Und dann traf ich...
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Und dann traf ich...
Michail Gorbatschow
Anfang dieses Jahrtausends habe ich einen Film gemacht, in dem Josef Hader und Detlev Buck auf der Suche nach einer ukrainischen Taxifahrerin die Länder des ehemaligen Ostblocks bereisen. Zur Deutschlandpremiere von „Blue Moon“ war ich in Berlin eingeladen. Als der ganze Trubel vorbei war, blieb mir noch ein halber Tag, den ich dazu verwenden wollte, im Ostteil der Stadt nach einem offiziellen Porträt jenes Mannes zu suchen, der dafür verantwortlich war, dass dieser Film überhaupt gedreht werden konnte: Michail Gorbatschow. Ohne Glasnost, ohne Perestroika, ohne Michail Gorbatschow wäre die kleine Andrea nie nach Bratislava gefahren, nie hätte sich der Eiserne Vorhang geöffnet, nie wären Lviv, Kiev und Odessa erblüht, ewig wären sie unentdeckte Disteln geblieben in einer öligen und traurigen Steppe.
Wo wir auch hingingen, meine Berliner Entourage und ich, es gab jeglichen Ostplunder. Sowjetische Fellmützen, DDR-Trainingsanzüge, Schupo-Uniformen, Fahnen und Plakate aus der Zone, Rotkäppchensekt, ja sogar Möbel aus dem siebten Himmel, wie man Honeckers Büroetage im Palast der Republik nannte, fanden wir, nicht aber ein Präsidentenporträt des Generalsekretärs der KPdSU. Nicht die Ikone Europas.
Nebel legte sich über die Stadt, der Abend graute, und bald saß ich müde und erschöpft, aber ohne ostalgisches Souvenir in der Maschine nach Wien. Die Anschnalllichter waren gerade ausgegangen, Kaffee wurde gebrüht, und die Stewardessen schickten sich an, Käsebrötchen auszuteilen, als ich eine Erscheinung hatte.
Ganz vorne in der Maschine stand ein gemütlicher Mann mit weißem Glatzenkranz. Er hatte seine Jacke ausgezogen, weiß wie sein Haar leuchtete sein gut gebügeltes Hemd zu mir herüber. So müsste Michail Gorbatschow jetzt wohl aussehen, wenn man ihn träfe, aber wer träfe denn schon Michail Gorbatschow? In einer Maschine von Berlin nach Wien, an einem nebeligen Novemberabend, während in der Touristenklasse gerade Kaffee und Käsebrötchen ausgeteilt würden?
Während also in der Touristenklasse gerade Kaffee und Käsebrötchen ausgeteilt wurden, fragte es in mir, woran man wohl Michail Gorbatschow erkennen würde, wenn man ihn träfe in einem Flugzeug über dem Himmel von Berlin. Und da antwortete es in mir, dass man Michail Gorbatschow vermutlich an jener seltsamen dunkelroten Hautverfärbung auf dem Scheitel seiner Stirne erkennen würde, die, eine seltsamen, Koinzidenz der Geschichte darstellend, ausgerechnet die Umrisse des US-amerikanischen Bundesstaates Kalifornien nachzeichnete.
Und während ich all dies dachte, drehte sich der gemütliche Mann mit dem weiß leuchtenden, überaus gut gebügelten Hemd um! Mir viel vor Schreck das Käsebrötchen aus der Hand. Der Mann mit dem gemütlichen weißen Hemd hatte Kalifornien auf der Stirn. Rot und deutlich. An genau dem Abend, an dem ich auf der Suche nach einem Porträt dieses Mannes ganz Ostberlin durchforstet hatte, sollte er in derselben Maschine wie ich sitzen, Kaffee aus derselben Kanne trinken, Brötchen mit demselben laschen Käse essen. Der Erfinder der Welt, wie wir sie jetzt kennen, der ehemals mächtigste Mann der Welt. Michail Gorbatschow in derselben Maschine wie ich.
Ich schrieb ein kleines Briefchen an den gemütlichen Genossen zehn Schritte vor mir: „Lieber Genosse Präsident“, schrieb ich auf eine Blue-Moon-Postkarte, die eine Stewardess depeschieren sollte, „vielen Dank für Glasnost und Perestroika. Vielen Dank, dass Sie den Eisernen Vorhang geöffnet haben. Wenn das nicht geschehen wäre, hätte sich die Welt nicht verändert. Nie hätte ich diesen Film gedreht, nie wäre ich nach Berlin zu seiner Premiere geflogen, und nie wäre ich jetzt und hier in dieser Maschine.“
Die Antwort kam postwendend:
„Gern geschehen,
Michail Gorbatschow!“
© Andrea Maria Dusl
geschrieben am 24.04.2003 um 20:04 Uhr
24. April 2003 © Andrea Maria Dusl
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