Lycklig med Lingonsaft

Lingonsaft.jpg

Leckerer Lingonsaft im Atelier Dhaulagiri

Lingon.jpg

Skogens röda guld

Dialektalt namn på lingon är bl.a. kröser, på norska heter de tyttebær. I skogen växer lingonriset, som är grönt hela året. De röda bären - lingonen - är mogna i september. De kallas för skogens röda guld.

Lingon är våra viktigaste vilda bär och används till lingonsylt och lingondricka. Lingonsylt är vanligt i svensk husmanskost. Köttbullar med lingonsylt och blodpudding med lingonsylt är några exempel.

Det är lätt att göra egen lingonsylt. Du kan koka bären med socker och vatten eller bara mosa dem med socker ("rårörda lingon").

Lingon växer ofta på oländig mark mellan stenar och stubbar på gamla skogsavverkningsytor i Hälsingland. Bären sitter i klasar många tillsammans.

De små plantorna med läderartade blad blommar i juni med vita klockformade blommor.


Lingonsylt

Lingonsylt som kokas så här blir klar och fin i färgen och får en geléaktig konsistens.

2 liter lingon
4 dl kallt vatten
9 ½ dl socker

Gör så här:
Rensa och skölj lingonen. Lägg dem i en gryta och tillsätt vattnet. Koka upp och koka i 10 minuter. Ta grytan av värmen och tillsätt sockret. Rör tills det löst sig och sylten blivit simmig. Häll sedan upp på rena burkar och förslut.

Några sylttips:

När man kokar sylt bör man inte koka dubbel sats, eftersom det är lätt att koktiden blir fel då. Även konsistensen kan bli annorlunda.

Det är viktigt att ta bort allt skum som uppkommer, då det innehåller smuts och eventuella blad som påverkar hållbarheten.

Fyll burkar och flaskor ända upp. Sätt genast på lock och skruva till. När innehållet kallnar sugs locket fast och ett vakuum bildas. Paraffin behövs bara till burkar med otäta lock.




Recept: Ingmanson I. Holmberg P. Svenska bärboken. Stockholm: Prisma, 2002.

27. August 2004 (2) Comments

Vienna Metroblogging

ViennaMetblog.gifWien ist anders und trotzdem ein bisschen wie Atlanta, Boston, Chicago, London, Los Angeles, New York, San Francisco, Seattle und Washington. Wien hat nämlich auch ein Metroblog. Die Logbuch-Städte sind untereinander verlinkt und vernetzt.

Die urbanen Stratigraphen Aki Beckmann, Daniela Zaremba, David Dempsey, Georg, Günther Friesinger, Heinrich Hinterhalt, Johannes Grenzfurthner, Karin Harrasser, Marie Ringler, Michael Zeltner, Philipp Drössler, Thomas König und Tom Enzi - teilweise Mitglieder des Künstlerkollektivs monochrom lesen auf, was in Wien liegt, steht oder sonstwie fallengelassen wird.

Vienna.Metblogs

27. August 2004 (0) Comments

Beauty Knows No Pain ::: No Rapid

Rapid-Durchgestrichen.jpg

Wien, Margareten, Kleine Neugasse 5
Whoever hangs around this place hates "Rapid".
(The wall carving right to the door shows the
crosses out letters R A P I D )

26. August 2004 (0) Comments

Gates of Hell ::: Thommy

Thommy1.jpg


Wien. Bobohausen. Schlagbaumgasse
Aus der Serie "Pforten zur Hölle".
Ein gewisser Thommy ist hier Türsteher.


Thommy2.jpg

25. August 2004 (2) Comments

Ziehen wir Bilanz

Sommerschlussverkauf.jpgLiebe Frau Andrea,

in Sommerschlussverkaufszeiten ist immer wieder davon zu lesen, dass etwas "bis zu minus fünfzig Prozent billiger" geworden sei. Soll durch die doppelte Verneinung angedeutet werden, dass die Kundschaft zum Dank dafür, dass sie am Ende des Sommers unattraktive Ladenhüter ersteht, gar noch den eineinhalbfachen Preis zu bezahlen genötigt wird? Ähnlich großes Kopfzerbrechen bereitet mir der Umstand, dass ich kürzlich in einer großen heimischen Tageszeitung lesen musste, dass ein Betrieb eine "zufriedene Bilanz" gezogen habe. Wie muss ich mir denn eine Bilanz vorstellen? Liegt sie an einem fernen Palmenstrand in der Hängematte und lässt sich longdrinkschlürfend von zwei (möglicherweise unzufriedenen) Bilanzen mit Palmenwedeln befächern? Liebe Grüße,

David Wagner, 4020 Linz

......................

Lieber David,

"die Botschaft muss einfach sein", heißt das Credo der Verkäufer. Bei der Verknappung der Botschaft wird der Sinn gemeinhin stark deformiert. Statt "zufrieden stellender" Bilanzen werden also "zufriedene" gezogen, obschon die Idee, "eine Bilanz zu ziehen", vertrottelt ist, denn was gezogen werden kann, sind Schlussstriche. Und die auch nur mit Schreibgeräten. Das Wort "bilancia" kommt aus dem Italienischen und bezeichnet die frühkapitalistische Balkenwaage. Diese zu "ziehen" mag nur jenen sorglos gelingen, die auch "Negativwachstum", "Gewinnwarnung" oder "Nulldefizit" einen Sinn zuordnen.

© Andrea Maria Dusl
Erschienen im "Falter" Nr. 35/04 vom 25.08.2004 Seite: 51

25. August 2004 (0) Comments

Web Crimes

FA-Netzcrime.jpg

Die Regierung plant Gefängnisstrafen für bestimmte Texte im Netz.
© Andrea Maria Dusl, für den Falter

24. August 2004 (0) Comments

Gates of Hell ::: Templerandacht

Templerandacht.jpg

Wien, Wieden, Grosse Neugasse
Templerandacht. Church of Satan

23. August 2004 (1) Comments

Matros

Matros
Maschina
Robot
Sojus







23. August 2004 (2) Comments

Poor Thing ::: Vandalized Vespa

Lying-Vespa.jpg

Wien. Downtown. Ecke Marc-Aurelstrasse / Ernst-Göschl-Platz
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Armes Ding. Arme kleine Vespa

23. August 2004 (0) Comments

Nacktschnecken ::: Clever

NachtschneckenPutzerei.jpg

Putzerei Ecke Margaretenstrasse/Kettenbrückengasse.
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In der Auslage Michael Glawoggers Nacktschnecken.
Vergessen eine Packung Clever Waschmittel.

22. August 2004 (3) Comments

Heinz Conrads. The Night of the Hunter

FA-Heinz-Conrads.jpg

"Gunabend die Damen, Gunabend die Herrn,
Griass Eich die Madln, Seavas die Buam!"
war seine
legendäre Begrüssungsformel. Heinz Conrads war jahrzehntelang
der einzige Superstar des Österreichischen Fernsehens.

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Remix des berühmten Robert-Mitchum-Bildes
aus Charles Laughtons "The Night Of The Hunter".
© Andrea Maria Dusl, erschienen im Falter

Hier geht es zu Franz Schuhs Original-Heinz-Conrads-Text aus Falter 35/04 >>>

Ein halber Doppeladler

FA-Heinz-Conrads-227.jpgHeinz Conrads war Moderator, als Moderatoren noch Gestalter waren. Er war die Kulturkonstante der Zweiten Republik, ein Versöhnungsvirtuose, der die Erinnerung hoch hielt, um das Vergessen möglich zu machen. Würdigung eines Vielgeliebten, aber auch Verkannten. Essay von FRANZ SCHUH

Einst wurde der Schauspieler Will Quadflieg gefragt, was denn von seiner Kunst bleiben würde. Er antwortete: In erster Linie die Erinnerung und dann die Erinnerung an die Erinnerung, und am Ende wäre alles verwässert und nichts würde mehr stimmen. Das ist eine Variante der berühmten Wendung vom Mimen, dem die Nachwelt keine Kränze flicht. Gerade für Heinz Conrads gilt, wie sehr von der Erinnerung nur mehr die Erinnerung an die Erinnerung bleibt, und das ist deshalb erstaunlich, weil zu seinen Lebzeiten kaum ein Künstler in Österreich mehr Präsenz hatte als Heinz Conrads. Es ist keine Übertreibung, wenn nicht wenige der heute Fünfzigjährigen sagen, sie seien "mit Heinz Conrads aufgewachsen".

Baden um acht

Es gibt Künstler, mit denen man aufwächst, Künstler, die zur Zeit gehören, die einem selber geschenkt wird. Sie helfen dabei mit, dass einem die eigene Zeit vertraut ist, auch wenn die Zeiten, von denen Heinz Conrads im "typischen" Idiom sang, längst schon vergangen waren. "Das hat schon der alte Nowotny gesagt" war eines seiner Lieder, die zu singen er anscheinend nie müde wurde. Ich habe keine Ahnung mehr, was der alte Nowotny gesagt hat, aber das schmalzige Böhmakeln, in dem sich die Klage über eine verlorene Zeit und das Einverleiben des Böhmischen durch das Wienerische intonierten, habe ich durch all die Jahre nicht vergessen. So spreche ich manchmal mit Leuten, die die unsagbare, überwältigende Präsenz des Heinz Conrads nicht nur vom Hörensagen kennen. Ein Freund sagte mir, jeden Sonntag um neun Uhr, als Conrads mit seiner Radiosendung begann, habe er ein Bad genommen: Baden um neun Uhr und Conrads, ein Ritual! Das glaube ich nicht, erwiderte ich hart. Aber, so der Freund, warum denn nicht? Conrads, und ich war mir sicher, hat um acht begonnen! Wir stritten herum, und am Schluss dachte ich, vielleicht habe ich doch Unrecht. Aber anderntags las ich in der Zeitung die kulturgeschichtlich wertvolle Äußerung einer prominenten Wiener Persönlichkeit. Auf die Frage, wie er denn die bestandene Matura gefeiert hatte, antwortete der Kulturstadtrat von Wien, Mailath-Pokorny: "Wir hatten eine ganz tolle Nachtparty. Dann haben wir nicht mehr gewusst, wo wir hingehen sollen, es war nix mehr offen. Aber der Heinz Conrads hat schon seine Sendung begonnen im Funkhaus um acht Uhr. Und dort gibt's bekanntlich angenehme breite Fauteuils, und dort haben wir uns hingesetzt und sind eingeschlafen um achte in der Früh."

Ja, das hat der alte Mailath-Pokorny gesagt! Heinz Conrads war also auch ein Orientierungspunkt für vom Feiern benebelte Maturanten. Ich rief meinen Freund an und las ihm die Geschichte vor. Er revidierte seine Zeitangabe, ja, ja, acht Uhr, und das sei eben ein Zeichen dafür, dass in seiner Familie sonntags bereits um acht ein Bad genommen wurde.

Den Conrads im Ohr

Radio Wien, auf Welle 228,6 Megahertz und 506 Megahertz, sowie auf Kurzwelle 25-, 30-, 41- und 48 Meter Band - das sind die archaischen Ziffern, die seinerzeit angaben, wo man einschalten musste, um Heinz Conrads zu hören. Seinerzeit - das meint vor allem Ende Februar 1946, als zum ersten Mal eine dieser spezifischen, unverwechselbaren Talkshows übertragen wurde. Damals trug Conrads' Sendung noch den umständlichen, aber durchaus poetischen Titel: "Was machen wir am Sonntag, wenn es schön ist?" Vierzig Jahre war es am Sonntag schön, wenn Heinz Conrads seine Sendung fürs Radio machte. Später kam dann seine Fernsehsendung dazu, sie war eine Übersetzung des Radioformats ins modernere Medium.

Unzählige Hörer und man kann behaupten, viele, die's gar nicht hören wollten, hatten die Auf- und Abtrittsmelodien von Conrads' Radiosendungen "im Ohr". Die Sendung hieß schließlich: "Was gibt es Neues?", und sie stand von vornherein unter dem Paradox einer Neuigkeitsnostalgie: Alles, was passiert, wird gleich ins Vergängliche eingemeindet. Dem Flüchtigen der Eindrücke entsprach ein Plauderton, der zugleich eindringlich und unverbindlich war. Einer allein, der Moderator, hatte das Wort, diskutiert wurde nicht, Musiknummern, auf dem Klavier geklimpert zum Beispiel vom großartigen Gustl Zelibor (seines Zeichens eines Tages auch "Professor"), unterbrachen die Rede, die nicht zu unterbrechen und daher unaufhörlich schien. Das klang im schlimmsten Fall als Originalton aus dem Jahr 1954 so: "Na endlich! Meine Damen, man trägt jetzt wieder mollig. Mit anderen Worten: Die kluge Frau baut vor - das dicke Ende kommt von selber nach.' (...) In Deutschland scheint sich die mollige Linie aber noch nicht durchgesprochen zu haben. Ich traf eine deutsche Dame, und sie sah aus wie eine der sieben biblischen Plagen: die große Dürre'. Von rückwärts ging es ja, aber von vorne war sie doch ein wenig - platt. Eine Plattdeutsche!"

Es ist eine schwierige Frage, was denn das Außergewöhnliche der Kunst des Heinz Conrads gewesen sein soll. Sicherlich: das keinesfalls überall beliebte Wienerische, oder besser: diese allmählich verschwindende Tradition der Wiener Volksschauspieler mit ihrem derben, aber auch lyrischen Zungenschlag. Diese Tradition verfügt über einen Figurenreichtum und über einen Reichtum an Sprachmasken, der freilich dazu neigt, leicht zum Klischee zu missraten. Die wienerischen Grundtexte, zumindest für Komiker, hat Johann Nestroy verfasst. Nestroys Skepsis, die ihm dazu verhilft, gerade aus der Verzweiflung Spaß zu machen, ist ein wienerisches Lebensgestaltungsmittel. An gar nix braucht man glauben, weil eh alles Schimäre is', und die Hauptsach is', wir unterhalten uns dabei. "Es ist alles Schimäre", hat der Schauspieler Conrads gesungen, und wer's gehört hat, der weiß, er hat einen großen Nestroy-Schauspieler gehört.

