Dezember 2006
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Podcast von Dusls politischer Talkshow im Theater im Rabenhof
Das Photobureau von Comandantina Dusilova kümmert sich ums Schöne und Abseitige
Fünf Jahrgänge politische Zeichnungen im Magazin Format
Comandantinas Städte
Wo wohnen eigentlich die Menschen, die www.comandantina.com in ihren Browser ticken, hier im Bureau landen und uns die Bude leerlesen? Eine alte Frage des Showbusiness kann endlich beantwortet werden: Wer ist mein Publikum und wo kommt es her? Matros, mein genialer Maschist, hat spät nachts Lochstreifen mit allerneuesten Messergebnissen in die Kapitänskajüte geliefert. Die gestrigen 4631 unabhängigigen Besucher des Bureaus kommen aus den unten angeführten Städten - der Rest vom Land, aus der Wüste, aus dem Dschungel, von Bord von Schiffen und Flugzeugen. Sehr warm stimmt mich der Gedanke, dass aus Riyadh genau so viel Besucher kommen, wie aus Wuppertal und Eisenstadt, nämlich acht. Etwas nachlässig dagegen London, Malmö und Pfaffstetten mit nur sieben. Gelistet sind Orte mit über 5 donnerstäglichen Comandantinabesuchen.
Hier also die Liste von gestern, Donnerstag, 21.12.2006.
Lesen sie selbst:
Wien 582
Berlin 176
Cologne 92
Hamburg 78
Frankfurt Am Main 63
Stuttgart 53
Munich 50
Karlsruhe 46
Graz 39
Bonn 38
Linz 37
Hannover 36
Zürich 32
Kiel 32
Düsseldorf 32
Erlangen 29
Bielefeld 29
Innsbruck 29
Essen 28
Bochum 25
Dortmund 25
Dresden 24
Leipzig 24
Herne 22
Bremen 21
Nürnberg 19
Wesseling 17
Fellbach 17
Schenefeld 15
Kelsterbach 15
Duisburg 15
Dörfl 15
Kornwestheim 14
Gelsenkirchen 14
Herzogenaurach 13
Eschborn 13
Ratingen 13
Chemnitz 13
Sindelfingen 12
Salzburg 12
Wiesbaden 12
Braunschweig 12
Gräfelfing 12
Schwerte 12
Bern 11
Oldenburg 11
Offenbach 11
Paris 11
Meerbusch 10
Darmstadt 10
Münster 10
Mainz 10
Osnabrück 10
Mannheim 10
Regensburg 10
Bad Vilbel 9
Erding 9
München 9
Klagenfurt 9
Fürth 9
Maria Enzersdorf 9
Rom 9
Steinbach Am Taunus 9
Straße 9
Riyadh 8
Ishøj 8
Niederzier 8
Stockholm 8
Edingen-Neckarhausen 8
Eisenstadt 8
Frechen 8
Brühl 8
Rostock 8
Wuppertal 8
Gschwendt 8
Niederkasse 8
Paderborn 7
Münster 7
Aachen 7
Heidenheim an der Brenz 7
Pfungstadt 7
Jena 7
Halstenbek 7
Augsburg 7
Alfter 7
Bottrop 7
London 7
St. Pölten 7
Strausberg 7
Pfaffstetten 7
Stuhr 7
Norderstedt 7
Malmö 7
Erfurt 7
Holzwickede 6
Heidelberg 6
Eggenstein-Leopoldshafen 6
Hückelhoven 6
Siegen 6
22. Dezember 2006 (8) Comments
Wünsch mir was
Liebes Christkind, lieber Herr Weihnachtsmann, sehr geehrte Jahresendperson, alles ist diesmal anders. Von meinen letzten Weihnachtswünschen gingen zwei in Erfüllung. Wer hätte das gedacht! Zwei in Erfüllung! Wunsch Nummer 5 - Chuzpe-Kurs für Alfred Gusenbauer und Wunsch Nummer 12 - Ewiger Frühling: Bingo! Beides erfüllt. Wer hätte das gedacht. Gusi hat die Oktoberwahl gewonnen und wen, wenn nicht Ihn an den Eiern und draussen vor der Tür wummert der ewige April! Ich will also diesmal bescheidener sein und meinen Löffel nur ganz seicht in den Wunschtiegel für 2007 tauchen. Zehn Wünsche? Zehn Wünsche. Und zwar bitte Jennifer. Also: 1. Rusty Handshake für Wolfgang Schüssel. 2. Very rusty Handshake für Karl-Heinz Grasser. 3. Restauration der Solidarität. 4. Vierstellige Grundsicherung. 5. Tempo 16,0 km/h auf Nebenfahrbahnen und in Seitengassen. 6. Hundekackverbot in Wien. 7. Die Ausstrahlung von Larry David’s “Curb Your Enthusiasm” im ORF. 8. Pater Hans Hurch als Kunstminister. 9. Mich als seine Gagschreiberin. 10. Haha! Die auf Halde liegenden Wünsche vom letzten Jahr - nie wieder Punschstände, nie wieder Licht-ins-Dunkel und nie wieder Seitenblicke, die Proletarisierung der Grünen, die Wiedereinführung von 13A-Doppelstockbussen, die Züchtung von mündigen Topfpflanzen, die nach Wasser rufen, wenn sie Wasser brauchen und die Installation von New Yorker 24-Stunden-Delis in Wien gelten hiermit als neu eingereicht. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in der Weihnachtsnummer 51/52/2006 des Falter
17. Dezember 2006 (2) Comments
Nur Landen ist schöner
Für STANDARD Rondo. Ungekürzte Version.
In einem blank geputzen Hochleistungshangar steht Wiens erster und einziger Flugsimulator. Vergessen wir die laptopbasierten Flugkanzeln, Playstation-Cockpits und andere aviatischen Heimtrainer, das hier ist das wirkliche Ding. Das Ding ist halb so gross wie mein Badezimmer aber doppelt so lustig. Die Piloten, die hier ihre Flugberechtigungen auffrischen, schwitzen in der engen Kiste Blut und Wasser. So mancher hat hier auch in Tränen gebadet. Wer in der Trainingsschachtel durchfällt, darf unter Umständen nie wieder ein Verkehrsflugzeug pilotieren.
Die weisse Metallkiste in Gebäude 974 der Austrian Airline Basis am Vienna Airport kostet soviel wie 36 Ferraris und bewegt sich dennoch nicht einen Zehntelmillimeter vom Fleck. Das schihüttengrosse Simulatorhäuschen steht auf sechs hageren Hydraulikbeinchen. Zickzack aufgestellt können sie den Kasten in jede nur erdenkliche Richtung neigen, rütteln oder stossen. Dicke Kabelstränge und Luftschläuche führen an Bord. Über eine schmale Zugbrücke lässt sich der Flusimulator entern.
