen dürfte allen öffentlich Wienreisenden aufgefallen sein. Sie reiht sich stadtmystisch in den Phänomenkreis ein, der die stinkenden U1-Stationen, die gefährlich niedrigen Decks der 13A-Doppeldecker, den rostigen Rußgestank der alten Stadtbahn oder den Erdölgeruch der winterlichen Strassenbahnböden umfassen. Hitzetechnisch gesehen sollte das Problem der schweisstreibenden ULF-Kabinen mit der “Indienststellung” der neuesten Garnituren dieses Typs behoben sein. Ab Herbst fahren Gleiswölfe mit eingebauten Kliamaanlagen. In den alten ULFen ist es, wie jeder Autobesitzer bestätigen kann, deswegen so heiss, weil sich die Innenräume verglaster Fahrzeuge aufheizen. Abhilfe böte selbst bei hohen Aussentemperaturen der Fahrtwind. Gäbe es denn Fenster, die sich über ein mikroskopisches Mass hinaus öffnen liessen. Klimaregulierte ULFe erkennen Sie an roten Hartschalensitzen und gelben Haltestangen. Bald. www.comandantina.com dusl@falter.at

Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 35/2007

27. August 2007 (0) Comments

Alfred Gusenbauer

Gusenbauer zweifelt am Wert der Eurofighter-Gegengeschäfte

Der österreichische Bundeskanzler will im STANDARD-Interview die Gesamtschule in drei Legislaturperioden flächendeckend umsetzen. Wie, das erklärte er der Autorin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl, die Michael Völker als Überraschungsgast zum Gespräch in das Museumsquartier begleitet hat.

Die Bilder in diesem Interview hat Matthias Cremer gemacht. --> Hier geht's zu seinem Photoblog im Online-Standard.

Anmerkung AMD: Gusenbauer kommt mit zwei Staatspolizisten, hagere Gestalten mit wunderschönen Schnurrbärten. Im Schlepptau hat er seinen Pressereferenten Sven Pusswald. Michael Völker und ich sitzen mit Standard-Fotograf Matthias Cremer im Kunsthallen-Café im Museumsquartier. Gusenbauer kommt und stellt sich vor: "I bins, der dicke Ybbser"

Gusenbauer-Dusl-Voelker-1.jpg

Dusl: Kommt es jetzt zu einer Fusion Sozialdemokratie und Grüne? Du räumst ihnen ja die hellen Köpfe ab.

Gusenbauer: Andreas Wabl ist ein kluger Kopf. Ich betrachte das so: Man darf nicht so engstirnig sein, immer nur eigene Parteigänger für gewisse Funktionen zu verwenden. Ich versuche auch Menschen aus anderen politischen Bereichen, die Potenzial, Kapazitäten und Fähigkeiten haben, miteinzubeziehen.

Standard: Mit Wabl haben Sie sowohl bei der ÖVP als auch bei den Grünen für ziemliche Verwirrung gesorgt.

Gusenbauer: Das ist doch sonderbar in Österreich. Es wird immer von Parteibuchwirtschaft gesprochen. Frei nach dem Motto: Immer werden nur irgendwelche Parteigänger etwas. Zu Recht gefordert wird, dass die besten Köpfe berücksichtigt werden. Dann gibt es endlich einmal jemanden, der dementsprechend agiert, und auf einmal sitzen alle da und schauen ganz verdutzt. Insofern ist die Irritation ein Mangel der politischen Kreativität. Aber Van der Bellen hat Wabl ohnedies gratuliert.

Standard: Nicht mit übermäßiger Begeisterung.

Gusenbauer-Dusl-Voelker-2.jpgGusenbauer: Ich war beim Gratulationsgespräch nicht dabei. Aber in der Frage des Klimaschutzes, in der in den letzten zehn Jahren alles verschlafen wurde, besteht absoluter Handlungsbedarf. Die Grünen können nur froh sein, dass ein so wichtiges Thema eine so starke Prominenz bekommt.

Standard: Andrea, hast Du Alfred Gusenbauer schon in einem Cartoon verarbeitet?

Dusl: Ja, selbstverständlich. Und zwar, wie ich hoffe, treffend. Letztens habe ich mich geirrt. Da habe ich einen Super-Gusi gezeichnet, wie er die Abfangjäger aufhält. Das ist sich dann doch nicht ausgegangen. Was mich so stört, ist dieser Empörungswirrwarr. Einerseits wird versucht, diese Flugzeuge zu verhindern, um zu zeigen “Wir stehen zu unseren Versprechungen", und gleichzeitig ist allen bewusst, dass sich das eh nicht ausgehen wird.