Schatten einer Karriere

Die sentimentaleren Töne des Wienerischen, wenn man sie nicht schon aus dem Nestroy'schen Zynismus heraushört, hat der Künstler Heinz Conrads besonders gepflegt. Als er seine Sendung im Radio begann, soll ihm ein erfahrener Programmmacher geraten haben: "Nur keine Bitterkeit in den Texten aufkommen lassen!", und an diesen Rat hat sich Conrads sein Medienleben lang gehalten. Ein Beispiel für diese Haltung, für das gleichsam nicht Bitterere in den Texten, selbst in den traurigsten, waren Conrads Rezitationen aus der - wie soll ich es sonst sagen? - zutiefst Wienerischen Lyrik Georg Strnadts; ein Beispiel: "Die Ballade vom Frisör". Strnadt war ein Lyriker in der Weinheber-Nachfolge, nicht ohne epigonale Züge, aber weit entfernt von dem, was sich heute "Reimejournalist" nennt. In der "Ballade vom Frisör" erzählt ein Mann, dem sein alter Frisör verstorben ist, vom neuen Frisiersalon, in dem alles anders ist: "modern". The Times They Are A-changing ...

Das Sentimental-Resignative, das verbittert Süße - ist das nicht eine typisch einheimische Gefühlsstimmung, die nach professionellen Darstellern geradezu lechzt? Diese österreichische Kunstfertigkeit, Niederlagen durch Sentimentalisierung extra fein auszukosten, ist auch nichts Schlechtes, vor allem wenn einem eh nichts anderes übrig bleibt, und seltsam: Sogar in Heinz Conrads' persönlicher Erfolgsgeschichte gibt es nennenswerte Missgeschicke, ja, wie es scheint, sogar einen durchgehenden Grund zum Traurigsein, zur Verletzlichkeit.

Wer versucht, sich deutlicher an ihn zu erinnern, der wird wohl darüber erstaunt sein, dass ausgerechnet er mit seiner Identität als Schauspieler Schwierigkeiten, ja Schmerzen hatte. Es liegt tatsächlich in seinem künstlerischen Leben etwas Unentschiedenes: Er war ein großer Volksschauspieler, der aber als berühmter Entertainer, schlimmer noch, als "Moderator" arbeitete. Das hatte nicht zuletzt mit einer heute ganz und gar verstaubten Theaterkatastrophe zu tun: mit "Charlys Tante", inszeniert von Otto Schenk; eine Inszenierung, die Heinz Conrads als Klamaukidioten exhibitionierte, wenngleich alle, die guten Willens sind und die es seinerzeit gesehen haben, es nicht für so schlecht befinden können wie die damals entscheidenden Kritiker. Ich hab's als Kind gesehen, und es hat mir Spaß gemacht. Jedenfalls hatte Heinz Conrads - nach einer verheerenden Kritik von Hans Weigel - genug von der Bühne, und es scheint auch, als wären nicht zuletzt die Regisseure auf das "Image" dieses Künstlers hineingefallen, ohne dass sie gesehen hätten, über was für eine naive und unverdorbene Kraft er verfügte. Davon sang er in dem Lied "Der Wurschtl", den angeblich keiner erschlagen kann, und mir scheint, der hypochondrisch Verletzliche sang sich damit auch Mut zu.

Der Atem

Gesichertes Überleben als Wurschtl - das ist hierzulande vielleicht nicht sehr originell. Heinz Conrads' große Selbstgefährdung, die einheimische Banalität mit der eigenen Überzeugungskraft infizieren zu können, ist ein Schauspiel, das zu Recht nur wenige hatten missen wollen. In dem Zusammenhang möchte ich nicht auf eine gewagte Assoziation verzichten: Heinz Conrads war eine Verkörperung einer hier real existierenden, im Alltagsleben sehr einflussreichen Mentalität, und seltsam, dieser Heinz Conrads hat sein Leben lang, seit den Abenteuern seiner Modelltischlerlehre, an Kurzatmigkeit gelitten: Es hat ihn damals wirklich krank, nämlich lungenkrank gemacht, und es war auch die Lunge, die seinen endgültigen Zusammenbruch besiegelte.

Und da gab es noch einen anderen, der zeit seines Lebens in Österreich nach Luft rang, bis er schließlich keine mehr bekam. Der andere, das war ein Dichter, in dessen Texten all die Bitterkeit Platz fand, die sonst öffentlich ausgeschlossen war. Ja, so will es mir scheinen: Heinz Conrads, der militant Un-Bittere, hatte schon zu seiner Zeit sein Gegenbild, eine andere Erscheinung des österreichischen Wesens gefunden, die ebenfalls an Atemnot verstorben ist. Hatte sich Conrads öffentlich zur absoluten Versöhnlichkeit mit allen Dingen und Menschen des österreichischen Lebens durchgerungen, so war sein Gegenbild am Schluss die Verkörperung der absoluten öffentlichen Unversöhnlichkeit. Heinz Conrads und: Thomas Bernhard, sein Gegenbild - man könnte sagen, die zwei symbolisieren den gefräßigen Doppeladler im Geistesleben der Zweiten Republik.

Alles wird gut

Seinerzeit, zum siebzigsten Geburtstag von Heinz Conrads, fand fürs Fernsehen eine Geburtstagsfeier statt - die Feier hatte den Charakter eines geheimen, wenngleich öffentlichen Staatsaktes. Am 9. April 1986 starb Heinz Conrads, und was von den Begräbnisfeierlichkeiten in der Zeitung stand, erweckte in mir den Eindruck, der Tod eines Kaisers hätte die Massen nicht mehr ergriffen! Ich spreche von "Conradsismus" - wie von einer der großen geistigen Schulen Österreichs. Conradsismus, das war ein staatstragender Versöhnlichkeitskult auf der Grundlage darstellerischer Virtuosität: Alles wird gut, die Menschen teilen sich in die Buam und in die Madln, in die Alten und in die Kranken, alles hat seine Ordnung, und wir wünschen allen alles Gute.

Das Wesentliche am Conradsismus war die extreme Passivität ohne den leisesten Gedanken an Verzicht. Ganz ohne Anstrengung sollte zur Verfügung stehen, was gut tat und was anderswo nur als Ernte von Taten einzubringen war. Dahinter stand die propagierte Abschlaffung: ein medial inszenierter politischer Wille, radikal zu vergessen, was einmal in Österreich Sache war: 1927, 1934, 1938, 1945 ... Und es ging bergauf: "Wer sich vor zehn Jahren", schrieb Conrads 1959, "ein Schmalzbrot gewünscht, leistet sich heute ein Henderl. Was früher eine Netzkarte war, ist heute ein Goggomobil geworden. Ein Urlaub am Gänsehäufel wurde zum verdienten Aufenthalt in Jesolo und Mallorca. - Es geht uns gut."

Aber seltsam, ganz behaglich will man sich in dieser Gegenwart nicht einrichten. Irgendeine Mahnung will man doch aussprechen, und so führt Conrads weiter aus: "Vielleicht haben wir viel zu schnell vergessen, wie's war, und vielleicht finden wir's manchmal zu selbstverständlich, dass es uns gut geht. Vielleicht beachten wir nur mehr Sensationen und nicht mehr die kleinen Neuigkeiten unseres Alltags. Doch immer wieder gab es diese kleinen Neuigkeiten, die dann, wenn man stehen bleibt und zurückschaut, unser Leben sind." Der Kurzschluss von Alltag und Großereignis zugunsten des Alltags, als ob nicht die "Sensationen" diesen Alltag von unterst zu oberst kehren können; die Einladung, sich zu erinnern, als Aufforderung zum Vergessen; vor allem aber das Vertiefen ins Kleine, neben dem nichts Größeres Bestand hat - das sind wichtige Elemente des Conradsismus.

Andere Zeiten

Conrads, ein Mann, der von einer freundlichen, ja beinahe schon therapeutischen Omnipräsenz in Österreich war - dreißig Jahre lang hat er eine Fernsehsendung, vierzig Jahre eine Radiosendung, nein, nicht moderiert, sondern wirklich "gestaltet", ihr seine Gestalt gegeben, sie verkörpert - dieser Heinz Conrads ist heute nahezu von der Bildfläche verschwunden. Der Conradsismus hat überlebt, aber er ist unpersönlich geworden, ein Produkt redaktioneller Teams, die es schwer haben, weil sich die Medien längst nicht mehr (wie es damals im Übermaß der Fall war) am Geschmack älterer Konsumenten orientieren. Der Versuch, im Fernsehen Personen einzusetzen, auf die man glatt von Conrads hätte übergehen können, ist jämmerlich gescheitert. Das Wort "unvergesslich" haftet dem Künstler gerade noch an, und aus den Zeitungen tönt manchmal auch der Klagelaut: Warum haben wir denn heute keinen von seinesgleichen?

Die Frage ist leicht zu beantworten: Die Zeiten sind andere geworden, die Sozialpartnerschaft, dieser politisch verankerte Inbegriff des Versöhnlichen, ist einer Konfliktstrategie von oben gewichen. Die goldenen Zeiten, "als Böhmen noch bei Österreich war", von denen Heinz Conrads sang, hat keiner mehr in Erinnerung, und egal, was "der alte Nowotny gesagt hat", die Tschechen bilden eine selbstbewusste Nation, die kein böhmakelnder österreichischer Schauspieler mehr verniedlichen kann. Hat Conrads gewusst, was der Preis der Versöhnung um jeden Preis war? Ach, da gibt es ein Gedicht von Georg Strnadt, ein "Resignation" genanntes Virtuosenstück der Depression, ein Gedicht, das die andere Seite pflichtgemäßer Heiterkeit verständlich zu machen scheint: "I was net, wos i hob / i bin so miad ..." Das lyrische Ich fragt sich, ob es am Alter liegt oder "am miesen Fraß". Alles falsch gemacht, ist die Botschaft, und der Schluss daraus: Am besten man täte gar nichts mehr. Man wüsste schon, was man noch gern hätte, aber man traut sich nicht, es zu sagen. Man ist zu alt und geniert sich für seine Wünsche. Was bleibt, ist der Wein, also einschenken! Der Volksschauspieler, der Moderator wurde, trifft in seinem Vortrag den Grundton der Depression so perfekt, dass man glauben könnte, er weiß genau, wovon er redet. Aber bei Schauspielern kann man sich täuschen, und man soll es ja auch: Es ist der Zweck ihrer Übung.

schuh.jpgFranz Schuh lebt als Schriftsteller und Essayist in Wien. Bei DuMont erschien zuletzt "Schreibkräfte. Über Literatur, Glück und Unglück" (2000).

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Am 28.8., 9.05 Uhr ist auf Ö1 unter dem Titel "Guten Morgen, die Madln! Servas, die Buam!" in der Reihe "Hörbilder" ein Feature über die Rundfunklegende Heinz Conrads zu hören
(Gestaltung: Günter Kaindlstorfer)

22. August 2004 (7) Comments

Hermes Phettberg

Der grösste lebende Talkmaster hat eine einzigartige Seite:

www.phettberg.at

20. August 2004 (0) Comments

Irish Knees

IrishKnees.jpgLiebe Frau Andrea,

ich habe kürzlich in Irland meinen Urlaub verbracht und bemerkt, dass die meisten irischen Frauen eine starke X-Stellung der Beine haben. Kann man dieses Geheimnis lüften?

Danke, Daniela aus 1180

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Liebe Daniela,

das Phänomen der "knock knees" - medizinisch genu valgum genannt - gilt bei Bäckern und Schlossern als Berufskrankheit. Deren Arbeit wird im Stehen ausgeübt und ist mit großer Kraftanstrengung verbunden. Das bedingt einen Stand in breiter Stellung, führt durch die Belastung zu einseitiger Beanspruchung der Kniegelenke und in der Folge zu X-Beinen. Da dir in Irland vermutlich nicht ausschließlich Bäckerinnen und Schmiedinnen begegnet sind, nehme ich an, dass du Frauen mit Vitamin-D-Mangel (eine Ursache für Rachitis, die "englische Krankheit") gesehen hast. Das fettlösliche Vitamin D verbessert die Kalziumaufnahme, indem es die Bildung des kalziumbindenden Proteins Calbindin-D fördert. Es ist damit indirekt am Knochenstoffwechsel beteiligt. Vitamin D kann zwar vom Körper selbst synthetisiert werden, Voraussetzung dafür ist allerdings direktes Sonnenlicht. Ausgangsstoff für das Vitamin ist ein Cholesterinabkömmling, der in der Haut unter UV-Licht-Einfluss in Vitamin D und in Leber und Niere in die eigentlich wirksame Form, das Vitamin-D-Hormon Calcitriol, umgewandelt wird. Düsteres sonnenloses Wetter scheint die Ursache für Irish Knock Knees zu sein.

@ Andrea Maria Dusl
Erschienen im "Falter" Nr. 34/04 vom 18.08.2004 Seite: 51

17. August 2004 (3) Comments

Strafbares Sandeln

FA-Herumstehen.jpg

In Wien will die Polizei
"Unerlaubtes Umherstehen" unter Strafe stellen.

Für den Falter

15. August 2004 (1) Comments

Wollt ihr die totale Rechtschreibung?

FA-SS-Rechtschreibung.jpg

Der Streit um die deutsche Rechtschreibung eskaliert.
Wieder einmal...

Für den Falter

15. August 2004 (0) Comments

Kommissar Benita

FA-Kommissar-Benita.jpg

Benita Ferrero-Waldner auf der Gipfelsprosse ihrer Karriereleiter:
EU-Kommissarin für Aussenbeziehungen. Whatever that may be.

Für den Falter

15. August 2004 (0) Comments

Arbeiterzeitung online

FA-Kaltenbrunnerarchiv.jpg

Andy Kaltenbrunner hat das Archiv der Arbeiterzeitung online gestellt.
Für den Falter

15. August 2004 (0) Comments

Contact

Andrea Contact Gruenstern.jpg

Andrea Maria Dusl

Marc Aurelstrasse 9
1010 Wien
Austria


Contact
Ateliers Dhaulagiri
Imdb


Andrea Maria Dusl, geboren am 12. August 1961 in Wien als Tochter des
Österreichischen Architekten Erwin H. Dusl und Mutter Monica Dusl-Jüllig,
die aus einer schwedischen Kapitänsfamilie stammt. Aufgewachsen in
Wien, Bad Aussee und Schweden. Nach einer glücklichen Kindheit
unter Nonnen und Ausseeern folgte eine rasante, überaus sozialdemokratische
Schulzeit im Wiener Wasagymnasium und ein revolutionäres
Studium an der Akademie der Bildenden Künste. Während sieben Jahren
an den wichtigsten Bühnen Österreichs und eines Medizinstudiums an der Alma
Mater Rudolphina beginnt sie Kurzfilme zu drehen, zeichnet und
schreibt für Österreichische Magazine und Zeitungen.