Es ist dunkel und auf eine erotiserend technische Art behaglich in der engen und mit Knöpfen und Instrumenten vollgeräumten Kanzel. Bis auf die Fenster und die schwarzen Lederflächen der Sitze scheint es hier keine Handbreit zu geben, die nicht von Schaltern, Reglern und leuchtenden Kleinbildschimen eingenommen wird. Wir sind zu fünft an Bord. Ein Telekom-Schurno, die Konzernsprecherin vom Supermarktimperium, der Redakteur eines Frauenmagazin, der Herausgeber des nichtvegetarischen Bobo-Magazins und icke, die Multi-Kirtag-Maus. Fünf aviatische Dilletanten und Robert Oberleuthner, unser Instruktor, ein wirklicher Pilot.
Der Airbus A-320, in dem wir uns befinden, ist virtuell. Und auch wieder nicht, denn jeder Schalter hier ist echt lässt sich bedienen. Sogar die Abnützungsspuren an Hebeln und Griffen sind real. Das tiefe Grollen der Triebwerke, das monotone Rauschen der Klimaanlage kommen vom Computer. Die Bewegungen, die uns die nächste Stunde durch Sonne und Mond schicken werden, von den Bewegungen der Simulatorkabine auf seinen Hydraulikstelzen. Die Aussicht aus den Cockpit-Fenstern geht auf eine parabolisch gekrümmte Leinwand, auf die drei Projektoren eine nahtlose Aussenwelt projizieren. Unser Blick geht auf den Schwechater Flughafen mit seinem verdrehten Turm, die beiden Terminalschnecken, und vor uns auf kilometerweit Beton, Lichter und verbranntes Flughafengras.
Es gibt vier Sitzplätze in diesem Apparat, zwei Pilotenstühle, einen Klappsessel an der Cockpitrückwand und zwei Besucherstühle etwas weiter hinten im Raum. Hier sitzen die Prüfer. Neben dem einzigen cockpitfremden Instrument. Auf dem berührungssensitiver Bildschirm werden die Katastrophen eingestellt. Triebwerksausfall, Brand in der Kabine, verschneite Landebahn auf den Malediven, Aquaplaning in Kairo, verlorenes Bugrad über dem Atlantik, Rauch in der Kabine, Leck im Tank, Eurofighter von rechts, durchgeschmorte Elektrik.
Für uns fünf Dünnluftmatrosen werden in wenigen Minuten schon die allersimpelsten Flugmanöver nach SOS schmecken. Zwei von uns bekennen Playstation-Flug-Erfahrung und schwingen sich behände in die beiden Pilkotensitze. Kurzes, schnappatmiges Memorieren des Startvorganges. Klar, dass das hier ein Schönwetterstart werden wird.
Gesteuert wird unser Airbus mit Händen und Füssen, im wesentlichen aber mit einem stinknormalen Joystick aus Billigsdorfer Plastik. Nun ja. Mit sowas hat die junge Generation der Piloten ihre Kindheit verbracht. Der mundane Grund für den Kunstoffknüppel: Modernes Fluggerät sendet die Steuersignale nicht mehr per Seilzug, sondern elektronisch an die Ruder.
Das Simulator-Vorleben unserer Boys von der Playstation-Fraktion macht sich bezahlt, die beiden bedienen brav und in der richtigen Reihenfolge ihre Hebel, enormer Schub drückt uns in die Sitze, die Landebahn verjüngt sich auf einen dünnen, unter uns gallopierenden Pfad und nach langen, holprigen Augenblicken zieht uns der Mann vom Frauenmagazin hochnäsig in die Schwechater Luft. Ein Traumstart. Kein Seitenwind, kein Wölkchen über der Stadt. Wir kurven elegant über Wien und gewinnen an Höhe. Im richtigen Leben würde man jetzt den Autopiloten beauftragen, die Gurte lösen und einen Kaffee bestellen. (Verschütteter Bohnensaft in Cockpitinstrumenten führt übrigens nicht zu Abstürzen.)
Noch über der Erörterung dieses Kabinenunfalls bleibt das Flugzeug in der Luft stehen. Wie von Götterhand gestoppt, schwebt es schwerelos im Himmel über Schnitzelstadt. Die Götterhand gehört Robert Oberleuthner, der das Simulatorprogramm auf Sinkflug einstellt, um eine Landung vorzubereiten. Flappen raus, Schub zurück, Nase leicht hinunter, Räderbeine raus, den Seitenwind mit Kurven austarierend senken wir uns dem winzigen Strich entgegen, der einmal zu unserer Landebahn werden wird.
57 Tonnen sind verdammt träge, das ist kein wendiger Audi, der mal kurz über die A2 gejagt wird. Der Mann vom Frauenmagazin ist nicht nur Damenversteher, er hat auch ein Händchen für landendes Alu. Er bringt den Vogel tatsächlich runter. Landungsklatscher hätten schon längst in die Hose gemacht, so holpert unser Shakehand mit der Piste. Aber wir leben, das Ding ist ganz geblieben.
Leuten mit Flugangst, also Leuten wie mir, muss ein Flug im Simulatior dringend empfohlen werden. Kein Luftloch, in dem ich noch nicht gestorben wäre, kein ruckelnder Start, an dem noch nicht mein Lebensfilm abgelaufen wäre. Wie sich wirkliche Abstürze anfühlen, erfahren wir unter dem Käptn vom Telefonkonzern Aus 5000 Fuss die Kurve nicht mehr zu kriegen und in die endgültige Tiefe zu rattern, ist kein schönes Gefühl. Immerhin: Es geht ganz schnell.
Erst der Mann vom Bobo-Magazin bringt uns wieder heil nach Hause, über das gebrochene Bugrad wollen wir mal hinwegsehen. Die Chefsprecherin vom Supermarktkonzern setzt uns auch ganz unbeschädigt ab, velwechsert aber rinks mit lechts und pilotiert den gelandeten Airbus in die Wiese. Auch ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte.
Selbst am Steuer steigt meine Ehrfurcht vor professionellen Aviatikern. Eine grosse Fuge an der grossen achtmanualigen Kirchenorgel könnte nicht komplexer sein. Auch mich hat die Erde bald wieder. Oder auch nicht. Links und rechts scheinen bei mir zwei unterschiedliche Orte zu sein, nicht jedoch oben und unten. Meine Landung wird nicht in die Geschichte des Landungsapplauses eingehen. Pilotin ist an mir keine verloren gegangen. Aber Flugangst habe ich zumindest keine mehr.
..............................