Gusenbauer: Der Super-Gusi war eine gute Idee. Aber natürlich ist es richtig, dass die Abfangjäger eine Symbolfrage sind, ein Symbol dafür: Was ist jetzt wichtiger in Österreich, Ausgaben für Bildung und Soziales oder Ausgaben für diese Eurofighter? Daher war das eine sehr zugespitzte Darstellung: Was sind Ausgabenprioritäten und was sollte in unserer Gesellschaft wichtiger sein? In der Tat hat man bis zum Schluss nicht gewusst, ob und wie man aus dem Ganzen herauskommt. Aber Norbert Darabos hat eine Exitstrategie gefunden.

Standard:: Jetzt kommt noch die Sonderprüfung vom Rechnungshof, auch zu den Gegengeschäften.

Gusenbauer: Das finde ich besonders lustig. Was wird denn da geprüft? Werden die wolkigen Ansagen über die Gegengeschäfte geprüft oder das, was real gelaufen ist? Wir haben von Gegengeschäften in der Höhe von vier Milliarden Euro gehört. Wo sind die? Ich frage mich, was dabei geprüft wird. Wird der Wolkigkeitscharakter früherer Aussagen der vorhergehenden Regierung geprüft?

Standard: Wissen Sie, wie hoch die Gegengeschäfte tatsächlich sind?

Gusenbauer: Nein. Außer den Propagandaaussagen der vergangenen Regierung gibt es ja nichts Stichhaltiges.

Standard: Martin Bartenstein blieb bis zuletzt bei den vier Milliarden.

Voelker-Cremer-Pusswald-Gusenbauer.jpg

Bild: Michael Völker, Matthias Cremer, der vielbeschäftigte Sven Pusswald und der markisengerötete Bundeskanzler. Ins Bild klicken für grosse Version.

Gusenbauer: Wie man weiß, hat die Inszenierung oft nichts mit der Realität zu tun. Ich glaube, den meisten Menschen in Österreich ist bewusst, dass man von den vier Milliarden Euro so genannter Gegengeschäfte relativ wenig sehen wird.

Standard: Was ist, wenn Eurofighter jetzt sagt, wir reduzieren die Gegengeschäfte?

Gusenbauer: So what? Österreichs Unternehmer sind konkurrenzfähig genug, auch so Aufträge zu lukrieren.

Standard: Sie meinen, diese Gegengeschäfte hätte es sowieso nicht gegeben?

Gusenbauer: Hier ist vieles fragwürdig und noch unklar.

Dusl: Aber warum glaubt die Politik, dass die Menschen an diese Lüge glauben?

Gusenbauer: Ich glaube nicht, dass die Politik daran glaubt. Die frühere Regierung hat daran geglaubt.

Dusl: Sitzt Du nie mit Bartenstein zusammen und sagst, jetzt lassen wir den Blödsinn, wir wissen doch beide, dass das so nicht funktioniert?

Gusenbauer: Das ist ein politisches Spiel der ÖVP, die versucht, mit allen Mitteln den Verhandlungserfolg des Norbert Darabos schlecht zu machen. Jetzt ist man auf die besonders einfallsreiche Idee gekommen, diese wolkigen Gegengeschäfte herauszuziehen. Die Wahrheit ist, man muss nur mit den Betrieben reden, die so genannte Gegengeschäfte bekommen haben, die sagen natürlich, das war für uns kein Nachteil. Aber das Geschäft hätten wir in jedem Fall gemacht. Ich kenne eine Reihe solcher Firmen, die auf der Gegengeschäftsliste stehen.

Dusl: Aber wer macht das Geschäft? Welcher Arbeitnehmer hat einen Vorteil von den Geschäften, die die großen Konzerne machen? Ich habe noch niemanden kennen gelernt. Ganz im Gegenteil: Je besser es denen geht, desto schlechter geht es den Arbeitnehmern, weil der Rechenstift angesetzt wird: Wo können wir noch jemanden einsparen? Das ist mein Vorwurf - in aller Liebe, das können wir uns doch nicht gefallen lassen, diese Menschen verachtende Grundhaltung: Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es uns allen gut.

