Ich google Ninas Neuen

Andrea Maria Dusl

Für 'Der Standard' - RONDO

Morgen bringt Nina Ihren Neuen mit. Der Neue ist Kabarettist. Und das ist gut so. Warum das gut ist, wenn der Neue Kabarettist ist? Weil man ihn dann gut googeln kann. Nina hat das natürlich gleich nach Ihrer ersten gemeinsamen Nacht gemacht. Den Neuen gegoogelt.

Der Kabarettist ist noch in Ninas Futon gelegen und hat Restalkohol verbrannt, der 11-Uhr-Frühstücks-Kaffee hat sich durch die Espressomaschine gequält, da ist Nina schon am Laptop gesessen und hat ihren Neuen gegoogelt. 66.400 Einträge. Na prack, hat sich Nina gedacht. Kein Bemmerl, der Neue.

Heute bringt Nina den Neuen mit. Sechsundsechzigtausendvierhundert Google-Einträge. Ein bissl viel für Nina. Nicht gut für Ninas Gugel-Ego. Nina ist Redakteurin und hat magere 530 Einträge. Aber so ist das. Nina darf nicht unbescheiden sein. Guten Sex und Google-Zahlen, die auf den Siebzigtausender zurudern. Was was will sie mehr?

Blöd nur, dass auch im Kabarett-Forum was steht über den Neuen. Das gefällt Nina nicht so gut. Der Neue hat ein Kind aus erster Ehe. Obwohl sie nicht verheiratet waren. Wie sagt man da? Ein Kind aus erster Zusammenlebung? Ein Sohn aus früherem Konkubinat? In der Wikipedia steht nichts über den Sohn. Und auch nicht, wie das heute unter Bobos hiesse, ein Sohn aus erster Wohngemeinschaft. Auch Orkut hat noch kein wording für moderne genealogische Zusammenhänge.

Der Neue hat sich gerade umgedreht und wäre fast aufgewacht. Aber der Neue ist bedient und sägt weiter an den Real-Life-Tequilas von gestern Nacht. Nina hat was entdeckt, was ihr wirklich Sorgen macht. Der Neue wohnt in einer Dachwohnung mit Terrasse. Hat er gesagt. Im Zweiten, wo die Bobos wohnen. Vom Kulturstadtrat abwärts. So weit, so sehr gut.

Im Häuserblock in dem der Neue wohnt, wie er sagt, gibt es aber keine Dachterrasse. Jedenfalls keine mit 120 Quadratmetern. Sind Kabarettisten Mythomaniacs? Oder darf man noch "Einedrahra" sagen? Ecke Nestroygasse, hat der Neue gesagt. Auf 48.22038 nördliche Breite mal 16.373974 östliche Länge: Keine Dachterrasse. Er wird doch nicht lügen? Andererseits: Die Wien-Auflösung von Google-Earth ist nicht berühmt. Da kann ein Hundertzwanzig-Quadratmeter-Zitronengras-Dachgarten doch glatt übersehen werden. In Paris müsste man sein. Von Paris haben sie bessere Luftbilder bei Google-Earth.

Der Neue ist aufgewacht und küsst Nina in den Nacken. Nina: ”Wie heisst Kabarettist auf französisch?”

Unsere Freundin Nina (530 Google-Einträge, kein Wikipedia-Artikel, kein Kind) bringt also ihren Neuen mit (66.400, Wikipedia-Eintrag, Sohn und keine Dachterasse.) Nina gefällt es bei uns. Wir haben nämlich wirless LAN und eine googelbare Dachterrasse. Und auf der sieht man den Olivenbaum, den Nina vor fünf Jahren zur Dach-Warming-Party mitgebracht hat. Sagt Sie.

Bei uns ist es locker. Thomas ist Journalist (69.800 Google-Einträge, aber nichts in der Wikipedia.) Die Google-Einträge sehen allerdings nur deswegen so fett aus, weil es einen weinhändlernden Onkel, einen Comiczeichner, einen Hotelmanager, einen theoretischen Physiker und einen Boy Soprano in Tölz gibt, die exakt so heissen wie Thomas. In Anführungszeichen gegoogelt. Ohne Anführungszeichen hätte Thomas 1.260.000 Einträge. Aber ohne Anführungszeichen googeln gilt nicht.

Mein Boy Soprano, sage ich deshalb zu Thomas. Immer dann, wenn er sich selbst googelt. Dann explodiert Thomas. Mit einem Pornoheft in der Hand kann ich meinen Lebensabschnittspartner nicht erpressen, mit Egogugeln schon. Deswegen liebe ich Thomas. Für die roten Ohren, wenn ich ihn beim Egogugeln erwische. Ausserdem: Das Weingut gehört wirklich seinem Onkel und das Online-Archiv von Thomas' Brötchengeber biegt sich von Artikeln aus Thomas Tastatur. Da ist der Neue schwach auf der Brust.

