metaphysics ::: Unterwegs

Erschienen in .copy 20 i.e. 01/2005

Unterwegssein gilt in der kollektiven Wahrnehmung als Ausnahme. Dabei ist Mobilität die Regel, das Bleiben an einem Ort die Ausnahme. Wenn wir Paläontologen und Populationsgenetikern glauben, ist die Menschheit in Gestalt des modernen Homo sapiens vor etwa 100.000 Jahren in Ostafrika entstanden und hat sich in unzähligen Wanderbewegungen über Kontinente, Inseln und Archipele ausgebreitet.

Sogar außerhalb der Erde leben heute Menschen: Die Astronauten der internationalen Raumstation ISS sind im wahrsten Sinn des Wortes ständig unterwegs. Weil die ersten Menschen Jäger und Sammler waren und die Idee fester Siedlungen erst mit der Erfindung der Landwirtschaft vor rund 12.000 Jahren entstand, gehört das Umherziehen zu unseren ältesten Talenten. Die europäischen Nationalstaaten sind das Ergebnis jahrtausendelanger Migration europäischer (und nichteuropäischer) Populationen. Sogar in scheinbar „alteingesessenen“ Gegenden wie den Alpen haben sich Reste dieses Nomadentums erhalten. Die Almkultur, der Wechsel von Sommerweiden und Winterstall, ist ein Echo wandernder Hirtengesellschaften und hat mit den Nomaden Zentralasiens, nordeuropäischen Saamen oder den aus dem indischen Punjab stammenden Roma und Sinti mehr gemein, als manchem Heimatforscher lieb sein dürfte.

Selbst im Mittelalter war das Wandern eher die Regel als die Ausnahme. Christliche Pilger zog es nach Santiago, Rom und Jerusalem (später kamen die Kreuzritter dazu), Moslems auf die Hadsch nach Mekka und Medina. Die ersten Kaufleute waren fahrende Händler, die von Dorf zu Dorf zogen, auch Kaiser und Könige hatten keine feste Bleibe, sondern waren mit ihrem Hofstaat dauernd zwischen Pfalzen, Klöstern (sie hatten die Pflicht zur „Königsgastung“) und Städten unterwegs. Die Walz, das weite Reisen der Handwerksgesellen über Hunderte Kilometer von Meister zu Meister gibt es noch heute. Und den Zirkus sowieso.

Ein trauriges Kapitel menschlicher Reisetätigkeit sind Kolonisation und Kriegszüge. Krieg galt schon den Griechen der Antike als „Vater aller Dinge“, womöglich ist er auch der Großvater aller Reisen. Nachhall der martialischen, durchaus maskulinen Mobilität sind nicht nur Tod und Elend, sondern auch ein kulturelles und genetisches Amalgam: die Kriegskinder.

Die moderne Gesellschaft hat das Unterwegssein neben der Kommunikation zum Hauptthema gemacht: Urlaub, das ritualisierte Nomadisieren, wird auch in anderen Kontinenten absolviert. Das tägliche Pendeln von der Schlafstadt ins Büro oder die Fabrik gehört heute ebenso zum europäischen Alltag wie das Umherziehen von Politikern, Fernfahrern, Kongressteilnehmern, Vertretern und Handelsreisenden.

Das mobilere Geschlecht ist trotz männlichem Hang zum Gaspedal übrigens das weibliche: Migrationsforscher haben nachgewiesen, dass Frauen durchschnittlich weiter von ihrem Geburtsort entfernt leben als Männer.

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Think-Tank über Migration

Wikipedia-Link über die Saamen

Webjournal über Kultur und Geschichte der Romani

Wiki-Link über Roma und Sinti

10. Februar 2005 © Andrea Maria Dusl

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