Gusenbauer-Haende-2.jpgGusenbauer: Darum sagen wir das Gegenteil. Wir sagen, wenn es den Menschen gut geht, geht es der Wirtschaft gut. Daher ist die Auseinandersetzung um die heurigen Lohnerhöhungen ganz besonders wichtig. Was haben wir vom Wirtschaftswachstum, wenn es sich nicht niederschlägt in höheren Löhnen für die Menschen, die arbeiten? Wann sollen die Löhne denn sonst steigen als in Jahren, wo wir ein gescheites Wirtschaftswachstum haben?

Standard: Warum muss die Koalition so viel streiten? Man hat den Eindruck, da findet ein permanenter Wahlkampf statt. Vizekanzler Molterer hat das kürzlich bestätigt – er hat gesagt, er will Erster werden. Sie wollen wahrscheinlich vorn bleiben. Wie kann man in dieser Konkurrenzsituation überhaupt arbeiten, wo jeder dem anderen misstraut?

Gusenbauer: Ich habe nichts dagegen, wenn jemand politische Ziele verfolgt und sagt, ich möchte gerne stärker werden oder den anderen überholen. So ist das in der Politik. Es ist aber noch ziemlich lange hin bis zur nächsten Wahl. Es tun sich alle Beteiligten nichts Gutes, wenn sinnlose Streitereien stattfinden. Ich habe kein Problem damit, wenn inhaltliche Auseinandersetzungen geführt werden. Wenn es etwa in der Bildungspolitik eine Auseinandersetzung gibt, wo die ÖVP klar sagt, wir sind der Meinung, es muss zum frühesten Zeitpunkt selektiert werden, und wir fangen schon bei den Dreijährigen an. Das nächste Mal bei den Sechsjährigen zu sagen, wer sind die Starken und wer die Schwachen, dann bei den Zehnjährigen, dann bei den Vierzehnjährigen.

Und alle, die schwach sind, werden immer weggeschoben. Das ist eine eindeutige politische Ansage. Ich finde, sie ist völlig falsch, weil sie unsere Probleme nicht verkleinert, sondern vergrößert. Unser Problem besteht darin, dass 20 Prozent unserer 15-Jährigen Schwierigkeiten mit Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Wir müssen nicht darauf schauen, dass ein paar wenige sehr Talentierte noch um ein Alzerl besser werden, sondern dass alle eine möglichst gute Bildung haben.

Und da ist die Integration und nicht die Selektion das Konzept. Das ist ein klarer, weltanschaulicher Unterschied. Darüber zu diskutieren, halte ich für sinnvoll. Weil es hier um eine wesentliche Frage geht. Aber irgendwelche sinnlosen Streitereien, wo kein Mensch mehr nachvollziehen kann, über was eigentlich gestritten wird - das ist völlig sinnlos.

Standard: Warum sprechen Sie kein Machtwort?

Gusenbauer-Dusl-Voelker-3.jpgDusl: Ich würde mir wünschen, dass der Bundeskanzler viel öfter auf den Tisch haut. Meine ganz bescheidene Vermutung ist, dass es noch nie geschadet hat, mit Vehemenz die eigene Position zu vertreten.

Gusenbauer: Mit Vehemenz die eigene Position zu vertreten, das halte ich für richtig. Es gibt aber wichtige Fragen und weniger wichtige Fragen. Sich in irgendwelches Kleinklein einzumischen, das ist nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe besteht darin, mich darum zu kümmern, dass in der Bildung etwas weitergeht, in der Gesundheit, in der Arbeitsmarktpolitik.

Standard: Die ÖVP hat jetzt ein Feuerwerk an Bildungsideen gezündet. Und hat sich festgelegt, die Gesamtschule wird es nicht spielen. Sie setzen große Erwartungen in die Gesamtschule - wie kann das im Herbst weitergehen? Wird es bei diesen fünf Modellregionen bleiben, und verläuft das danach im Sand?

Gusenbauer: Das verläuft nicht im Sand. Ich halte das finnische Schulsystem für vorbildlich. Ganztagsschule und Gesamtschule. Die Finnen haben uns gesagt, man braucht im Wesentlichen drei Legislaturperioden, bis man das flächendeckend einführt - eine Periode zur Vorbereitung; die zweite, in der man die Einführung beginnt; und die dritte Periode, in der man das flächendeckend umsetzt.