Der Traum vom Fliegen lässt sich verwirklichen: Flüge im Airbus A320-Full-Flight-Simulator kosten den Pappenstiel von 275 Euronen.
--> Pro Toura Flight Events, Austrian Airline Basis, Gebäude 974, A-1300 Vienna Airport, Fon: +43 (1) 700 736 127, Fax: +43 (1) 700 736 129
info@protoura.at
www.protora.at
17. Dezember 2006 (0) Comments
Die Apostel des Guten
Kleines Kompendium der Spenderegenten und Gutprojektemenschen. Die Liste hat die Redaktion des Standard-Albums zusammengestellt. Die Reihenfolge der Texte folgen der Zufälligkeit dieser Bestellliste und ich habe sie in dieser Reihenfolge geschrieben. Meine eigenen Sympathien gehören Ute Bock und Willi Restarits. Mit Adoptionen, Charity, Tierliebe und Religion hab ich nichts am Hut. Ich habe nicht einmal einen.
©Andrea Maria Dusl für das Standard-Album
"Sir" Bob Geldof Der 52jährige wurde als irischer Musiker geboren und Mitte der Siebziger als Sänger der Boomtown Rats erstmals auffällig. Sein grösster Hit mit der New-Wave Band war der Song "I don't like Mondays", der von der Motivation einer kalifornischen Schülerin handelt, die gerade ein Schulmassaker begangen hatte. "I don't like Armut" sagte sich Geldof 1984 als er im Fernsehen eine Dokumentation über die damalige Hungersnot in Äthiopien sah. Der frisurscheue Ire legte die Stromgitarre weg und gründete im Laufe der Jahre die Charity-Musik-Bewegungen "Band Aid", Live Aid" und "Live 8" um mit Geld und Schuldenerlass gegen den Hunger in Afrika vorzugehen. Die Afrikaner haben seither etwas mehr zu beissen, Bob war bei Tony Blair zum Tee geladen, wurde von der Queen zum Ritter geschlagen und mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert.
Madonna Die italienischstämmige Sängerin wurde vor 48 Jahren relativ talentfrei als Madonna Louise Ciccone im trostlosen Sägewerkskaff Bay City, Michigan geboren und hat sich mit eisernem Willen und katholischem Schweiss vom unbedarften Fräulein mit Piepsi-Stimme zur veritablen Sexikone und Hohepriesterin des Pops hochgearbeitet. Madonna gilt mit 150 Millionen verkaufter Platten als eine der erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten. Für ihre beiden Charity-Habibis Bono und Bob Geldof trat die Diva ihm Rahmen von "Live 8" auf. Davor hatte sie schon zugunsten von Tsunami-Opfern gesungen und getanzt. Ihr grosses Herz für die Nöte der Dritten Welt bewies die Sängerin im Oktober 2006, indem sie zu ihren leiblichen Kindern Lourdes und Rocco den 15 Monate alten David, Halbweise aus Malawi adoptierte. Der Vater musste der Adoption zustimmen, was er mit der Vermutung begründete, David würde es in England besser gehen. Diskussionen über den Charity-Charakter dieser Adoption wollen seither nicht abreissen.
Der Papst Der modebewusste Pontifex wurde vor fast 80 Jahren im Oberbayerischen Marktl am Inn als Joseph Ratzinger geboren und nach einflussreicher akademischer Laufbahn Fundamentaltheologe des Vatikan. Am Nachmittag des 19. April 2005, schon im Abendlicht seiner Karriere, wurde er überraschend klar zum 265. Papst in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche gewählt. Seither nennt sich der Nachfolger Petri Benedikt XVI. Bisher erhob er fünf neue Heilige zur Ehre der Altäre und promulgierte 17 Seligsprechungen. Im innerchristlichen Dialog bemüht er sich um eine Annäherung an die Orthodoxe Kirche. Der Dialog mit der homosexuellen Welt und mit den Benutzern von Kondomen will hingegen schwerer in Gang kommen. Nach Verstimmungen mit dem Islam benutzte Papa Ratzi jüngst die Türkei und machte sich mit Moscheenbesuchen und klug gewählten Worten beliebt.
Bono Paul David Hewson, 1960 in Dublin geboren, nannte sich ursprünglich nach einem Dubliner Hörgeräteladen Bono Vox. Die gute Stimme der irischen Kultband U2 kämpft abseits der Rockbühnen mit seinem Freund Bob Geldof erfolgreich und publikumswirksam gegen Aids, Hunger und Schulden in der Dritten Welt. Der umtriebige Friedensapostel turnt im Dienste der Weltgesundung auf den Sofas der Mächtigen und war im März 2005 auf Initiative von George W. Bushs Finanzminister Snow allen ernstes als neuer Präsident der Weltbank im Gespräch. Zuletzt wurde Bono von Kritikern des Charity-Show-Biz vorgeworfen, dem amerikanischen Finanzmagazin Forbes - der "Bibel des Kapitalismus" - mit einer Geldspritze von 250 bis 300 Mio. Dollar auf die Beine geholfen zu haben.
Ute Ohoven Deutschlands Benefiz-Königin ist Sonderbotschafterin der Unesco und seit 20 Jahren weltweit für das Projekt "Bildung für Kinder in Not" unterwegs. Die sechzigjährige Millionärin sieht mindestens zwanzig Jahre jünger aus, ist Mutter von vier Kindern und mit einem Düsseldorfer Investmentbanker verheiratet. ihr Herz für die Armen entdeckte Deutschlands erfolgreichste ehrenamtliche Spendensammlerin in einem Krebs-Kinderkrankenhaus. 40 Millionen Mark hat sie in den vergangenen zehn Jahren für aidskranke Babys, junge Prostituierte und Waisenkinder in aller Welt zusammengebettelt. Die Elendsgestalten suchen Sie auch in ihren Träume heim, "schmutzige Kinder mit verlaustem Haar und aufgeblähten Bäuchen, Mütter mit ausgezehrten Körpern und leergesaugten Brüsten, aidskranke, ausgemergelte Väter." Auf Vorwürfe, Spenden im Spagat zwischen Luxus und Armut nicht richtig abgerechnet zu haben, reagiert Ohoven grantig: "150.000 Kinder hole ich jedes Jahr von der Straße, wir unterstützen 180 Projekte in 75 Ländern. Ich muss mich nicht rechtfertigen."