Seit 1996 schreibt sie wöchentlich im Falter.
2001 dreht sie ihren Debutfilm Blue Moon mit Josef Hader und
Detlev Buck in den Hauptrollen. Der Film wird ein internationaler Erfolg,
kommt in halb Europa in die Kinos und reist mit ihrer Regisseurin von
Festival zu Festival um die Welt. 2003 wird Blue Moon mit dem
Grossen Preis der Diagonale für den Besten Österreichischen Film ausgezeichnet.

Andrea Maria Dusl lebt und arbeitet in Wien und San Francisco und
bereitet gerade ihren nächsten Film CHANNEL 8 vor.

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Filmographie

Around The World in Eighty Days
In achtzig Tagen um die Welt
Le tour du monde en quatre-vingts jours
1989/1991, 35mm, b/w, 12 min.,
Regie/Buch/Produktion: Andrea Maria Dusl

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Blue Moon Poster.jpgBlue Moon
Official Site
Order DVD >>> Amazon

Blue Moon Trailer

2002, 90min.,
Buch und Regie Andrea Maria Dusl
mit Josef Hader, Viktoria Malektorovych, Detlev Buck
Kamera Wolfgang Thaler
Musik Christian Fennesz, Peter Dusl, Yuri Naumov
Schnitt Karina Ressler, Andrea Wagner
Line Producer Max Lindner
Produzent Erich Lackner
Lotus-Film, Wien

Kinostarts: Österreich, Deutschland, Schweiz, Italien, Niederlande
Fernsehen: Australien/Neuseeland, Österreich (ORF) Deutschland/Schweiz/Österreich (3sat), Italien (SKY)

Festivals (Awards):
World Premiere: Locarno, Switzerland, Competition 02 (Nominated for Golden Leopard)
Watch Trailer
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Haifa, Israel 02
Murat Expo Switzerland 02
Rome, Italy - Nuovo Cinema Austria 02
Hof, Germany 02
Viennale, IFF - Austrian Premiere 02
Pusan, Corea 02
Valencia, Spain 02
Saarbrücken, Germany 02
Bratislava, Slovakia 02
San Francisco, USA - Berlin and Beyond 03

Saarbrücken, Germany 03
Rotterdam, Netherlands 03
Berlin, Germany - Market 03
Porto, Portugal 03
St. Petersburg, Russia - Europe Now 03
Diagonale Graz, Austria 03 (Diagonale Grand Prize for Best Austrian Film)
Dortmund, Germany 03
Mamers en Mars, France 03
Las Palmas, Spain 03

Minneapolis / St. Paul, USA 03
Zlin, Chech Republic 03
Cluj Transilvania, Romania 03
Seattle, USA 03
Seattle, USA 03
Lagów, Poland 03 (Special Jury Prize)
Moscow, Russia 03
Karlovy Vary, Chech Republic 03 (Variety Critic's Choice of Europe's 10 Best Films of 2003)
Basel, Switzerland 03
Espoo, Finland 03

Washington, Kulturforum 03
Leeds, UK 03
Mexico City, Mexico - European Filmfestival 03
Hong Kong, China - Max 03
Den Haag, Austrian Film Week 03
New York, USA - "The Screening Room" 03
Talinn, Estland - Black Nights 03
Istanbul, Turkey - Austrian Film Week 03
Prague / Bratislava, Chech Republic/Slovakia - Febio Fest 04
Diagonale Graz, Austria 04 (Best Script)

Chicago, USA, Gene Siskel Film Center of the School of the Art Institute of Chicago -
7th European Union Film Festival 04
Paris, France - Semaine du Cinéma Autrichien 04
Warszawa, Poland - Filmfestival Poland 04
Cracow, Poland - Filmfestival Poland 04
Wroclaw, Poland - Filmfestival Poland 04
Lodz, Poland - Filmfestival Poland 04
London, UK - British Film Institute - Now, About These (Austrian) Women 04
Sofia, Bulgaria - EU-Filmfestival 04
Vancouver, Canada - EU-Filmfestival 04

Ottawa, Canada - EU-Filmfestival 04
Beijing, China - Beijing Normal University (Beijing Shifan Daxue),
Beijing Film Academy (Haidian Xi Tucheng Lu) -
Tage des deutschsprachigen Films November 04

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Bibliographie

Fragen Sie Frau Andrea Cover.jpgFragen Sie Frau Andrea
Fantastische Kolumnen aus der
Wiener Stadtzeitung Falter
200 Seiten
Falter Verlag
August 2003
ISBN: 3854393180
Bestellen >>> Fragen Sie Frau Andrea


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Jury Member

2003 International Filmfestival Zlin
2003 International Filmfestival Innsbruck
2004 Diagonale Graz, Grosser Preis
2004 Academy Awards, Oscar, Category Foreign Film, Austria
2004 Viennale, Wiener Filmpreis
2005 ÖFI, Austrian Film Institute, Auswahlkommission

14. August 2004 (1) Comments

Listiger Link

Meine Lieblings-Netz-Abhänge
ist momentan das feine, krille
und witzige weblog von Heidi List:

List.ig

Heidi-List.jpg

11. August 2004 (0) Comments

Netzdamen

Liebe Frau Andrea,

seit ein paar Wochen betreue ich eine Homepage und frage mich, ob es eine weibliche Form von Webmaster gibt und wie diese lauten würde. Probleme tauchen auf bei Sätzen wie: "Auf Beiträge freut sich euer Webmaster" oder "E-Mail an den Webmaster". Der Vorschlag meines Vaters wäre "Webmistress", was ich allerdings noch nirgends gelesen habe. Wissen Sie Näheres?

Liebe Grüße, Sabine, Wien 23

....................

Liebe Bine,

die Internetsuchmaschine Google ist ein verlässlicher Indikator für die Verbreitung von Begriffen im Netz. Googelt man das Wort "Webmaster", listet der Suchgigant stattliche 24.100.000 Webseiten auf, die die männliche Bezeichnung für Ihren neuen Job enthalten. Marginal dagegen das Ergebnis für den Ausdruck "Webmistress", der weiblichen Entsprechung dieser Funktion: magere 406.000 Einträge. Der Gebrauch der genderlosen Bezeichnung "Webperson" lahmt allerdings zu Recht. Schüttere 28.800-Mal wird das Wort erwähnt. Obskur, aber durchaus Überlegungen wert sind Ausdrücke wie Webgirl (30.300 Googlehits), Webmasterin (24.600), Webwoman (14.500), Webwitch (14.600), Webgoddess (10.500), Webmama (11.100), Webmiss (10.600), Webse (8730), Webmastress (999), Webhexe (640), Webmadame (473), Webdame (440) und Webette (354). Nicht infrage kommen wohl Kreationen wie Webfrau (300), Netzfrau (163), Netzdame (41) oder Webbetreuerin (19). Webmutter (2) hingegen hat schon wieder was.

© Andrea Maria Dusl
Erschienen in Falter" Nr. 33/04 vom 11.08.2004 Seite: 55

10. August 2004 (0) Comments

Die Mahlers

Falter-Die-Mahlers.jpg

Stein und Wirklichkeit. Gustav, Anna und Alma Mahler
Für Falter 33/04

8. August 2004 (4) Comments

Zentralbahnhofopoly

Falter-Zentralbahnopoly.jpg

Zentralbahnhof Wien. Das ewige Spiel
Für Falter 33/04

8. August 2004 (0) Comments

British Film Institute

Blue Moon

English subtitles

The National Film Theater
Thursday 02 September 2004 NFT2 6.20
Tuesday 07 September 2004 NFT2 8.45

An engagingly offbeat look at life in the new Eastern Europe, in the form of a witty variation on the caper movie. Money-courier Johnny is already up to his neck in trouble when he encounters femme fatale Shirley. When she disappears from his life as suddenly as she entered it, he goes in search of her - somewhat reluctantly accompanied by a seemingly oafish petty criminal met in East Germany - and ends up, mystified, in the Ukraine… The narrative twists and turns are pleasurable in themselves, but it's the sure sense of character and place that provides the movie with real substance.

With Victoria Malektorovych, Josef Hader, Detlev W Buck

Austria 2002/Dir Andrea Maria Dusl
Running time: 90

Blue Moon Poster.jpgPart of Now, About These (Austrian) Women at the NFT

THE BRITISH FILM INSTITUTE ..... Now About These Austrian Women

Blue Moon

Showing at:
NFT2
6.20
Thursday 02 September

NFT2
8.45
Tuesday 07 September

....................


The National Film Theater on London's South Bank has the world's biggest and best choice of film and tv, with specially programmed seasons and events: everything from blockbusters to B-movies, classics to new releases, cult movies to comedies, and actors, directors and producers talking about their work in depth


>>> BLUE MOON Official Homepage

8. August 2004 (0) Comments

Blue Moon in 3sat

Blue Moon Poster.jpg3sat / Blue Moon / 3sat zeigt den Spielfilm von Andrea Maria Dusl / Dienstag, 17. August 2004, 22.25 Uhr / Erstausstrahlung

Mainz (ots) - Am Dienstag, 17. August, präsentiert 3sat den
Spielfilm „Blue Moon“ der österreichischen Regisseurin Andrea Maria
Dusl in Erstausstrahlung:

Eine missglückte Geldübergabe bringt den Kleinkriminellen
Geldboten Johnny (Josef Hader) und die Prostituierte Shirley
(Victoria Malektorovych) zusammen. Sie flüchten mit dem Geld, das
eigentlich einem russischen Mafioso gehört, in die Slowakei. Doch
schon bald lässt Shirley Johnny sitzen, der dann nur noch einen
Wunsch hat: sie wieder zu sehen. Seine Odyssee endet in Odessa, wo er
eine Taxifahrerin trifft, die Shirley zum Verwechseln ähnlich sieht
und sich als ihre Zwillingsschwester Jana ausgibt. Gemeinsam
verbringen sie einige glückliche Tage, bis Johnny entdeckt, dass
Janas Zwillingsschwester schon als Kind gestorben ist, und Jana mit
Leuten der lokalen Mafia Kontakt hat. Ist Jana in Wirklichkeit
Shirley, und holen die Mafiosi, deren Geld er hat, Johnny doch noch
ein?

In ihrem modernen Roadmovie-Märchen nimmt Andrea Maria Dusl den
Zuschauer mit auf eine Entdeckungsreise durch Osteuropa. Ihr
Debütspielfilm wurde 2003 als „bester österreichischer Film“ mit dem
Großen Diagonale-Preis ausgezeichnet.

>>> BLUE MOON Official Homepage

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit 3sat
Stefan Unglaube (06131 – 70 6478)
Mainz, 6. August 2004

8. August 2004 (1) Comments

Sieben Zwerge

Napoleon war einer. Lenin auch. Die Welt der Macht ist voll kleiner
Männer. Statt sich um Schneeewittchen zu kümmern, sind sie überall.
Die Zwerge.

© Andrea Maria Dusl
geschrieben für Peter Praschl's Sofa und den Falter


Franzjosef.jpgKaiser Franz Josef
Es war sehr schön...

Franz Josef Prohaska, wie ihn die Tschechen nannten, der längstdienende Monarch des Kontinents, der erste Beamte seines Staates, war von elfenhafter Kleinheit. Könnten wir uns nur auf zeitgenössische Berichte und geschöntes Fotomaterial verlassen, die Sache wäre höchst dubios. Kaiser werden ja nicht vermessen. Und Polizeiakten der höchst majestätischen körperlichen Daten dürften auch nie angelegt worden sein. Trotzdem wissen wir, daß Sisis Göttergatte ein Zwerg war.

In der Stoffsammlung der weltlichen Schatzkammer zu Wien befindet sich jener winzige Uniformrock, den Kaiser Franz Josef anhatte, als ihn, während eines Spaziergangs auf dem Glacis, ein eifersüchtiger junger Ungar dadurch zu ermorden trachtete, daß er ihm mit einem Messer an die Gurgel fuhr. Allein der steife Kragen des Monarchenrocks vereitelte das Attentat und führte zum Bau der Votivkirche, einer ausgewachsenen französischen Kathedrale, die Franz Josef aus Dankbarkeit am Tatort errichten ließ (der Ungar wurde trotzdem hingerichtet).

Der Grund für den Mordversuch war zutiefst bürgerlich, ja geradezu erdverbunden: Franz Josef, der gerne und begabt dem weiblichen Personal nachstellte, hatte die Schwester des Attentäters "entehrt", ohne ihr dafür die Ehe anzubieten. Daß der Kaiser ein Zwerg war, kann ich bestätigen. Der Original-Attentatsrock aus tuntigrosa Samt ist so klein und eng geschnitten, daß grade mal eine elfjährige indische Tempeltänzerin hineinpassen würde.


Bacher.jpgGerd Bacher
Der Tiger

Viele da draußen in Deutschland, wie es bei uns hier drinnen in Ösenland gerne heißt, also viele da bei Euch in Deutschland fragen sich, woher denn das kommt, daß in jedem deutschen Privatsender ein Ösi sitzt, und woher denn das kommt, daß die so verdammt erfolgreich sind mit Fernsehmachen, wo sie doch aus einem Land kommen, das mit Fernsehen, also mit richtigem Fernsehen rein gar nichts am Seppelhut hat. Nun, die ganzen dicken Ösis, die Eure Privatsender regieren, liebe Deutsche, sind allesamt durch die harte Schule eines kleinen, aber höchst durchsetzungsfähigen Mannes gegangen.

Dieser kleine und höchst durchsetzungsfähige Mann war Gerd Bacher (er ist jetzt in Pension und hat so mehr Zeit für Sex als früher). Niemand nannte Gerd Bacher zur Zeit seiner größten Wirkung Gerd Bacher. Alle nannten ihn Tiger. Tiger, weil er so viele Sommersprossen hatte, daß sie ein Tigermuster auf seiner teigigen Haut erzeugten. Der Tiger war mehrere Jahrhunderte lang der Generalintendant des Österreichischen Rundfunks, des ORF (Oahr-Er-Äff ausgesprochen), jenes Staatsfunks, der mächtiger ist, als das Pentagon und der Vatikan zusammen (mit beiden pflegte Tiger Bacher daher auch rege Kontakte). Tiger Bacher war berühmt für seine bizarren Wutanfälle, für seine gnadenlose Durchsetzungsfähigkeit und für seine beinharte konservative Note.

