März 2004
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Fünf Jahrgänge politische Zeichnungen im Magazin Format
Katzelmacher
Liebe Frau Andrea,
meine Kollegen und ich rätseln seit längerem, was das Wort "Katzlmocher" tatsächlich bedeutet. Die einen glauben, dass es von den Pflastersteinen (Katzeln) kommt die Italiener im letzten Jahrhundert in wunderbaren Mustern in Wien verlegt haben, die anderen meinen es kommt von den "Katzltaschen", Geldtaschen, die aus Leder gefertigt, durch italienische Handwerker in unseren Landen Verbreitung gefunden haben. Können sie Licht ins Dunkel bringen?
Mit freundlichen Grüssen, Ronald Packert, Aussenministerium
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Lieber Ronald,
gerne zünde ich einen ganzen Antwortluster für Sie an. Cinephilen wird bei “Katzelmacher” Rainer Werner Fassbinders zweiter Spielfilm aus dem Jahr 1969 einfallen, eine karge Klage gegen das xenophobe Ressentiment einer unfreien Gesellschaft. Der Ausdruck selbst ist eine im bayerisch/österreichischen Raum gebräuchliche Kollektivschelte für südländische, vorrangig italienische Gastarbeiter. Es mag sein, dass Italiener mit ästhetischem Talent Wiener Pflastersteine verlegt haben und dabei das eine oder andere Katzel gemacht haben. Auch eine Ableitung vom italienischen Schimpf- und Tabuwort “Cazzo” für Penis ist denkbar. Einleuchtender ist jene Theorie, die "Katzelmacher” von “Kesselmacher” ableitet. Das mittelhochdeutsche Kezzel hat auch ins Wort Gatzel für (hölzerne) Schöpfkelle gefunden. Hausierende ladinische Gatzelschnitzer oder “Gatzelmacher” mögen dem Ausdruck den endgültigen Schliff gegeben haben.
“Fragen Sie Frau Andrea” gibt es auch als supriges Falter-Buch! dusl@falter.at
Jieper
Sehr geehrte Frau Andrea,
kennen Sie die kleine wertvolle Sekunden-Doku der Firma Ferrero? Auf einem Kinderspielplatz tänzeln zwei junge Frauen auf einen jungen Mann zu. Die mutigere der beiden wirft ihm neck-isch vor, er würde seinen Kindern die Schokolade wegessen. Der Mann verteidigt sich mit der freundlichen aber nüchternen Feststellung, dass ihn der "Milch-Jieper" gepackt habe. Offensichtlich ist im festen Griff des Milch-Jiepers alles erlaubt. Ich aber frage mich: gibt es auch einen Sushi-, Zweigelt-, Jazz- oder Sex-Jieper? Woher kommt dieses blöde Wort eigentlich her? Wenn ich von dieser Werbung wegzappen will, hat mich dann der Anti-Ferrero-Jieper gepackt?
Mit herzlichen Grüßen, der Falter-jiepende (?)Heinz Duschanek
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Lieber Heinz,
wir sollten zeitgenössischen Werbetextern durchaus zutrauen, den sprachlichen Kosmos zwischen Gaga und Dada mit lyrischen Neuschöpfungen aufzufüllen. Wenn es Fruchtzwerge und Dickmänner gibt, Duschdas und Müllermilch, dann wäre doch auch denkbar, so die Theorie, dass sich jemand "Jieper" ganz einfach ausgedacht hat. Tatsächlich gibt es das Wort, “Jieper” ist berlinisch für “Gieper”. Der niederdeutsche Begriff ist etymologisch mit Geifer und Gier verwandt und sinngleich mit unserem “Guster”. Nicht auszudenken, Ferrero und seine PR-Leute bekämen zugesteckt, der neckisch Jieper wäre nicht mehr als schnöder Geifer. Im Sinne Ihrer Frage gibt es natürlich auch Sushi-, Zweigelt-, Jazz-, Sex- und selbstverständlich auch Falter-Jieper.