Ute Bock Die 64jährige begann ihr gutes Werk in den Siebzigern als Leiterin eines Gesellenheims im Wiener Arbeiterbezirk Favoriten. Dort begann Ute Bock, sich für die Schicksale von Asylwerber zu engagieren, die vom Jugendamt in Ihre Einrichtung geschickt wurden. Bei einer Razzia in ihrem Heim wurden 1999 im Rahmen der umstrittenen Operation Spring etwa 30 afrikanische Jugendliche wegen Drogenhandels festgenommen und Bock wegen Bandenbildung und Drogenhandels angezeigt und vom Dienst suspendiert. Die Anklage wurde zwar später fallengelassen, Bock allerdings verboten, weitere afrikanische Asylwerber zu versorgen. Seither organisiert sie private Wohngemeinschaften, die sie selbst finanziert und betreut. Für dieses Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Bei pfiffigen Aktionen wie "Bock auf Bier", der Handysammelaktion "Bock Box", "Warmer Punsch gegen Soziale Kälte" dem Verkauf von "Bock"-T-Shirts und Bierbauchkalendern sammelt Ute Bock Geld für Beratung und Verpflegung von mehreren hundert Asylwerbern in Not, von denen sie 100 in 28 Wohnungen untergebracht hat.
Michael Aufhauser Der Münchner Grossindustriellensohn mit dem Herz für Vierbeiner ist im besten Mannesalter. Die von ihm beschützen Tiere sind aber mindestens 199 Jahre in seiner Obhut. Das hat der Säugetierfreund testamentarisch verfügt. Nach einem prägenden Erlebnis in Spanien, wo er die Vergasung von Strassenhunden beobachtet hatte, investierte der Bill Gates des Tierschutzes 8 Millionen Euros seines Privatvermögens ins salzburgische Gut Aiderbichl, das er zum feudalen Gnadenhof für 650 Tiere unterschiedlichster Art ausbaute. Aus Schlachthöfen und Zwingern gerettet, von jährlich 200.000 Besuchern gestreichelt, verbringen sie hier auf Freilaufwiesen und Glückskoppeln ihren Lebensabend. Aufhauser rettet Tiere en gros und en detail und gründet Tierrefugien und Wellnessweiden am laufenden Band.
Willi Resetarits Der Bruder von Kabarettist Lukas und Fernsehjournalist Peter kam 1948 im burgenländisch-kroatischen Stinatz zu Welt. In den späten Sixties tingelte er als Sänger der Politrockband Schmetterlinge. Kultstatus erreichte Willi Resetarits mit der von ihm personifizierten Figur des Schlurfrockers Ostbahn-Kurti. Der Moderator von Trost und Rat ist Mitbegründer der Organisationen "Asyl in Not" und "SOS Mitmensch" und Erfinder des Integrationshauses Wien. Der fleissige Arbeiter für Menschenrechte und Zivilcourage kämpft gegen Xenophobie und Rassismus. Dabei wurde er nicht nur mit zahlreichen Menschenrechtspreisen dekoriert sondern auch schon mal wegen Aufrufs zur Wehrdienstverweigerung verurteilt.
Günther Jauch Der Vater von zwei leiblichen und zwei adoptierten sibirischen Waisenkindern ist der beliebteste Moderator Deutschlands. Vor fünfzig Jahren in eine wohlhabende hamburgische Kaufmannsfamilie geboren, wuchs der vife Günther in Berlin auf, war katholischer Ministrant und mit 19 der jüngste Absolvent der Münchner Journalistenschule. Trotz Bilderbuchkarriere als Fernsehjournalist und Primetime-Showmaster (Wer wird Millionär?) hat der schlaksige Krawattenmann ein Faible fürs Gute. Er spendet nach eigenen Angaben schon seit seinen frühen Berufsjahren maßgebliche Teile seines Einkommens für wohltätige Zwecke, Gewinne aus seiner Werbetätigkeit werden gleich ganz durchgereicht.
Brad Pitt und Angelina Jolie "Brangelina", das Königspaar des Gutmenschenkitsch inszenieren ihre Fortpflanzung wie eine Reality-Soap. Die Bildrechte an der Geburt der gemeinsamen Tochter Shiloh Nouvel, symbolträchtig ins bitterarme namibische Swakopmund verlegt, gingen für über 7 Millionen Dollar über den Tresen. Das Honorar stifteten die 31jährigen Tochter aus altem Hollywood-Schauspieladel und der 43jährige Middleclass-Beau aus Missouri karitativen Organistationen. Angelina, ehrenamtliche Botschafterin des UN-Flüchtlingskommissariats hat bereits zwei Adoptivkinder, Maddox aus Kambodscha und Zahara aus Äthiopien geborene. Brad plant weitere gemeinsame Adoptionen, a la longue soll ein Kader von 12 Kindern angepeilt sein. Brangelina lassen sich nicht lumpen: "The Jolie/Pitt Foundation" spendete jüngst eine Million Dollar an das Kinderhilfswerk "Global Action for Children" und eine weitere Million an "Ärzte ohne Grenzen". Nach eigenen Angaben spenden Brangelina ein Drittel ihres Einkommens für wohltätige Zwecke.
Karlheinz Böhm Der Sohn des Dirigenten Karl Böhm geht mittlerweile auf den Achtiger zu. Der Partner Romy Schneiders in den bittersüssen Sissi-Kitschfilmen machte abseits der Rollen als junges Kaiserlein eine bescheidene Karriere als Charakterdarsteller. 1976, auf Bronchialkatarrh-Kur in Kenia wurde er zum ersten mal mit afrikanische Armut konfrontiert. In der Sendung Wetten dass...? rief er zu Spenden für die Hungernden in der Sahelzone auf und startete eine beispiellose Karriere als Afrikahelfer. Mit seiner Stiftung "Menschen für Menschen" hat der äthiopische Ehrenbürger seit den Achtzigerjahren rund 230 Millionen Euro Spendengelder akquirieren können und damit 21 Krankenstationen, 2 Polikliniken, tausende Wasserstellen, hunderte Getreidemühlen und Schulen gebaut und 39 Millionen Bäume gepflanzt.
Waries Dirie Das ehemalige Supermodel wurde vor 41 Jahren in eine somalische Nomadenfamilie geboren. Im Alter von fünf Jahren wurde Waris, auf Deutsch Wüstenblume, dem grausamen Ritual der Beschneidung ausgeliefert. Als Kind arbeitete sie als Ziegenhirtin. Die Zwölfjährige flüchtet erst nach Mogadischu und dann mit einem Onkel, der Botschafter wird, nach London. Wüstenblume lernt Lesen, Schreiben und Modeln und wird 1987 Bond Girl. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, berichtet sie erstmals über ihre grausame Beschneidung und löst damit ein weltweites Medienecho aus, das seither nicht abreissen will. Waris Dirie tourt als UN-Sonderbotschafterin zum Thema Genitalverstümmelung durch die Welt. Über ihre Foundation Wüstenblume sammelt sie Geld für eigene Projekte in Somalia, Senegal und Sudan.
