metaphysics ::: Digitaler Markt

Erschienen in .copy 27/Juli/2006

Mercury.jpgDer Chef aller Märkte, ob Wochenmarkt oder Wallstreet heisst nicht Nasdaq, nicht Nikkei, nicht Dax, Hang Seng oder Dow Jones. Er trägt weder Standlertracht noch Brookerkluft sondern schlicht und einfach gar nichts. Der oberste Marktschreier ist nackt bis über die Augenbrauen. Auf dem Kopf trägt er den Petasos, einen schlappkrempigen Seppelhut aus Filz. Aussergewöhnlich an der Bauernmütze sind allenthalben die Asterixflügel.

Als Häuptling allen Kommerzes ist Merkur, der Götterbote der römischen Mythologie ein ganz und gar weltlicher Jüngling. Der Sohn von Maia Maiestas - der Frühlingsgöttin Fauna - und dem Chef aller Chefs, Jupiter, war zwar nackt und stets in Eile, aber von Berufswegen Gott des Handels, des Profits und des Reisens. Vermutlich brauchte er deswegen Flügel am Hut.

Für einen des Lateinischen kundigen Zeitgenossen der alten Römer war klar, woher Merkur seinen Namen hatte. Von merx, der Ware.

Der Platz, wo solche merces, getauscht wurden, hiess logischerweise mercatus, Markt. Merx, mercatus, Markt und andere indoeuropäische Begriffe für das, was die Orientalen Basar nennen, kommt vermutlich von den Preisschildern auf den Merces, Waren. Die muss man sich in frühen merkantilen Kulturen nicht wie unsere heutigen, mit Strichcodes versehenen Papierkleberchen vorstellen. Die merces, Waren waren merces, weil sie markiert waren. Die Waren waren also etwas markiertes. Güter aller Art, von ihren Produzenten und Händlern mit einer Marke ausgestattet.

In den meisten indoeuropäischen Sprachen klingt nun auch die Wurzel für "Rand" oder für "Abteilung" wie "Marke", "Mark" nämlich. Das Wort steckt heute noch in den Namen der Randgebiet des ehemaligen römischen Reichs, in der Dänemark, der Mark Brandenburg, der Steiermark und lustigerweise auch in der früheren Währung unserer deutschen Nachbarn. DIe Mark war usprünglich eine im nordeuropäische Handel gebräuchliche Gewichtseinheit gewesen, die ähnlich dem Pfund zu einer Währung wurde.

Weil Mercurius, der Gott des Handelns stets unterwegs war, von Markt zu Markt, wie sich vermuten lässt, stand er auch Pate für alchemistische Konnotationen. So heisst der sonnennächste und schnellste aller Planeten, der in einem Jahr von nur 88 Tagen um unser Zentralgestirn läuft, ebenfalls Merkur.

Nicht genug damit. Quecksilber, jenes silbrigglänzende Metall, nannten die mittelalterlichen Alchemisten wegen seiner Quirligkeit - und vermutlich auch wegen seiner edlen Farbe ebenfalls nach dem Götterboten.

Für Termingeschäfte, Börsenspekulationen, Firmenmerger und Blumenkäufe, für eBay-Deals, Flohmarktbesuche, Supermarktvisiten und sonstige Tauschhändel aller Art sollte sich eigentlich der Mittwoch als günstiger Tag empfehlen.

Bevor wir zu unserem mundanen “MIttwoch” fanden, nannten wir den mittleren Tag der Woche, ähnlich wie beim englischen Wednesday nach Wotan. Altenglisch hiess der handelnde Wüterich woden, woher wodnesdæg also Wednesday kommt. Wotanstag, die germanische Entsprechung des Merkurtages lebt weiter in den romanischen Wochentagen, dem französischen mercredi oder dem italienischen mercoledi.

Allen guten Geschäften zum trotz galt der Mittwoch im Volksglauben als Unglückstag. Er war der Hochzeitstag für stille Hochzeiten (zum Beispiel für gefallene Mädchen). Nach der Lehre der orthodoxen Kirche war der Mittwoch der Tag, an dem Judas Ischariot Jesus Christus verkaufte.

Für die Hutmacherzunft war der oberste Hutträger überhaupt ein todbringender Gesell. Um properes Filz für Hüte herzustellen, arbeiteten die Hutmacher in früheren Zeiten mit Quecksilbersalzen. Über die toxischen Qualitäten von mercurium - Quecksilber wusste man damals noch nicht bescheid. Die Symptome von Quecksilbervergiftungen, unkontrollierte Nervenzuckungen, Zittern und Halluzinationen trugen vergifteten englischen Hutmachern den bösen Spitznamen “mad hatter” ein - verrückte Huterer. Ob Merkurius, der oberste Marktmeister und passionierter Filzhutträger auch unter Visionen und verrückten Zuckungen litt?

7. Dezember 2006 © Andrea Maria Dusl

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