Desks of the World ::: Hermes Phettberg

Hermes-Schreibtisch.jpg

Hermes Phettberg - auch nach Harald Schmidts
Wiederauferstehung der grösste Talkmaster
Deutschsprechiens - an seinem Schreibtisch.
Das Eckzimmer Webgasse/Gumpendorferstrasse
trägt den simplen Namen "Deutscher Sprachraum".

Hermes schrieb mir über den Tisch an dem er sitzt
folgendes email:

Liebe Andrea, erst jetzt maile ich Dir diesen Satz, nicht aus Zeitmangel (oh
im Gegenteil). Aus Seelenmangel. Ich umarme Dich und sende Dir alles, alles
Liebe. Dieser Satz nun wäre bezüglich Deiner Sammlung "Die Schreibtische
dieser Welt": "Phettbergs Urgroßvater Zauner war Tischler und Sargmacher
Unternalbs und tischlerte seiner Tochter Theresia Zauner, also Phettbergs
Großmutter väterlicherseits im Jahre 1902 zu deren Hochzeit diesen Tisch,
wie alles andere Mobiliar als Ausstattung. Er ist jetzt über 100 Jahre alt, hat
keinen Wurm. Und ist federleicht getrocknet. Vermutlich wuchs das Holz
während Maria Theresia das Land regierte. Und trocknete lange. Der Tisch
wird uns alle weit überleben." Liebe, liebe Andrea, in tiefster Verzweiflung
Dein ergebenster Phettberg (Soweit eben ein Verzweifelter ergebenst sein
kann, Formen einnehmen kann)

Eingelangt am 26. Dezember 2004 11:11:36 GMT+01:00

26. Dezember 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Joulupukki

Joulupukki.jpgLiebe Frau Andrea,

schon lange quält mich ein Problem, das besonders dieser Tage unerträglich wird: der Weihnachtsmann. Wer hat uns den bärtigen Geschenkeonkel eingebrockt?

Liebe Grüße, David K., Internet

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Lieber David,

der Weihnachtsmann ist ein Amalgam europäischer Wintermythen und hat in Santa Claus, wie der Rauschebart in den USA genannt wird, seine momentan gültige Erscheinungsform gefunden. Der Rentierschlitten fahrende Konsumheilige ist ein protestantisches Cuvée aus "Sinterklaas", der holländischen Variante unseres Nikolaus, und den skandinavischen Frostvätern "Jultomte" (Schweden), "Julemanden" (Dänemark) und "Julenissen" (Norwegen). Bei seinem globalen Siegeszug hat ein US-Konzern die Hände im Spiel. 1931 stylt der Karikaturist Thomas Nast den Weihnachtsmann als rüstigen Endsechziger im rot-weißen Wams. Kein Zufall: Rot und Weiß sind die Farben des Konzerns, das die weihnachtliche Anzeigenkampagne in Auftrag gab - Coca-Cola. Santa Claus stand ab nun auf der Payroll des Limonadenmultis. In Finnland, das im fröstelnden Wettstreit mit Kanada für sich reklamiert, die legitime Heimat des Weihnachtsmannes zu sein, heißt der polare Geselle übrigens Joulupukki. Österreichisches findet sich hingegen in Santas Dokumenten. Amtlicherseits soll dort "Kriss Kringle" stehen. Die Amis halten nämlich unser Christkindl für den wahren Namen des Weihnachtsmannes.

Erschienen in "Falter" Nr. 52/04 vom 22.12.2004 Seite: 93

22. Dezember 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Daisy und Andy nackt

sehr geehrte andrea dusl,

ich wende mich an sie, weil ich einige vorgänge im österreichischen zeitungswesen nicht mehr ganz nachvollziehen kann: immer wieder habe ich beim zahnarzt das heimische wohnmagazin "home" gerne durchgeblättert. seit drei ausgaben lässt sich die herausgeberin, desiree treichl-stürgkh, selbst am cover ablichten, auf dem titelblatt des jüngsten heftes ist sie jetzt sogar in zärtlicher umarmung mit ihrem banker-gatten andreas treichl zu bewundern — frei nach dem motto: "meine zeitung, mein neuer schmuck, mein göttergatte".

jetzt fürchte ich als emanzipierte arbeiterin schon das nächste "home": werden wir daisy + andy nackt im bett zu sehen bekommen? und: müssen wir uns wieder im editorial von frau treichl-stürgkh die wunderbare welt zwischen großbürgerlichem salon und jagdzimmer erklären lassen? sollten wir sie für ihre angeblich so perfekte aristo-barbie-welt gar bewundern?

ärzte, therapeuten, intellektuelle - bietet dieser frau eure hilfe an!

ich bin übrigens ein großer fan ihrer falter-kolumne.
mit besten grüßen, marie heinecke

18. Dezember 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Tex and Heinz

Tex-Conrads-und-Vater-Heinz.jpg

Tex Rubinowitz und sein Vater Heinz Conrads

18. Dezember 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Das Volkstheater ist das Grösste

Liebe Frau Andrea, Ihr Herr Kurt!