In Tiger Bacher wohnte aber nicht nur die Kraft einer indischen Riesenkatze, sondern auch die Bosheit des Rumpelstilzchens. Als eine Sekretärin einmal arglos ihren kleinen Fiat auf die riesige freie Fläche neben dem Hauptportal des ORF-Zentrums am Wiener Küniglberg parkte, riß dem Generalintendanten die Hutschnur: Er stach mit seinem Taschenmesser alle vier Reifen des kleinen Sekretärinnen-Fiat auf. Was aber hatte den Fernsehmogul so erzürnt? Die Alleinerzieherin hatte es gewagt, innerhalb einer fünfzig Meter breiten heiligen Fläche zu parken, die einem ungeschriebenem Gesetz zufolge alleinig dem dicken Benz des Gerd Bacher zustand. Wetten, daß die großen Fernsehbosse bei Euch alle kleine Taschenmesser am Schlüsselbund haben? >>>

>>> und weiter geht's mit klein.

Schroeder.jpgGerhard Schröder
Der Showmaster

Den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland kenne ich dafür persönlich. Das kam so:Als es in Österreich noch eine Regierung gab, die auf EU-Fotos abgebildet werden durfte, gab es ein jährlich wiederkehrendes gesellschaftliches Ereignis, das
sich „Kanzlerfest“ nannte. Zu so einem Kanzlerfest waren Krethi, Plethi und etwa 5000 Künstler und Politiker, Kaufleute und Journalisten eingeladen. Und Lisa und ich.

Lisa und ich waren einerseits aus schlichter Neugier dort und andererseits weil wir uns Einladungen zuschanzen hatten lassen, die eigentlich für wichtigeres Publikum als uns gedacht waren. Lisa und ich hatten Cocktailkleider an, die modediktatorisch nach Schuhen schrien, die für Kieswege und
Rasenziegel völlig ungeeignet sind. Lisa und ich standen daher den ganzen langen Abend mehr, als dass wir gingen, auch um in Stöckelweite der Tische mit den köstlichen Häppchen zu bleiben. Hinter den Tischen mit den köstlichen Häppchen wogte ein Fliederbusch im kühlen Frühsommerabend. Und hinter dem wogenden Fliederbusch standen große Männer mit dicken Hälsen, dunklen Sonnenbrillen und mit Kabeln im Ohr. Und hinter diesen saß der Kanzler der Republik Österreich, der Sozialdemokrat Viktor Klima, und plauschte mit Dichtern und Denkern, mit dem Mahr-Hansi, mit dem Heller-Franzi und mit einem kleinen, breiten Kerl. Viktor Klima hatte zwar oft den Mahr-Hansi bei sich, aber selten Männer mit dicken Hälsen und auch keine kleinen breiten Kerle. Während wir also so sannen, was es wohl mit diesen Männern auf sich haben mochte, ging plötzlich enorm viel Licht an, auf der Kanzlerseite unseres Fliederbusches.

Fernsehlicht.

Lisa und ich wurden nervös wie Goldfische, wenn das Wasser knapp wird, und versuchten, ein Plätzchen an einem der weniger prominenten Fliederbüsche zu finden. Vergeblich.

Fernsehen ist schneller als Girls in Cocktailkleidern und unbeugsamen Pumps. Lisa und ich lachten in Kameras. Licht blendete, und irgendwie roch es nach glimmender Lunte. Etwas ganz, ganz Dickes lag in der Luft. Lisa und ich sahen einander an, und ein Gedanke brannte durch unsere Hirne: Nicht wir, lieber Gott, bitte nicht wir! Und während wir so beteten und Gedanken in unseren Hirnen brannten und Licht sich in unser dezentes Make-up grub, sahen wir ihn. Einen kleinen Mann, mehr breit als hoch:

Gerhard Schröder.
Lebend.
In Echtzeit.

Von Kameras beäugt, von Tausenden Kilowatt Licht bestrahlt und von Henkern mit Kabeln im Ohr beschattet. Und dann ging alles ganz schnell. Der Mittelpunkt der deutschsprachigen Politik stand vor uns. Ein kleiner Mann, mehr breit als hoch, mit einem Lächeln aus Keramik, mit einer Stimme wie der Synchronsprecher von Sean Connery. Das Lächeln kam näher, eine Hand packte zu wie ein Schraubstock, zerdrückte die meine wie ein Bündel frischgekochten Spargel, und die Synchronstimme von Sean Connery sagte:

„Gerd Schröder. Guten Abend. Wie gehts?“

So war das. Lisa und ich brauchten zwei Stunden, bis wir unsere Hände wieder verwenden konnten.


Peichl.jpgGustav Peichl
Ironimus vobiscum

Gustav Peichl ist so etwas wie eine nationale österreichische Institution. Wann immer in Österreich "Zeitgeschichte" oder "Baukunst" geschieht, wird der quirlige kleine Mann mit den runden schwarzen Brillen und dem rosaroten Schal um seine Meinung gefragt. Gustav Peichl ist "die" akademische und ästhetische Autorität in Sachen Spannbeton und Tagespolitik, denn er hat immer die gleiche Meinung: Die Baukunst liegt im Argen, weil die Architekten allesamt Nieten sind, und die Politik liegt im Argen, weil die Politiker allesamt Witzfiguren sind.

Gustav Peichl kennt sich da aus. Er ist Architekt, und er ist "Karikaturist" (er "zeichnet" täglich "Karikaturen" für "die Presse", eine regierungsfreundliche, und nicht nur deshalb völlig humorfreie und stockkonservative Tageszeitung). Sein nom du guerre als krixelndes Gewissen der Nation ist "Ironimus".


Pacino.jpgAl Pacino
Der Duft der Pfauen

Al Pacino kenne ich natürlich nicht persönlich, aber er hat eine Stimme, die bei mir südlich des Bauchnabels große Wirkung erzeugt. Strenggenommen kann Al Pacino gar kein Zwerg sein, so groß ist sein Talent als Verführer. Al Pacino verführt sogar, wenn er absolute Nobody-Idioten spielt. In einem meiner Lieblingsfilme, "Dog Day Afternoon", spielt er einen arbeitslosen Hektiker, der mit seinem besten Freund eine Bank überfällt. Dabei geht mehr schief als überhaupt schiefgehen kann, und die Sache endet ganz und gar unglücklich. Wie der kleine Italiener es schafft, auch in den allerschlimmsten Michael-J.-Fox - würde-sich-jetzt-in-die-Hose-machen - Situationen als absoluter Volksheld von der Leinwand zu strahlen, ist bis auf Clint Eastwood ganz Hollywood ein Rätsel.


Schuesselklestil.jpgWolfgang Schüssel
Yes, Sir, I can boogie...

Der Mann, den sie Kanzler nannten. Der Wendehals ist in Österreich nur bei Bademeistern, Trafikanten und Gymnasialdirektoren populär.

Menschen seines Schlages heissen in Wien "Ungustl". Mein Freund, der Dissident Doron Rabinovici, nennt Wolfgang Schüssel in Anspielung auf seine fragile Statur gar den "Millimetternich".

Die Identifikationsliteratur des machtlüsternen Krispindels an der Spitze des geächteten Staates ist Saint Exuperys "Der kleine Prinz". This is not a joke.


HaiderKlestil.jpgJörg Haider
Die Schwester

Über den Burschen vieler Aufregungen muss man nicht viel Worte verlieren. Der rechtsradikal-rechts-populistisch- revisionistisch-opportunistische Biertisch-Scientologe ist noch ein paar Zentimeter kleiner als Wolfgang Schüssel. Bei Interviews steht er auf Schemeln, und im Fernsehstudio sitzt er auf Telefonbüchern.







Kleine Bonusgeschichte:
Schüssels Wolfgang

Anfang 2000 stand die Welt Kopf in Österreich. Der Christdemokrat Wolfgang Schüssel hatte die Wahl verloren, es sich aber in den Kopf gesetzt, gegen den Willen Europas Bundeskanzler zu werden. Das wäre nur möglich, wusste man, wenn Schüssel einen Regierungspakt mit dem neopopulistischen FPÖ-Gott Jörg Haider einginge. Wenn er ein Tabu bräche, das bislang als unbrechbar gegolten hatte.

In dieser brisanten Zeit, die von aufwühlenden Demonstrationen und gefährlichen europäischen
Warnungen begleitet wurde, war nichts mehr in Schnitzelland, wie es vorher gewesen war.

Eines jener wilden Tage Abends schickte sich die gesamte Spitze der Volkspartei um Wolfgang
Schüssel an, mit der gesamten Spitze der Freiheitlichen um Jörg Haider einen Pakt auszuhecken.
Aus ganz Europa waren Fernsehteams angereist, um live zu berichten. Sogar Alessio Vinci, der sonst
nur Bombenangriffe und Invasionen live zu reportieren pflegte, stand, für CNN entsetzt nach Worten
ringend, vor der Hofburg.

Das Parlament, wo die Zukunft des Landes verhandelt wurde, glich einem Bienenstock. Es war gerammelt voll mit internationalen Journalisten, Kameraleuten, Pressesprechern und Tontechnikern.
Nirgendwo auf der Welt befanden sich in diesen Stunden mehr Kameras als hier. Und nirgendwo
wurde die Spannung so unerträglich wie in dem langen, von Hunderten Medienvertretern belebten
Zimmer im Parlament. Lange ließen die beiden Parteichefs auf sich warten und eine Hoffnung schwitzte sich durch das wartende Journalistenvolk: „Tja, wenn das so lange dauert, dann ist das
Ding wahrscheinlich geplatzt!“

Ich hatte mich für diesen Abend des Abscheus mehr aus persönlichem denn beruflichem Interesse akkreditieren lassen und saß in der zweiten Reihe jenes mit all den Kamerateams voll gestopften Parlamentspressekonferenzzimmers. Wie all die anderen wartete ich auf die beiden Paktierer, wartete auf Wolfgang Schüssel und auf Jörg Haider. Ein kleiner Tisch war auf abgewetztem roten Teppich aufgebaut worden, dahinter spannte sich ein Transparent, auf das ein riesengroßes Bild des Parlaments gedruckt worden war. Garniert war die Szene mit den bei solchen Anlässen beliebten eingetopften immergrünen Büschen. Der Tisch selbst war spartanisch gedeckt: Zwei Mikrophone und
zwei Glas Wasser waren aufgestellt. Und zwei Schilder mit den Namen der beiden Verhandler:

„Schüssel“ stand auf dem einen. „Haider“ auf dem anderen. Ein paar Tontechnikern war inzwischen fad geworden. Sie ulkten herum, spielten „Schüssel“ und „Haider“, wie die Zwerge Schneewittchens lümmelten sie sich in Haiders Sessel, nippten von Schüssels Wasser. Das war schon sehr irreal und seltsam. Großes, Niedriges lag in der Luft. Geschichte wurde spürbar.

Nach elendsvielen Stunden rumorte es plötzlich, und in einem Blitzlichtgewitter schoben sich zwei
Trauben von Entouragen aus der Türe hinter dem Tischchen. Das Blitzlichtgewitter wurde leiser, und
es setzten sich zwei sehr kleine Männer. Man hatte gewusst, dass beide, Schüssel wie Haiders
nicht gerade das Gardemaß erreichten, aber dass sie so klein waren, schockierte richtiggehend.

SchuesselHaider.jpgDie beiden hatten gerade mal die Größe von Buben, die mit gefälschten Schülerausweisen und auf Zehenspitzen um Kinokarten für brutale Filme anstehen. Das sollten die Männer sein, derentwegen Europa rotierte? Während die beiden ihr langweiliges, aber inhaltlich doch beunruhigendes Papier verlasen, legte sich bleierne Ruhe über den Saal. Mein exklusiver Sitzort in der zweiten Reihe sollte es zulassen, nicht nur dem Gerede zu lauschen, sondern auch die Kleidung des zukünftigen Bundeskanzlers und seines neuen Freundes zu studieren.Jörg Haider, der damals noch die Rolle des gefährlichen Politdämons spielte und der es als Europas Erzbösewicht bis aufs Cover von Newsweek geschafft hatte, war geschminkt, aber unrasiert, und er trug das Zeug, das damals auch die Scientologen trugen:Werbefuzzikluft. Schwarz und teuer.

An Wolfgang Schüssel gefielen mir die dunklen Weichlederschuhe. Ihre Kreppsohle bog sich leicht nach oben, und sie waren ganz offensichtlich nicht mehr die Jüngsten. Dazu trug Schüssel kurze und von häufigem Waschen ausgeleierte Schlappsocken. Ihre Bündchen endeten kurz vor dem Hosenbein,
sodass eine handbreite blitzende Lücke entstand – „the Gap“, wie die Fachleute sagen. The Gap erlaubte einen ungeschonten Blick auf Schüssels schütter behaarte Beinchen.

Das war schon sehr intim.

Weil nun der Tisch, an dem Schüssel und Haidersaßen, keine Blende hatte, wie sie sonst bei staatstragenden Tischen üblich sind, hatte das Publikum freie Sicht auf noch Intimeres, auf die Vorgänge unter Tisch:Wolfgang Schüssel, der die Beine leger und im flachen Winkel vor sich aufgestellt hatte, hielt, wenn er gerade nichts zu sagen hatte und sein Partner Haider sprach, die Linke locker zwischen den Beinen. Und jetzt kam es:

Schüssel kratzte sich am Wolfgang!

Mehrmals und vor den Augen der Weltpresse! Seine Mundwinkel machten dabei kleine glückliche Grübchen, wie man sie von Ministranten kennt, wenn sie die Glöckchen läuten. Selten habe ich etwas gesehen, das österreichischer gewesen wäre.


all © Andrea Maria Dusl
geschrieben für Peter Praschl's

Sofa und den Falter

8. August 2004 (0) Comments

Do you Kalender?

Über Fenster- Frei- und andere Feiertage
Andrea Maria Dusl

Kalender.jpgJahreswechsel sind virtuelle Angelegenheiten. Weder ändert sich das Wetter, noch die politischen Umstände, und auch an den Menschen geht so ein Jahreswechsel nahezu spurlos vorüber. (Von den Spuren, die Sylvesterparties gemeinhin in unsere Gesichter graben, abgesehen). Jahreswechsel sind, so könnte man meinen, volkswirtschaftlich gesehen, von zweifelhaftem Nutzen. Weit gefehlt. Am Jahreswechsel verdient sich eine ganze Branche goldene Nasen. Die Kalenderbranche. Einen Kalender braucht nämlich jeder.

