Experten für Chef-Deeskalation

Der Propagandaingenieur kochte vor Wut. Besonders heiße Flammen unter dem dünnen Kessel seiner Emotionen loderten in der "ZIB 2", wo "einige Ideologen ... aus tiefstem persönlichem Frust solche Stückerl drehen". Dort sei eine "Verlautbarungsstelle für links", empörte sich Peter Westenthaler fast wortgleich in profil und Format, "eine Kampfstelle gegen die neue Regierung. Da wird in fast jedem Bericht manipuliert." Eine Verschnaufpause für Westenthaler mag der ORF Sonntagvormittag nach der großen Demonstration vorgesehen haben: Unter der Leitung von Chefdeeskalationsexperten Prof. Paul Lendvai diskutierte eine karätige internationale Journalistenrunde eine mögliche Destabilisierung im "Herzen Europas". So richtig auf 180 kam der FPÖ-Klubobmann dafür wieder während der sonntagabendlichen Diskussionsrunde "Zur Sache" mit Red Fred Gusenbauer: Ein Westenthaler-Telefonat jagte das andere, Diskussionsleiterin Margit Czöppan fand sich in die Rolle eines Regierungslautsprechers gedrängt. Ein Gebot der Sendung lautet nämlich: "Richtigstellungen" des politischen Gegners müssen live verlautbart werden.

© Andrea Maria Dusl
"Falter" 08/00 vom 23.2.2000 Seite 24

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Eskalation aller Orten

Kaum waren die Mitglieder der neuen Regierung unter dem Ballhausplatz durchgekrochen, begann sich eine gefährliche Eskalation über das Land zu breiten. Eskalation fand aller Orten statt: Am Ballhausplatz, vor dem Parlament, auf den Straßen der großen österreichischen Städte. Große Eskalationen fanden sich am Sonntag nach der Wende auch vor dem Haas-Haus ein. An ein eskalationsfreies Miteinander der Klubobleute war nicht zu denken. "Zur Sache" wurde auf den Küniglberg verlegt, einige tausend Eskalateure folgten. Peter Westenthaler sah sich gezwungen, den Staatsmann im Simmeringer zu entdecken: "Wir müssen versuchen, de zu eskalieren." Eine Springflut der Deeskalation überschwemmte den ORF: "Es gibt keine Weisung, aber wir halten uns daran." Besondere Verdienste um die Deeskalation konstatieren wir bei Günther Ziesel, der seine Agenden als Pressestunde-Moderator mit denen eines Regierungssprechers zu verwechseln trachtete. Enorm auch das Aufgebot an Deeskalation im letzten "Zur Sache": Oppositionspolitiker wurden aus Deeskalationsgründen erst gar nicht geladen.

© Andrea Maria Dusl
"Falter" 07/00 vom 16.2.2000 Seite 21

16. Februar 2000 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Wie Peter Westenthaler versuchte, "de zu eskalieren".

Kaum waren die Mitglieder der neuen Regierung unter dem Ballhausplatz durchgekrochen, begann sich eine gefährliche Eskalation über das Land zu breiten. Eskalation fand aller Orten statt: Am Ballhausplatz, vor dem Parlament, auf den Straßen der großen österreichischen Städte. Große Eskalationen fanden sich am Sonntag nach der Wende auch vor dem Haas-Haus ein. An ein eskalationsfreies Miteinander der Klubobleute war nicht zu denken. "Zur Sache" wurde auf den Küniglberg verlegt, einige tausend Eskalateure folgten. Peter Westenthaler sah sich gezwungen, den Staatsmann im Simmeringer zu entdecken: "Wir müssen versuchen, de zu eskalieren." Eine Springflut der Deeskalation überschwemmte den ORF: "Es gibt keine Weisung, aber wir halten uns daran." Besondere Verdienste um die Deeskalation konstatieren wir bei Günther Ziesel, der seine Agenden als Pressestunde-Moderator mit denen eines Regierungssprechers zu verwechseln trachtete. Enorm auch das Aufgebot an Deeskalation im letzten "Zur Sache": Oppositionspolitiker wurden aus Deeskalationsgründen erst gar nicht geladen.

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"Falter" 07/00 vom 16.2.2000 Seite 21

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Kleiner Mann, dünne Lippen

Der kleine Mann mit den dünnen Lippen hat die Präambel unterschrieben und er hat dabei fernsehgerecht gelächelt. Der kleine Mann mit den dünnen Lippen lächelt immer, wenn er Objektive erblickt. Ein Pokerface geht um die Welt. Ein freundliches, ein harmlos lächelndes, ein wohnzimmerreines Pokerface. Ein Lächeln, dessen Masche es ist, Fernsehern hier und im "Ausland" professionelles Krisenmanagement zu signalisieren. Seht her, will dieses Lächeln bedeuten, wir sind es, die harmlosen Österreicher. Vor uns braucht sich doch keiner zu fürchten. Unsere Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst, und gleich singen wir "die Reblaus". Es ist ein seltsam öffentliches Schauspiel, das Wolfgang Schüssels Kasperlregierung in sämtliche Fernsehgeräte der Welt katapultiert. Am Ballhausplatz stehen Reporter, deren Gesichter wir bisher nur von den Krisenherden der Welt kennen, aus deutschen Talkshows grinst uns das Zahnpastafeixen des Goiserers entgegen, und es ist vermutlich nur eine Frage von Terminen, dass der Ziehvater des österreichischen Rechtsextremismus bei "Wetten, dass ..." eingeladen wird.

© Andrea Maria Dusl
"Falter" 06/00 vom 9.2.2000 Seite 20

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"Wetten, dass ..."

"Wetten, dass ..." war einmal ein Quotenmustang. In einer Fernsehprärie, die nur von staubigem
Talkgestrüpp, vazierenden Grimassenschneidern und quacksalbernden Bastelonkeln bewohnt wurde, war es das ungesattelte Superpferd. Ein Spund aus Süddeutschland zog sich die Sendestiefel an, riss dem biederen Pferdehalter mit den whiskeyglasdicken Brillen das Zaumzeug aus der Hand und sprang in den Sattel von "Wetten, dass ...". Fortan ritten sie von Saloon zu Saloon und gewannen jedes Quotenduell in jedem gottschalkverdammten Kaff. Tommy hieß der zauberhafte Junge. Er ritt den Quotenmustang wie kein anderer. Tommy the nose nannten sie ihn, und sein Ruf war Legende. Das war einmal. Der Hengst lahmt und der Desperado kämpft schwer mit den Tücken des Alters. Seine Kanone, mit der er früher einen Gag aus hundert Fuß Entfernung ins linke Nasenloch treffen konnte, hat Rost angesetzt und die Sporen seiner Schlagfertigkeit sind stumpf wie Fahrradmuttern. Zeit, dem Pferd den letzten Hafer zu bringen. Hidalgo Raab reitet jetzt. Auf einer weißen Stute namens "TV total". Keiner ist so schnell wie er.

© Andrea Maria Dusl
"Falter" 05/00 vom 2.2.2000 Seite 18

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