Wie ich links wurde, ...

...obwohl ich es schon war.

Vom Erfinden der Beichte, dem Aufwachsen in unheiligen Zeiten und dem linken Furor gegen Bruno Kreisky. ANDREA MARIA DUSL für Falter 22/2007

Wenn ich es recht bedenke, war ich immer schon links. Schon meine Ururgroßeltern sind glühende Linke gewesen. Zu einer Zeit, als das für aufgeklärte Bürgerliche mit viel Geld und Tagesfreizeit eine charmante Folie war. Dieses großbürgerliche Linkssein, das auch Bruno Kreisky ausstrahlte, war bei mir zuhause Religion.

Kein Wunder, dass mein Vater, ein genetischer Slawe mit österreichischer Lackierung, den mütterlichen Familiensozialismus mit katholischer Erziehung zu ersticken versuchte.

Sein Kalkül, mich in die Erziehungskerker der Schulschwesternburg zu werfen, hatte existenzielle Motive: Mein irregeleiteter Vater versprach sich von der Nähe zum Katholizismus die Progression seiner schleppenden Karriere als Kirchenarchitekt. Der Irrtum, in dem er sich befand, wurde erst Jahrzehnte später aufgeklärt: Als Ehemann einer Lutheranerin lebe er in ständiger Sünde, hieß es kirchenintern, von einem häretischen Fremdling ließe man sich kein Gotteshaus bauen. Da sei der Teufel davor. Weil also kein und kein Betonkirchlein bei ihm bestellt wurde, baute mein Vater Gemeindebauten und Gewerkschaftssiedlungen. Die Wiener Sozialdemokratie hatte im Gegensatz zum bischöflichen Ordinariat ein offenes Ohr, wann immer er im Rathaus vorstellig wurde, um einen Auftrag zu ergattern.

SPOe.jpgSchon von Kindesbeinen an waren also die Roten für mich die, die unsere Familie ernährten.
  
Die Schwarzen aber, das waren die Nonnen, die mir Ohrfeigen runterhauten, wenn ich in der Pause eine Geschichte von mir gab, oder mir mit dem Bambusstab über die Finger wichsten, wenn ich statt des Mollakkords einen Durdreiklang ins Klavier drückte.
  
Für die Rechte ging ich endgültig verloren, als der Tag der Erstkommunion mit dunklem Habit auf mich zuschritt. Wer sein Sündenregister nicht reinige, hieß es, wer nicht minutiös und lückenlos den Katalog an sündig Begangenem beichte, dem werde es am Tag der Heiligen Erstkommunion böse ergehen: Noch am Weg zur Ersteinnahme des Leibs unseres Heilands werde sich der Höllenschlund auftun und mich, so funkelte Schwester Benedikta mit schaurigem Nonnenblick, in die Tiefe ziehen. Und für immer bei lebendigem Leibe verzehren. Schluck.

Solch Ungemach kam in den bösesten Micky-Maus-Geschichten nicht vor. Das war ein Szenario aus den Gespensterheften. Nur: Was beichten? Mir wollte beim besten Willen keine böse Tat einfallen. Nicht die klitzekleinste Sünde. Nicht mal meine Brüder hatte ich gebirnt. Ich war der Inbegriff des braven Kindes.
  
Also erfand ich mir schnell ein paar böse, ein paar richtig böse Taten. Und die drückte ich mit den Arabesken der Übertreibung durch das Beichtsieb.
  
War ich sieben oder acht? Keine Ahnung. Ich war klein und rein und voller Lüge. Und mit diesem unkatholischen Ballast schritt ich zur Verspeisung des Jesuleibes, in der bitteren Gewissheit, auf der siebten Marmorkachel der Leopoldskirche im zweiten Wiener Hieb in die Hölle zu fahren. Dass ich ohne Sünde war, so wie ich es sah, hätte mir die Nonnenbande nie geglaubt. Und Gott, ihr Arbeitgeber, so versicherten sie mir, schon gar nicht. Gott, mit dem sie täglich Konferenz hielten.
  