Kalender sind raffiniert einfache Geräte. Das mindeste, was so ein Kalender können muß, besteht darin, 365 beziehungsweise alle vier Jahre 366 Tage eines neuen Jahres in einer sinnvollen Chronologie aneinanderzureihen. Zur leichteren Handhabbarkeit dieser stetigen Abfolge von Tagen arbeitet die Kalenderindustrie schon seit langem mit sieben Wochentagen: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Fenstertag, Samstag und Geburtstag. Diese sieben Tage wiederum werden zu Wochen zusammengefaßt, 52,142857143 sind es ungefähr. 28, 29, 30 und 31 Tage werden, ohne Rücksicht auf den Wochenfluß zu Monaten gebündelt. Diese Monate (nicht zu verwechseln mit Montagen) heißen jährlich gleich: Jänner, Schifahren, März, Fensterputzen, Mai, Juni, Urlaub, August, Frust, Oktober, November, Weihnachten. >>>

>>> Zusätzlichen Wiedererkennungswert im Kalender bieten sogennante Feiertage. Fällt ein Feiertag auf einen Donnerstag folgt ein Fenstertag. Das Jahr beginnt zur Einstimmung gleich mit so einem Feiertag. Etwas mißverständlich heißt der Tag nicht Neutag oder Ersttag sondern Neujahr, und wird schon im Laufe des vorangegangenen Tages, dem Sylvestertag begonnen. Der nächste wichtige Feiertag ist das Dreikönigstreffen der ÖVP in Maria Taferl. Dicht gefolgt vom Aufmarsch der Sektion Ebensee vor dem Parlament, der stets am 1. April begangen wird. (Die anderen Sektionen begehen den 1. April am 1. Mai.) Lange Tradition, vor allem am Land (steirisches Hügelland, Burgenland, Landeck) haben die sogennanten kirchlichen Feiertage. Sie erinnern an kirchenhistorisch wichtige Termine und haben eigene Namen. Jedes Kind kennt sie: Faschingsdienst-Tag, Abwaschmittwoch, Glühdonnerstag, Karfenstertag, Osterhasen-Samstag, Ostereier-Suchtag und Urbi et Orbi.

Nationale Feiertage gibt es weniger: Muttertag, Vatertag, Direktorstag, Tag der Fahne, Rapid gegen Austria, Weltspartag und Tag der offenen Tür. Alle diese Tage sind minutiös im Kalender aufgelistet.

Möglichkeiten für individuelle Kalendergestaltung gibt es auch: Mamas Geburtstag, der eigene Geburtstag und der Geburtstag vom Chef können, je nach Maßgabe ihrer Wichtigkeit, einem der 365-366 Tage zugeordnet werden.

Früher, also zu Zeiten als sich die Gutenberggalaxis noch nicht im Sternbild des Farbdrucks befand, befand sich die Kalenderindustrie im Embryonalstadium monochromer Einfalt. Bis Henry O´Nash am 1.1.1922 den ersten Farbkalender unters Volk brachte und damit eine permanente Revolution ins Rollenoffset: Farbige Kalenderblätter! Wow! Jännerblätter mit dem Bild schneeverwehter Kältelandschaften, tauende Bächlein mit zartgrün knospender Märzfauna, üppig wogende Roggenfelder im August und rotgelb flirrendes Stadtlaub auf Oktoberboulevards.

Sei den Tagen O´Nashs macht niemand mehr Kohle auf dem Globus, als die Kalenderindustrie, Bill Gates eingeschlossen. Jede nur denkbare soziale Gruppe kann aus einer Myriade von geeigneten Kalendern das richtige Weihnachtsgeschenk auswählen. Befreundete wie verfeindete Yuppies beschenken einander mit ledergebundenen Filofaxen in allen Formen und Größen, Kleintierhalter mit und ohne Vereinsanbindung finden ihr Glück in Hamster-, Schildkröten, Zierfisch- und Katzenkalendern. Backfische greifen zu Pferdemotiven, das Kind im Manne – je nach Härtegrad – zu Kalendern mit Schmalspureisenbahnen, Formel-1-Boliden und zartgeschürzten Lolitas.

Äußerst beliebter Motive bedient sich die Kalenderindustrie auch in der großen weiten Welt der Malerei. Marc Chagall eignet sich hervorragend als unaufdringliches Präsent für die alleinstehende leitende Angestellte, Motive aus der sixtinischen Kapelle für den saturierten Agnostiker mit Hochschulabschluß, Hundertwasser für den pragmatisierten B-Beamten und Andy Warhol für die attrakive Leiterin der Investmentfond-Abteilung eines internationalen Bankenkonsortiums.

Die Autorin dieser Zeilen sieht sich selbst außer Stande, O´Nash und seinen Epigonen auf den Leim zu gehen. Weniger aus marktpolitischer Anarchie, als aus dem Unvermögen, Kalendern jene Wichtigkeit beizumessen, die schon dem begabten Volkschulkind in Fleisch und Blut übergegangen ist. Notizen, die er auf Kalendern eingetragen hat, waren mit sofortiger Wirkung dem ewigen Vergessen anheimgestellt. In ihrem Filofäxchen der Firma Success gleißen vier Jahre alte Kalenderblätter von jungfräulicher Unbeschriebenheit und die jährliche Abgabe des Rauchfangkehrerkalenders quittierte sie mit sofortiger – sicher nicht glücksbringenden - Widmung an den Altpapiercontainer.

Einen Kalender hat die Comandantina dennoch. Auf verbogenem ägyptischem Karton ist darauf ein schlechter Farbdruck der Kaaba in Mekka zu erkennen. Unter einem - so hofft sie - segenbringenden Zitat des Propheten hängt ein armdickes Bündel vergilbter Abreißblätter. Das oberste weist sich in arabischen und indischen Ziffern als Abreißblatt für den 21-Jänner aus. Warum es nie dazu kam, über dieses Datum hinaus Tage, Wochen, Monate, somit also das ganze liebe Jahr, zu verfolgen, wird ihr ein ewiges Rätsel bleiben. Vermutlich kann sie mit Kalendern nichts anfangen. Zuletzt, so viel läßt sich immerhin beweisen, muß sie an einem 20. Jänner noch gerissen haben.

© Andrea Maria Dusl
geschrieben ~ 1997 für "Triebwerk"

6. August 2004 (0) Comments

Blue Moon Drehbuch

Blue Moon Script
Version 20.1 pdf
by Andrea Maria Dusl

>>> Download file

>>> BLUE MOON Official Homepage

6. August 2004 (0) Comments

Sieben gefährliche Orte um Schwimmen zu gehen

Schwimmen ist nicht Schwimmen. Schon gar nicht dort, wo man keinesfalls schwimmen sollte.


Pribaltiskaya.jpgFinnischer Meerbusen
Sankt Petersburg, Russland

St. Petersburg ist berühmt für seine weißen Nächte. Die heißen so, weil dort im Sommer die Sonne erst gegen elf, halb zwölf Uhr abends untergeht. Das Gefühl von so einer weißen Nacht ist wie ein Turbo-Jetlag ohne anstrengendes Reiseerlebnis. Und die passende Droge für so eine weiße Nacht ist Wodka. Während einer weißen Nacht in St. Petersburg ist Wodka Pflicht.

Also dachten wir uns, gehen wir runter zum Strand, denken daran, daß sie in Kalifornien alle schon Taschenlampen brauchen um diese Zeit und trinken ein bißchen von dem netten Wodka, Pflicht ist schließlich Pflicht. Vom Hotel Pribaltiskaja, wo wir wohnten, ist es nicht weit zum Strand, denn das Hotel Pribaltiskaja liegt direkt am Industriehafen. Und der Industriehafen ist ja sowas wie ein Strand.

Die Droge Wodka hat nun wiederum den Nachteil, daß sie ungeheuer schnell wirkt. Wir waren also schon sehr betrunken, als wir die 50 Meter zum "Strand" hinter uns gebracht hatten. Wir, das waren ein paar Tiroler, zwei ereignisscheue deutsche Pärchen und ein karfunkeläugiger Korse. Weil Wodka sehr von innen wärmt, wollte ich unbedingt schwimmen gehen. Wo doch da ein Meer war. Also zog ich mich aus, >>>

>>> bestieg ein rostiges Ladawrack und sprang nixenhaft in den finnischen Meerbusen. Nach dem Auftauchen warf ich den Tirolern Feigheit vor dem Wasser vor. Und daß sie keine Tiroler wären. Mit nichts kannst du Tiroler mehr ärgern, als wenn du ihnen ihre Tirolerischkeit absprichst. "Bisch a Tiroler?" sagst du, und schon hüpfen sie. Die Tiroler. Mehr brauchen sie nicht, als "bisch a Tiroler?"

Normalerweise. Aber heute war nicht normalerweise. Die Tiroler standen bis zu den dürren Unterschenkeln im Wasser und grinsten alpin. Denn mehr noch als stolz sind die Tiroler vorsichtig. Da war der Korse aus anderem Holz. Seltsam warm war es, das Schwimmen im finnischen Meerbusen, und seltsam fluoreszierend war sein Wasser. Am Strand, der im wesentlichen aus Beton gegossen war, tanzten wir dann auf Glasscherben bis in den sehr sehr frühen Morgen. Und seither weiß ich, daß es richtige Männer nur in Korsika gibt.






Ismailia.jpgSuezkanal
Ismailiya, Ägypten.

Ich glaube nicht, daß es viele Menschen gibt, die schon einmal im Suezkanal gebadet haben. 1997 im Februar war das, und es war ein kaurismeskes Erlebnis, wie Queen Cleopatra im Brackwasser zu treiben und alle zwei Minuten einen anderen rostigen Öltanker, Bananendampfer oder Mitsubishi-Frachter passieren zu sehen. Erstaunlicherweise schlagen die dicken Pötte kaum Wellen. Die Krokodile allerdings auch nicht.












Aberdeen.jpgNordsee
Aberdeen, Schottland.

1976 hatte ich mir eingebildet, die obligate Sprachreise in Schottland zu verbringen. Daß Sprachreisen in einer Region angeboten werden, die Englisch schlechter spricht als Wiener Hausmeister, ist an sich schon ein Rätsel.

Noch rätselhafter war das Pärchen, in dessen Einfamilienhaus mich das Sprachinstitut einquartiert hatte. Bruce war trotz meiner Mädchenhaftigkeit einen Kopf kleiner als ich, studierte Pornohefte im achten Semester und war Schweißer in einer Ölplattform-Zusammenbau-Fabrik (wie sowas genau heißt, wußte ich schon damals nicht).

Weil er in seinem früheren Leben Soldat gewesen war (mit 17 in Nordirland, bei den gefährlichen Katholiken, wie er heldenhaft erzählte, in Nordirland, wo die Kugeln "nur so pfiffen"), weil Bruce also ein ganzer Bursch war, nahm er mich unter Zurücklassung seiner teigigen Frau Janice einmal nach Aberdeen. Zum Schwimmen.

4° Grad (vier Grad!) hatte das Wasser, und ich solle nicht länger als zwei Minuten drinnenbleiben, sonst würde ich s t e r b e n , warnte Bruce. In Aberdeen habe ich zum ersten Mal lebende Robben gesehen. Und verstanden, warum sie im Wasser Pelz tragen.




Donaukanal.jpgDonaukanal
Wien.

Nichtwiener müssen wissen, daß der Donaukanal kein Kanal ist, sondern ein alter, aber dünner Seitenarm der Donau. Nichtwiener müssen weiter wissen, daß die Donau bei Wien nicht fließt wie die Moldau, nicht fließt wie die Seine, nicht fließt wie die Elbe oder der Rhein oder wie andere Flüsse, die fließen, sondern daß sie schießt. Sie schießt dahin. Und ebenso tut das der Donaukanal. Wo er doch eigentlich die Donau ist. In diesem schießenden Gewässer gibt es kein Leben. Es ist tot und braun.

Das einzige Leben, von dem ich weiß, sprang an einem heißen Junimorgen, nach einer heißen Nacht im Underground-Club "Flex" von der Kaimauer vor dem Lokal aus in den Donaukanal. Sein G'wand gab er einer verdatterten Tanzpartnerin mit den Worten: "Du, mir is haas, I schwimm jetzt zaus, a bißl schlafen."

"Zaus."

"Zaus" war drei Brücken weiter flußabwärts, gegenüber der Urania. Wienkenner brauchen dafür mit dem Auto zehn Minuten. Gernot Mooshammer war in zwei dort. Er hat überlebt. Und er würde es nie wieder tun. Denn das Duschen dauerte Tage.




Augstsee.jpgAugstsee
Altaussee, Steiermark

Der kleine Bergsee auf dem Loser (einem hoch- aufragenden karstigen Kalkstock) liegt auf etwa 1500 m Seehöhe und ist nur vier Monate im Jahr ein See. Normalerweise ist er bis zum Grund eingefroren und mit acht Metern Schnee bedeckt (der Loser gilt als Schneeloch).

Hier schwamm ich an einem heißen Samstagmorgen im September 19irgendwannundneunzig, nach einem komplizierten Aufstieg von der legendären Loserhütte und seinen gefährlichen Zirbenschnapsnächten. Es gehört nicht viel Mut, dort zu baden, aber viel Lust..










Stockholm.jpgRiddarfjärden, Strömmen, Saltsjön
Stockholm, Schweden.

Jedes Jahr fahren meine Zeichnerfreunde Tex Rubinowitz und Tom Kussin nach Stockholm und schreiben sich in die Teilnehmerliste des Stockholmer Schwimm-Marathon ein.

Der Schwimm-Marathon führt durch ganz Stockholm, das im Grunde nur aus Inseln besteht und nicht umsonst das Venedig des Nordens genannt wird. Tex, der ein ausgesprochenes Schwimmtalent ist, wurde letztes Jahr Siebenunddneunzigster, Tom Vorletzter. Mitschwimmen tun 3268. Ungefähr. Und Dabeisein ist alles. Für Tex und Tom.










Kohl.jpgIschlbach, Helmut Kohl
Bad Ischl, Oberösterreich.

Die Ischl ist ein reißender Bach, der das Wasser des Wolfgangsees führt und bei Bad Ischl (dort wo die Sisi-Filme spielen) in die Traun fließt. Am Wolfgangsee urlaubt der frühere deutsche Helmut Kohl. Seit 45 Jahren.

Und dort badet er natürlich auch. Helmut Kohl. Wie Gott ihn schuf, mit einer grossen Badehose drum herum.

Man könnte also sagen, daß wenn Helmut Kohl im Wolfgangsee badet, sich Moleküle vom Exkanzler lösen und im Wolfgangsee umhertreiben, und selbst dann, wenn Helmut Kohl längst wieder in Berlin weilt, noch immer im Wolfgangsee treiben. Bis sie dann irgendwann in die Ischl treiben und in die Traun gespült werden.

In der Ischl habe ich einmal an einem nebeligen Oktobernachmittag, wo es vom Garten der Dirndlmacherin Hanni Zauner aus prima ins Wasser geht, gebadet. Obwohl es dabei sehr kalt war, ist es nicht unwahrscheinlich, daß dabei auch Moleküle Helmut Kohls an mir vorbeigeschwommen sind und ich daher taxfrei behaupten kann: An einem nebeligen Oktobernachmittag bin ich in Helmut Kohl geschwommen.