Was jetzt geschieht, ist die Periode eins. Jetzt finden die Versuche in diesen fünf Modellregionen statt, die noch vor der nächsten Nationalratswahl ausgewertet werden. Danach kann man mit der Einführung beginnen. Wir werden uns auf dem Weg dorthin nicht aufhalten lassen. Dieser Weg ist vielleicht nicht so schnell, wie er sonst sein könnte, aber die Entwicklung geht in jedem Fall in die richtige Richtung. Und es gibt immer mehr aus der ÖVP, die erkennen, dass in Wirklichkeit kein Weg daran vorbeiführt.

Standard: Da müssten Sie über drei Legislaturperioden lang Bundeskanzler bleiben.

Gusenbauer: Das wäre das Gescheiteste.

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Dusl: Ich würde mir wünschen, dass Du radikaler wirst. Ich mag einen radikalen Regierungschef. Das hat auch etwas mit der Projektion von Sehnsüchten zu tun. Die Menschen wollen doch Helden haben. Wie sehr möchtest Du dich zum Helden eignen?

Gusenbauer: Zum Helden wird man durch die Geschichte.

Dusl: Das Heldentum findet auch auf symbolischer Ebene statt. Che Guevara war in Wirklichkeit Finanzminister und Asthmatiker, kein großer Held. Aber auf symbolischer Ebene war er natürlich einer. Was spricht dagegen, dass Du ein österreichischer Che wirst? Der Schüssel kann es ja nicht sein.

Gusenbauer: Österreich rückt nach links. Wie auch Deutschland. Das hat unlängst auch die Zeit festgestellt. Es gibt ein starkes Bedürfnis: Die Welt ist aus der Balance geworfen, und es wäre wieder einmal an der Zeit, dass das Pendel in die andere Richtung geht. Dass es wieder mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Fairness, mehr Chancen für den Einzelnen gibt. Das ist nicht nur ein starkes Bedürfnis, sondern völlig berechtigt. Darum dreht sich auch die aktuelle Auseinandersetzung. Ich betrachte mich als Anwalt der sozialen Fairness.

(Redigiert von Michael Völker/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.8.2007). Anmerkung AMD: Das ursprüngliche Du zwischen Gusi und Dusi habe ich wieder eingefügt. Die Bilder in diesem Interview hat Matthias Cremer gemacht. --> Hier geht's zu seinem Photoblog im Online-Standard.

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26. August 2007 (1) Comments

Die Krise des guten Menschen

POLEMIK Über die Krise der Anständigen, die in die Falle gerieten.
Als: 'Sankt Gutmensch' - leicht gekürzt - erschienen in Falter 34/07. Dieser Text ist die Originalversion.

Donnerstagsdemo.jpgAls die Welt Kopf stand, war sie noch in Ordnung. Als der Millimetternich sich mit dem Bärentaler paarte. Es war eine Welt, wie sie die Szenaristen des Grauens entworfen hatten. Schüssel kletterte auf den Bundeskanzlersessel, in die Ministerien torkelten Witzfiguren. Die EU stellte das Land unter politische Quarantäne. Der erste Winter des neuen Jahrtausends begann mit dem Armageddon des guten Menschen, dem Bürgerkrieg der Worte.

Wer das Herz am linken Fleck verspürte, ging auf die Strasse. Das Auf-die-Strasse-gehen. Es hatte etwas Heiliges. So hatten wir Zwentendorf verhindert, das Kraftwerk in Hainburg, so waren wir dem Aufkeimen des Sonnenstudio-Faschismus begegnet, dem tumben Ausländerhass, der Verklärung der Kriegsgeneration. Die Strasse hatte was Gutes. Auf der Strasse war schliesslich auch die DDR abgetragen worden. Und das Regime in so manch anderem Ostblockstaat. Friedlich, mit Schlüsselbund und Kinderwagen.

Wolfgang Schüssel schien immun zu sein gegen die donnerstäglichen Protestbewegungen. Das Böse hatte einen Namen, das Gute war unterwegs. Wie Pilze schossen die Sammelbewegungen der Unterdrückten aus dem Boden, das Myzel der Privatsolidarität breite sich im Land aus, Caritas und Kommunisten fanden sich plötzlich auf der selben Seite wieder. Auf der Guten. Wenn man so will, war das auch eine Revolution. Jesus und Marx waren doch aus dem selben Holz geschnitzt, oder?

