Januar 2007
Abstract is the World
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Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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An Lawendel!
Liebe Frau Andrea,
erzähl ich vor Tagen, dass in den 80igern, am oberen Ende der Rolltreppe, allmorgendlich, beim Jonasreindl in Wien, eine Frau stand, und: An Lavendel! An Lavendel! sang. Bis ich nach Jahren, später einen Lavendel kaufen wollte. Sie aber kannte mich schon, lachte und fragte: Geh! Was brauchen Sie an Lavendel? Und gab ihn mir nur gratis. Ein Kollege zu der Geschichte: Red doch kein Lavendel! Also, was ist dran, am Lavendel?
Ihr Kurt Vallaster, Zwischennetz
Lieber Kurt,
die Lawendelweiber gehörten im vorvergangenen Jahrhundert zum Strassenbild Wiens. Leise noch höre ich den Widerhall der letzten Vertreterin einer ausgestorbenen Kunst: “Kaafts an Lafendl, zehn Schüling a Bischl Lafendl! An Lafendl kaafts!” Unser Lawendelweib dürfte die letzte Textzeile schon abgewandelt haben und “an Lafendl hob i då, wea nimmd mar an å” gesungen haben. Die Lawendelweiber traten oft zu zweit auf und erhoben ihre orientalisch-südländischen Stimmen wechselweise. Es waren meist Romafrauen, die auch wahrsagten. Von diesem Nebengeschäft kommt der Ausdruck “Lawendelschmäh”, und die wienerische Bitte, dünner aufzutragen, also “kan Lawendel z’redn”. Heute sind nur die Lawendelweiber ausgestorben, der Lawendelschmäh blüht in Feng-Shui-Shops, Duftkerzenläden und Kräutersalons. Auch in provençalischen Zimmerparfumgeschäften und bei Dritte-Welt-Greisslern können wir den ätherischherben Duft von Lawendel kaufen und damit unsere Wäschekästen in die Duftwelt des alten Wien katapultieren. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea'in Falter 05/2007
29. Januar 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Der Stick zum Glück
Für 'Der Standard/Rondo' vom 27.1.2007
Da war doch dieses Bild von Bill Gates. Der König aller Nerds sitzt auf zwei masthohen Stapeln weißen Kopierpapiers und wedelt grinsend mit einer CD. Das war 1995, als sich der Windows-Imperator im Sitzgurt in luftige Höhe ziehen ließ, um die Speicherkapazität einer CD zu demonstrieren. Speicher, das hatte was. Und für Sachen, die was hatten, hatte Bill Gates schon immer einen Riecher.
Speicher brauchte man. Das unglückliche Wort hatte bis dahin nur in Donald-Duck-Geschichten die Grenzen unserer sprachlichen Wahrnehmung überschritten. Speicher hieß der Geldbunker von Onkel Dagobert. Speicher nannten die Deutschen aber auch das, was bei uns ein Dachboden war. Kein glücklicher Ausdruck für die Aufbewahrung schnell abrufbaren Wissens. Den Speicher Kaprun gab es auch noch, ein Wunderwerk der Wasseranhaltetechnik. Speicher, das war ein Wort, an das wir uns erst gewöhnen sollten.
Mein erster Computer, irgendwann in den späten 80er-Jahren, war von Apple, ein Wunderwerk in beigem Grau. Mit einem Bildschirm von der Größe einer Postkarte. Das Internet existierte damals nur für ein Dutzend Freaks. Es gab keine E-Mails und kein elektronisches Verschicken von Bildern, Dokumenten oder gar Musik.
Was es gab, war eine quadratische Plastikhülle mit einer metallenen Litze. Diskette hieß das Ding, und alles wurde gut. Auf die Diskette lud man ein Bild. In Worten: 1 Bild. Oder die Seminararbeit. Oder das raubkopierte Tetris-Spiel. Eine gute Welt war das. Eine Diskettenwelt. Auf die Diskette passte der Inhalt eines veritablen Buchs. Fantastisch! Bald stapelten sich die Disketten, und ein neues Phänomen, das wir bei Büchern bislang nicht gekannt hatten, trat in unser Leben: die Unlesbarkeit. Der Horror schlechthin. Unlesbarkeit, die kleine, schmutzige Schwester des ungesicherten Absturzes. Unsichere 1,4 MB hatten auf einer Diskette Platz.