Die Thomas-Lücke in der Wikipedia schmerzt. Ich könnte das fixen. Das Blöde an der Sache: Wenn ich das von unserem Laptop aus mache, sieht das aus, als hätte sich Thomas selbst eingetragen. Nicht auszudenken, wenn jemand Thomas’ IP-Adresse in einem Wikipedia-Artikel über ihn selbst entdeckte! Der Ausweg wäre die düstere türkische Internetbude neben dem Branntweiner. Will ich das? Moderne Liebe hat Grenzen.

Maja kommt heute auch, sie ist Malerin und international gefragte Festemacherin. Aus ihren 240 Google-Eintragungen wird noch was, sag ich. Spätestens, wenn Maja sich einen Computer zulegt. Dafür fürchtet sich Maja. Davor und vor den Wörtern: Online, Weblog, Google. Darling, what a sweet Furcht!

Immerhin bringt Maja den entzückenden Georgier mit. Giga heisst er und hauert Bild. Giga bringt seine Freunde Mega und Kilo mit. So nennen wir sie jedenfalls. Mega ist Restaurator und Kilo ist Opernsänger. Internetmässig haben Sie es faustdick hinter den Ohren. Immerhin hat Mega seine Freundin Deka im georgischen Ficktempel in Second-Life kennengelernt. Nicht im georgischen Bobo-Lokal am Karmelitermarkt, wie sie gerne behaupten. Der runde Bauch, den Deka von ihrer siebenten Offline-Nacht mit Mega hat, heisst Mikro. Und frage nicht, auf wieviele Einträge Mega kommt.

Nina kommt also und bringt den Neuen mit. Der Neue mag Wirsing und hasst Fenchel. Woher wir das wissen? Das steht in einem Interview, das Nina im Internet gefunden hat. Anlässlich des dritten Programms vom Neuen. Das soll nicht so spannend gewesen sein, wie das zweite. Sagt das Netz. Gut, dass der Neue ein viertes Programm hat. Und gut, dass es darüber ein Weblog gibt.

Mit einem Blog bist Du fein raus. Geschicktes Bürschchen, der Neue, sagt Thomas, pumpt seine Google-Präsenz mit einem Blog auf. Wenn er das geschickt macht, sagt Thomas, und er macht das geschickt, sagt Thomas, dann ist der bald über die Hunderttausend. Mit Old-School-Journalismus ist das nicht zu schaffen. Findet Heidi auch. Deshalb macht Heidi jetzt Filme. Wegen der Google-Einträge.

Nina ist gerade gekommen. Der Neue sieht gut aus. Besser als auf dem Bild, das mit dem Hut, auf der Website seiner Agentur. Das war nach der Trennung von der Kindsmutter, hat mir Nina heute Mittag beim Skypen reingedrückt.

Der Neue hat vier Flaschen Umathum mit, 2004er Haideboden Magnum, elegante Struktur, leichte Kakaonote im Duft, sehr saftig, sehr feine Frucht, eine Kanone. Wenn wir 12 Flaschen nehmen, hat Nina gegoogelt, kostet der Saft nur 41,73 die Flasche. Wir brauchen aber nur 4 Flaschen, hat der Neue gesagt.

Das hat mir Nina am Nachmittag gemailt. Und dass der Neue einen seltsamen Fleck hat. Am Dings, an der Kabarettlatte. Naja, so ein Muttermal halt. Steht nicht in der Wikipedia. Im Echelon sehr wohl. Im Echelon werden alle mails ausgewertet. Alle. Auch die von Nina. Das Echelon ist die Wikipedia vom CIA.

Egal, der Neue ist da, es gibt keinen Fenchel, dafür Lamm und Wirsing. Und Umathum um 41,73. Bis zum Abwinken. Und keine Gespräche über Söhne aus früheren Verbindungen, Dachterrassen oder Flecken auf Künstlerpenissen. Und auch keine über selbstverfasste Wikipedia-Einträge.

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Andrea Maria Dusl (28.100 Google-Einträge, 2 Wikipedia-Einträge, kein Dachgarten, drei Weblogs) ist Autorin, Zeichnerin und Filmemacherin. Sie hostet ein vielbesuchtes Blog auf www.comandantina.com
Dieses hier.

Für Standard-RONDO, geschrieben am 21. März 2007

30. März 2007 © Andrea Maria Dusl

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Kommentare

hallo!
ein sehr sehr netter, lustiger, kreativer Artikel! vielen Dank!
Mayer Sara

Sara Mayer | 30.03.07 12:41

der Artikel

So ein Dreck | 30.03.07 16:13

oh, das ist ja fast ein schlüsselroman!

bobbes | 03.04.07 21:52

sehr interessanter und witziger artikel, vor allem wenn man bedenkt dass es ansatzweise sicher eine realistische entwicklung in vielen potenziellen beziehungen darstellt. habe mir erlaubt, den artikel in meinem blog zu verlinken: http://www.andreaslindinger.net/blog/?p=20

Andreas Lindinger (LAN) | 07.04.07 12:50

ich frage mich, ob man mich wieder rauslöscht, wenn ich mir selber einen wikipedia eintrag mache... hmhmhm.

heidi | 17.04.07 07:20

Gut!

berlin | 27.02.09 17:40

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