Endlich Feuer am Dach. Es war wie bei der freiwilligen Feuerwehr: Endlich konnten wir zeigen, wie gross der Druck in den guten Schläuchen war. Die Falle war zugeschnappt. Oder vielleicht so: Etwas war zugeschnappt, was so funktionierte wie eine Falle. Die Falle des Gutmenschen. Bis zum Hals staken wir drinnen. Im Guttun, im Spenden, im Aufrufen, im Verbünden. Indem unsere Häuptlinge, die Heiligen des Landes sich der Bedürftigen annahmen, indem sich Sankt Resetarits, Sankt Danzer, die Heilige Ute, der heilige Florian und Hunderte anderer der Linderung von Leid verschrieben, sie sich der Ausgegrenzten und Abgeschobenen widmeten, der Mundtotgemachten und der Brustkorbfixierten, nahmen sie dem Staat aus der Pflicht. Den Staat, das Gemeinwesen. Den wir jetzt als das gemeine Wesen wahrzunehmen begannen.

Amerikanische Zustände zogen in die Republik ein. Das Dilemma: Mit jeder guten Tat, mit jeder herzerwärmenden Privatinitiative, mit jedem Solidaritätsfest näherte sich der Gutmensch einem Sozialverständnis an, das im Staat nur mehr den Hüter von Recht und Ordnung sah. Dem Recht auf Aktienbesitz und die Ordnung der Kursgewinne.

Die Charity-Veranstaltung der Schwerreichengattin und die Wintermantelsammlung der Pensionistin nagten an den Grundfesten. Zwischen Sozial und Staat war der Bindestrich immer länger geworden. Und in der Regierung sassen die Totengräber. Es war zum Aus-der-Haut-fahren. Lethargie und Depression schlich in unser Gutmenschenherz. Postrevolutionäre Apathie. Ein Ildefonso aus Weltschmerz und Hoffnungslosigkeit. Wir, die Donnerstagsgeneration, wir hatten scheinbar versagt und schlichen uns ins Bobo-Biedermeier. Schwarzblau erodierte ganz von selbst, nicht der Kristallprinz wurde König, sondern der dicke Ybbser.

Durch eine Revolution ist in Österreich noch keine Regierung zu Fall gekommen. Dazu gibt es im Gedächtnis des Landes keine Erinnerung. Das Volk hat dem Herrscher nie den Kopf abgehackt. Der Umsturz ist nie von unten gekommen, sondern immer nur aus dem Büro. In Zeitlupe, unhörbar und ohne Aufregung. Zitzerlweis sozusagen.

Im Lichte dieser Erkenntnis wollen wir also nicht aufgeben! Es werden sich doch Büromenschen finden aus dem apathischen Gutmenschenildefonso! Denn nicht auf der Strasse wird das Land umgebaut, nicht am Spendentisch, nicht in der Demo-Zentrale. Sondern ganz Old-School in den Ministerien und Ämtern, den Gremien und Kommissionen. Zugegeben, ein bissl fad ist das. Wir sind schliesslich in Österreich. Aber wem es zu langsam geht, der werfe die erste Freitagtasche.

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Als ich am 22. August 2007 den Bundeskanzler der Republik, Alfred Gusenbauer zu einem STANDARD-Interview im Museumsquartier traf, stellte er sich mit den Worten vor: "I bin's, der 'Dicke Ybbser'!"

22. August 2007 (0) Comments

Schnapsologisches

Liebe Frau Andrea, hochverehrte Comandantina,

ich habe letztens nach vielen Jahrzehnten zum ersten mal wieder Bauernschnapsen gespielt. Dabei tauchten essentielle Fragen auf. Warum hat man einen "Schneider", wenn man es während eines Bummerls nicht schafft, auch nur ein klitzekleines Pünktchen zu ergattern? Warum kann man den "Gang" (alle Stiche ohne Atout) auch "Ringerl" nennen und wieso heisst die Spielvariante, in der der Zehner die höchste und das Ass die niedrigste Karte darstellen ausgerechnet "Zehner/ Loch"? Kommt der Name des Spiels "Schnapsen" von den Erfrischungsgetränken, die während der Durchführung gereicht werden? Vielen Dank im Voraus für die Unterstützung, Michael Kozeluh im Namen der Kartenrunde vom Irrsee