Ich bewundere auch Ihre räumlich klaren Skizzen. Nun. Burgtheater ist
laut Darstellung - siehe Stadtpläne Wien - cirka 3 bis 4x größer als das
Volkstheater. Aber Innen drin? Scheint so zu sein, dass Bühne wie
Zuschauerraum im Volkstheater größer ist. Komisch! Nicht? Wohl vom
Gefühl her deshalb so, weil man in der Burg vom Großen ins Kleine geht,
und im Volkstheater vom Kleinen ins Große. Nun. Ich kann doch nicht vor
einer Vorstellung da wie dort mit dem Metermaß rumlaufen. Bitte
antworten Sie.

16. Dezember 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Beauty

Amor-Psyche.jpgLiebe Frau Andrea,

kürzlich haben wir in illustrer Runde festgestellt, dass es im Wienerischen früher sehr üblich war, französische Ausdrücke zu verwenden. Beflügelt vom "Lawur" oder der "Kombinäsch" blieben wir beim Spiegelkästchen hängen und mussten lange nachdenken, wie denn das genannt wurde. Bei uns hieß das dann "Psíche", andere meinten wieder eher "Psyche". Mon Dieu, woher kommt denn das?

Herzliche Grüße,
Elisa

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Liebe Elisa,

die Psyche ist nicht nur die Instanz, die für unser Verhalten zuständig ist, sondern auch eine Figur der griechischen Mythologie. Die Herkunft des Wortes oszilliert zwischen den Bedeutungen Seele, Hauch, Atem und: Schmetterling. Ein Märchen des römischen Dichters Apuleius beschreibt die Liebesbeziehung der geflügelten Schönheit Psyche mit dem ebenfalls flüggen Eros (römisch: Amor). Hauptdarstellerin der komplizierten Geschichte, die um Liebe und Eifersucht flattert, ist die schneewitchenhafte Psyche, die Venus (alias Aphrodite) vom obersten Beautytreppchen gestoßen hat. Zu allem Überdruss greift Psyche dann auch noch in das Döschen der Persephone, mit der Schönheitscreme der Aphrodite. Ein Vergehen, das im griechischen Himmel nicht unter lebenslanger Narkose - bei Freispruch: Unsterblichkeit - geahndet wird. Der Ausdruck Psyche für Schminkspiegel wird im Empire hip. Zwischen Tiegelchen und Flakons stand auf dem Möbel nämlich auch gerne ein Figürchen der Göttin der Schminkkunst.

Erschienen in: "Falter" Nr. 51/04 vom 15.12.2004 Seite: 83

15. Dezember 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




metaphysics ::: Glück

Erschienen in .copy 19 i.e. 05/2004

Glücksgefühle entstehen im Zusammenspiel von Gehirn und Hormonen. Molekularbiologen haben entschlüsselt, auf welche Weise etwa Sex, Sport und Schokolade Glücksgefühle auslösen. Selbst den „Sitz des menschlichen Glücks“ haben sie lokalisiert: in der mandelkerngroßen Hirnregion Amygdala des limbischen Systems. Hier findet sich besonders häufig der Botenstoff Oxytozin, ein Nerveneiweiß, das in der Evolution erst mit der Entwicklung der Säugetiere auftritt. Beim Sex etwa bildet die Hypophyse verstärkt Oxytozin. Manche Forscher machen es für das intensive Glücksempfinden beim Orgasmus verantwortlich. Psychophysiologen zählen Glücksgefühle den primären oder unwillkürlichen Emotionen Freude, Trauer, Furcht, Wut, Überraschung und Ekel zu.

Diese angeborenen Muster sind in allen Kulturen bekannt. Etwa tausend chemische Botenstoffe steuern diese menschlichen Gefühlsregungen. Als Glücksboten gelten vor allem die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin. Zusammen mit Adrenalin und Noradrenalin heben sie die Stimmung. Neben diesen Molekülen spielen wohl auch Endorphine eine Rolle beim Empfinden von Freude und Glück. Abgeleitet von der Bezeichnung „endogenes morphiumähnliches
Molekül“, handelt es sich dabei um körpereigene, also endogene Morphine, die an die gleichen Bindungsstellen andocken wie die als Schmerzmittel und euphorisierende Suchtmittel bekannten Opiate.

1996 veröffentlichten die US-amerikanischen Psychologen David Lykken und Auke Tellegen von der Universität Minnesota ihre Forschungsergebnisse über den genetisch festgelegten, individuellen „Set-Point of Happiness“. Er ist von Mensch zu Mensch verschieden. Auf einer bislang ergebnislosen Suche nach einem Gen fürs Glücklichsein ist der US-Wissenschaftler Dean Hamer. Topkandidat von Hamer, der schon das „Gottes-Gen“, die neurobiologischen Voraussetzungen für religiöse Gefühle, beschrieben hat: das Gen, das für die Konstruktion der Bindungsstelle auf den Hirnnerven zuständig ist, die den Glücksboten Dopamin aufnehmen. Sprachwissenschaftler leiten „Glück“ vom Verb „gelingen“ ab. Glück und das sprachlich verwandte englische „luck“ bezeichnen ursprünglich das Gelungene, das leicht Erreichte oder den günstigen Ausgang eines Ereignisses. So kommt der Ausdruck „Glück“ ins Glücksspiel.