“Fragen Sie Frau Andrea” gibt es auch als supriges Falter-Buch! dusl@falter.at
Red Basics

Für den Falter
Keynes vs. Hayek

Für den Falter
Kleiner Wikipedia-Exkurs über die beiden Nationalökonomen:
Friedrich von Hayek
Hayek lehrte von 1931 - 1950 an der London School of Economics. 1950 wechselte er an die University of Chicago, 1962 nahm er eine Professur an der Universität Freiburg an. Hayek emeritierte 1967.
In den 1920er Jahren argumentierte er gegen die zentral gelenkte Wirtschaft des aufkommenden Sozialismus, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft auch das Wissen aufgeteilt ist und einzelne Planer das komplizierte System des Marktes nicht bis ins Detail überblicken können. Es sei besser, dieses System, das er als eine über Generationen gewachsene gesellschaftliche Institution wie etwa die Sprache betrachtete, sich selbst zu überlassen. Nur im freien Wettbewerb würden die Fähigkeiten der einzelnen als Wettbewerbsvorteile hervortreten. Den sozialistischen "Sozialingenieuren" warf er Die Anmaßung des Wissens (pretense of knowledge) vor. So sollte später auch seine Rede zum Empfang des Nobelpreises heißen.
In den 1930er Jahren war er der größte Gegner der Theorien von John Maynard Keynes. Anders als Keynes, der die Große Depression der 30er Jahre auf eine zu geringe aggregierte Nachfrage zurückführte, auf die z.B. mit verstärkter Nachfrage seiten des Staates geantwortet werden könnte, machte Hayek letztlich fehlgeleite (inflationäre) Geldpolitik für die Krise verantwortlich, die durch eine Depression korrigiert werden musste. Die Depression war für ihn also notwendig und heilsam.
Nachdem sich der Keynesianismus weitgehend durchgesetzt hatte, gerieten Hayeks Thesen für viele Jahre in Vergessenheit. 1974 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften gemeinsam mit dem Schweden Gunnar Myrdal. Mit der Preisverleihung und dem Aufkommen der wirtschaftsliberalen Theorien Milton Friedmans (Chicagoer Schule) gelangte Hayek wieder zu größerer Bekanntheit. Auch die Wirtschaftspolitik Ronald Reagans ("Reaganomics") und Margaret Thatchers ("Thatcherismus") der 80er Jahre waren von Hayeks Lehren beeinflusst.
Hayek lehrte an verschiedenen Universitäten in London, Chicago, Freiburg und Salzburg und verfasste zahlreiche Schriften. Hayek starb in Freiburg im Breisgau, wo er bis zu seinem Tod als Professor tätig war. Begraben ist er in Wien. In jüngster Zeit beeinflusste er vor allem den Technoliberalismus durch seine kritischen Analysen zum Patentsystem, das in der beschleunigten Informationtechnologie zu starr scheint.
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Werke:
The road to serfdom (dt. Titel: Der Weg zur Knechtschaft)
The Constitution of Liberty (dt. Titel: Die Verfassung der Freiheit)
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John Maynard Keynes
John Maynard Keynes (* 5. Juni 1883 in Cambridge; † 21. April 1946 in Firle, East Sussex) war ein englischer Mathematiker und Ökonom.
Er genoss eine Ausbildung an den Elite-Instituten Eton und King's College in Cambridge. Seine radikalen Ideen haben bis heute einen großen Einfluss auf ökonomische und politische Theorien (s.u. Weblinks!). Sein Buch The General Theory of Employment, Interest and Money (1936) veränderte nachhaltig die Makroökonomik und wird häufig als das einflussreichste sozialkundliche Werk des 20sten Jahrhunderts zitiert.