Georg Sporschill Der sechzigjährige Vorarlberger Jesuitenpater und Sozialseelsorger gründete zahlreiche Obdachlosenhäuser und das Langzeit-Arbeitslosen-Lokal "Inigo" in bester Wiener Innenstadtlage. Seit Beginn der Neunzigerjahre baut er im Auftrag seines Ordens und der Caritas ein Betreuungsnetz für Bukarester Strassenkinder und verwahrloste Jugendliche. In einer ehemaligen rumänischen Kolchose entstand die "Farm", eine lebenswerte Mini-Stadt für 300 verlassene Kinder. Das Vorzeigeprojekt expandierte mittlerweile in andere rumänische Städte und nach Moldawien. Gerade gründet Pater Sporschill SJ das erste von drei Betreuungshäusern für obdachlose Jugendliche und Kinder in der ukrainischen Stadt Schytomyr.
Bill Gates Der König aller Nerds hat nicht nur das dickste Bankkonto der Welt sondern nach eigenem Bekunden auch ein fast ebenso grosses Herz. Von seinem Vermögen von 50 Milliarden Dollar pumpt der Microsoft-Gründer und Herrgott aller Unternehmer prominente Summen in karitative Pools. Aus der "Bill and Melinda Gates Foundation", 29 Milliarden Dollar schwer, sind bis heute etwa 7,5 Milliarden Dollar Gates'schen Privatvermögens in wohltätige Kanäle geflossen, meist für Impfstoffe und Gesundheitsprojekte in Entwicklungsländern. Bis zu seinem Tod will Gates nach eigenen Aussagen bis zu 95 Prozent seines Vermögens spenden, seinen Kinder will er maximal 10 Millionen zukommen lassen. Aktueller Schwerpunkt der Gateshilfe ist die Bekämpfung der Malaria. die mit 258,3 Millionen Dollar dotiert ist. Kritiker monieren, dass durch Gates Unterstützung für verschärfte geistige Eigentumsrechte die Produktion von Generika erschwert werde und damit für weit mehr Menschen lebensnotwendige Medikamente unzugänglich werden, als durch Gates' Stiftung finanziert werden könnten.
©Andrea Maria Dusl für das Standard-Album
17. Dezember 2006 (0) Comments
Falter Cover ::: Koralmtunnel
Im Koralmtunnel, zwischen der Steiermark und Kärnten, verschwindet
das Geld wie in Ali Babas Höhle. Politiker wie Jörg Haider halten die
Bergröhre für lebenswichtig, Kritiker sprechen von einem Phantasieprojekt.
Aber sogar Tunnel-Fans kritisieren die hohen Kosten. 450 Millionen Euro
wurden jedenfalls bereits in die Koralmbahn gesteckt und täglich werden
es mehr: Pro Tag rücken die Bergleute im weststeirischen Leibenfeld um
acht Meter vor in Richtung Kärnten. 32,8 Kilometer sind es insgesamt,
1,7 haben sie bereits geschafft.
Steiermark-Cover-Dusilation für Falter 50/2006.
Für 1000px-Version auf den grünen Wagon klicken!
....................................................
Es gibt auch eine Version ohne Geld im Tunnel:
Und so sah das Cover dann aus:

15. Dezember 2006 (1) Comments
Klaus Nüchtern Six Feet Under
Meine Lesefreund Klaus Nüchtern outet sich im Falter als unheilbarer
Fan der Funeralserie "Six Feet Under".
Dusilation für Falter 50/2006,
Für 1000px-Version auf Nüchterns Nase klicken!
13. Dezember 2006 (0) Comments
Hallo? Hallo!
Liebe Frau Andrea,
mein Freund - kein Anhänger von Verschwörungstheorien und urbaner Mythen - hat gestern lange ferngesehen. Heute morgen behauptet er steif und fest, die Telefonbegrüssung “Hallo” habe ein ungarischer Wissenschafter erfunden. Ich kann das nicht glauben. Bitte bringen sie das Licht der Aufklärung in unsere Frühstücksdiskussion!
Alles Liebe aus dem Siebenten, Ihre Nina
Liebe Nina,
Sprachforscher versuchen, das weltweit gebräuchliche Wort “Hallo” von Heil (englisch hail), vom mittelhochdeutschen halen (rufen, holen), oder vom Fährmannsruf holla (hol über) abzuleiten. Die Abstammung von halal (hebräisch für preisen, verherrlichen, ausrufen) wird ebenso diskutiert wie der französische Warnruf "À l'eau!", der mittelalterliche Passanten vor dem Inhalt des Nachttopfes warnen sollte. Die Wahrheit ist profaner, schlüssiger und ungarischer. Schöpfer des Telefonwortes “Hallo” ist Tivadar Puskás, 1844 in Budapest geborener Entrepreneur und Erfinder. Puskás, der daran arbeitete, das gerade eben von Alexander Graham Bell erfundene Telefon als Kommunikationsmedium zu nützen, war in die Vereinigten Staaten gereist, um mit der amerikanischen Erfinderlegende Thomas Alva Edison die Idee zu entwickeln, wechselnde Teilnehmer mit einander zu vernetzen. Bei Edisons und Puskás’ Bostoner Experimenten soll 1877 das erste “Hallo” in ein Telefon gerufen worden sein. Genauer gesagt, war es nicht “Hallo”, sondern “Hallod”, was Puskás Edison in den Trichter rief. Hallod heisst auf ungarisch schlicht: "Hörst du?" www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 50/2006
11. Dezember 2006 (0) Comments
metaphysics ::: Mythos
Erschienen in .copy 29/2006
Der unsterbliche Porschefahrer James Dean ist einer, die Präsidentengeliebte Marilyn Monroe ebenso wie das sagenumwobene Troja, das mysteriöse Atlantis und die Katastrophe aller Katastrophen, die Sintflut: Mythen sind das Salz der Geschichte. Mythen handeln von Göttern und Unglück, Heldentum und Untergang.
Mythos ist ein altgriechisches Wort und heisst soviel wie Wort, Rede, Erzählung. Etymologisch gesehen kommt es aus einem indoeuropäischen Wortgruppe mêudh-, mûdh-, die das “sehnliche verlangen”, das “klagen” und ”erinnern” beschreiben. Mythos scheint so gesehen mehr mit dem schmerzhaften Erinnern an grosses Unglück als mit dem glorifizierenden Nacherzählen brav absolvierter Heldentaten zu tun zu haben. Ob gerade eben passiert oder aus den Nebeln der Vorgeschichte ausgebüxt, die Mehrzahl der Mythen handeln, wenn sie sich nicht mit der Erschaffung der Welt und der Genealogie von Göttern beschäftigen, von Tod und Katastrophen.