Lieber Irrseerundenmichael,

der Ausdruck "Schneider" bezieht sich auf das Untergewicht der Nähmeister, die in früheren Zeiten meist kleine und dürre Gestalten waren. Das Bummerl ist der dicke Punkt neben dem Namen. Der Gang (das Ringerl) wird auch Durchmarsch oder Land genannt, vermutlich haben da die Landsknechte früherer Zeiten ihre Kriegserfahrungen einfliessen lassen. Ein Zehnerloch oder Zehnergang ist im Prinzip das Gleiche wie ein Gang, das Ass wird von der höchsten zur niedrigsten Karte, die Reihenfolge lautet: Zehner, König, Dame (Ober), Bub (Unter), Ass (das Loch). Bekommt man alle Stiche in einer Abfolge, wo Ass und Zehner vertauscht sind, also Ass, Bub (Unter), Dame (Ober), König, Zehner, hat man einen Zehnerring gespielt. Schnapsen kommt klarerweise vom ausgelobten Stamperl. Prost! www.comandantina.com dusl@falter.at

Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 34/2007

20. August 2007 (0) Comments

Der ORF, die Anstalt

Ich mag die alle. Ich mag sie aufrichtig. Intelligente Menschen, gebildet, mit allen Wassern der Aufklärung gewaschen. Man kann mit Ihnen über Wong Kar Wai reden und über Stroheim, über Larry David und Karl Kraus. Und über das Eigene sowieso. Aber nur ausserhalb eines Sicherheitsabstands von sieben Kilometern vom Küniglberg entfernt.

Was ist das, das aus angenehmen künstlerisch-intellektuellen Kollaborateuren griesgrämige Volltrottel und böswillige Dilettanten macht, sobald sie den ORF-Feldherrnhügel bestiegen und es sich in ihren tiefplafonierten Büros gemütlich gemacht haben. Was ist es? Eine geheime Substanz? Ein böses Gas? Ein Fluch, der aus den Gräbern unter dem Fernsehzentrum in die Grosshirnrinde der Fernsehmacher steigt?

Ich mag sie, sie sind intelligente Zeitgenossen, ganz auf meiner Linie. Aber ich hasse ihr Programm. In aller Liebe. Es ist grottenschlecht. Dass es vorher noch übler war, gilt nicht. Das liebste am ORF sind mir die Nachrichten. Ich weiss in welchem Umfang geflunkert wird und bekomme ein detailliertes Bild darüber, was in der Anstalt als relevant gehalten wird, die Meinungszinnen der Österreicher zu besteigen. Mit Kultur hingegen hat es nur scheinbar zu tun, wenn die Darmspiegelungen der Salzburger Opernwelt übertragen werden, mit Sport nicht, was die Alpinski- und Rennfahrbanditen am Bildschirm abstellen. Dann schon lieber das, was man im Ohr Er Eff für lustig hält. Dabei kann ich wenigstens gut schlafen.

Unlängst sind drei alte Herren gestorben. Ingmar Bergman und Michelangelo Antonioni. Und Franz Antel, der sich die Nähe seines Abgangs zu den beiden Titanen der Inszenierung nicht anders einteilen konnte. Wie geht der ORF mit diesen cinematographischen Verlusten um? Ein Film pro Titan, neun für den Krautfleischkoch. In eigener Sache habe ich die Heimatfunk nie abschreiben müssen. Er war nämlich nie angeschrieben. Ich mag sie trotzdem. Sie tun, was sie können.

Langversion einer Antwort auf eine Frage des Standards, wie es mir filmemacherisch mit dem ORF geht.

16. August 2007 (1) Comments

Österreich ist ein gutes Land

FA-33.2007-Hitparade-der-Sozialleistungen.jpg

Dusilation in Falter 33/2007: Hitparade der Sozialleistungen.
Ins Bild klicken für grosse Version!

15. August 2007 (0) Comments

Kanalfische

Wienfluss Wien.jpgLiebe Expertin Andrea,

als in Wien Mitte Wohnende schaue ich gern auf meinen Alltagswegen in den Wienfluss. Zwischen Oskar-Kokoschka-Platz und Urania tummeln sich im flachen, schmutzigen Wasser an bestimmten Stellen zu bestimmten Tageszeiten Hunderte von Fischen. Da gibt es richtig große mit silbriger, in der Sonne glänzender Seite, ganz kleine, die in riesigen Schwärmen wie Sardinen unterwegs sind. Man kann wirklich ein buntes Treiben, Spielen und Kommunizieren der Fische beobachten. Das www gibt Auskunft, dass über 30 Arten im Wienfluß leben, nennt aber außer der Nase (ja, so heißt einer) keine anderen. Mich interessiert, was da so vor meiner Haustür herumschwimmt.