© Andrea Maria Dusl
geschrieben für Peter Praschl's

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5. August 2004 (2) Comments

Sieben Platten für ein ganzes Leben

Sieben Platten für ein ganzes Leben, oder was ich am 27. Jänner 2000 dafür hielt.


JimiHendrixjpgJimi Hendrix
Electric Ladyland

In Österreich hält sich hartnäckig die Theorie, Jugendliche, die in den 70er-Jahren aufwuchsen, hätten sich im wesentlichen nur zwischen den antipodischen Boygroups "The Beatles" und "The Rolling Stones" entscheiden dürfen. Die Schwiegersöhne aus Liverpool hätten demnach eher der konservativen Klientel unter den Pubertierenden jener Zeit, die rollenden Drogisten um Mick und Keith dagegen dem Fan-Lager proloider Kids aus industriellem Ambiente "gehört".

Diese Theorie ist grundfalsch, weil sie nämlich nicht berücksichtigt, daß ein wuschelköpfiger amerikanischer Hippie derweil Musik aus einem anderen Universum machte. Noch dazu mit links. Und daß es auch im sozialpartnerschaftlich organisierten Österreich möglich war, sich jenseits aller gängigen Musik-Benimmregeln für einen wirklichen Helden zu entscheiden.

Dieser zerbrechliche Titan hieß Jimi Hendrix. Sein Talent war nicht von dieser Erde (weswegen Jimi auch bald in seine Heimat zurückgekehrt ist). Electric Ladyland ist eine der Scheiben, die bei mir Gänsehaut auslösen. Schon der Gedanke daran führt bei mir zu elektrischen Freudenschauern. Jimi!


LedZeppelin.gifLed Zeppelin
Houses of the Holy

Seltsamerweise gilt es sogar in aufgeklärten Kreisen nicht gerade als schick, diese Musik aus dem Jura des Hard Rock zu hören. (Selbst Led Zeppelin- Afficionados greifen dieses Album nur mit äußerst spitzen Fingern an.)

Mein absoluter Lieblings-Song auf dem ganz und gar wunderbar zusammengebastelten Album ist "D'yer Mak'er", ein bluesig-karibisches Liedchen, das mit einem in Richtung Ben E. King zielendem Riff beginnt und dann in einen hypnotischen Reggae-Off-Beat schlingert. Ich habe einmal >>>

>>> eine Filmszene geschrieben, in der der tragische Held in einer oberitalienischen Bahnhofsrestauration "D'yer Mak'er" in der Juke-Box anwählt. "D'yer Mak'er" hat für mich exakt jenes feeling, das ein warmer, nach Eisenbahnschienen und Stationsasphalt riechender Sommerfrühmorgen in einem Umsteigebahnhof in der Poebene auslöst.

Natürlich sind um diesen Song herum jede Menge andere gute Songs auf der Platte verteilt. Die meisten von ihnen höre ich aber eher zu Nebel oder leichtem Nieseln. Sunny side up, geradezu "sizily" ist nur "D'yer Mak'er".


Wendy&Lisa.JPGWendy & Lisa
Fruit at the Bottom

Prince hat genau einen Welthit geschrieben und justament der stammt aus der Feder von zwei Frauen. Wendy und Lisa, die Töchter von astreinen Jazzmusikern waren einst side-women des Artisten, der heute als Le Symbol bekannt ist. Der Song, den sie damals für ihren kleinen Freund schrieben, heißt Purple Rain. Das sollte als Empfehlung eigentlich genügen.

Wendy and Lisa sind inzwischen Girl Brothers und vielbeschäftigt, denn sie stehen pausenlos im Studio, um meine Lieblingsmusik einzuspielen.


JohnnyGuitarWatson.jpgJohnny Guitar Watson
Ain't that a Bitch

Niemand auf Gottes soulgetränkter Erde hatte einen Daumen wie Johnny G. Sein Funk war so fat und gleichzeitig so laid back, daß es niemand auch nur den Versuch wagte, ihn zu imitieren.

(Frank Zappa soll nur seinetwegen überhaupt zum Gitarrespielen begonnen haben).

Johnny Guitar Watson war musikalisch so black, daß sich sogar ein Hohepriester des Soul wie James Brown neben ihm wie ein braver Finne ausmacht.


MilesDavis.jpgMiles Davis
Bitches Brew

Es ist wenig bekannt, daß auf diesem epochalen Fusion-Album der Schulfreund des österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil das Fender-Rhodes bedient (ein gewisser Joe Zawinul aus Wien-Erdberg).

Bitches Brew ist die Mutter des elektrischen Jazz.

Ich stelle mir da beim Hören immer eine dunkle und warme Halle von enormen Ausmassen vor, und daß Miles, Wayne Shorter, Joe Zawinul und John McLaughlin ständig Durst hatten, aber vor "electrissement" nie zu einer Pause fanden. Für dieses Bild ist erforderlich, daß es in der Garderobe von Miles Unmengen von Light-Beer und Sprudel gab, aber irgendwie nie einer Zeit fand, mal schnell rauszugehen, um ein Fläschchen zu holen. Bitches Brew: ein Album wie durstig.


JoniMitchell.jpgJoni Mitchell
Chalk Mark in a Rain Storm

Ich bin sicher: Wären wir gemeinsam in die Schule gegangen, Joni wäre meine beste Freundin gewesen. Und vermutlich hätten wir uns dann in denselben saxophonspielenden Mustangfahrer verliebt und wären ewig (2 Wochen) böse auf einander gewesen. Und irgendwie ist Joni seit Jahrzehnten sowas wie die Mutter aller Songwriter.

Ein gewisser Springinsfeld mit Namen Bruce ist nur der Boß.
Nichts gegen eine Mutter wie Joni.


FrankZappa.gifFrank Zappa
In New York

"We are only in it for the money", log FZ. In Wirklichkeit war er wegen Strawinsky und Ficken im Business, wie sein Trommelmann Terry Bozzio auf dem wenig jugendfreien Live-Take von "Titties and Beer" bekannte.

"Zappa in New York" habe ich mir 1978 in Sichtweite der Wiener Oper gekauft. In einem Plattengeschäft namens Hannibal, das damals ungeheuer hip war, weil es - jedenfalls habe ich das so in Erinnerung - ein Dutzend Vorspielautomaten mit Tangentialarmen hatte. Hängende! Hängende Vorspielautomaten mit Tangentialarmen! In Kopfhörern des hippen Hannibal hörte ich zum erstenmal Jazz, der nicht klang wie alte Herrenhosen in die jemand Lulu gemacht hatte. Jazz, der sich gar nicht wie Jazz anhörte, sondern einfach und kompliziert, sozusagen grundgut war. (Ich habe mir in Folge der Verehrung für dieses Album sogar sämtliche Alben der Brecker Brothers gekauft.)

Eindeutig großartig fand ich das Design des Doppelalbums. In einer Zeit, in der Platten noch groß und schwarz waren, transportierten auch Plattencover eine Message. Die Message war ungefähr die: Wir sind jetzt hier in New York, gleich beginnen die Achtziger und da machen wir noch schnell ein paar Dinge, die wir gut können, bevor alle anfangen, sich die Haare blau zu färben und Ska auf Heimorgeln zu spielen.

Das absolute Higlight von FZINY (so heißt die Platte unter Auskennern) sind die beiden letzten Nummern, BP und TPL, der meisterhaft anspruchsvolle Zappa-Standard "Black Page" und das rhythmische Fusion-Minenfeld "The Purple Lagoon".

"The Purple Lagoon" ist absolut camp.


.....................

Bonus-Platte:


Bill Frisell
Good Dog, Happy Man

Bill Frisell sieht aus wie die Leute, denen du täglich in der U-Bahn begegnest. Vermutlich fährt Bill Frisell in Chicago, New York City oder so tatsächlich täglich rituell U-Bahn, um sich sein berühmtes apathisch-normales Aussehen zu erhalten. (Pat Metheny, der Meister der Jazztapete, sieht dafür aus wie ein Mechaniker ohne Führerschein. Einer der sich täglich die Hahre föhnt, aber heftig auf Naturlocke macht).

Auch was Bill Frisell auf einer Gitarre anstellt, ist cool. Er winselt nicht, er bellt nicht, er knurrt nicht. Er sitzt nur cool da und dehnt Melodien, die intellektuelle Sprinter in einem hochkomplexen Lauf verstauen würden, zu enorm coolen, enorm untertourigen Proletenpassionen. Nicht einmal der göttliche Scofield ist so cool wie Bill. Naja doch. Manchmal.


© Andrea Maria Dusl
geschrieben für Peter Praschl's

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5. August 2004 (2) Comments

Sieben Türme

Als die Babylonier damit begannen, aus Lehmziegeln und Erdpech ihren Turm zu errichten, hatten sie – so Moses in der Genesis – noch eine gemeinsame Sprache. Aber Gott beschloß, die Himmelsstürmer, die sich an das Unerreichbare heranwagten, wieder auf die Erde zu holen. „Er verwirrte ihre Sprache, sodaß keiner mehr die des anderen verstand.“

Text und Illustrationen © ANDREA MARIA DUSL
except 7: © FRANK LLOYD-WRIGHT

Erscheinungsdatum unklar


Daß der Turmbau vor allem mit dem lieben Gott zu tun hat, beweisen die Kirchtürme des Abendlandes genauso wie die Minarette der Mohammedaner oder die über Knochenfragmenten des Buddha aufgetürmten Stupas. Die Frage, ob denn Türme und Menhire, die phallischen Obelisken und Siegessäulen nicht bloß Männlichkeitssymbole eines Kulturgrenzen überspringenden Weltpatriarchats seien, muß nicht gestellt werden: Natürlich sind sie es. Türme werden zwar nicht explizit für, aber ausnahmslos von Männern errichtet.


pisa.jpegDer Berühmteste

Der schiefe Turm von Pisa


Der wohl bekannteste Turm aller Zeiten ist auch einer der schönsten. Daß nicht alleine seine aberwitzige und gefährliche Neigung für seinen Ruhm verantwortlich ist, zeigt ein Vergleich mit anderen « schiefen Türmen ». Die « Torre degli Asinelli » und die « Torre Garisenda », zwei Bologneser Geschlechtertürme, haben kaum lokale Bedeutung.

« Piazza dei Miracoli », Platz der Wunder, heißt die noch heute am Rande Pisas gelegene Wiese des Dombezirks. Wenn das Meer (das heute nicht mehr in unmittelbarer Nähe der Stadt liegt, wie noch zu Zeiten der Seerepublik) Pisa in einen zartschwebenden weißen Morgenschleier hüllt, mag man sich in ein orientalisches Märchen versetzt vorkommen. Gäbe es die berühmte « Torre Pendente », den schiefen Turm, nicht, wäre Pisa schon für seinen weißmarmornen Dom und das Spitzengeflecht des Baptisteriums vom Nimbus der Einzigartigkeit bestrahlt.

Drei Millionen Besucher jährlich waren es, die den nicht ungefährlichen Aufstieg auf den stark geneigten Turm wagten, mehr als zehn immerhin, die von einer der sechs ungesicherten Gallerien in den >>>

>>> Tod springen. Heute ist der Turm mit tonnenschweren Bleiplatten ummantelt und mit armdicken Stahltrossen verspannt. Ein Besteigen ist aus Sicherheitsgründen verboten.

Den Dom und den Campanile finanzierte das mächtige Pisa einst mit der reichen Beute, die seine Flotte 1063 den Sarazenen Palermos abnahm. Mit dem Bau des Turms beginnt Bonanno Pisano 1731, aber schon nach fünf Jahren - drei Geschosse waren bereits ausgeführt - erzwangen Bodensetzungen eine Einstellung des Baus. Erst ein.Jahrhundert später, die geplante Höhe von 100 Metern konnte nicht mehr angestrebt werden, führte Glovanni di Simone die Arbeit weiter, die Neigung des - heute 56 m hohen - Turms glich er durch eine Krümmung in die Gegenrichtung aus, weswegen der Turm oft respektlos « die Bohne » genannt wird. 1,5 mm wanderte der weiße Turm jährlich dem Abgrund seines Umsturzes entgegen. Dieser « point of no return » wird in allernächster Zukunft nicht erreicht werden, dafür sorgen massive Gegenmassnahmen, von Betonspritzen bis hin zu kollektivem Beten. Trotzdem leben die Pisaner in ständiger Angst, eines Tages zur Stadt der « torre caduta », des gefallenen Turms, zu werden. Das Unaussprechliche einmal angenommen : Die Pisaner würden es wohl den gleichtun, deren Campanile 1902 eines frühen Morgens ohne jegliche Vorankündigung einstürzte. Sie würden ihn ebenfalls wieder aufbauen, “com‘era e dov’era”, wie er war und wo er war.


alexandria.jpegDer Biblische

Der Turm von Babylon


“Auf, sagten sie, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel...” (Moses, Genesis 1 1 13) - Aber der Herr verwirrte ihre Sprache und sie zerstreuten sich über die ganze Erde und Gründeten Dolmetschinstitute und Sprachschulen.

Als Herodot, ein griechischer Reiselüstling 460 v. Chr. das von Perserkönig King Xerxes zerstörte Babylon besuchte, konnte er nur mehr von den Ruinen des gewaltigen Kultbergs berichten. Seit biblischen Zeiten umgibt den Turm von Babel der Mythos der Einzigartigkeit. In Wahrheit war er jedoch kein außergewöhnliches oder einmaliges Bauwerk.

Die ersten Zikkurate (was auf semitisch etwas einfallslos die "Hochragenden' heißt) entstanden 2000 Jahre vor unserem "babylonischen Turm”; Speziualisten der Ziegelkunde sind die von Ur, Uruk und Nippur bekannt Als deren Provinz-Imitation wurde der Turm zu Babel zwischen 2057 und 1753 v. Chr. (vorerst in bescheidenen Dimensionen) errichtet, mehrmals von ausländischen Ziegeldieben zerstört, aber immer wieder am selben Ort aufgebaut.

