Features und Portraits
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Adieu Videokassette!
Ich will einmal ganz ehrlich sein: Das Ding wird mir nicht abgehen. Es wird der Welt so fehlen wie die Petroleumlampe, die Postkutsche oder der Rechenschieber.
Von Andrea Maria Dusl
Erschienen 27. Mai 2004 in Standard
Die Videokassette war in allem, was sie "konnte", lausig. Wäre sie so klein gewesen wie ihre brillante Schwester, die Audiokassette: geschenkt! Hätte sie den Sexappeal der Schallplatte gehabt: off limits. Nichts davon hatte die schwarze Bandschachtel. Meine erste Begegnung mit der Videokassette war folgenschwer und fand in der Schule statt. Der Rekorder, in dem sie steckte, war groß und hatte Tasten von den Ausmaßen eines Gaspedals. Das Lehrvideo über den U-Bahn-Bau, das unser Turnlehrer und "Kustos" für audiovisuelle Kommunikation vorbereitet hatte, verfügte über jenen raffinierten Selbstzerstörungsmechanismus, der noch heute in jede VHS-Kassette eingebaut wird: Er entscheidet sich entweder für Bandsalat, das Festfressen der Rollen oder für jenes Phänomen, das ich "die Unausspuckbarkeit" nenne.
Mein erster eigener Videorekorder war schwarz wie die Nacht und teuer wie Las Vegas. Er war fernbedienbar und programmierbar. Wenn ihm danach war. Das Manual war in 76 Sprachen abgefasst und dick wie das Telefonbuch von Tokio. Ich habe es irgendwann gegen eine Sanskritschrift eingetauscht: Die war leichter zu lesen.
Nach Jahren hatte ich ein veritables Archiv von Kinofilmen angelegt. Ich hatte den Kanon der Cinematografie, den Himmel auf Erden, äh . . . auf Kassette. Cassavetes, Fassbinder, Melville, Hawks. Mein Archiv wuchs, und so wuchs das Glück. Nach Jahren der liebevollen Lagerung grub ich in alten Flözen und legte "Zabriskie Point" in die Maschine. "Zabriskie Point" ist von Antonioni und spielt in der Wüste. Auf dieser, auf meiner Kassette schneite es. Es schneite auch in "Nashville", in "Metropolis", in "Manhatttan" und ganz besonders schneite es im "Himmel über Berlin". Seit drei Jahren habe ich einen DVD-Player. Adieu Schneegestöber, adieu Bandsalat: adieu Videokassette! Ich werde dich nicht vermissen.
27. Mai 2004 © Andrea Maria Dusl
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