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Die Forschungsarbeit von Lykken und Tellegen über den „Set-Point of Happiness“ als PDF

Website
des Glücksgenforschers Dean Hamer

The Luck Project

10. Dezember 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Strohwitwentum

Schlampe.jpgLiebe Frau Andrea!

Das Wort "Strohwitwe" kenne ich zwar schon lange, aber nachdem das meine Generation nicht nur nicht verwendet, sondern nicht mal weiß, was das ist, hätte ich mich ja fast verunsichern lassen und es für eine Erfindung meiner Großeltern gehalten. Jetzt bin ich aber draufgekommen, dass es das Wort sogar im Russischen gibt, es muss also weit verbreitet sein. Bleibt die Frage: Woher kommt es?

Mit freundlichen Grüßen,
Ruruth, Internet

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Liebe Ruruth,

eine Wiener Mythologie will den Begriff von den Witwen herleiten, deren Männer früh an Alkoholabusus verstarben. Sie spielt auf den Namen der Vernichtungsdroge Inländer-Rum aus dem Hause Stroh an. Tatsächlich ist das Wort aber viel älter und auch weiter verbreitet als der hochprozentige Schnaps aus heimischer Destillerie. Generell bezeichneten unsere bäuerlichen Vorfahren mit dem abschätzigen Ausdruck Strohwitwe ein Mädchen, deren Freund gerade verreist war und der man nachsagte, sie läge auf dem Stroh(-Bett). Eine andere Etymologie mäandert um die Metaphorik, nach der eine Witwe aus Stroh - im Gegensatz zu einer aus Korn - eine unechte, eine falsche wäre. Nicht ohne ist folgender Erklärungsansatz: Die Ähnlichkeit der Worte Strowit(we) und Strawant(sa) ist zu groß, als dass sich dahinter nicht eine Verwandschaft verbergen könnte. Kommt doch Strawantsa, Strawanza vom italienischen Adjektiv stravagante und bezeichnet eine herumstreunende Person.

Erschienen in "Falter" Nr. 50/04 vom 09.12.2004 Seite: 75

9. Dezember 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Sportgummi

Sportgummi-Sackerl.jpgLiebe Frau Andrea,

anlässlich der Viennale, bei der Sportgummi verteilt wird und deren Direktor Hans Hurch ist, fiel mir wieder ein, dass Letzterer - glaube ich - bei der Übernahme des Gartenbau meinte, dort solle es nicht nur Sportgummi geben, sondern auch Style. Warum gehört Sportgummi in Wien zum Kino?

Liebe Grüße,
H. Matzneller

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Liebe/r H.,

das Sportgummizitat von Styleking Hurch ist durchaus glaubwürdig, wie mir eingeweihte Filmwissenschaftler versichern. Ob es tatsächlich authentisch ist, kann wahrscheinlich nur der Viennale-Chef beantworten, der sitzt aber gerade telefonlos im Kaffeehaus. Was dagegen als gesichert gilt, ist die Etymologie der gummiweichen Kinozuckerl mit dem Logo des stürmenden Fußballers am Päckchen. Nach firmeneigener Mythologie soll der Egger-Sportgummi ursprünglich Egger-Fruchtgummi geheißen haben. Dieser wurde in kleinen Säckchen zu 15 Gramm bei öfffentlichen Veranstaltungen verkauft - und das waren zu jener Zeit vor allem Fußballmatches. Damals, so die Firmenchronisten, gab es folgende Aktion: Jeder, der tausend leere Säckchen zurück in die Fabrik brachte, bekam ein Kilo Fruchtgummi gratis. Gewiefte junge Wiener stürmten also Stadien und Sportplätze, sammelten weggeworfene Fruchtgummisäckchen und brachten sie paketweise zu Egger nach Nußdorf. Diese Jugendlichen sollen es gewesen sein, die dem Fruchtgummi den Namen "Sportgummi" gaben.

Erschienen in "Falter" Nr. 49/04 vom 01.12.2004 Seite: 83

1. Dezember 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Kalter Putsch

Die österreichische Regierung begeht ein soziales Verbrechen nach dem anderen, sie verschleudert den Besitz der Republik, säubert Betriebe und Institutionen von allen Unliebsamen und installiert dort Parteigänger der Schüsselisten und ihres seltsamen Koalitionsbeiwagerls. Jetzt geht es der Demokratie an den Kragen. Die Entdemokratisierung der österreichweiten Studierendenvertretung ÖH ist nur der Anfang. Was kommt als nächstes? Die erbliche Monarchie? Der Ständestaat?

1. Dezember 2004 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




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