Nebukadnezar II. (605 562 v. Chr.), ein Mann mit einem verschwenderisch gestylten Bart baute Babylon zur größten und prächtigsten Stadt der Welt aus. Von den sieben Stufen des Turms entsprachen die gewaltigen beiden untersten der Sonne und dem Mond, die nachfolgenden vier und der Tempel Marduks, den damals bekannten Planeten. In Marduks Tempel lebten eine Reihe von Comandantinas, die ihr Lebtag keiner anderen Arbeit nachgingen, als es mit Mardukpriestern ausgiebig zu treiben.


wien.jpegDer Schönste

Der Südturm von St. Stephan in Wien


Als die Türken 1529 Wien belagerten, ging es nicht nur darum, das Abendland im heiligen Krieg zu erobern, sondern vorrangig darum, ein Bauwerk in ihren Besitz zu bringen, das das Maß ihrer Vorstellungen sprengente: Das höchste und prächtigste Minarett der Christenheit, gekrönt von einem gewaltigen goldeneu Apfel. Auf diesen apfel hatten die Orientalen einen besonderen “Gusto”.

Heinrich II. Jasomirgott, der seine Residenz einst vom zugigen Klosterneuburg nach Wien verlegt hatte, ließ eine hier bereits bestehende Kapelle zur Kirche umgestalten. (An der Stelle des Doms war immer schon ein Heiligtum gestanden, erst ein keltischer, später ein römischer Tempel.) 1359 legte der Habsburger Rudolf der Stifter, (auch genannt Rudolf der Maurer), die Grundsteine zu Langhaus und Südtürm. Trotzdem sollte es bis 1433 dauern, bis Hans von Prachatitz, ein bekennender Satanist, den zu seiner Zeit höchsten Turm der Welt vollendete.

Rätselhaft ist der Umstand, daß er mit 137 Metern exakt die Höhe des seit ewigen Zeiten höchsten Bauwerks, der Cheopspyramide, erreichte. Zum Leidwesen der stolzen Wiener löste ihn 1439 der ausgebaute Straßburger Münsterturm mit 143 Metern als höchsten Turm ab. Die Vierungstürme von Rouen (150 m) und Beauvais (153 m), ein Jahrhundert später erbaut, übertrafen zwar Wien und Straßburg, stürzten aber bald ein oder brannten ab. (Die Höhe, die der hölzerne Spitzturm der alten St. Paul's Kirche in London mit 149 Metern gehabt haben soll, wird von nichtenglischen Experten stark angezweifelt.)

Siebzehn Jahre nach Vollendung des Südturms schritt das abendländische Wien an die Erbauung eines zweiten, noch höheren Turms, der jedoch später das Schicksal des Prager Veitsturms teilen sollte: Beide blieben Turmstümpfe. (Der Veitstürm war schon über 140 in hoch, als er einstürzte.) Der "Steffl", wie ihn die Wiener liebevoll nennen, entging nicht nur der Zerstörung durch türkisches und napoleonisches Geschützfeuer, sondern auch; dem satanischen Plan einer SS-Einheit, den Dom und seinen Turm eher in die Luft zu sprengen, als ihn dem anrückenden Befreiern zu “überlassen” Als die Bombenangriffe auf Wien zunahmen, hatten sich regelmäßig tausende Wiener Frauen statt in den Luftschutzkellern im Dom versammelt, um die Bombenschauer regelrecht "abzubeten".

Wie erfolgreich ihnen das gelang, zeigt eine Karte der Bombentreffer der Inneren Stadt: Rund um den Dom liegt eine Perlenkette von Einschlägen. Den Dom selbst traf keine einzige Bombe. (Den Brand des riesigen Dachs, eines Meisterwerks gotischer Zimmermannskunst, löste der Funkenflug von den brennenden Grabenkaufhäusem aus.) Der Turm aber blieb unversehrt und gilt bei Kebap-Fans nach wie vor als das "schönste Minarett der Christenheit.


siena.jpegDie Stolzeste

Die "Torre del Mangia" in Siena


Von den Türmen der Toskana ist "sie" die stolzeste; Obwohl sie an einer der niedrigsten Stellen der Stadt errichtet wurde, überragt sie alle anderen Türme der Stadt. Die Ähnlichkeit mit dem Turm des Palazzo Vecchio in Florenz ist kein Zufall: Bis in die Antike zurück führt die Rivalität zwischen Florenz und Siena, dem etruskischen Saiena. Ihren Höhepunkt erreichte diese komplizierte Erbfeindschaft in den fortwährenden Fehden gilbellinischer Sienesen und guelfischer Florentiner. (Die heute wohl Welfen- (Guelfen-) Prinz “Haugust” von Hannover huldigen müssten).

1314 krönten die Bürger der Arnostadt den monolithischen Block ihrer Rathausfestung mit einem zinnenbewehrten, 300 Fuß hohen Turm. So weit waren die stolzen Sienesen noch nicht. Dreizehn Jahre hatten sie zwar an ihrem um Eckhäuser eleganteren Palazzo Publico gebaut, aber weitere 24 sollten vergehen, bis den Florentinern mit einem ungeheuren Turmprojekt geantwortet wurde: ein 333 Fuß (102 m) hoher Turm, höher und schlanker als der der Florentiner. Nicht weniger als acht Architekten planten an dem gigantischen Menhir. Als die Stadtregierung das kühne Projekt zum ersten Mal sah, wollte sie - schon damals waren Kommunalpolitikern furchtsam wie Klosterschülerinnen - nicht glauben, daß ein Bauwerk dieser Höhe werde halten können, die Künstler mußten beteuern, daß er in Ewigkeit stehen werde. Erst unter der Abgabe schriftlicher Ehrenworte, der Turm werde nicht einstürzen, wurden die Baumeister mit der Errichtung der Torre beauftragt. Das Ehrenwort wurde nicht gebrochen, der Turm, in elf Jahren hochgezogen, ist inzwischen 640 Jahre alt und denkt nicht daran einzustürzen.

Ihren Namen verdankt die Torre dem taubstummen Glöckner "Mangiaguadagni", der auf ihr mit einem riesigen Hammer die Stunden schlug. Die große Glocke von 1666 ist der Maria Assunta geweiht und wird im Volksmund "Sunto" genannt. Zweimal im Jahr bewacht der Mangiaturm das wohl berühmteste Pferderennen der Welt, den Palio, der im Schatten der Torre auf der muschelförinigen Plazza del Campo ausgetragen wird.


aussee.jpegDer Wahnsinnigste

Der Salzturm von Aussee


Man schreibt das Jahr 1495, Christoforo Colombos Entdeckung des (falschen) Indiens liegt erst drei Winter zurück. Maximilian I. ist zwar deutscher König, aber noch nicht Kaiser, da stoßen die Spaten dreier Salinenarbeiter auf eine versunkene Welt: An der uralten Paßstraße, die vom Pötschen, einem kleinen Sattel zwischen Oberösterreich und der Steiermark, nach der prosperierenden Salzstadt Aussee führt, läßt Hans Herzheimer die Fundamente für einen Stadel ausheben. Herzheimer ist Salzverweser, im besten Mannesalter, der mächtigste und ideenreichste Mann des Salzkammergutes.

Der von seinen Arbeitern herbeigerufene Herzheimer merkt schnell, daß die Steinmauern, die sechzehn Fuß in die Tiefe führen, mehr getragen haben müssen als ein schlichtes Bauernhaus. Die Inschriften und einige Reliefsteine sind in einer Sprache geschrieben, die selbst dem des Lateinische kundigen Herzheimer unverständlich bleiben. Die geheimnisvolle Entdeckung soll sein ganzes Leben verändern. Die Ausgrabung wird vorerst mit einem riesigen Stadeldach überdeckt, als Schweinestall getarnt und geheimgehalten. Obwohl ihn seine Geschäfte als Berater von Friedrich III. und als Kriegsgefährte des jungen Maximilian mehr als beanspruchen, keimt, ein Plan von utopischen Dimensionen. Bei den auf seinen Gründen ausgegrabenen Mauern so schließt er nach ausgiebigen Gesprächen mit Dombaumeistern, Ingenieuren und humanistischen Gelehrten, müsse es sich um die Fundamente eines gewaltigen - aus welchen Gründen auch immer - nicht gebauten keltisch/römischen Turms handeln.

Seine Frau Margarethe hat ihm statt eines Stammhalters elf Töchter geboren, die Herzheimer - der inzwischen zu einem frühkapitalistischen Finanzmagnaten fuggerschen Ausmaßes geworden ist- in die “besten” Häuser Mitteleuropas vermählt. (Töchter galten zu damalige Zeiten als politisches Spielgeld). Herzheimer, ein Bill Gates der Salzindustrie, finanziert mit den Erträgen seiner Bergwerke vorerst die erfolglosen Kriegsunternehmünzen seines Ritterfreundes Maximilian. Der, für mittelalterliche Machos überaus schauerliche Gedanke aber, keinen Sohn in die Welt gesetzt zu haben, läßt den, längst schrulligen und menschenscheuen Eremiten immer mehr Geldmittel in sein Turmprojekt umleiten. Immer neue Entwürfe eines 150 Meter hohen, das gesamte Wissen seiner Zeit enthaltenden Turms fertigt er an.

Bei Kepler in Prag gibt er eine astronomische Uhr in Auftrag, er bunkert in seiner kleinen Stadtburg riesige Mengen erlesener Marmorsäulen, füllt Zimmer voller Bernstein und Elfenbein, lagert edelstes Zirbenholz von den höchsten Almen, ja selbst Gold soll er mehr gehabt haben, als sein ärgster Feind, der Fugger.

Als Herzheimer 1532 als verarmter Greis stirbt, hinterläßt der “Howard Hughes" der beginnenden Neuzeit ein unzugängliches Chaos an Entwürfen und Berechnungen. Sein Erbe wird in alle Winde zerstreut. Der Turmstumpf, von dem schon sieben Meter stehen, wird im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte als Steinbruch verwendet und fast ganz abgetragen. Auf dem Hügel, den es heute noch gibt, wird später der Dichter Nikolaus Lenau sitzen, und ihn, ohne den Grund zu kennen, als bevorzugten Ort aufsuchen, um seinen Weltschmerz zu kurieren.

Das Blut Herzheimers, der so gerne einen Sohn gehabt hätte und aus Verbitterund zum Turmbauer wurde, trugen seine elf Töchter indes in die vornehmsten Familien. Es rauscht in den Adern der Wittelsbacher, der Bourbonen, der Welfen und der Habsburger.


alexandria.jpegDas Weltwunder

Der Pharos von Alexandria


Für die Griechen und Römer der Antike war der Turmbau kein Thema von besonderem architektonischer Pep. Ihre Türme waren Wachtürme, die, wenn überhaupt, kaum die Höhe der Festungsmauern überstiegen. Mit der Idee des Turms wurde ein Grieche allerdings im biblischen Babylon infiziert. Alexander der Große, ein unruhiger Reitersmann wollte rund um den neuerrichteten babylonische Turm seine neue Reichshauptstadt errichten und per Dekret zum Mittelpunkt der Welt erklären.

Den Plan, den Alexander aus Termingründen nicht auf die Reihe brachte, trug Sostratos, Alexanders Generaladjutant und nach dessen Tod Ersatzalexander, nach Ägypten: Auf der kleinen Insel Pharos, die Alexandria, der ersten Gründung Alexanders vorgelagert ist, ließen Ptolmäus I. und sein Nachfolger Ptolmäus II. eines der Weltwunder der Antike errichten. Eine 340 Meter im Quadrat messende Terrasse sollte das ungeheure Gewicht aufnehmen und darauf dann eine gigantische Kaskade von drei übereinander stehenden Türmen gebaut werden. Ein viereckiges, 70 Meter hohes Grundgeschoß trug einen 38 Meter hohen zweiten Turm, dem eine runde Spitze aufgesetzt war: Dessen kegelförmiges Dach trug eine Statue des Meeresgottes Poseidon, nach anderen Berichten eine des wasserscheuen Zeus.

Die Fassade des Pharos war mit blendend weißen Marmorplatten verkleidet, seine Höhe überstieg mit mehr als 140 Metern die eines anderen Weltwunders in nächster Nähe: der Pyramiden von Gizeh, mehr als 2000 Jahre vor ihm von ägyptischen Steinmetzen errichtet. Das Leuchtfeuer in seiner Spitze ist vermutlich erst 400 Jahre nach seiner Erbauung eingerichtet worden. Nach neuesten Forschungsergebnissen soll ein riesiger drehbarer Spiegel das Licht eines, im Erdgeschoß des Turmes lodernden Feuers gebündelt und 180km weit reflektiert haben.

Als der Wunderturm 1326 bei einem Erdbeben einstürzte, hatte er 1606 Jahre gestanden und war nicht nur Vorbild der islamischen Minarette: Die Dombaumeister des christlichen Abend-Landes hatten das Wissen der Alexandriner Bauhütte in ihren geheimen Logen über Jahrhunderte weitergegeben.

Ein Beweis dafür ist der Gipfel gotischer Turmbaukunst, der Wiener Stephansturm. Er ist bis in kleine Details der mit gotischem Formen-Vokabular neuerbaute Pharos.

Aus den Resten des eingestürzten Leuchtturms wurde 1480 ein Kastell gebaut, das im Laufe der Zeit zu einer lächerlichen Ruine verkam und in der Zeit des British Empire im Playmobil-Stil als “Fort Bey” wiederaufgebaut wurde


illinois.jpeg"Der Utopische

Frank Lloyd Wright's “Illinois One Mile High Tower"


Ein Schwert mit einem Griff, so breit wie die Hand, fest im Boden verankert, mit der Klinge nach oben gerichtet… Würde mein Entwurf kunstgerecht ausgeführt, Stünde das Gebäude länger als die Pyramiden."

Als der erklärte Hochhausphobiker Frank Lloyd Wright 1956 seine spektakuläre Utopie eines über 1600 (!!!) - in Worten: eintausendsechshundert Meter hohen und außerordentlich spitz zusammenlaufenden Turms vorstellte, befand er sich selbst schon längst im Olymp der Architektur. Warum das Projekt nicht verwirklicht wurde (technisch war es durchaus möglich) bleibt ebenso rätselhaft wie die Tatsache, daß einer der schärfsten Kritiker von Hochhäusern eine Nadel von solch gewaltiger Höhe geplant hatte. Die aufgetürmte Kleinstadt, die mehr als viermal so hoch gewesen wäre wie das zu seiner Zeit absolut höchste, das berühmte Empire State Building. hätte nach den Vorstellungen seines Schöpfers vorwiegend Wohnzwecken dienen sollen.

Eines ist sicher: Wäre er gebaut worden, der "lllinois Mile High” wäre auf jeden Fall von allen Türmen der schönste geworden. Und viele hätten ihn sehen können: Der (im wahrsten Sinn dieses inflationär gebrauchten Wortes) Wolkenkratzer wäre noch in unglaublichen 173 km Entfernung sichtbar gewesen. Den noch immer offenen Wettstreit um der Welt höchstes Gebäude hätte Chicago damals wohl für ewige Zeiten für sich entschieden.