Etwas Neues musste her. Zip hieß das Ding, es schrammte hart am magischen Hunderter. 100 Megabyte, was für ein Speicher! Bald purzelte auch dieses Format. Jemand hatte die Büchse der Pandora geöffnet. Aus der Musik-CD war ein individuell beschreibbares und massenkompatibles Speichermedium geworden. Auf eine CD passte bald nicht nur Sergeant Pepper, sondern, in schlanke MPs umgewandelt, gleich das Gesamtwerk der Beatles.
Die Sache hatte einen Haken. Die Silberscheibe war ein Depot für die mittlere Ewigkeit, als Zwischenspeicher eigneten sich aber nur spezielle Rohlinge, und irgendwie war das sehr kompliziert. Außerdem, eine Schallplatte auf Widerruf zu bespielen, das war nicht cool. Nein, etwas Neues musste wieder her. Und das Neue kam dieses Mal durch die Hintertür. Die Hintertür war ein Steckersystem namens USB - Universeller Serieller Bus.
Was klingt wie ein Billigangebot für Seniorenreisen, bedeutet nur, dass der strom- und datentransportierende Anschluss für alles und jedes brauchbar ist. Ursprünglich für PC-Mäuse und Computer-Tastaturen gedacht, griff das große Stöpseln schnell auf Drucker, Scanner, externe Festplatten, iPods, Digitalkameras und hunderte anderer Gadgets über. Sogar Verrücktheiten wie Tischgrills und Taschenstaubsauger gibt es mittlerweile mit dem USB-Anschluss.
Und dann kam das Ding, ohne das heute kein Computnik aus dem Büro geht: der USB-Stick. Er baumelt an Autoschlüsseln, klappt aus Schweizer Messern und Armbanduhren. USB-Sticks speichern Daten wie die Flash-Karten in Digitalkameras, weshalb die kleinen Helferleins überm Teich auch "USB Flash Drives" heißen. Mit dem sprunghaften Anstieg der Speicherkapazität - wir halten heute bei maximalen 64 GB - lagern manche von uns Teile ihres Büros in den USB-Stick aus. Das muss nicht nur der Text sein, der zu Hause noch den letzten Wochenendschliff braucht, das kann durchaus auch ein ganz persönliches kleines Archiv sein. Die Sticks horten nicht nur Daten, sondern sogar Applikationen wie Mailprogramme, Skype, Virenscanner oder OpenOffice. Sie müssen am "Gast-PC" nicht installiert werden. So kann man in der Firma oder bei Freunden Software nutzen, die es auf den Rechnern gar nicht gibt, und hat gleich auch noch alle Daten mit dabei.
USB-Sticks sind inzwischen so normal geworden wie Wegwerffeuerzeuge, Taschenbatterien und Kaugummi und hängen auch genau dort, wo wir diese Essentials finden, im Last-Minute-Regal neben der Supermarktkasse. Ein ausgewachsener USB-Stick ist auch mein zahnpastafarbener iPod-Plastikriegel. Er ist nicht größer als eine Packung Kaugummi, fasst aber 100 Songs. In CDs umgerechnet, müsste Bill Gates dafür auf einem Dutzend Papierstapel sitzen. Und mit Grinsen wäre auch nichts, das Teil ist nämlich von Apple.
28. Januar 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Gulaschtechnisches
Liebe Frau Andrea,
letzte Woche referierten Sie über Schnitzeltechnisches. Mir ginge es um die Frage, wie man das zweitösterreichischeste aller österreichischen Gerichte, das Gulasch richtig ausspricht. Mein Vater nennt es unbeirrbar Gollasch, mein Freund widerum behauptet, das Gulasch wäre gar kein Gulasch. Bitte bringen Sie Entwirrung in unsere Beisldebatte.
Barbara Grill, Neubau
Liebe Barbara,
das Gericht, das österreichische Speisekarten als Gulasch kennen, ist eigentlich ein Wiener Saftgulasch. Das klassische ungarische gulyás entspricht eher unserer Gulaschsuppe, während sich unser Gasthausgulasch aus gulyás hús, einem rinds-ragout-artigen Kesselgericht ungarischer Rinderhirten entwickelt hat, das um 1850 über Presssburg nach Wien kam. Auf seiner Reise hat das Golasch die ursprünglichen Paprikaschoten durch Paprikapulver ersetzt. Was österreichische Zungen als Gulasch/Golasch kennen, nennen die Ungarn pörkölt. Mit Rahm versetzt heisst es tokány und muss nicht mal Paprika enthalten. Das Szegediner Gulasch stammt zwar auch aus Ungarn, aber nicht aus Szeged, sondern aus Budapest und heisst dort Székely-gulyás. Es wurde von einem Herrrn Székely, Archivar des Komitats Pest erfunden, als dieser 1846 im Restaurant Spieluhr nach der Sperrstunde noch essen wollte, und sich nur mehr Reste von Sauerkraut und pörkölt auftischen liessen. Heute heisst dieses Gericht Székelykaposzta (Székely-Kraut). Der gulyás ist im ungarischen übrigens kein Gericht, sondern der Rinderhirte. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 04/2007
21. Januar 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (1) Comments (0) Pings
Schnitzel Gusenbauer
Liebe Frau Andrea,
die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen lassen mich aussehen, als hätte ich in eine Zitrone gebissen. Apropos: Warum wird in Österreich alles Herausgebackene mit einer Zitronenspalte serviert, wo doch der Saft die herrlich-knusprige Panier aufweicht?