Im Speziellen assoziiert man seinen Namen meist mit seiner Wirtschaftstheorie, bzw. mit seiner vehementen Befürwortung der Intervention des Staates in das Wirtschaftsgeschehen. Laut Keynes solle der Staat fiskalpolitische und monetäre Maßnahmen anwenden um die Auswirkungen von Rezessionen und Booms abzuschwächen. Genauer: «Deficit spending» lautet das Zauberwort. In schlechten Zeiten wird die Wirtschaft durch eine expansive Fiskalpolitik auf "Pump" gestützt. In guten sollen die angehäuften Defizite durch verstärkte Sparanstrengungen wieder abgebaut werden.
Seine Ideen legten den Grundstein des heutigen Keynesianismus (auch keynesianische Schule) und wurden seither von Ökonomen dieser Schule weiterentwickelt.
Die eigentliche Botschaft seines Werkes ist, dass der Kapitalismus die Tendenz hat, in Stagnation zu enden. Das zeigt seine kluge Analyse der gesamtwirtschaftlichen Rolle der Investitionen als Nachfrage.
Akademisch gesehen ist der Keynesianismus eine Mischung aus Neoklassik und Keynesschen Einsichten (Allgemeine Theorie). Analytisch bietet er keine neuen Einsichten. Für ihn ist die Marktwirtschaft mit staatlicher Wirtschaftspolitik stabilisierbar. Keynes dagegen diagnostizierte die grundsätzliche Unfähigkeit der Marktwirtschaft, eine stabile Entwicklung zu garantieren. Das hat etwas mit seiner Analyse des Geldes und des Zinses zu tun. Dazu kann die Neoklassik nichts beisteuern
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Werke:
The Economic Consequences of the Peace(1919)
Treatise on Probability (1921)
Tract on Monetary Reform (1923)
Treatise on Money (1930); Vom Gelde (dt. Ausgabe von Treatise on Money), Verlag Duncker & Humblot, 1983, ISBN 3428007565
The General Theory of Employment, Interest and Money (1936); Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (dt. Ausgabe der General Theory, übersetzt von Fritz Waeger), Verlag Duncker & Humblot 2002, 9. Auflage, ISBN 342807985X
Ächz.
Polkappen
Liebe Frau Andrea,
in den Neunzigerjahren hörte man oft vom Horrorszenario der "schmelzenden Polkappen", die den Meeresspiegel ansteigen ließen. Da meines Wissens der Nordpol aus Eis besteht, das auf dem Meer schwimmt, dürfte sich beim Schmelzen eigentlich der Wasserspiegel nicht ändern - ganz so wie beim Eiswürfel, der im Cola schwimmt: Wenn der schmilzt, ist auch nicht mehr Flüssigkeit im Glas. Stimmt das so? Andreamariahilf!
Dein Robert Presslaber, Internet
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Lieber Robert,
nach meinem bescheidenen Kenntnisstand der Eisverhältnisse auf unserem Mutterball dürfte das von dir entworfene Szenario derzeit noch ein Nullsummenspiel sein. Die am Nordpol abschmelzenden Eiswürferln würden sich, wie du vermutest, in den Colameeren verteilen. Weil aber der überwiegende Teil des gefrorenen Wassers der Erde in den Inlandgletschern Grönlands und der Antarktis gebunden ist, gelten andere Überlegungen für unser Colaglas. Würde das gesamte Inlandeis schmelzen, stiege der Meeresspiegel um dramatische siebzig Meter. Gegenwärtig steigt er durch Ausdehnung des sich erwärmenden Meerwassers und das Abschmelzen von Gletschern nur um besorgnisdämpfende zwei Millimeter pro Jahr. Die meisten Klimasimulationen prognostizieren eine leichte Zunahme der Eismasse der Antarktis und eine schwache Abnahme des Grönlandeises in den nächsten fünfzig bis hundert Jahren und damit keine wesentliche Veränderung des Meeresspiegels aufgrund des Abschmelzens von Inlandeis.