17 Schritte waren es bis zum Altar, und ab der achten Fliese war mir klar: Es gibt keinen Gott. Der Höllenschlund hatte sich nicht aufgetan. Alles war Lüge, Chimäre, Teil einer eitlen Inszenierung. An diesem Tage bin ich links geworden. Ganz persönlich links. Ich hielt zu Donald und war gegen Dagobert, ich war für die Indianer und gegen die Kavallerie, für Freitag und gegen Robinson.

Der-Linke.jpgBruno Kreisky kam zur selben Zeit ins Bundeskanzleramt wie ich ins Gymnasium. Und ins Justizministerium kam ein Onkel von mir: Christian Broda. Es war eine gute Zeit. Schulbücher wurden verschenkt und das Straßenbahnfahren war gratis. Warum das manche empörend fanden, weiß ich nicht. Links war doch die Hand mit der Jimi Hendrix spielte, links hatte was Exklusives!Dass der Begriff der politischen „Linken“ aus Frankreich kam, war auch logisch. In Paris lebte mein Cousin Bertin. Wenn er auf Besuch kam, brachte er mir Platten von George Brassens mit und Comics von Pilote.

Links, gauche, so wusste man aus dem Geschichtsunterricht, hatte sich ursprünglich auf die parlamentarische Sitzordnung nach der Revolution von 1830 bezogen. Alles passte zusammen und wenn es nicht zusammenpasste, wurde es passend gemacht. Links war, „Steppenwolf“ zu lesen und Texte von Bob Dylan. Clapton Gott nennen, patschuligetränkte Palästinenserschals zu tragen und amerikanische Militärtaschen mit dem Peace-Symbol.
  
Links war es, „Whole Lotta Love“ zu hören und die Arena zu besetzen. Gedichte zu schreiben, im Hawelka Camel zu heizen und das Haar lang und offen zu tragen. Links war natürlich auch Party und Schmusen. Der Summer of Love hat in meiner Erinnerung elf Jahre gedauert. Bis ich über die lachende, aber asexuelle Sonne der Antiatomkraftbewegung stolperte. Von dort bis nach Hainburg war es nur ein kurzes Fallen.
  
Paradoxerweise zielte unser linker Zorn nicht auf den emeritierten Klassenfeind. Der linke Furor war familiär und schmerzhaft, er richtete sich gegen den mürrischen Altvater des Nachkriegssozialismus, Bruno Kreisky. Gegen seine Kronprinzen Androsch, Blecha und Gratz. Links leuchtete an denen nichts. Die Brieftasche vielleicht.
  
An der Weggabelung Hainburg hat die Sozialdemokratie viele Linke an die gerade entstehenden Grünen verloren. Als die sich formierten, war ich auch dabei. Im Schlepptau von Günther Nenning. Der bunte Haufen begann seine Parteiwerdung mit dem grünbraunen Konrad Lorenz, mit lächerlichen Kostümen und obskuren Politdilettanten in Unfallfrisuren. Meine Welt war dort nicht im Entstehen. Heimlich habe ich über die Jahre rot gewählt und dabei unheimlich über Vranitzky, Klima und ihren Bankdirektoren-Sozialismus gewettert.

Entlinkst haben sie mich nicht. Und als der kleine Kanzler an die Macht kam, und die dunkelschwarze Zeit ausrief, war mein linkes Feuer mitsamt der Unangst vor den Höllenschlünden wieder entfacht. Gusenbauer, ein Besserwisser wie ich, hat sich mit seiner botanischen Politik des unsichtbaren Fortschreitens in mein Herz geschlichen. Woran das wohl liegt? Vielleicht daran, dass wir in denselben unheiligen Zeiten aufgewachsen sind?

29. Mai 2007 © Andrea Maria Dusl

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