Eine exemplarische Katastrophe beschreibt der antike griechische Philosoph Aristokles, wegen seiner breiten Stirn Platon (griechisch für breit) genannt, im Mythos von Atlantis. Egal, ob sich in der Sage von der untergegangenen Inselzivilisation ein wahrer Kern verbirgt, oder nicht: Der Aufklärung der legendären Geschichte haben sich nicht nur seriöse Historiker sondern auch ein Heer von Obskuranten und Pseudowissenschaftlern verschrieben, die in die Atlantissage so ziemlich alles hineininterpretieren, was zwischen den Coverdeckeln eines Fantasy-Schundromans Platz hat. Während Althistoriker und Philologen überwiegend von einer Erfindung Platons ausgehen, die durch zeitgenössische Vorbilder inspiriert wurde, vermuten andere, oftmals nichtakademische Autoren einen realen Hintergrund der Geschichte und starteten unzählige Versuche, Atlantis zu lokalisieren. Die Ägäis-Insel Santorin, Kreta, Island, Helgoland, die Azoren, die Bahamas, Kuba, das Mexiko der Majas, ja selbst der ganze nordamerikanische Kontinent wurden schon zur Insel jenseits der Säulen des Herakles ausgerufen. Ob erfunden oder nur prima nacherzählt, Atlantis ist jedenfalls mit Maus und Mann untergegangen.
Darin ähnelt es frappant dem Überschwemmungsmythos aus einem anderen dicken Buch, der Bibel nämlich. Im ersten Buch Mose wird mit Sintflut eine große weltumspannende Flut bezeichnet, mit der der alttestamentarische Gott die Menschen für ihr sündiges Leben bestraft haben soll. Das Überflutungsunwetter soll 40 Tage und 40 Nächte gedauert und selbst den Ararat, den (damals) höchsten Berg der Welt mit Wasser bedeckt habe. Dem Kataklysma entkommen sei nur ein gewisser Noah, der auf göttliche Anweisung hin ein riesiges, Arche genanntes, Kastenboot gebaut hatte, das er mit Familie und Menagerie bestiegen hatte, um auf den Flutwellen trockenen Fusses bis auf den Berg Ararat zu surfen.
Nachkommen dieses Noah und seines überlebenden Grossvaters Methusalem sollen nach der Bibel wir alle sein. Also auch die beiden amerikanischen Geologen Walter Pitman und William Ryan, die wissenschaftliche Beweise für eine gigantische Überschwemmungskatastrophe im Schwarzen Meer gefunden haben.
Vor 7500 Jahren, so die sensationelle Entdeckung von Noahs Ururenkeln, war die Landenge zwischen Europa und Asien, der heutige Bosporus, eingebrochen. Eine Sturzflut aus Meerwasser ergoss sich mit der 200fachen Wucht der Niagarafälle aus dem Marmarameer ins Schwarze Meer, das damals noch 150 Meter tiefer lag und ein Binnensee war. Überreste von Noahs Zeitgenossen, bearbeitete Holzbalken und Gebäuderuinen hat derweil der Ozeanograph und Titanic-Entdecker Robert Ballard bei Tauchfahrten in 100 Meter Tiefe vor der türkischen Schwarzmeerküste identifiziert und damit einen der grossen Menschheitsmythen den Nebeln des Phantastischen entrissen.
9. Dezember 2006 (1) Comments
Falter Cover ::: Digitale Boheme
Der Falter hat nach den Bobos eine neue Klasse ausgerufen - die DiBos,
die digitale Boheme. Die digitalen Arbeiter leben in Selbstausbeutung
und sind meist in die Ketten von Ich-AGs gelegt.
Cover-Dusilation für Falter 49/2006. Für 1000px-Version
ins Bild klicken! Nach dem sowjetischen Gemälde "Freundschaft der Völker" von Stepan Karpow (1923-24).
Als Cover sah das dann so aus:

8. Dezember 2006 (3) Comments
metaphysics ::: Digitaler Mensch
Erschienen in .copy 28/Oktober/2006
Als der Religionshistoriker Gershom Scholem, Inhaber des Lehrstuhl zur Erforschung jüdischer Mystik an der Universität Jerusalem hörte, dass 1965 im Weizmann-Institut für Wissenschaften im israelischen Rehovot ein hochkomplexer neuer Großrechner in Betrieb genommen werden sollte, schlug er vor, diesen "Golem I" zu nennen. Scholem, 1897 in Berlin geboren, gilt als Wiederentdecker der Kabbala, jener mystischen, meist mündlich weitergegebenen jüdischen Geheimlehre. Mit der Geschichte vom Golem, des ersten Roboters der Neuzeit, den der legendäre Prager Rabbi Löw zur Abwehr antisemitischer Zeitgenossen aus einem Klumpen Ton geformt haben soll, war Scholem aus Mitteleuropa vertraut.
Um vier Uhr morgens (nach jüdischem Kalender des 20. Adar 5340, nach christlichem des 17. März 1580) verliessen drei Männer, Rabbi Löw, sein Schwiegersohn und ein Schüler die hunderttürmige Stadt. Ihr Ziel: Eine Lehmgrube an der Moldau.
Im Nebel des Morgengrauens formten sie mit ihren Fingern (lat. digites) aus dem feuchtem Flusslehm eine drei Ellen hohe menschliche Figur. Einen digitalen Menschen also. Ganz, wie es in den Schriften stand, befahl Rabbi Löw seinem Schwiegersohn, siebenmal um den Lehm-Cyborg herumzugehen und dabei eine bestimmte Formel (tzirufim) aufzusagen. Die Tonfigur begann zu glühen. Nun umschritt Rabbi Löws Schüler die Figur siebenmal: Der Golem (hebräisch für “dumm”, ”ungeformt”) wurde feucht und dampfte, es wuchsen ihm Haare und Fingernägel. Als letzter schritt der Rabbi selbst siebenmal um den Golem herum. Gemeinsam stellten sich die drei Beteiligten zu Füßen des Golem auf und sprachen den Satz aus der Schöpfungsgeschichte: "Und Gott blies ihm den lebendigen Atem in die Nase, und der Mensch erwachte zum Leben."
Da öffneten sich die Augen des Golem. Rabbi Löw befahl dem nackten Lehmroboter, sich aufzurichten. Die drei Männer zogen ihm das mitgebrachte Gewand eines Schammes (eines Synagogendieners) an. Rabbi Löw gab dem Golem den Namen Joseph nach dem talmudischen Joseph Scheda, der halb Mensch gewesen sei und dem Rabbi in vielen Bedrängnissen beigestanden haben soll.