© Andrea Maria Dusl
"Falter" Nr. 11/04 vom 10.03.2004 Seite: 67
Nachtschneck
Liebe Frau Andrea,
mein Freund ist normalerweise ganz bei sich. Seit er mit Grazer Freunden telefoniert hat, die beim Film arbeiten, ist er allerdings völlig aus dem Häuschen. Ich muss unbedingt mit ihm in den Film "Nacktschnecken" von Michael Glawogger und Michael Ostrowski gehen, weil in genau diesem Film die "Mörderkombination" vorkomme: mein Lieblingstyp in seiner Lieblingsschüssel. Jetzt habe ich es mit der Angst zu tun bekommen, "Nacktschnecken" soll ja ein Trash-Pornoschocker sein, in dem u.a. Johnny Knoxville von "Jackass" lebende steirische Schnecken isst. Ist da was Wahres dran? Ist das die "Mörderkombination", die mich erwartet? Liebe Grüße,
Sabine Gerstberger
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Liebe Sabine,
die Mörderkombination, von der Ihr Freund schwärmt, Ihr Lieblingstyp in seiner Lieblingsschüssel ist aller Wahrscheinlichkeit nach der Kleinstadtzuhälter Schorschi (unfassbar überzeugend gespielt von Georg Friedrich) und eine knallgelbe Chevrolet-Corvette. Schorschi, der die Federn blond und schulterlang trägt, hat die "68er-Koawett" mit den "überbraaden Bock" bei seinem deutschen Geschäftsfreund Harry (mein Kollege Detlev Buck) geleast und ist mit den Raten in ungünstigen Rückstand geraten. Der Wagen "mit einem Spruch wie ein Solo vom Keith Richards" hat ein zinfandelfarbenes Lederinneres und eine Fahrersitzheizung. An Ihrer Stelle würde ich auch den knusprigen Michael Ostrowski ans Steuer lassen. Dass Johnny Knoxville in dem Film mitspielt, kann ich nicht eindeutig mit "Nein" beantworten.
© Andrea Maria Dusl
Erschienen in "Falter" Nr. 10/04 vom 03.03.2004 Seite: 67
Nicht ins Dunkel!
In heiligen Zeiten gefällt sich Österreich darin, Gnade vor Unrecht walten zu lassen und den einen oder anderen Schein zu spenden. Im Kerzenlicht der Betroffenheitsgalas werden Spenden lukriert, dass sich die Konten biegen. Wie das geht, lernen wir schon in der Schule. Andrea Maria Dusl
Erschienen in Ausgabe 8/03 des Progress
Ich spende nie. Schon das Wort „Spende“ löst in mir Beklemmungen aus. Die Abneigung gegen das Spenden überfiel mich schon in der Volksschule. Die Schulschwestern, in deren Obhut ich mich befand, hatten ein ausgeklügeltes Ritual, an Geld zu kommen. Zu allen heiligen Zeiten wurde der „Negerkinder“ gedacht. Die „Negerkinder“, so erzählten uns die Schwestern, befänden sich in den Fängen des Satans, der ihnen durch eine Gnadenlosigkeit sondergleichen nicht nur den falschen Geburtskontinent, sondern auch die falsche Hautfarbe mit auf den Lebensweg gegeben habe. Diese tragische Konstellation gelte es zu lindern. Direkt in die Hölle kämen die armen „Negerkinder“, wenn nicht geholfen würde. Gestorben würde schnell in Afrika. Und wenn wir tatenlos zusähen, dann wäre alles verloren. Ein „Negerkindlein“ nach dem anderen würde in den Höllenschlund hinabsausen, und was und wie es sich da abspielte, sollten wir uns lieber nicht vorstellen. >>>
>>> „Wir müssen helfen, Schwester Benedicta“, rief Silvia in der ersten Reihe, Birgit in der zweiten war den Tränlein nahe und ich daneben stumm vor Schreck beim Gedanken an unaussprechliche Satansgewalt an afrikanischen Kindern. „Wie können wir helfen“, schrien wir im Chor, in einer Lautstärke, die wir sonst nur benutzt hatten, um im Kasperltheater die Prinzessin vor dem Krokodil zu warnen.