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7tuerme.jpeg

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4. August 2004 (0) Comments

Der beste Garten der Stadt

SCHWEIZERHAUS Das beste Bier der Welt und die knusprigsten Stelzen zwischen Scheibbs und Nebraska, serviert von den unbestechlichsten Kellnern der Stadt: Das Schweizerhaus im Prater hat eine lange und durchaus unhelvetische Geschichte.

© ANDREA MARIA DUSL
Originaltext aus Falter. 32/04 vom 04.08.2004

Schweizerhauscover 04_32.jpgIm hintersten Zipfel vom Wurstelprater, gleich hinter der Hochschaubahn, wo der Technotrubel der Schießbuden, das Knattern der Go-Cart-Bahnen und das Kreischen der Luftkutschen verebbt, beginnt eine Welt, der lüsterne Sensationen so fremd sind wie der polternde Lärm rasender Maschinen. Im Schatten von Nussbäumen und Praterkastanien vermischt sich das Knirschen des Kieses mit dem Klirren dicker Gläser und dem Krachen berstender Schweinshaxen.

Bis zu 6000 Krügerl seidigweich gezapften böhmischen Bieres sollen hier allein an einem heißen Sommertag über die stählerne Schank gehen, ganz abgesehen von Würsteln, Brathendel und den Stelzen, gegrillt, mit Senf, beißendem Kren, dampfendem Brot und weiß gelocktem Bierradi.

Das Schweizerhaus. Die Kathedrale der Zufriedenheit

Hier sitzen Bürgermeister neben Mistküblern, Dirigenten neben Fußballtrainern, Industriemagnaten neben Praterdipplern. Ein Regiment von Kellnern serviert unablässig goldgelbes Budweiser. Der Altar der Schweizerhauskathedrale ist die große stählerne Schank. Hinter ihr steht ein halbes Dutzend Hohepriester und zelebriert mit stoischen Mienen das Hochamt. Einige Minuten dauert es, >>>

>>> bis die Krügel voll sind und ihre feste böhmische Schaumhaube in den Sommerwind recken. Im Dutzend werden sie auf einem Tresen von Zapfer zu Zapfer weitergeschoben. Der Reihe nach wird das kühle Gold erst vor-, dann nach- und schließlich aufgeschenkt. Dazwischen hat der Schaum Zeit, sich zu setzen. Das Pivo, das die tschechischen und slowakischen Schankspezialisten in einem minutiös eingespielten Ritual aus den Hähnen laufen lassen, kommt über Leitungen aus einer Armada von 50-Liter-Fässern, die im Keller unter dem wand- und fensterlosen Schankgebäude konstant auf vier Grad gekühlt werden. In Kellern daneben hat der Nachschub, täglich aus der Brauerei in Budweis in aufrüttelnder Fahrt angeliefert, einige Tage Zeit, um sich zu beruhigen.

buds.jpgDas frisch gezapfte Bier wird von einem der vielen Kellner an der Schank abgeholt und in einen "Bezirk" gebracht. Die verschiedenen Teile des Schweizerhauses sind nach Wiener Bezirken und den Stadtteilen Oberlaa und Kaisermühlen benannt. Das soll Gästen und neu angestellten Kellnern die Orientierung erleichtern. Die Idee, die Sektionen nach Schweizer Kantonen zu nennen, wurde als Sakrileg verworfen. "Unsinn, am Schweizerhaus ist ja nichts Schweizerisches!", argumentierten Altkellner und Stammgäste und machten sich dafür stark, böhmische Städtenamen zu verwenden. Als Kompromiss wurden es die Namen der Gemeindebezirke. Einzig der Platz vor der Schank, von einem regenwasserberieselten Glasdach behütet, heißt nach wie vor "Bahnhof", "Franz-Josefs-Bahnhof", um ganz genau zu sein. Weil hier so viele "Züge" genommen werden.

Hartnäckig hält sich der Mythos, die Schweizerhauskellner seien freie Unternehmer, die das Bier an der Schank kauften und an den Tischen an die Gäste weiterverkauften. Tatsächlich sind die Kellner aber zu den branchenüblichen Konditionen angestellt, ergiebige Bezirke werden nach dem Senioritätsprinzip zugeteilt.

Wie viele Geschichten aus dem alten Wien verlieren sich auch die Ursprünge des Schweizerhauses im Dunkel der Geschichte. Ein Gründungsmythos geht so: Vor Hunderten Jahren habe am Ort der heutigen Budweiserkathedrale ein "stiller Mann" Steckerlfische, Schwammerl und Bier an die rastenden kaiserlichen Jagdknechte verkauft. Die Knechte - so die lokale Mythologie - waren Schweizer aus dem Sundgau, gerühmt für die Qualität und Ausdauer ihrer Treibkünste. Aus dieser Zeit stamme der Name Schweizer Hütte.

Im 18. Jahrhundert übernahm ein gewisser Cajetan Gasperl, ein geschäftstüchtiger Wirtensohn aus Mitterndorf im Ausseerland die "Schweizer Hütte", taufte sie, dem Zeitgeist folgend, "Tabakspfeife" und huldigte damit den Freunden "des süßen Qualmens". Nach Gasperls Tod verkaufte seine Witwe das Etablissement, das während des Wiener Kongresses "Zum russischen Kaiser" hieß. Während der Weltausstellung 1873, als Themenrestaurants als letzter Schrei galten, erfand man den Mythos mit der Jausenstation der mittelalterlichen Schweizer Jagdknechte und taufte die im hochalpinen Helveterstil designte Gaststätte am linken Ufer der Prater Hauptallee Schweizer Meierei.

Ein populärer Besitzer dieses ersten wirklichen Schweizerhauses war der Wirt vom Alten Kühfuß in der Habsburgergasse, Jan Gabriel, unter dem das Schweizerhaus ein Treffpunkt aller Freunde echten Pilsners wurde. Zu dieser Zeit übertraf der Bierkonsum der Wiener jenen des Weines bei weitem. So mancher Firmgöd hat sich dort einen Rausch angetrunken. Einer, der nicht selber trank im Schweizerhaus, war der Wärter der Säugetierschaustellung im Aquarium: Er holte pünktlich um zehn Uhr vormittags drei Krügel für seine Affen, welche diese mit sichtlichem Behagen getrunken haben sollen.

1920 juckt einen jungen Wiener die geschäftstüchtige böhmische Nase. Der neunzehnjährige Sohn tschechischer Eltern, Karl Kolarik, mit seinem Vater eben noch selber Gast im Schweizerhaus, übernimmt den gerade zum Verkauf stehenden Betrieb als Konzessionär. Vater Kolarik, Fleischhauermeister, sieht in einem Wirtshaus einen willkommenen Absatzmarkt für die Würste und Schinken, die der Familienbetrieb zu Zeiten der Monarchie noch bis Prag geliefert hatte. Inflation und Wirtschaftskrise schütteln die junge Republik, und so manchem stillen Bierzecher ist ein Besuch im Biergarten die einzige Freude. Karl Kolarik hat ein G’spür fürs Geschäft. Der gelernte Fleischer und Selcher errichtet Wiens "Erste englische Fischbratküche" und einen Pavillon, "wo die berühmten Wiener Würsteln und Bratwürsteln vor den Gästen erzeugt werden", wie ein zeitgenössisches Inserat erklärt.

So nebenbei führt Kolarik eine andere Spezialität ein: fein geschnittene Erdäpfel, die berühmten, in heißem Fett herausgebratenen Rohscheiben. Die dünnen Kartoffel-Chips waren ursprünglich nur dazugeschnitten worden, um in Ermangelung geeigneter Thermometer die Temperatur des heißen Fischbratfetts zu justieren. Jahrzehntelang prangte denn auch das Gütesiegel eines US-amerikanischen "Potato-Chip-Institute" auf den Zellophanpackerln, in denen die Rohscheiben verkauft wurden. Die köstlichste Delikatesse aber, das berühmte Budweiser Budvar, verdankt das Schweizerhaus einer Reise Kolariks in die böhmische Heimat seiner Eltern.

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hatten die nationalistischen Tschechen als eine der ersten Maßnahmen ihrer jungen Republik den Bierexport verboten - weil sonst für die böhmischen und mährischen Arbeiter zu wenig übrig bliebe, wie es hieß. Dieser Bierverknappung fiel die Pilsner Bierklinik in der Innenstadt zum Opfer. Sie musste auf obersteirisches Bier umsteigen und ihren Namen in Gösser Bierklinik ändern.

Dem Verbot tschechischen Bierexports verdankt das als Bud bekannt geworden Budweiser der deutsch-amerikanischen Bierdynastie Anheuser-Busch seinen zweifelhaften Siegeszug durch die von der Prohibition geschüttelte Neue Welt. Mit dem echten Budweiser hat das Anheuser-Busch-Bud allerdings nur den abgekupferten Namen gemeinsam.

Aber zurück ins Jahr 1926. Auf seiner Suche nach geeignetem Bier für sein Schweizerhaus stößt Kolarik auf das böhmische Budweiser, ein dunkelgelbes zwölfgrädiges Lagerbier. Das Wasser, mit dem es gebraut wird, stammt aus 312 Metern Tiefe. Es ist Tausende Jahre alt und seidenweich, wie Schweizerhausbesucher mit jedem Schluck bestätigen können. Kolarik gelingt es, einen ganzen Eisenbahnwaggon des böhmischen Bieres nach Wien zu bringen und damit einer alten Liebe neue Triebe zu verleihen. Der Liebe nämlich, die die Wiener - ob slawischer Herkunft oder nicht - seit alten Zeiten mit dem tschechischen Bier verbindet.

Von Krieg und Gefangenschaft kehrt der Wirt mit dem guten böhmischen Bier in ein völlig zerstörtes Schweizerhaus zurück. Zwei Bäume stehen noch im devastierten ehemaligen Gastgarten, mehr nicht. Die berühmten Nussbäume, in deren Schatten so mancher Sommertag seine lange Reise in die Nacht beginnt, pflanzt Kolarik 1947 mit eigenen Händen. Nussbäume, weil deren Geruch die Gelsen vertreibt. Lebenswichtig für einen Biergarten in den feuchten Praterauen. Karl Kolarik - mittlerweile zur Wirtslegende geworden - starb vor elf Jahren im 92. Lebensjahr. Sein Erbe führt seine Familie weiter. Sohn Jan-Karl Kolarik ist ein freundlicher Herr, aber ein strenger Wirt. Das ist gut so, denn nur ein strenger Wirt ist ein guter Wirt.

Und wenn seinen Argusaugen einer der drei Dutzend Kellner entkommt und der dann auch noch Zeit hat und Lust und das Schweigegelübde bricht, dann kann es passieren, dass er voller Stolz von berühmten Gästen erzählt. Von der "Frau mit dem Affen", vom "Kapitän" und vom Qualtinger. Von Peter Alexander und vom "schönen Hannes", von Slash von Guns n’ Roses, einem sehr heimlichen Glenn Gould, einem noch heimlicheren Carlos Kleiber. Von den Tonis Polster und Benya, von Bruno Kreisky und dem Mineralwasser trinkenden Arafat, "den kaner kennt, wenn er sein Tüchl ned aufhat". Aber das ist eigentlich gar nicht so wichtig, meinen die echten "Stelzen-Geher". Hier ist jeder willkommen, "wirklich a jeder".

Fast jeder. Legendär ist heute noch jener Tag, an dem der russische Nationalisten-Bösewicht auf Empfehlung eines FPÖ-Politikers, von Leibwächtern beschirmt, den "Bahnhof" ansteuerte, jenen allerheiligsten Teil des Schweizerhauses vor der gigantischen Zapfanlage. Ein Pfeifkonzert begleitet von "Schleich di, Pülcher"- und "Haut’s eam ausse"-Rufen fegte Vladimir Schirinovski auf Nimmerwiedersehen aus dem "Haus".

Legendär auch der Tag, an dem das Schweizerhaus, sonst grün und weiß mit goldgelben Tupfen vollviolett war. Vollviolett von Tausenden Fliedersträußen zu Ehren der Wiener Austria, die an jenem Tag im benachbarten Ernst-Happel-Stadion aufgeigte und den Wuchteldurst von Kickern und Fans im "Haus" stillte. Im Haus mit dem Nussbäumen. In der Kathedrale der Zufriedenheit.

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SCHWEIZERHAUS, 2., Straße-des-Ersten-Mai 116; (gleich neben der Hauptallee am Ende des Wurstelpraters), kein Ruhetag, Tel. 728 01 52, tgl. 10-23 Uhr, von 9. März bis 31. Oktober.

4. August 2004 (2) Comments

Radschlag

Liebe Frau Andrea,

Payobi.jpgich harre Ihrer geschätzten Kompetenz: Als Allzeit-gerne-Fahrradlerin ist gerade die Sommerzeit punkto fladersicherer Abstellmöglichkeit der geliebten Drahteselin eine zenbuddhistische Herausforderung. Jetzt tauchen in Wien seit geraumer Zeit kryptische Gestelle auf, die zwar als Radabstellplatz samt Werbefläche deklariert, aber durchwegs bar jeden Gefährtes sind, weil kein Mensch kapiert, wie's denn anzugehen wäre, die Radanhänglichkeit zu bewerkstelligen. Kennen Sie das Geheimnis?

Romi

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Liebe Romi,

die neuartigen Gestelle dienen tatsächlich als Radabstellplätze. Sie sind eine Entwicklung einer Mürzzuschlager Firma und hören auf den Namen "Payobi", zusammengebastelt aus den Anfangsbuchstaben der Worte "Park Your Bike". Die seltsamen Ständer sehen kompliziert aus, sind es aber nicht. Mit dem Vorderrad fährt man in eine Halterung, dann hebt man den schwenkbaren gelben Bügel und senkt dessen Gabel über die Mittelstange. Jetzt kann das Rad weder von selbst umfallen noch von böswilligen Passanten umgestossen werden. Versperrt wird das Rad mit jedem Bügel- oder Spiraldrahtschloss. Bei der Herstellerfirma www.tci-systems.com gibts überdies um zwanzig Euro ein eigenes Payobi-Schloss, das im Winter auch zum Ski-an-den-Hütten-Ständer-Sperren verwendet werden kann. Warum die Radstationen so leer sind? Die schicken Ständer werden irrtümlich für die Docks der Wiener Mieträder gehalten.

© Andrea Maria Dusl
Erschienen in "Falter" Nr. 32/04 vom 04.08.2004 Seite: 55

4. August 2004 (0) Comments

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