Ihr Fan Doris Jungmayer

Liebe Doris,

tatsächlich tummeln sich zahlreiche Fischarten im Wienfluss. Ganz soviele, wie Ihre Recherchen ergeben, sind es allerdings nicht. Die Fischfauna im 34 Kilometer langen, stellenweise kanalisierten Wienfluss dominieren strömungsliebende Arten wie Aitel, Bachschmerle und Gründling, seltener sind quellnahe Fische wie Bachforelle, Elritze und Koppe. Aber auch Zander, Brachse, Kaulbarsch und Güster, Koppe, Flussbarsch, Laube und Hecht finden sich in der Wien. Wegen der fischfeindlichen Architektur der Wienflusseinmündung in den Donaukanal tun sich die 28 hier heimischen Arten schwer, in den Wienfluss einzuwandern. Nase, Nerfling, Schied, Hasel und Barbe fehlen daher noch in der Wien. Bei den von Ihnen beobachteten Sardinenschulen könnte es sich um Elritzenschwärme handeln. www.comandantina.com dusl@falter.at

Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 31/2007

13. August 2007 (0) Comments

Sigmund Freud

FA-31.2007-Sigmund-Freud.jpg


Seit die Sigmund-Freud-Privatstiftung in der Berggasse 19 das Sagen hat, fühlen sich die Wiener Psychoanalytiker dort nicht mehr zu Hause und seilen sich ab. Dusilation zu einem Falter-Artikel von Matthias Dusini in Falter 31/2007 vom 1.8.2007 ---> Das Geschäft mit der Angst

In den Bart klicken für grosse Version!

10. August 2007 (0) Comments

Felsőőrvidék

Mock-und-Horn-27.6.1989.jpgLiebe Frau Andrea,

am Wochendende habe ich mich mit meinem burgenländischen Freund insoferne in die föderalen Haare gekriegt, als ich bei der Aufzählung meiner Lieblingsbundesländer auf das Burgenland vergessen habe. In der folgenden Burgenlanderörterung habe ich dann auch noch mit den Namen Heanzenland nichts anfangen können und den Begriff mit Herzenland übersetzt. Ganz falsch, oder? Bitte helfen Sie mir aus der Beziehungskrise,

Nina Gelpke, Margareten

Liebe Nina,

das Burgenland hat viele Namen. Als Deutsch-Westungarn ist es 1920, nach dem Zerfall der Donau-Monarchie im Vertrag von Trianon Österreich zugesprochen worden und 1921 zum neunten Bundesland geworden. Als Landesname war ernsthaft “Heinzenland” in Betracht gezogen worden. Mit der Bezeichnung "Hianzn" beschäftigen sich mehrere Theorien. Die einen meinen den Begriff von den Gefolgsleuten Herzog Heinrichs II. abzuleiten. Andere wieder von den Güssinger Grafen Heinrich oder Heinz. Hobbydialektologen leiten es vom häufigen Gebrauch des "hianz" (jetzt) in der burgenländischen ui-Mundart ab. Das Burgenland setzt sich aus grösseren und kleineren Teilen der vier altungarischen Komitate Pozsony (Pressburg), Moson (Wieselburg), Sopron (Ödenburg) und Vas (Eisenburg) zusammen. Weil alle vier im Deutschen auf “burg” enden, entstand der Name Vierburgenland (oder kurz Burgenland). Die Burgenlandkroaten nennen ihre Heimat Gradišće. Die ungarischen Burgenlandbezeichnungen Felsőőrvidék (Oberwartland) und Lajtabánság (Leitha-Banat) sind auch nicht ohne pep. www.comandantina.com dusl@falter.at

Erschienen in meiner Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 32/2007

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Bild: 27. Juni 1989, Klingenbacher Wald, Burgenland: Die Außenminister Alois Mock (Ausztria) und Gyula Horn (Magyarország) zerschneiden vor der Presse den Vasfüggöny (Eisernen Vorhang). Der Zerfall von DDR, UdSSR, Warschauer Pakt und des real existierenden Sozialismus kann beginnen.

6. August 2007 (0) Comments

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