„Ganz einfach könnt ihr helfen“, antwortete Schwester Benedicta, und ihr haarloses Gesicht glättete sich unter dem schwarzen Schleier: „Ihr müsst ein Negerkindlein taufen lassen.“ Denn nur wenn es getauft sei, misslänge es dem Satan, seine schmutzigen Krallen nach dem unschuldigen „Heidenkindlein“ auszufahren. Nur wenn einer von den „katholischen Missionaren“ die Erbsünde von ihnen abwüsche, wären sie rein und fein für den Erlöser, so dieser sich anschickte, wieder eines der armen „Negerkindlein“ zu sich zu rufen.
Ob man nicht Suppe schicken sollte oder Semmeln, wollten wir wissen, und Schulbücher, ja vielleicht Spielsachen? „Neinneinnein“, all das wäre nicht so wichtig wie die Taufe. Und die Taufe, so versprach uns Schwester Benedicta in einem feierlichen Tonfall, die Taufe könnten wir ihnen bringen.
100 Schilling koste so eine „Negertaufe“. 100 Schilling, das war so viel wie 100 Bensdorp-Schokoladeriegel oder 1.000 Stollwerck-Zuckerl. Unermesslich wohlfeil für eine Gnade, die das Höllentor verschließen konnte. An jenem Tag gingen 31 Schulkinder der 2a in der Schule der Schulschwestern in der Wiener Leopoldsgasse nach Hause und machten ihren Eltern klar, dass, wenn morgen nicht alle mit Hundertschillingscheinen in der Klasse erschienen, all die „armen Negerkinder“ vom Satan persönlich verspeist würden. Ungetauft und nach ewig langem Rösten im Fegefeuer der Versäumnisse.
So kam es, dass am nächsten Tag 31 Wiener Schulmädchen, vom Gedanken an die Rettung von 31 „Negerkindern“ erfüllt, 31 Kuverts mit Hundertschillings-cheinen übergaben und mit der Kenntnis des Aus-drucks „gutes Gewissen“ belohnt wurden. Klara Jäger, die Tochter vom Fleischhauer, hatte ein Kuvert mit 5 Hundertern mitgebracht – eine geradezu überirdische Christentat, wie Sr. Benedicta sich bemühte zu erklären. Einige Monate später, der Krampus war ins Land gezogen, das Christkind, Frau Holle und auch die Heiligen drei Könige, brachte Schwester Benedicta Nachricht aus Afrika: Bilder unserer Taufkinder. Der Glaserer in der Leopoldsgasse hatte sie zwischen zwei postkartengroße Glasscheiben gepresst und mit rosafarbenem, korngelbem oder giftgrünem Textilband eingerahmt. Das waren die von uns Geretteten! Wir hatten Tränen in den Augen und Christus im Herzen. Und ein „gutes Gewissen“.
Bis mein Bruder im nächsten Jahr mit dem Bild „seines Negertäuflings“ nach Hause kam. Und seltsam: Der Portraitierte sah genauso aus wie meiner, und hätten wir fotografische Zusammenhänge benennen können, hätten wir gesagt: „Das ist ein Abzug vom selben Negativ.“ Weil auch unbenennbare Zusammenhänge neugierig machen, kletzelten wir die Rahmen entzwei und verglichen die beiden Bilder miteinander. Sie waren identisch. Emanuel Izuagha und Markus Adegboye glichen einander wie ein Ei sich selbst. Auf der Rückseite trugen beide Bilder den gleichen Stempel: Foto Hubalek, Favoriten.
Seither hege ich berechtigte Zweifel daran, dass auch nur irgendein Teil jener Summe, die wir jahrein, jahraus in das Taufen dunkelhäutiger „Heidenkinder“ investierten, dazu diente, den nach dem Seelenheil Ungetaufter gierenden Höllenschlund zu verriegeln. Im Garten meiner Erinnerung riechen die Wörter „Nächstenliebe“, „Barmherzigkeit“ und „Spende“ nicht gerade nach Rosen.