In der Stube des Rabbi sass der Golem stets leblos in der Ecke. In Betrieb genommen wurde er erst durch Rituale aus dem Sefer Jezirah, des Buchs der Formung, des ältesten schriftlich überlieferten Werks der Kabbala. Um den Golem einzuschalten, musste ihm Rabbi Löw einen Zettel mit dem Schem, dem Namen Gottes, unter die Zunge legen. Heute würden wir wohl “Application” zu diesem Zettel sagen.
Die Aufgabe des Golem war es, in den Nächten vor dem Pessachfest durch die Stadt zu streifen und jeden aufzuhalten, der eine Last mit sich trug, um zu kontrollieren, ob es ein totes Kind sei. Es sollte niemandem mehr möglich sein, Kinderleichen zur Verleumdung der Prager Judenschaft in die Judengasse zu werfen.
Sonst machte sich der Golem als Schammes nützlich, er fegte die Synagoge und läutete die Glocken. Der Zettel unter der Zunge musste an jedem Sabbat entfernt werden.
Das unrühmliche Ende fand der Golem, als der Rabbi eines Tages vergessen hatte, dem Golem das Computerprogramm unter der Zunge wegzunehmen. Der Tondiener drehte durch, und konnte nur durch Termination gestoppt werden. Der Rabbi musste sein Geschöpf in Scherben schlagen.
Unschwer sind der Legende vom Golem, die von Paul Wegener eindrucksvoll auf Stummfilm gebannt wurde, eine ganze Reihe animierter digitaler und halbdigitaler Diener entsprungen. Das Monster von Frankenstein, der Zauberlehrling und die Maschinenwesen aus Metropolis ebenso wie die von Arnold Schwarzenegger dargestellten Terminatoren. Dabei gilt Arnie modernen Kabbalisten selbst als lebender Golem: Von einem jüdischen Bodybuilding-Trainer aus postnazistischem österreichischem Landlehm zum universalen Muskelmann geformt und als weltweit wirkenden Filmikone eingesetzt, ist der Schwarzenegger-Golem entwischt und führt als republikanischer Gouverneur ein ganz und gar nicht gottgefälliges Eigenleben.
8. Dezember 2006 (0) Comments
metaphysics ::: Digitaler Markt
Erschienen in .copy 27/Juli/2006
Der Chef aller Märkte, ob Wochenmarkt oder Wallstreet heisst nicht Nasdaq, nicht Nikkei, nicht Dax, Hang Seng oder Dow Jones. Er trägt weder Standlertracht noch Brookerkluft sondern schlicht und einfach gar nichts. Der oberste Marktschreier ist nackt bis über die Augenbrauen. Auf dem Kopf trägt er den Petasos, einen schlappkrempigen Seppelhut aus Filz. Aussergewöhnlich an der Bauernmütze sind allenthalben die Asterixflügel.
Als Häuptling allen Kommerzes ist Merkur, der Götterbote der römischen Mythologie ein ganz und gar weltlicher Jüngling. Der Sohn von Maia Maiestas - der Frühlingsgöttin Fauna - und dem Chef aller Chefs, Jupiter, war zwar nackt und stets in Eile, aber von Berufswegen Gott des Handels, des Profits und des Reisens. Vermutlich brauchte er deswegen Flügel am Hut.
Für einen des Lateinischen kundigen Zeitgenossen der alten Römer war klar, woher Merkur seinen Namen hatte. Von merx, der Ware.
Der Platz, wo solche merces, getauscht wurden, hiess logischerweise mercatus, Markt. Merx, mercatus, Markt und andere indoeuropäische Begriffe für das, was die Orientalen Basar nennen, kommt vermutlich von den Preisschildern auf den Merces, Waren. Die muss man sich in frühen merkantilen Kulturen nicht wie unsere heutigen, mit Strichcodes versehenen Papierkleberchen vorstellen. Die merces, Waren waren merces, weil sie markiert waren. Die Waren waren also etwas markiertes. Güter aller Art, von ihren Produzenten und Händlern mit einer Marke ausgestattet.
In den meisten indoeuropäischen Sprachen klingt nun auch die Wurzel für "Rand" oder für "Abteilung" wie "Marke", "Mark" nämlich. Das Wort steckt heute noch in den Namen der Randgebiet des ehemaligen römischen Reichs, in der Dänemark, der Mark Brandenburg, der Steiermark und lustigerweise auch in der früheren Währung unserer deutschen Nachbarn. DIe Mark war usprünglich eine im nordeuropäische Handel gebräuchliche Gewichtseinheit gewesen, die ähnlich dem Pfund zu einer Währung wurde.
Weil Mercurius, der Gott des Handelns stets unterwegs war, von Markt zu Markt, wie sich vermuten lässt, stand er auch Pate für alchemistische Konnotationen. So heisst der sonnennächste und schnellste aller Planeten, der in einem Jahr von nur 88 Tagen um unser Zentralgestirn läuft, ebenfalls Merkur.
Nicht genug damit. Quecksilber, jenes silbrigglänzende Metall, nannten die mittelalterlichen Alchemisten wegen seiner Quirligkeit - und vermutlich auch wegen seiner edlen Farbe ebenfalls nach dem Götterboten.
Für Termingeschäfte, Börsenspekulationen, Firmenmerger und Blumenkäufe, für eBay-Deals, Flohmarktbesuche, Supermarktvisiten und sonstige Tauschhändel aller Art sollte sich eigentlich der Mittwoch als günstiger Tag empfehlen.
Bevor wir zu unserem mundanen “MIttwoch” fanden, nannten wir den mittleren Tag der Woche, ähnlich wie beim englischen Wednesday nach Wotan. Altenglisch hiess der handelnde Wüterich woden, woher wodnesdæg also Wednesday kommt. Wotanstag, die germanische Entsprechung des Merkurtages lebt weiter in den romanischen Wochentagen, dem französischen mercredi oder dem italienischen mercoledi.
Allen guten Geschäften zum trotz galt der Mittwoch im Volksglauben als Unglückstag. Er war der Hochzeitstag für stille Hochzeiten (zum Beispiel für gefallene Mädchen). Nach der Lehre der orthodoxen Kirche war der Mittwoch der Tag, an dem Judas Ischariot Jesus Christus verkaufte.
Für die Hutmacherzunft war der oberste Hutträger überhaupt ein todbringender Gesell. Um properes Filz für Hüte herzustellen, arbeiteten die Hutmacher in früheren Zeiten mit Quecksilbersalzen. Über die toxischen Qualitäten von mercurium - Quecksilber wusste man damals noch nicht bescheid. Die Symptome von Quecksilbervergiftungen, unkontrollierte Nervenzuckungen, Zittern und Halluzinationen trugen vergifteten englischen Hutmachern den bösen Spitznamen “mad hatter” ein - verrückte Huterer. Ob Merkurius, der oberste Marktmeister und passionierter Filzhutträger auch unter Visionen und verrückten Zuckungen litt?