Ihre saure Beatrice Eipeldauer
Liebe Beatrice,
die Schnitzel, die Neo-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer dieser Tage aufgetragen hat, wurden bekannterweise noch von Friturier Wolfgang Schüssel paniert. Die Ohrfeigen, die der sozialdemokratische Chef de Cuisine dafür abhaselt, sind unsauber adressiert. Wie auch immer, Zitronengesicht Schüssel hat sich mittlerweile in die Niederungen des Parlamentarismus verabschiedet, Karl-Heinz Grasser, der Schnittlauch auf der Suppe der letzten sieben Jahre, beschäftigt sich ab sofort nur mehr mit privater Wirtschaft. Zitronen auf österreichischen Schnitzelkrusten sind durchaus kein Knusperfeind. Strategisch beträufelt verfeinert der saure Saft der Zitrone das Aroma jeder Panade. Dazu sollte man ohnedies eine entkernte Zitronenhälfte nehmen. Die Zitrusräder, die traditionell auf Schnitzeln dümpeln, wollen wir gemeinsam ablehnen. Aus meiner Kindheit im Ausseeerland ist mir noch ein anderer, ebenso österreichischer wie perfider Zweck von Zitronen in Erinnerung. Die knallgelben Zitrusfrüchte kann man jederzeit gut brauchen, um Blasmusikkapellen zum augenblicklichen Verstummen zu bringen. Schon beim Anblick von Zitronen verzieht es jedem Trompeter das Mundstück. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 03/2007
14. Januar 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (1) Pings
Falter-Cover ::: Nagl und Ferk
Die beiden Kandidaten Siegfried Nagl und Walter Ferk turnen am Grazer Bürgermeisterstuhl.
Cover für den Steiermark-Falter 01.02/07
So sah das Cover dann aus:

8. Januar 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Verstossen
Liebe Frau Andrea
aktuell wird darüber diskutiert, ob Akten verloren gehen dürfen, oder ob Akt gewordenes in das ewige Dokumentenleben eingetreten ist. Woher kommt die Redensart, ein Akt sei "in Verstoß geraten", wenn er -nach herrschender Lehrmeinung zeitweilig - nicht aufzufinden ist? Hat das etwas mit den sprichwörtlichen Aktenstößen zu tun, sodaß ein Beamter einen in den falschen Stoß geratenen Akt "verstossen" hat?
Mit freundlichen Grüßen,
Martin Lischka, Alsergrund
Lieber Herr Martin,
die österreichische Beamtensprache erlaubt einen direkten Blick auf die habsburgische Beamtenseele. Unter allen sozialdemokratischen, christlichsozialen, grünen oder flachwurzelnden Schichten pocht hier ein von byzantinischer Doppeldeutigkeit durchstömtes Kanzlistenherz. Wie Sie richtig bemerken, sind in Verstoß geratene Akten sowohl in den falschen Stoß geraten als auch der psychokinetischen Befindlichkeit des Verstossenwordenseins begegnet. Was der österreichische Beamte mit Stoß meint, heisst auf Deutsch eigentlich Stapel. Und der wurde in österreichischen Schreibstuben zum Stoß, weil er nicht vom gleichnamigen Schiebeschlag kommt, sondern als Austriazismus des lateinischen Abstraktums “studium” gilt, das den Eifer, das Begehren bezeichnet. In Verstoß geratenes befindet sich also im studierenden Begehr eines anderen Eiferers. Weil zu jedem Schriftstück stets Duplikate, Triplikate und Multiplikate angefertigt werden, geht in Ministerien, Ämtern und Sekretariaten aber nie etwas wirklich verloren, sondern maximal in Verstoß. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 01-02/2007
7. Januar 2007 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings


