metaphysics ::: Gesund

Erschienen in .copy 22 i.e. 03/2005

Arzt.jpgDas Wort "gesund" beschreibt den psychischen und physischen Zustand des Nicht-Krankseins. Was und wie "gesund" ist, und wie es sich anfühlt, wissen die meisten von uns. Aber woher kommt das seltsame Wort? Ausgerechnet der Begriff mit dem positiven Image klingt es so ähnlich wie die "Sünde". Sollte Gesundheit und Sünde mehr gemein haben als eine Silbe?

Gesundheit wird allgemein definiert als die Abwesenheit von Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert sie als Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Auch gutes Wetter dürfte dem Wohlbefinden nicht untunlich sein. So schön sie ist, die Definition der WHO krankt hinter der schönen Fassade. Das Fehlen physischer, psychischer und sozialer Obstakel stellt einen, mit den bescheidenen Mitteln des Diesseits kaum erreichbaren Idealzustand dar. Eher müssen wir davon ausgehen, dass kein Mensch wirklich gesund ist und daher das extrem hehre Ziel der WHO ("Gesundheit für alle") alle Anzeichen einer Illusion haben dürfte.

Für uns Einzelne, von der WHO Besorgte wird das Phänomen "Gesundheit" erst bei Krankheit oder mit zunehmenden Alter spürbar. Oder richtiger gesagt: Nicht mehr spürbar. Dem Wiederherstellen oder zumindest Annähern des Idealzustand "Gesundheit" widmet sich seit der Steinzeit (und vermutlich seit Anbeginn der Menschheit) eine ganze Industrie. Heute wird in den hochindustrialisierten Gesellschaften des Westens jeder zehnte Euro für Gesundheit, beziehungsweise für die Massnahmen ausgegeben, die ihr Fehlen nach sich ziehen.

Die Förderung und Erhaltung der Gesundheit erfordert geringe finanzielle Mittel. Teuer und in unserer auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Welt vorherrschend ist dagegen ist die kurative Medizin, der Versuch also, Gesundheit wiederherzustellen. In der Antike war das genau umgekert. Wer es sich leisten konnte, gab Unsummen dafür aus, eben nicht krank zu werden. (Wer es sich nicht leisten konnte, ging zumindest in die Therme.) Ging die Gesundheit trotz ärztlicher Kunst dennoch verloren, war auch ein hochbezahlter Arzt seinen Job los.

Was und wie gesund ist, und wie es sich anfühlt, dürfte den meisten von uns bekannt sein. Woher aber kommt das Wort selbst?

Eine seltsame Koinzidenz findet sich beim Stochern in den etymologischen Wurzeln des Wortes "Gesund". Es kommt von einem indoeuropäischen "sunto", "suento" und bedeutet schlicht "gesund sein", "rüstig sein". Ausgerechnet dieses Wort, dessen Bedeutung positiver nicht sein könnte, klingt verdammt ähnlich, wenn nicht gleich wie das Wort "Sünde", im althochdeutschen noch "sunta" ausgesprochen.

Wenn zwei Worte gleich klingen, liegt der Verdacht nahe, dass sie ein und dasselbe bezeichnen. Die Frage ist nun, ob einst die Gesundheit sündig war, oder die Sünde gesund. Die Antwort ist so umoralisch wie wahr: Beides. Graben wir bei der "Sünde" noch tiefer im etymologischen Myzel, als eben noch bei der "Gesundheit" stossen wir auf das altinidsche "sánt", das soviel bedeutet wie "wahr", "gut", "seiend". Seiend. Ob wir gut sind, darüber lässt sich streiten, wahr sind wir, je nach philosophischer Betrachtungsrichtung schon eher, "Seiend" sind wir fast sicher. Über viele Bedeutungsumwege hat sich das Seiende, das Sunde zum Getanen, zur Tat gewandelt. Von der Tat zur strafwürdigen Tat und von der zur Schuld waren es dann nur mehr kleine Schritte in Richtung "sunta", Sünde, jenem germanischen Rechtsausdruck, den die Kirchensprache zur Übersetzung des lateinischen "pecccatum" - Vergehen verwenden sollte.

Auf abenteuerliche Weise, wurde also das indoeuropäische Sein, das Gesundsein während der langen Reise Richtung Westen zum Sündigen, ohne dass sich jemand über diese Entführung je grössere Sorgen als die über einen eingerissenen Nagel gemacht haben dürfte.

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Offizielle Seite der WHO, der World Health Organisation

Karl Hörmann über die Sünde im "Lexikon der christlichen Moral"

Artikel über Sünde auf "Schwarzes Netz"

Wikipedia-Artikel über Krankheit

Gesundheitsportal Lifeline

Das ultimative Nachschlagewerk Pschyrembel

10. Juni 2005 © Andrea Maria Dusl

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peter | 16.09.06 15:18

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