7. Dezember 2006 (0) Comments
Lipstick Traces
Andrea Maria Dusl für Der Standard/Rondo vom 1.12.2006
Sarah Bernhardt soll den kleinen, phallischen Begleiter "stylo d'amour" genannt haben. Die gefeierte Diva zählt zu den ersten modernen Bewunderinnen der erotisierenden Lippenkreide. Als emanzipierte Tochter einer holländischen Kurtisane und eines katholischen Pariser Jusstudenten wusste sie um den Stimulus des Glutmundes.
Die ehrbaren Damen der Gesellschaft standen der ägyptischen Mode des Lippenfärbens allerdings so skeptisch gegenüber wie die trauergewandete Queen Victoria, die geistige Mutter der Fleischlosigkeit. Die hatte 1890, ganz im Einklang mit den sexualfeindlichen Grundstimmungen des puritanischen Zeitalters befunden, das unhöfische Make-up sei des Teufels und damit unbritisch.
Wo doch ihre Vorvorgängerin auf Albins Thron, die bleich gepuderte Tudor-Königin Elizabeth I. als Erfinderin des Lippenstifts gilt. Ihr zusammengekniffener Mund war stets mit einem Amalgam aus Alabaster, Gips und Farbpartikeln eingekreidet.
Nach heutigen Standards gibt es den Lippenstift seit der Amsterdamer Weltausstellung 1883, wo ein Pariser Parfumhersteller einen ebenso sündhaften wie teuren, in Seidenpapier gewickelten Stift aus gefärbtem Rizinusöl, Hirschtalg und Bienenwachs präsentierte. Im Gegensatz zur jungfräulichen Königin und den Pariser Parfümeuren war Sarah Bernhardt aber eine leibhaftige Bühnendiva, die sich ihrer Sexualität nicht nur bewusst war, sondern sie auch lebte. Wollen wir die exzentrische Schauspielerin getrost zur ersten modernen Feministin ausrufen und ihren kleinen Freund, den Lippenstift, als Zauberstab der Emanzipation. Wie das? Ein Instrument der Anlockung lüsterner Mannsbilder soll Befreiungsinstrument von der Tyrannis der geschlechtlichen Unterdrückung sein?
Die Verstörung des männlichen Kleinhirns
Der Doublebind-Mechanismus, der dem Lippenstift magische Befreiungskräfte verleiht, funktioniert so einfach wie sicher. Rote, weibliche Lippen, physiologisch gesehen die Auswirkung guter Durchblutung, werden von Männern, unabhängig von der sexuellen Interessenlage ihrer Trägerin, als aufreizender Stimulus wahrgenommen. Die Doublebind-Falle, in die männliches Begehrpersonal tappt, ist das unausgesprochene "Nein", das mit jedem Lippenstiftstrich mitgemalt wird.
Rote Lippen, die nicht von anderen Signalen von Fusionsabsicht begleitet werden, verstören das männliche Kleinhirn. Der Mund signalisiert Eros, während andere Körpersignale eine andere Sprache sprechen - "Jetzt nicht" zum Beispiel. Optisch ist das Männergehirn nämlich auf verblüffend einfache Art manipulierbar. Es nimmt diese Melange aus widersprüchlichen Signalen zu Recht als weibliche Dominanz wahr. In die Doublebind-Falle tappen auch jene Männer, die sich dieser Mechanismen bewusst sind. Funktioniert doch das Phänomen über den Umweg der rationalen Expertise fast noch besser.
Als Erfinderin dieser Technik darf Kleopatra gelten. Sie färbte sich die Lippen mit Stiften, die aus dem Scharchlachrot von Karmin-Schildläusen gewonnen wurden. Vor Staatsakten ließ sich die exzentrische Königin auch noch die Lippen von nubischen Sklavinnen mit Blut vollsaugen. Mit diesem exklusiven Schminktrick legte die Vorstandsvorsitzende von Ägypten ihre späteren Liebhaber Cäsar und Marc Anton imperial auf den Rücken.
Für den Standard/Rondo vom 1.12.2006
5. Dezember 2006 (0) Comments
Wiener Pflasterkunde
Liebe Frau Andrea,
mit dem Fahrrad fahre ich oft den Radweg durch die innere Stadt. Abgesehen von arroganten Geländeautos, rasenden Taxis, ferngesteuerten japanischen Touristen und Bergen von Fiaker-Pferde-Mist muss ich da mit Buckelpisten aus Kopfsteinpflaster kämpfen. Wer hat sich denn diesen Horror-Belag ausgedacht? Sicher kein Fahrradfreund.
Liebe, Grüsse, Katrin, Neubau.
Liebe Katrin,
die Idee, Städte zu pflastern, ist lange vor der Erfindung von Fahrrädern aufgekommen. Antikes Pflaster kennen wir aus Pompeji und Herculaneum. Mittelalterliches Wiener Pflaster wurde auf der Freyung ausgegraben und im modernen Gehsteig vor der Cafe-Central-Passage verlegt. Die katzenkopfgrossen Donaukiesel haben dem Genre auch seinen Namen gegeben. Granitwürfel, deren Ecken auch heute noch von den Metallreifen der Fuhrwerksräder und den Hufeisen der Pferde rundgeschliffen werden, kamen später auf und waren ein hygienisch vorbildlicher Belag. Noch im Barock, wo viele Vorortestrassen ungepflastert waren, blies ständig ein ätzendes Gemisch aus Pferdedung und Strassenstaub durch die Stadt. Der Belag, den wir heute als Wiener Kopfsteinpflaster kennen und der meist unter Asphalt versteckt ist, kam aus den Steinbrüchen nördlich der Donau. Das Format der Wiener Pflasterwürfel ist seit 1826 wesentlich grösser als das anderer Städte. Grund dafür war die Französische Revolution. Die Habsburger wollten dem revolutierwütigen Volk keine allzu handlichen Wurfgeschosse bereit legen. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen sie Frau Andrea' in Falter 48/2006
4. Dezember 2006 (0) Comments
Koalibären

Der Koalibär ist eine alte Falteridee. Mit dem wuscheligen Eukalyptuskauer
stellen wir den Glücksgrad der grossen Koalition dar. Geht ganz einfach. Lacht der Koali,
ist alles in Eukalyptusbutter. Verjüngt sich die Koalipappen zu einem Schüsselmund,
hat Nachdenklichkeit das Szepter ergriffen. Bei Problemen und Zerwürfnissen, Streit
oder Hader rutscht der Koali depresssiv vom Sprüssel und lässt die Beutelbärleftzen hängen.
Dusilation ab Falter 48/2006
3. Dezember 2006 (0) Comments



