George Tabori

Der Zauberer ist tot. George Tabori ist 93-jährig in Berlin gestorben. Zur Erinnerung an den "Alten", wie wir ihn am Theater nannten, hier ein Text, den ich 2001 geschrieben habe:

In den 80er Jahren arbeitete ich als Bühnenbildassistentin, war sehr unglücklich und wollte dringend nach London auswandern um dort vom Glück einer wirklichen Stadt zu naschen. Ich sparte und sparte Geld und sagte mir, 'ich mache alles, um endlich aus dem grauslichen Wien rauszukommen'.

Tabori.gifIch studierte den Stadtplan von London, als das Telefon schrillte. Es schrillte wie in einem schlechten Film. Und wie in einem schlechten Script war am anderen Ende ein Agent mit einem Angebot. Ob ich nicht dringend Lust hätte, ans Burgtheater zu kommen. Als Bühnenbildassistentin. In eine Inszenierung von George Tabori. Es gäbe allerdings einen Haken. Der Haken sei die Frau, mit der ich arbeiten sollte. Drei Bühnenbildassistenten vor mir seien entweder im Irrenhaus oder in der Donau gelandet. Die Frau sei unmöglich, das sei der Haken. Und schlecht bezahlt sei der Job.

Ich sagte zu und die Frau war unmöglich.
Und schlecht bezahlt.
War mein Job.

Mit George Tabori, dem Regisseur des Stücks hatte ich zuerst wenig Kontakt, ich genoss seinen Ruhm sozusagen aus der Entfernung. Ich schuftete schwer. Es war auch ein schweres Stück. Das Stück hiess 'Mein Kampf' und handelte vom jungen Hitler und der Freundschaft mit seinem jüdischen Bettnachbarn im Männerheim.

Eines Tages lud 'Dschohdsch' - so sprach man den Namen des Theatergottes George aus - das gesamte Team, Schauspieler, Regieassistenten, die Souffleuse und mich in ein feuriges ungarisches Lokal in der Wiener Kärntnerstrasse. (George Tabori ist Ungar.)

Dort assen und tranken wir ausgiebig ungarisch und hatten viel ungarischen Spass. 'Dschohdsch' kam neben mir zu sitzen und zwischen einem Paprikahuhn und einem Pörkölt erzählte er mir, er sei Geheimagent. Geheimagent im Vorruhestand. Er erzählte, wie er in den letzten Kriegsmonaten in einem Kloster in Istanbul einquartiert gewesen sei, um dort mit anderen ungarischen Intellektuellen für den britischen Geheimdienst an ungarischen Radiosendungen zu basteln.

Ein ganzes Jahr lang hätten Sie Sendungen gemacht für Ungarn. Tolle Sendungen mit tollen Geschichten. Tolle Geschichten voll Feuer und tollen Gags. Keine einzige wurde je gehört. Keine einzige. Er habe nach dem Krieg seine ungarischen Freunde gefragt, wie ihnen die Radiosendungen aus dem Kloster in Istanbul gefallen hätten. "Welche Radiosendungen?"

George wusste viel über das Agentengeschäft zu berichten. Unter anderem, daß sämtliche Geheimpost mit Zitronensaft zwischen die Zeilen von ordinären Liebesbriefen geschrieben wurde. (Ganz genau so, wie wir als kleine Mädchen unsere Geheimbriefe verschickten.)

Tabori kannte auch einen ungarischen Schuster. Den 007 der ungarischen Schuster. Dieser Schuster sei so geschickt gewesen im Umgang mit Leder, daß er die Schuppen von Krokodillederhandtaschen so raffiniert aufschlitzen konnte, dass man darin Mikrofilme unterbringen konnte. Mit den krokodilledernen Mikrofilmhandtaschen des ungarischen Schusters wurden die Agentinnen des britischen Geheimdienstes bestückt und so manche kriegsglückwendende Geheimbotschaft herumgetragen.

Als es zum Zahlen kam, im ungarischen Lokal in der Kärntnerstrasse und George seine diamantene Kreditkarte zückte, erwarteten alle insgeheim, dass er die kolossale Rechnung einer hungrigen Truppe von 12 Theaterleuten mit ebendieser Kreditkarte zahlen würde. Die George-Aficionados hatten ihre Geldbörsen symbolischin der Hand, machten aber keine Anstalten, Hundertschillingscheinchen herauszurücken. Niemand raschelte mit den Hundertschillingscheinchen und niemand sagte den berühmten Satz. Keiner von den 12 gut bezahlten Burgtheaterangstellten.

Niemand sagte: "Also ich hatte...."

In diese Theaterstille hinein wurde es in George Licht und seine gleichermassen sonore wie zerbrechliche Bassstimme errichtete einen Satz von poetischem Realismus: "Alle hier zahlen selbst nur ich zahle das Essen von Andrea. Sie hat kein Geld."

Ich fand das sehr sehr ungarisch und bin daher auch sofort geschmolzen.

24. Juli 2007 © Andrea Maria Dusl

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